Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1914)
- Date
- 1914-07-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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׳#;״? . ü; ד״ייי^יייייי״ןיה^לי Nr. 29. XV /3 Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jüö. Lvussnnrrne 30. Juli 1914 Seite y. Vas Wische Leben in Kalmen. Juden! Parteigenossen!*) Tic Landtagswahlrcform hat in den letzten Tagen die kaiserliche Sanktion erhalten.und in der nächsten Zeit werden bereits die Wahlen zum Landtag ausgeschrieben werden. Ilnb die Bürger werden zur Wahlurne eilen, um zu beweisen, daß die Grundlagen der neuen :Reform sic nicht unvorbereitet vorsindcn und daß sie der erwciterten Rechte würdig sind, die ihnen die neue Landeskonstitution gebracht hat. Ebenso werden diejenigen, die bis jetzt ihres Wahlrechtes beraubt waren, zweifellos ihre Stimmen auf die Wagschale des Fortschrittes werfcn, und der von ihnen geführte Kampf wird zu einer großen Manifestation, zu Ehren der demokratischen und freiheitlichen Prinzipien sich gestalten. llnd in dieser Situation erheben auch wir unsere Stimme, wir Mitglieder der größten Partei im Judentum und Führer der größten jüdischen Partei im Lande. Wir erheben unsere Stimme eingcdcnkt dessen, daß cs sich da um die Zukunft des jüdischen Volkes handelt, dessen Freud und Leid wir seit dem ersten Moment der Existenz unserer Organisation teilen, und an Euch, Juden Galiziens, richten wir unfern Appell. Acht Iahre sind cs eben, seitdem die jüdischen Massen im Lande, nach Einführung des allgemeinen Wahlrechtes zum Parlamente, sich unter die jüdische Fahne geschart und unter dieser Fahne einen Wahlkampf inauguriert haben, der im ganzen Volke Begeisterung bei den Jndiffcreuten Bewunderung und im Lager der Feinde Respekt hervorgerusen hat. Tenn man sah und fühlte es: Es war dies nicht ein Kampf um die Macht des Judentums, als vielmehr um die Möglichkeit der selbständigen Entwicklung, damit die jüdische Seele sich endlich einmal aussprcchen könne. Tas jüdische Volk empfand die Notwendigkeit des Kampfes: es verstand, daß dessen Grundlagen nichts anderes ist als der Selbsterhaltungstrieb, der ihm gebietet die Verteidigung seines Wohles seinen eigenen Vertretern anzuvertrauen, und das stark ausgeprägte jüdische Ehrgefühl, das zur Zeit, wo alle Nationen zu neuem Leben sich cmporraffen, auch die Juden umgestalten will zu einer Nation, gleich allen anderen Nationen. Für dieselben Ziele kämpften die Juden auch vor drei Jahren, und wiewohl wir dazumal ohne sichtbare Beute vom Kampfplatz gewichen sind, haben doch unsere kämpfenden Reihen durch ihre Tiszipliniertheit, ihre Tapferkeit und — ihre Zahlkrajt unserer Qrganisation Ruhm und Glanz zugefügt. Und die Feuerprobe, die unsere Anhänger damals ausstehcn mußten, stählte nur unfern Mut zur Fortführung einer selbständigen Politik. Ter Kampf, zu dem wir Euch heute auffordcrn, ist eine weitere Phase derselben Epoche, eine weitere Stufe derselben Arbeit. Er hat dieselbe Quelle zu seinem Ursprung: das Verlangen, daß wir selbst und eigenmächtig über unser Los entscheiden sollen, und strömt derselben Mündung zu: der Erkämpfung von Gerechtigkeit und von Verständnis für die Taseinsbedingungen einer Bevölkerung, die fast an 1 Million Seelen heranreicht. Aus 227 Landtagsmandate sind die Juden in der Lage etwa kaum 20 zu erobern, auf 48 Mandate in der Zensuskurie der Städte sind kaum einige Wahlkreise geschaffen worden, wo die Juden nach ihrem eigenen Gutdünken ihren Kandidaten wählen können. Umsomehr müssen wir alle Kraft anstrengen, damit wenigstens diese allzugeringen Rechte zum Wohl und Nutzen des jüdischen Volkes ausgenützt werden. Alle Wahlkreise, welche sich einer jüdischen Majorität erfreuen, müssen allenfalls diesmal jüdisch-nationale Abgeordnete entsenden, die ihrer Verantwortung und ihrer nationalen Ehre bewußt wären. Wir verlangen nicht im Geringsten, daß die Städte in Galizien ..verjüdischt" werden, nicht im Geringsten beabsichtigen wir — wie es unsere Feinde uns zum Vorwürfe machen — das polnische Leben in den Städten zu beherrschen, das ja tatsächlich nur von polnischem Geist hervorsprudeln kann. Was wir wünschen ist nur, daß die Juden als Juden — gleich Andersnationalen zur Erfüllung ihrer Bürgerpflichten genötigt, die Möglichkeit haben sollen gleich Andersnationalen ihre Bürgerrechte zu genießen. Man möge sie dessen nicht berauben, was ihnen *) Einen ausführlichen Aufsatz ״Ter galizischc Landtag und die Juden" siehe Nr. 7 und 8 unseres Blattes vom 18. und 23. Februar 1914. als Bürgern des Landes und Staates zukommr, und man möge sie nicht zwingen, um den Preis der Aufrcchterhaltung ihrer Bürgerrechte auf ihr nationales Sein und Hoffen zu verzichten, das sie mit den Juden des Weltalls zusammcnschmiedct. In diesem Bestreben wollen wir de» Wortführern des jüdisch-nationalen Gedankens die Thore des Landtages erschließen, und Aufgabe der jüdischen Wühler, vorzugsweise der Zionisten ist es, alle ehrlichen Mittel in Bewegung zu setzen, um unsere Bestrebungen dein Siege zuzuführcn. In jeder Stadt,!vo eine größere Zahl von Juden ansässig ist, müssen ehestens Wahlkomitecs gebildet werden; ein beträchtlicher Wahlfonds — aus größeren und kleineren Spenden soll geschaffen, und das gesammelte Geld mit genauem Ausweis an die Kredit-Union in Lemberg abgeführt werden mit der Bemerkung: ״Für den Wahlfond des Zcntral-Komitees". Zu dieser Arbeit rufen Ivir in erster Reihe unsere Vertrauensmänner, denen die jüdische Sache teuer und die politische Zukunft des jüdischen Volkes in Galizicn nicht gleichgültig geblieben ist. Wenn wir leider noch nicht imstande sind, dem tvirtschaftlichen Elend unserer Brüder zu helfen, dürfen wir uns zumindest Mühe geben, ihrer moralischen Not entgegenzustcuern. — Wir können nicht zulasscii, daß bei Juden, die von nationalem Gefühle beseelt sind, das einzige Ergebnis der Erfüllung ihrer Bürger- Pflicht eine -- Tisharmonie sei zwischen ihrem Fühlen und ihrem Handeln, und daß die Brücke, der vom Gedanken zur Tat führt, hier ganz abgebrochen sein soll. Aber auch gegen die materielle Not, welche ja nicht in kleinem Maße durch die verdammenstverte Apathie der israelitischen Abgeordneten hervorgerusen wurde, werden nur unsere Männer sich ivürdig sträuben und auflehnen können. Tenn bis nun zu gab cs keinen einzigen im Landtag, der cs gewagt hätte, gegen das jüdische Unbill eine Lanze zu brechen — und wer kann denn dieses Unbill nachfühlen, wer weiß waS uns weh und nottut, wenn nicht die Vertreter der Partei, die mit dem jüdischen Leben verwachsen ist, und der jede Seelenrcgung der jüdischen Seele und jeder Pulsschlag des jüdischen Körpers zugänglich und verstandlich ist?! Tcswegen treten wir auch mit Kampf und Hoffnung in die Schlacht ein. Mit Ausdauer und auf eigene Faust werden wir die Schlacht führen, gestützt bloß auf unserer Aufklärungsarbeit, die wir in der jüdischen Gasse seit Jahren mit Eifer und Energie leisten. Wir wissen, daß wir aus Sympathien anderer Nationen und Gruppen nicht rechnen dürfen, aber eine Partei, die nicht ganz ״auf eigenen Füßen" steht, trägt das Gift der Zersetzung und den Keim des Todes in ihrem Schoße. Wir aber wollen leben und dem Leben gehen wir entgegen. Tein Leben und dem freudigen Triumphe. Von Euch, Juden und Parteigenossen, ist der Triumph unseres Programmes abhängig. Bestrebet Euch, daß dieser Triumph als einer der allerhöchsten gefeiert werde! Mit Feigheit und Schande müßten wir unsere Häupter bedecken, wenn wir nicht einmal den Versuch zu unternehmen wagten, in den wenigen, aber dennoch sicheren Wahlkreisen, die wir mit so schwerer Mühe erkämpft haben, unserem Freiheitsgedankcn Ausdruck zu geben. Im Namen dieses Frciheitsgcdankens — an die Arbeit! — Für das Zentralkomitee der galizischen Zionisten: Tr. Leon Reich. Juden in Polen. 11. Wir haben gesehen, daß das Verhältnis der Polen zu den Juden war immer und ist noch heute davon abhängig, ob die Juden sfrüherj dem polnischen Reiche und ljetzts dem polnischen Volke nützlich sind: damals wurden sie toleriert und dürfen für ihre schwere Arbeit — Brot verdienen. Charakteristisch für solche Stellung sind die ironischen Worte des polnischen Schriftstellers A. Swientschowski, der seine Novelle aus dem jüdischen Leben ״Chawa Rubin" so endet: ״Arme Chawa, ich verzeihe dir es, daß du. in meinem Lande arbeiten und mit seinem Brote deine Kinder nähren wolltest." Dieser und noch einige andere hervorragende Schriiriieller. um• r ׳.zesztowa. Kouopiu.ka. Szvmau-.ki, Gomulieti. Zdiecboivski. Junisza, Browwsk: und >!:! dcre haben eiugeiebcn, daß die Veristiltuisse uirtu geiuud sind, und wollten sie durch das Hervorbebeu guter Eigenschafleu vei den Inden verbessern, zeigten, daß iie nicht nur verrügerische Bäudler, aver auch gefühlvolle Menschen sein können - aber diese Richlung Mit׳!׳ ebne Ersolg. Heute sind sogar manche von diesen Schritt, siellern die ׳Anführer der Antisemiten. Es war nur Strohfeuer, wie vieles andere im polnischen?an. '.;11 Namen des Realismus, des pralrischen Lebens ha! man diese ״Idylle" zerrissen, beule in ihr Gegenteil in der Mode. In der Tiskussion, die vor einigen Monalen in der Zeitschrift ״Krytyka" ilattgeiunden hat. bat einer von de» Diskutanten. A. Ehowuiewski. klar und dentlich die antisemitische Meinung ausgesprochen: ״Es gibt zu viele Juden auf dem polnischen Territorium, sie!vollen sich nullt assimilieren, sie haben dies und jenes schlcchl gemach! nun. man muß fort um!!men. dainil sich die Polen normal enllvickeln können. Der einzige Weg ist der Boykott. Man muß die Inden mit Gewalt ans dem Lande vertreiben, da iie io vieles Schlechte gelan haben in ihrer Bergangenhei! lind Gegenwart." Es scheint, daß diese Leute niemals von ei nein Sombart gehört haben, von der gewaltigen Rolle der Inden eben in ökonomischer Hinsicht. Leider der Chauvinismus paar, sich mit der absichtlichen Blindheit, kann deshalb niemals zu einer rationellen Lösung einer Nationalfrage führe». Früher waren die Jude:! für die regierende Schichte bequeme Vermittler mit dem Volke, heute verlangt man. sie sollen wieder solch eine Vcrmittlungsnelle zwischen den Nationalitäten in Polen einnehmcn. In Galizien z. B. sind da! Millionen Ruthencn. .4' ״ Millionen Polen und fair eine Million Juden. Weder die Polen, noch die Rtubeneii haben im Lande die absolute Majorität. Diele in - von den Inden abhängig. Zu tvelcher Nation sich die Juden bekennen, diese bekommt die Macht in! Lande. Selbstverständlich ist es, daß beide Völker dasselbe Verlangen haben und beide den Juden zürnen, wenn iie ihnen nicht dienen!vollen. Hier iit der Sclilstisel zur Frage, warum hier der Zionismus stark verfolgt wird. Ter Zionismus steht auf dem Standpunkte, daß das jüdische Volk eben ein Volk ist, nicht also mit seinen Stimmen einem anderen dienen kann: daß die Inden alle Nationalrechte bekoinmen müssen, lvas eine gänzliche Umwandlung ihrer Verhältnisse in kultureller, öko nomischer und administrativer Hinsicht herbeisnvren muß: das alles kann iveder für die Regierung noch iur die Völker im ersten Momente angenehm sein. Aber lvir können überzeugt sein, daß die Erfüllung der logischeil Postulate für die Juden die gaizze schivüle Atmosphäre reinigen wird und dieser große Schaden, daß die Polen einen oder zwei Abgeordnete weniger haben iver den,!vird sich leicht verschmerzen lassen, dagegen ivird die ökonomische Bedeutung dieses Erfolges für das Land viel bedeutender sein. Tenn laut dem bekannte» soziologischen Gesetze von Tr. Franz Eppenheinier, daß sich die soziale Frage nur damals mit einem giliinige» :Resultate lösen läßt, wenn man die Verbesserung von den ökonomisch niedrigsten Schichten anfängl. muß man eben die soziale Frage in Polen - von den Jli- Sen aiifangen: sie sind die ärmste Schichte im Lande. Tas Judcnclend in Galizien, in :llnssisch-Polen in stiic zu einem Sprichwort geworden. Richtig hat auch der Landesausschuß in Galizien getan, als er vor einigen Jahre» eine Enquette über die Lage der Jude» in Ga lizieu zusammcngerufen hat. Man hat viele schotte Reden gehalten — und dabei ist es geblieben. Aber eine Ivichtige Bedeutung hat dies doch gehabt: inan Hai sich in Ziffern überzeugt, daß die Lage der Juden im Lande außerordentlich schlecht ist, daß ohne eine Hilfe von irgend einer Seite einem großen Teile des Judentums in Galizien eine Vernichtung droht in den nächsten Jahrzehnten. Und lvas für Konsequenzen haben daraus die Polen gezogen? Es bleibt alles beim alte» oder ivird von Tag zu Tag schlimmer. Wiederum muß ich auch uns selbst anklagcn: auch lvir haben nichts getan, um sich lelber. unsere Brüder zu retten, deshalb dürfen wir eigentlich auch nicht anderen Vorwürfe machen. Wir sind noch in jeder Hinsicht zu schwach, um einen Kampf zu führen, ivir sind nicht entsprechend organisiert, um politische Prograinine uns zu stellen, da wir leider keine Führer haben — keinen Einzigen. Tas ist vielleicht nicht schön zu behaupten, aber — das ist so. Von Zeit z» Zeit zeigen sich Einzelne, durchführen eine kleine Aktion und verschwinden.