Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1914)
- Date
- 1914-07-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 ״Jüdische Lolksstimme". Nr. 28 sranzöiischcn Dichter gegeben und durch den Uebersetzerfordern dennoch eine Kultur, beide sind amoralisch und neu geschenkt worden ist? Claudel schöpft aus allerlctztcn Quellen des religiösen Erlebnisses. Er wagt cs das Wunder aus die Bühne zu bringen, aber nicht um cs auszulöscn und kausal zu begreifen, nicht um das Unglaubliche durch psychologische Analyse glaubhaft zu machen, sondern um den Leser und Zuschauer zu jener Höhe hcrauszuführen.!vo das Wunderbare eigentlich erst sich ereignen kann: dort nämlich kann das Wunder geschclicn, wo die Seelen so gespannt sind, daß ihnen das Autzcrgcwöhnlichc zum Selbstverständlichen, zum natürlichen Ausdruck ihrer eigenen seelischen Spannung wird. Tics Wunder vollzieht sich in Claudels gcinlichcm Stück . . . Oskar Noscnfeld: Mcndl Ruhig. Im Saturnverlag Hermann Meister in Heidelberg. Geb. M. 2.—. — Ein kurzes nettes Geschichtchcn. das durch seine lebcnstrcuc Schilderung einer kleinen mährischen Judengemeinde und ihres närrischen Dorsphilosophen aus uns wirkt, wie wenn wir cs mitcrlcbt hätten. Wir glauben Mcndl Ruhig gekannt zu haben, aber auch de» stolzen Vorsteher und den schlauen Schammes für alles, Zickl. Die Handlung ist, wie auch nicht anders möglich, gering und bedeutungslos. Das Buch ist gut geschrieben und läßt auf ein starkes Beobachtungstalent schlichen. Hcriiiann Kurz: Sie tanzen Ringcl-Ringel-Reihn. Roman. I. G. Cottaschc Buchhandlung, Nachf. Stuttgort und Berlin. — Wir wissen, Gottfried Keller ist der Schutzpatron der schweizerischen Dichter. Nachahmcn darf man aber diesen grohcn C'gcnbrödlcr nicht. Tut man es jedoch, so soll man nicht vergessen, daß er nicht nur ein schöpferischer Sprachkünstlcr sondern auch ein Meiner im Aufbau und in der Formgebung war. Zu dieser Betrachtung regt die Lektüre des vorliegenden Romans an. dessen Verfasser einen in der deutschen Literatur bekannten und verpflichtenden Namen sührl. Formkünstlcr war der Autor des Schillerromans und des Sonnenwirts. Und nennt man gar Isolde Kurz, so zaubert man die Erinnerung an die formvollendeten, künsilcrisch abgerundeten italienischen Erzählungen hervor. Sollte etwa Hermann Kurz, de! gewiß jung ist, nur aus purem jugendlichem Bestreben, just anders zu sein als seine großen Namcnsträgcr, sich ganz in den Bann Raabcs gegeben haben? Wie dem auch sei: eine entschiedene Talcntprobc hat er mit seinem ivahrscheinlich ersten Roman abgelegt. Vereinigt doch das Buch die besten Elemente der deutschen Literatur: innige Verträumtheit, saftvollc Sprache und gemütreichen Humor. Nur Klarheit und Einheit fehlen dem Werke. Dennoch liest man cs mit Behagen, denn man genießt fast in jedem Satz irgend ein anmutiges Bild, einen trefflichen Vergleich und findet oft Gelegenheit, einen komischen Kauz oder eine ironische verschnürkclte Bemerkung zu belächeln. Die hohen Erwartungen die das von köstlicher Poesie gesättigte Gclcitkapitc' Ivcckt, erfüllen sich zwar nicht, aber man findet sich bei einiger Sammlung und Geduld in der altfränkischen Wirrnis der übrigens nicht allzu originellen und aufregenden Geschehnisse und Gestalten bald zurecht und fichlt sich in eine liebliche Kleinstadt versetzt, die nicht weit von Scldtvylla liegen dürste. Auch hier geht wie in der großen Welt ein verschlungener, manchmal vcrbittcrt ernster und im Grunde lächerlicher Ringelreihen um die besetzte Tafel des Levens. Wer früher einen Platz an ihr erwischt, wähnt sich glücklich, wer sich aus dem Reigen allzufrüh lösen muß, wird bedauert. Der Dichter scheint selbst den Reigen spielerisch zu sichren und mit schönen Redensarten schmunzelnd zu begleiten. Sind cs Mensche» oder Schatten, die sich da vor uns bcivcgc»? Nicht genug anschaulich bildet Kurz, er redet mehr. Aber man hört ihm gerne zu, weil er ein echter Dichter ist. Tr. M. Sch. Emil Ludwig: Der Künstler. S. Fischer, Verlag, Berlin. — Diese Sammlung geistreicher, trefflicher Essays zerfällt in zwei Teile. Im ersten behandelt Ludwig, der selbst Künstler ist, den Künstlcrtypus im allgemeinen, im zweiten Teil entwirft er Studien über Hodlcr und Mozart, analysiert Bang und Dchmel, gibt Impressionen von russischen Tänzen und japanischen Phantasien und vergleicht Byron und Lassallc. Viel Wiffcn steckt in diesem Buche, eine erstaunliche Belesenheit und die Gabe, das- Charakteristische einfühlend zu erfaßen, offenbart sich hier. Dazu kommt eine fein geschliffenc, bilderreiche und das Wesentliche treffende Sprache, kurz die Sprache eines Dichters. Alles in allem ein Buch, das verdient einmal und wieder einmal gelesen zu werden. Man wird cs mit Vergnügen tun. Hier seien nur einige Bemerkungen Ludwigs über den Künstler in gedrängter Fassung zitiert: Der Künstler gleicht darin den schöpferischen Göttern, daß er das hilflose Material, das er vorfindct wie jene, nach Ideen ordnet, die in ihm ruhen. Gefüge macht aus Ungcsügem — Dämmerung zerteilt. Künstler und Abenteurer haben drei Dinge gemein. Beide sind unpolitisch und erotisch, beide sind ihrem Schicksal gewachsen. Der Künstler fragt sich oft, was er in dieser Welt soll. Alle haben Zwecke, er ist zwecklos. Alle wollen Inhalte, er will Formen. Alle wollen sich, er will das Unpersönliche. Weltmann isi, wer noch unter dem Fühlen zu denken weiß; Künstler, wer schon unter dem Denken zu fühlen weiß. Anthitesenrcich und ausschlußvoll ist besonders der Essay über Byron und Lassallc, wobei erstaunlich ist, wie Ludwig diesen beiden so heterogenen und im Gründe ähnlichen Persönlichkeiten in einem Rahmen gerecht wird. Dr. M. Sch. Hugo Salus: Seelen und Sinne, Novellen. (Erschienen im Xenien-Verlag zu Leipzig. Geh. M. 3.—, geh. M. 4.50.) Diese Novellen erfüllen, was der Titel des Buches verspricht: Das zarte und vielgestaltige Zusammcnspiel der Seelen und Sinne durchklingt alle diese Novellen mit ihrer leisen berückenden Melodik. Und ein feiner lyrischer Havch liegt hier über allem, gleich einer Patina, die selbst den realsten und gewöhnlichsten Dingen den edlen Glanz des Wertvollen und Interessanten verleiht. Wer Hugo Salus als Lyriker kennt, wird in diesem Novcllenbuche gar viele Momente finden, di: nach der ursprünglichen Lyrik dieses Dichtcrs eine tönende Brücke schlagen. Die meisten dieser Erzählungen behandeln medizinische Probleme und spielen im Spital oder in der Krankenstube. Die Stimmen klingen hier gedämpft, und die Schritte leise tastcnd, als wollte man Kranke aus wohltätigem Schlummcr nicht wecken. Und dennoch pulst hier überall der starke Wille zum Leben gleich einem herrlichen ticfgc- Heimen Qrgclton. Eine der sanftesten Geschichten dieses Buches ist ״Ter Schrciüdoktor": Doktor Wilhelm war als armer Student an die Klinik gekommen. Da er eine besondere Vorliebe für Schreibarbeiten hat, schreibt er eifrig allerhand Rezepte, Diagnosen und Krankenberichte, und ist zufrieden. Auch als er bereits zum Doktor promoviert wurde, denkt er nicht daran, das Spital zu vcrlassen. Er fühlt auch keine Eignung für die Praxis, umsomehr, als das Leben ihn mit einem krummen Bein begabt hat. Seine Betätigung hier im Kranken- Hause gefällt ihm und er fühlt sich hier so recht zu Hause. Viele andere Mediziner sind inzwischen zur Spitalpraxis hicrhcrgekommen und nach einiger Zeit gegangen, doch er ist noch immer dageblieben. Bis ihm eines Tages der Professor zu verstehen gibt, daß er endlich jüngeren Kräften Platz machen muß. Diese Mitteilung berührt Doktor Wilhelm schmerzlich. Doch er muß sich fügen. Er nimmt schweren Herzens Abschied vom Krankenhause und von der jungen hübschen Krankenwärterin Sophie End. Schon lange hat sein schüch- ^crncs Wesen zu ihr gefunden, doch erst jetzt beim Ab- 'chicduebmcn finden beide so richtig zueinander. Er zieht in die Ferne, als Schiffsarzt bejm Lloyd, und korrespondiert fleißig mit Sophie End. Es vergehen so mehrere Jahre und er ist mit seinem neuen Leben recht zufrieden. Doch eines Tages, als er wieder in Triest ׳st, bekommt er einen Brief von Sophie, worin sic ihm berichtet, daß ein Bandagist um ihre Hand angehalien hätte. Diese Nachricht berührt Doktor Wilhelm unangcnehm und niniint ihm die Ruhe. Er will seine Freu»- bin keinem anderen überlassen. Er geht in das nahe Postgcbäude, und dort schreibt er, vielleicht zum erstenmale in seinem Leben — keinen Brief, er schreibt ein Telegramm nieder, das er sich vorher sehr genau überlegt hat. daß cs die Taxe für zehn Worte nicht über- ׳teige. In großen, festen Buchstaben schreibt er hin, daß die Sophie Eni; nicht heiraten dürfe, daß sie seinen Brief abwartcn und dann gleich nach Triest kommen müsse. Und schreibt zum erstenmal darunter: Dein Wilhelm. Das sagt mehr, als hundert Briefe sagen können. Diese Geschichte ist von Hugo Salus fein ausgesponnen. Und die Gestalt Doktor Wilhelms ist so recht verlebendigt, daß wir in reger Anteilnahme seinen stillen Lebensgang verfolgen. In der Novelle ״Phantasie der Tastempfindung" schildert der Autor in interessanter Weise, wie Hans Schüler, der neubackene Doktor der Philosophie und Medizin, sich bemüht, das Wesen der Liebe anatomisch zu ergründen. Er vncint, die Hautzcllen eines Weibes besäßen solche Eigenschaften, die auf die Haut des Manncs anziehend wirken. Und Doktor Schüler gelangt so zum Wortsspiel: ״Wollust ist die Phantasie der Taftcmpfindung". Er will diese seine Behauptung durch sorgfälligc Erpcrimcntc begründen, und beginnt bald im anatomischen Institute seine Forschungen. Er veröffciitlicht mcbrcrc Werke über die Anatomie und Histologic der Haut, ohne aber den Unterschied zwischen der männlichen und iveiblichen Haut finden zu können. Als er eines Tages wieder den Mikroskopicrsaol betritt, findet er neben seinem Arbeitsplätze eine junge hübsche Medizinerin, die ebenfalls allerhand Versuche anstellt. Beide werden bekannt, und der ernste Doktor Schüler verliebt sich in seine junge Kollegin. ״Die Liebe ist die Symphonie aller Empfindungen", behauptet nun Doktor Schüler und heiratet seine Kollegin. Tie Erzählung ״Tie schwarze Fahne" illustriert die eifersüchtigen Regungen eines kranken Ehegatten. Mit psychologischer Feinheit ist es hier widergegeben, tvie der Kranke jede Bewegung und jedes Wort seiner Gattin und seines Freundes mit seinen Blicken und Worten sondiert. Der Schluß dieser Novelle ist wohl etwas zu phantastisch, scheint jedoch in der krankhaften Denkweise an des ans Bett Gefesselten begründet zu sein. Von den anderen Novellen wären insbesondere noch zu erwähnen: ״Die verstummte Glocke", eine Dorfgeschichte, die von leisem Humor durchspielt ist. Dann die seine und zart durchdachte Studie: ״Die Hochzeitsnacht". Es wird da nicht die Hochzeitsnacht der Jungvcrmählten selbst geschildert, sondern die sanften Regungen der Seelen und Sinne der Eltern, die soeben ihre einzige Tochter vermählt haben. Dieses Novellenbuch hat viele Vorzüge und wird dem Prager Poeten, Hugo Salus, gewiß viele neue An- Hänger gewinnen. Lorenz Scherlag. Novellen von Moritz Hcimaun, S. Fischer Verlag, Berlin. — Ein Novellenbuch von ganz eigenartigem Gepräge, stark hcrvortretcnder Individualität des Erzählers. Die Sprache dem Stoffe angemessen, bald flüssig und schmiegsam, bald schwer und wuchtig, manchmal deradezu episch breit. — Mit ihrer scharf umrisieneu Charakteristik und ihrem guten Pointieren bieten die Novellen eine anregende Lektüre. H9llcfr9ll kauft sofort zum Einlassee llaliailall von Fußböden die einzig» Bienenwachs-Pasta Im Wasser löslich! Bei Spezial-Erz. 01 na Jarosch, Biünn, Adlergasse Nr. 2. G. W. Lcibnitz: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Ucbersctzt von Dr. A. Buchenau. Durchgesehen und mit Einleitungen und Erläuterungen herausgegcben von Tr. E. C a s s i r e r. Band 107 und 108 der ״Philosophischen Bibliothek". Leipzig, Felix Meiner. Preis broch. M. 9.—, gcb. M. 10.20. — Zwei Schüler Hcrrmann Cohens haben sich hier vereinigt, um der Gegenwart den Zugang zu den Werken Lcibnizcns zu erleichtern. Ernst C a s s i r c r — dessen Name vor einem Fahre durch alle Zeitungen ging, als man erfuhr, daß er, obzwar der einzig würdige Nachfolger Cohens, es nicht geworden war, weil er ein Jude ist, hat schon 1902 ein Werk über die wissenschaftlichen Grundlagen des Leibnizischcn Systems geschrieben, das preisgekrönt worden ist und von dem man wirklich sagen kann, daß es die Lcibnizische Philosophie in einem völlig neuen Lichte darzustcllen verstanden hat. Bis dahin kannte man Leibniz nur als Metaphysiker; man wußte von seiner Monadenlchre und von der vorherbestimmten Harmonie des Weltalls, aber man sah in diesen Lehren philosophische Spekulationen wie eben andere auch: Bcgrisfsdichtungen zur Erbauung und Beruhigung der Menschheit. Da kam Cassirer und zeigte die Wahrheit in dieser Dichtung, wies auf, wie sehr exakte, logische Probleme cs waren, die Leibnitz beschäftigten. Der Mathematiker Leibnitz und der Metaphysikcr waren bis dahin sozusagen zwei Personen, Cassirer aber bewies, daß Leibnizens Metaphysik und seine mathematischen Bemühungen derselben Problemstcllnng entsprangen. Lcibnitz erschien ferner in der Darstellung Cassircrs als Vorläufer Kants: besonders in seiner Lehre von Raum und Zeit. Man kann sagen, daß die vorliegenden ״Hauptschriftcn" den Beleg für die Cassircrschc Leibnizaufsassung bringen. Es sind die Schriften mathematisch-logischen Inhaltes vorangestellt, dann folgen Abhandlungen zur Phoronomic -׳nd Dynamik, weiters kleine Schriften zur Metaphysik — darunter interessante Niederschriften zu Spinozas Ethik — dann Artikel über Biologie und Eniwicklungsgrschichte, die Monadenlchre, Schriften zur Ethik und Rechtsphilosophie. Ueberaus belehrend sowohl für das Verständnis der Persönlichkeit des Philosophen wie über den damaligen Zustand der deutschen Sprache ist ein Anhang, der ״unvorgreifliche Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der teutschen Sprache" enthält. Ter besondere Wert aber, den diese Ausgabe für jeden bat, der Leibniz kennen lernen will, besteht in den ausführlichen Einleitungen und Anmerkungen, mit denen Cassirer den Text der beiden Bände begleitct. Das Sach- und Namenregister fördert in mustergültiger Weise die systematische Orientierung über die Probleme und Grundbegriffe der Lcibnizische» Philosophic. Juden? Verlanget in allen Kurorten die ״Jüdische Volksstimme".