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Jüdische Volksstimme · 1914-07-23 · Heft 28 (23.7.1914) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 28 (23.7.1914)
Date
1914-07-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 28. XV./3 Jahrg. Vellage zur ,Wiener JüS. Volksstimme'. 23. Juli 1914 Seile 9. Vas Wische Leben in kaürien. Juden und Polen. 1. Wenn mir bei verschiedenen Völkern, die mächtige Staate besitzen, von Judenverfolgungen hören, so ist dies, wenn wir für den Augenblick an die Ethik vergesfen, inöglich zu verstehen. ״Der Wille zur Macht", wenn wir einen Nietzschschcn Ausdruck benutzen, ist den Staaten eingeboren. Tie Eigenliebe und die daraus entstehende Verachtung der anderen (man mutz auch an die christliche Religion vergessen, zu der sich diese Völker bekennen) treibt die Menschen zur Eroberung fremder Länder und Unterdrückung der Minoritätsvölker auf eigenen Teritorien. Es wirkt hier dieselbe Psychologie, wie bei einem reichen Geizhals: immer mehr, immer mehr besitzen. Wunderbar aber ist es, wenn diese Politik ein Volk betreibt, das weder eine Selbständigkcit, noch entwickelte ökonomische Verhältnisse besitzt, ein Volk, das auf allen sozialen Gebieten sich erst zu entwickeln anfangen soll und doch als seine erste Aufgäbe hielt: andere zu unterdrücken. Und doch führen die Polen einen ständigen Kampf: mit Deutschen, Russen, Tschechen, Ruthenen, Lithauern und Juden. Wenn die Kämpfe aus den Grenzen als Selbsterhaltungskrieg doch zu verstehen und eventuell auch zu rechtfertigen sind, so ist bei diesem Volke, das sich doch zuerst ökonomisch heben soll, der innere Kampf mit den Juden, die schwer auf das Brot arbeiten und samt anderen den Nationalreichtum der Polen vermehren, als eine leichtsinnige Ausschweifung des Antisemitismus zu bezeichnen. Das Verhältnis der Polen zu den Juden, die schon fast beim Anfang der Polengeschichtc in ihr Land kamen, war stets dasselbe. Noch zur Zeit der Unabhängigkeit der Polen haben sic die Juden immer als Fremde betrachtet, oft als Sklaven, mit denen man alles, was man will, machen kann. So sendet in dieser Zeit der mächtige Graf Potocki in einer Fuhre 50 Juden seinem Nachbar, lässt sie vor seinem Hause ausschütten und schreibt ihm. dass für einen getöteten Juden sendet er ihm ihrer 50. Als zur Zeit kurz vor der Teilung Polens man das Reich reformieren und verstärken wollte, hat man sich auch mit der Judenfrage beschäftigt, man wollte auch von ihnen gute, vorteilhafte Bürger schaffen, mit einem Federstriche sic ״europäisieren", ihre Nationaleigenschaften abstreifen und auher der Religion alles Jüdische vernichten, in einem Nu aus Juden — Polen machen. Nun. dieser politische RationalismuS hatte nur einen Fehler: datz er die Wirklichkeit und die Wirklichkeit ihn auslacht. Politische Ereignisse haben die Polen gestört, ihre Pläne durchzufühcen. Doch später sind diese Assimilationspläne wieder erwacht. Heute steht auf diesem Standpunkte eine Partei, die Nationaldemokratie, die mit ihrer ganzen Politik in Russisch-Polen bankerrot geworden ist und sich jetzt durch den Antisemitismus retren will. Tie Boykotthetze ist aus diesem bekannten Standpunkte ausgegangen: da die Juden keine Knechte der Polen sein wollen, mutz man sie ausrotten, oder -- weg mit ihnen. Wie zur Zeit des Polenreiches man daran gedacht, sie dem Staate nützlich zu machen, so schaut man jetzt sie dem polnischen Volke zu Nutzen zu bringen. Niemals denkt man von den Juden als von einem selbständigen, sozial-kulturellen und historischen Ganzen, immer nur als von einer Schicht, die für das Brot dem Brotgeber dankbar sein soll. Als ob sie es umsonst bekommen hätten. Solche Stellung kann keineswegs zur Lösung einer sozialen Frage führen. Für die Polen ist die Judenfragr eine Frage der drei Millionen Juden, die auf dem Teritorium Polens leben. Für uns ist die Judenfrage eine Frage der 12 Millionen Juden, Hie in allen Weltteilen zerstreut leben, überall in unnormalen Berhültnissen. Die Polen schauen auf Kosten der Juden sich qualitativ zu vergrößern, um in den autonomen Regierungen, insoferne sie solche besitzen, sich eine Majorität gegenüber allen Feinden zu schaffen. Freilich hat jedes Volk das Recht, sich zu verstärken, nur darf dieses nicht geschehen mit Unrecht. Wenn das andere mächtige Völker nicht beachten wollen, kann man das verstehen: zwischen anderen Rechten spielt das Faustrecht doch eine bedeutende Rolle im internationalen Leben. Wenn man aber Chauvinismus treibt zum eigenem Schaden — ja, dies ist doch etwas komisch. Denn durch solche Politik kann ein schwaches Volk, wie cs doch die Polen sind, nicht genesen. Die Boykotthetze in Russisch-Polen hat es doch klar gezeigt. Bald hienach haben ernste, wissenschaftliche Zeitungen den traurigen Zustand geschildert, datz in die von Juden verlassenen Stellen dunkle Individuell eindrangen, die sich darauf nicht verstanden, sondern durch eine Raubpolitik sich in kürzester Zeir bereichern wollten und jetzt sind diese Stellen verlassen und bringen den Polen Schaden. Ja, aber um das zu verstehen, mutz man objcktiv die sozialen Fragen untersuchen: man mlltz denken. Leider halten sich die Polen stets an dieses Sprichwort, datz durch Schaden der Pole klug wird. Ten Kampf mit den Juden rechtfertigen die Polen mit den Worten, datz sie entgegengesetzte Interessen haben, als die Juden. Oberflächlich scheint das ganz klar: zwei Nationen (obwohl uns die Polen als eine Nation nicht anerkennen wollen» haben separate Interessen, sowie zwei Menschen: was für den einen gut, ist für den anderen schlecht. Nun wissen wir, datz auch menschliche Interessen nicht immer miteinander kollidieren- Eine Unternehmung ist nützlich für viele Leute. Tie Entwicklung eines Gebietes der Industrie fördert die Entwicklung anderer Gebiete, ein Reicbtuin macht viele reich. Man kann nicht sprechen von zwei ökonomisch scparaten Gruppen, von Juden und Polen: das, was sie teilt, ist nicht das Oetonomische. sondern das Geschichtliche und Kulturelle. Tic ökonomischen Interessen sind eng miteinander verbunden, je mehr Bevölkerung, desto mehr Anfrage nach de» verschiedensten Waren, desto mehr mutz die Industrie und der Handel wachsen. Tie Aufgabe eines normal entwickelten Volkes, dessen Bürger eine höhere Lebensstufe erreichen sollen, ist das Streben, seine Bedürfnisse selbst zu befriedigen und nicht vom Auslande nötige Waren zu beziehen. Schwach bevölkerte Gegenden können sich industriell nicht entwickeln. Das können oder »vollen die Polen nicht verstehen, wenn sie von entgegengesetzten Interessen der Juden und Polen reden. Tie Polen brauchen uns — das ist zweifellos. Und doch spielt das Gefühl des Hasses eine wichtigere Rolle als der Verstand. Ernstere polnische Publizisten, die zur Einheit und Frieden raten, werden nicht angehört. Und doch ist die Miserie im Lande immer größer, immer mehr gibt es arbeitslose, die polnische Emigration wächst und die Politiker, deren einziges Ziel es ist: für sich oder ihre Parteigänger am besten zu sorgen verbreiten gerne den Aniisemitismus, der in den unwissenden Volksschichten gerne Anklang findet. So erzählen diese tiefsinnigen Soziologen das bekannte Märchen, daß die Ursache aller Fehler, der Armut, der Emigration, überhaupt der ganzen sozialen Not — die Juden sind. So rächt man sich, wenn die Juden diesen Parteien nicht dienen wollen, oder — wenn man nichts anderes zu sagen lveitz. Aber das Leben läßt sich nicht immer so belügen: hier »nutz die Wissenschaft eintreten. es fehlen Publikationen in der polnischen Sprache, die dem Publikum die Augen öffnen sollen. Man interessiert sich nicht und kennt nicht die Juden: und die Schuld tragen teilweise die Juden selbst, die Intelligenz die auf diesem Felde fast niemals wirksam hcrantritt. Keine Werke, keine Broschüren, keine Zeitungen, die zum lesenden polnischen Publikum Zutritt finden könnten. Kein Wunder, datz das jüdische Leben für die Polen eine terra incognita, ein unbekanntes Land ist. (Forts, folgt.) M. Kornfeld. Unsere Leser werden dringend gebeten, bei Einkaufen nur jene Firmen zu berücksichtigen, die in der ״Jüdischen Volksstimme" inserieren. Brief aus Lemberg. Ter zehnjährige Todestag Theodor Herzls wurve in sämtlichen galizischen Ortschaften in erhebender Weise gefeiert. Tie Trauergottesdienste in den Bethäusern, Feierlichkeiten in den jüd. Nationalhäusern, Sammlungen für den Herzlwald, Herausgabe von Gedenkschristen. alles trug dazu bei, die jüdischen Massen in eine des Tages würdige Stimmung zu versetzen. Geradezu imposant gestaltete sich die Feier in der hiesigen fortschrittlichen -Gemeindesvnagoge. Um die siebente Abendstunde des 13. Juli sah man Tausende auf dem Wege zum großen Tempel, der sowohl im Herrenichisf als aus den Frauengalerien bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war: sowohl die orthodore Bevölkerung, als auch die Intelligenz und die studierende Jugend waren sehr zahlreich vertreten. Vom Kulkusvnrstande waren Vizepräsident Tr. Tiamand mit den Kultusräten Nebenzahl, Orange und Tr. Hausmann, von der Tempelverwaltung Herr Rochmis erschienen. In den ersten Bankreihen saßen die Repräsentanten aller zionistischeu Organisationen, darunter der Vizepräsident des zionistischen Zentralkomitees Tr. Reich, der Obmann der Nationalfondssammelstelle Tr. Zipfer und der Präses des zionistischen Lokalkomitees Tr. Ringel. Oberkaiuor Saitz trug unter Assisreu-, des vom Chordirektor Kaplan geleiteten Tcmpeichores die rituellen Gesänge in erhebender Weise vor, woraus Gg. Rabbiner Tr. Gnttmaun eine die große Persönlichkeit Theodor Herzls, seine unsterblichen Verdienste vollauf würdigende (Vdenkrede hielt, die bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck hiuterließ. Ter ehrwürdige Redner forderte zum Schlüsse zu Sammlungen für den Herzlwald auf. Tie Feier schloß mit dem Kaddischgebete. Kanzel und Bundeslade waren schwarz drapiert. Oe ger> verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläfilich. Stemhof. Post Sokolnitz bei Brünn. Oü<Heröejpee«Aungen. SamstagnachmittagS-JugendgottrSdirnstgebelbuch. Im Jüdischen Buch- und Kunstverlag in Brünn ist soeben erschienen: Ein Samstagnachmittag-Jugcndgottesdienslgebetbuch für die Mittel-, Volks- und Bürgerschulen Lcsterreichs, in äußerst schöner Ausstattung, gebnnden. Das Gebetbuch ist bereits in den meisten Gemcinden cingcfüürt und »vird von den Herren Rabbinern und Religionslchrern bestensempfohlen. Ter Truck ist sehr schön und für Schüler besonders geeignet. (foanrab von Orelli: AUgeineine Religionsgeschichte. Zweite Auflage in zlvei Bnnden. Zweiter Band. Bonn »Thomästr. t>. A. Marcus u. E. Weber. Ter erste Band von Lrellis bekanntem Werk irr an dieser Stelle geivürdigt »vorden. Ter ziveite Band der neuen Auflage enthält die Religion der Jndogermanen, also die indische, persische, hellenische, römische, keltische, gerinanische, slavische Religion, dann die afrikanische, amerikanische und die ozeanische Gruppe. Ein ausführliches Nainen- und Sachregister erleichtert die Be- Nutzung des handlichen Werkes. Die in dem Btlche zitierte» Bibelstellen sind am Schluffe besonders zusammengestellt, ein Zeichen für die vornehmliche Stellung, welche der Verfasser den jüdisch-chrinliche» Religionen in seiner Darstellung einräumtc. Rabindranath Tagore: Ter Gärtner. Einzig antorisierte delitiche Ausgabe, »ach der voin Dichter selbst Veranstalterrn englischen Ileber'etznng ins Deutsche übertragen von Hans E f f e n be rg e r. 1*4 3 3. M. :5.—, geb. M. 4.—. Der indische Dichter Rabindranath Tagore batte Weltrub>n. ehe inan bei u n s ׳'einen Namen kannte. Nun ist er durch Verleihung des Nobel- Preises als ״großer Dichter" beglaubigt worden »tnd man wird ihn auch hierzulande lesen. Tie Uebersetzuiig Effenbergcrs scheint — soweit man dies ohne Kenntnis des Originals sagen kann — gut gelungen: in lange» Zeilen, langsam vcrschwcbenden breiten Worten fließt sie dabin, es ist als tränke man ein schtvercs iützes Getränk in langsam schlürfenden Zügen. Tagores Gedichte sind orientalisch in der Fülle ihrer Bilder, in der Dvnamik, »oelche sich von der Menschensccle her den Dingen mitteilt, und in der Leidenschaft, dem Grenzenlosen der Gebärde. »Agl. besonders das!oundervollc Gedicht: ״C Mutter, der junge Prinz mutz an unserer Tür vorüberkommen"., Tie Stiminung des Gedichtes ist aber nichts weniger als die eines indischen Pessimismus. Es sind Verse eines Sängers, der diese Welt liebt, der sich freut an jedem Hirtcnruf und jedem Mädchenlächeln und der seine Sendung darin sieht, zu sage!!, was die andern fühlen. ״Es will nicht viel bedeuten, datz mein Haar grau wird. Ich bin immer so jung oder so alt wie der Jüngste oder der Aeltestc in diesem Torfe.. Sic alle bedürfen meiner . . ." Paul Claudel: Verkündigung. Ein geistiges Stück in vier Ereignissen und einem Vorspiel. Nach der französischen Tichtung deutsch von Jakob Hcgnrr. Hellerau bei Dresden, Hellcrauer Verlag. M. i.—. — Es ist wirklich schwer, dieses Schauspiel zu besprechen. Was soll das Reden über eine große, gewaltige künstlerische und religiöse Ltfenbarung, wie ste uns hier durch den

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