Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1914)
- Date
- 1914-07-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 ״Jttische «,H-stimme." Nr. 28 Denn die Landessprache ist hebräisch in einem Majzc, das selbst unserer Erwartungen übertrofscn hat. Hebräisch sind die ersten stammelnden Laute des Kindes, das in seinem mit hebräischen Anfangsbuchstaben gezeichneten Hcmdchcn auf dem Arm der Mutter sitzt. Hebräisch sprechen die älteren Geschwister in der Schule und aus der Straße, hebräisch zanken sie sich und sprechcn sic mit ihren Eltern, die der Kinder wegen die Sprache erlernt haben. Nur die Babe, die Großmutter, die vor kurzem aus Rußland uachgckommcn ist, sitzt aus der Bank vor dem Hause und sucht sich mit den Enkeln in dem ihr geläufigen Jargon zu unterhalten. Die ältcrcn Kinder können ihn noch verstehen, die kleinsten nicht mehr. Vom Deutschen als Umgangssprache, als Schulspräche ist keine Rede, einen ״Sprachcnkampf" bat cs in Palästina nur zivischcn den Beamten des Hilfsvcrci- »cs und den Lehrern und Schülern gegeben, die den Beamten nicht willfährig sein wollten. Von der Parteinahinc eines Teiles der Bevölkerung für das Deutsche hat inan nur in Deutschland gehört, in Palästina ist hiermit nichts bekannt. Und >vic rührend ist die Begcistcrung der ״verhetzten" Kinder für ihre Sprache, mit ivclchcr Imbrunst singen sic im ״Gan", im Kindcrgartcn und in der Schule ihre Lieder, und mit welchem Stolz sehe» sic auf uns herab, die ivir der Sprache zum größten Teil noch nicht mächtig sind! Diese Generation wird sich ihre hebräische Muttersprache nicht mehr rauben laßen, mag sic auch später auf der Mittelschule des Anschlusses an die moderne Kultur tvcgcn die curopäischeu Sprachen dazu lernen. Heute Abend ist ״Nesches" in der Kolonie, Abend- Unterhaltung, zu Ehren der ״Studcntim Migcrmaniah". Eine dichtgedrängte Menge füllt das Bcth-Am, eine Art großer Turnhalle, in der primitive Bänke und Tische sieben. Da gibt cs wiederum Rede und Gegcnrcde, Erfrischungen für den Geist, sofcrnc inan hebräisch versteht, und auch für den Gaumen, und, je nach der Leistungsfähigkeit der Kolonie, vielleicht ein hebräisches Theaterstück ernsten und aktuellen Inhalts. Mein Wirt, ein älterer Kolonist, der neben mir sitzt, erinnert sich mit Wehmut der Zeit, wo auch er als Jüngling hier aus den Brettern stand, damals aber spielten sic im Jargon ein deutsches Rittcrstück. Dann marschieren in ihrer schmucken Uniform die ״Makkabim" herein und flöße» uns mit Freiübungen und Gerätturnen ordcntnck Respekt ein, für eine so sungc Organisation zeigen sie schon sehr beachtcnslvcrtc Leistungen. Aber wir sind ja auch ״Turner", Ivir danken in gleicher Sprache und bestehen mit 1 »seren Freiübungen, die wir in mancher Ucbungsstuude während der Reise erlernt haben, in allen Ehren. Tic Aufführungen sind zu Ende, die Bänke tverde» zur Seite geräuini, und ״die Jugend kommt zu ihrem :liecht". Erst wird ״Rondo" angctretcn, einer mit orientalischem Temperament getadelten Polonaise, noch beliebter aber iil die arabische ״Horrah", die meist von Männern getanzt wird und an die körperliche Le!- siungSfähigkcii keine geringen Anforderungen stellt. Mil Bedauern konstatiere» wir, daß uns zum Schlafen!licht mehr viel Zeit bleibt, denn morgen gebt es früb weiter, und Zuspätkommc» kostet hohe Strafe. Und nach einige» Tlnuden stehen tvir wieder ״gruppentveise an getreten" init Rucksack und Wanderilab. Noch ein Herzlicher Abschied von den Kolonisten und ״im Gleielisckiriti vorwärts marsch!", ein neuer Tag liegt vor uns. Der Geizhals. Ein jüdisches Märchen. Es lebte einst in einer Stadt ein reicher Mann; er halte Geld nnd Gut, und viele Kästen tvaren angcfüllt init kostbaren Geraten von Gold und Silber nnd inil Edelsteinen. Aber so reich der Mann >var, so geizig ivar er; er schenkte keinein Armen einen Pfennig, unlerslütztc »ieinanden, nnd besuchte nicht einmal ein Got- IcShans, aus Furcht, die übliche Gabe spenden zu müfscn. Man nannte ihn deshalb nur immer den ״Geizhals"! — Dennoch konnte der Man» auch uucigennützig sein; er weihte die nengeboreiien Knaben in den Bund Abrahams ein, nnd verrichtete dieses Amt mit solcher Liebe, daß er niemals einen Unterschied zivischcn arm und reich macktc, nnd keine Kosten scheute, wenn er dieses Amtes auch in entfernten Städten walten mußte. Einst iiaiid er in der Tür seines Hanses, als sich ihm ei» fremder Mann näherte und ihn folgendcrmaßcn anrcdctc: ״Mein Weib bat mir einen Sohn geboren: ich wünscke, daß du ihn in den Bund Abrahams aufnchinen möchtest!" Der Geizhals sprach: ״Das ist meines Amtes! Warte, ich folge dir; Ivo ivohnii du!" ״lieber Land, etwas weit, doch ich fahre schnell; ich habe gute Pferde und eine» leichten Wagen!" Der Geizhals ging in sein Haus, warf noch einen Blick auf die wohlvcrschlossenen Kisten und Kasten, derriegelte Tür und Tor und folgte dem Fremden. Anfangs ging die Fahrt gemächlich und langsam, und die Gegend tvar unserem-Manne wohlbekannt; aber bald jagte der Fremde in Sturmcsschnclle dahin, daß die Pferde dampften. Es ging über Stock und Stein in schnurgerader Richtung über wüste Gefilde, Berge und Täler, bis dcr"Mcbcl hcrabfiel und tiefe Dunkelheit hercinbrach. Unser Geizhals hatte den ganzen Tag keinen Vogcl singen, keine Biene summen und keinen Bach rauscheu hören. Als der Mond hcraufstieg, sah er sich ängstlich um und erschrak nicht wenig, als er bemerkte, daß die Pferde keinen Schatten warfen. Sic jagten dahin in Windeseile und wieherten und stampften. Die Fahrt ivolltc kein Ende nchincn. Da sprach er beklommen zu scincin Führer: ״Wohin bringst du mich?" Der Fremde sprach: ״Bald sind wir zur Stelle!" Und in der Tat, der Tag brach an, die Nebel zerstreuten sich, die Sonne stieg herauf und bestrahlte ein kleines Dörfchen; es lag in einem stillen Tale und süße Behaglichkeit schlich in das Gemüt des geängstigtcn Mannes. Der Fremde fuhr nun langsam in das Dorf ein, wo sich bald eine Schar von Männern vcrsammeltc, und ihn und den Gast begrüßte. Die Diener führten die Roste in den Stall, der Fremde aber geleitete jenen in sei» Haus. Hier sah der Gast nichts als Glanz und Kostbarkeiten; alle Gegenstände waren mit Gold, Silber nnd Edelsteinen belegt. Die Türen waren von Elfcilbcin gezimmert: Schlösser, Angeln, Riegel und alle Nagel tvaren von Gold und Silber. Der Wirt hatte den Gast verlosten, und dieser schwelgte in dem Gedanken, welche Kostbarkeiten ihm tvohl als Geschenke zufallc» würden. Er ging von einem Zimmer ins andere, und trat auch eiidlich in das Gemach der Wöchnerin. Wie war dein Geizhals in diesen Räumen zu Mute? Welchcn Glanz erblickte er hier? Die Wöchnerin, die schönstc Frau, die er. jemals gesehen, lag in einem silbernen Bette, das kleine Knäblein aber dicht bei ihr in einer Wiege von Gold! Kaum hatte ihn die Frau des Hauses erblickt, als sic ihm ein Zeichen gab, sich ihr zu nähern, nnd ihm leise znflüsicrtc: ״Ich bpi erfreut, dich hier zu sehen. Du lvirst mir einen lvichiige» Dienst erweisen; ich lvill dir dafür dankbar sein und ein Geheimnis entdecken. Wiste, daß du nicht nnter Menschen bist! Es sind Dämonen, die hier Hansen, und der dich hergesübrt, ist auch ei» Dämon, ist mein Mann. Was du hier siehst, ist eitel Lug und Trug: Glanz und Pracht, und Edelsteine und Gold sind nur Schein und Schimmer, der verfließt und vcrscbiviinmt ivie Nebel und Dunst." Dem Manne tvard entsetzlich zu Mute. Das Weib fuhr fort: ״Ich aber bin ein Mcnschenskind ivie du und von jüdischen Eltern; ich ivurdc in zarter Jugend geraubt, der Glanz der Geschenke mcines Mannes blendete mich und so ivard ich die Frau eines Tänions! Wenn ich aber verloren bin, so lvill ich allein verloren sein: dich aber lvill ich retten!" ״Ich bin verloren?" stammelte der entsetzte Geizhals.?.Du darfst", ertvidcrte das Weib, ״tveder Speise noch Trank hier genießen, noch irgend ein Geschenk von Wert, sei es klein oder groß annehincn." Dies waren ihre letzten Worte. Er aber verließ sie in Todesangst. Er dachte an die Heimat, au sein Gut und Gold nnd glaubte, alles sei verloren und er selber sei jetzt schon den Dämonen verfallen. Abends bürte er Roste und Wagen dahcrbranscn. Es rasselte und rollte; von allen Seiten kamen die Dämonen gefahren und geritten. Der Gast mußte sich wieder in das Wohnzimmer der Wöchnerin begeben, um in Ge- »leinsckaft mit den andcrn Gästen die Gebete zu vcrrichte», welche das Kind schützeit sollten vor den Gespensicrn und bösen Geistern, die allen Neugeborenen nach dem Leben trachten. Bei der Mahlzeit schmanjtcn und zechten die Damonen und ivarcn lustig und heiter: der Geizhals aber rührte nichts an. Der Helle Kerzcnglanz leuchtete herab ans alle die Pracht; in der Seele des Gastes aber war es schivarze :׳,'acht. Er sab nichts und körte nichts: er dachte nur an die Worte der Wöchnerin, und schloß in dieser Nacht kein Auge. Früh schon!neckte ihn der Hausherr und führte ibn in einen Tempel, wohin bald eine große Anzahl von Männer» folgte. Der Gast verrichtete dort auch das Amt eines Vorveters, und sang, von Augst gcsoltert, in tiefer Andacht die üblichen Gebete, und die ganze Dämonenschar sang mit ihm um die Wette, und ihre Töne verstärkten nur sein Granen. Nach der Andacht brachte nian das Kind, nnd der Gast verrichtete sein Amt. Nach Sitte und Brauch nahmen Alle auf der Stelle einen Imbiß ein: der Gast aber weigerte sich, unter dem Vorwände fasten zu inüssen. Da sprach der Wirt: Es ist Pflicht, das tvir unfern Gast ehren und die Mahlzeit bis zum Abend verschieben, damit er an unserem Festmahle tcilnchm kann." Der Geizhals ging in Todesangst umher und dachte an sein Seelenheil und an seine Rettung. Der Tag verging und der Abend kam heran, und man führte ihn zu dem prächtigen Mahle. Die Dämonen setzten sich an die Tafel, zechten und schmausten tvicdcr und jubelten in Lust nnd Freude: er aber schützte Krankheit vor, und saß da in Angst und Leid, und das Jauchzen der Geister mehrte noch seine Qual. Da erhob sich plötzlich der Wirt und winkte ihm nach einem Nebenzimmer; der Geizhals aber dachte: jetzt naht deine Todesstunde! und folgte zitternd dem Herrn des Hauses. Dieser öffnete das Zimmer und der Blick des Gastes fiel auf eine Menge prachtvoller Geräte aus purem Silber. Der Wirt sprach: ״Du Haft mir einen toichtigen Dienst erwiesen, ich lvill dich belohnen. Wähle dir ein Geschenk von diesen Kostbarkeiten." Der Geizhals zitterte, er sprach voller Angst: ״Ich habe des Silbers genug daheim und muß dir daukcn." Da öffnete der Wirt ein zweites Zimmer. Hier blitzte und strahlte alles von Gold. Ter Wirt sprach: ״Gefällt dir nichts von diesen Dingen?" ״Ich habe", sprach der Gast, ״des Goldes genug daheim!" Und wie auch der Wirt in den Gast drang, dieser verweigerte die Annahme jedes Geschenkes. Da öffnete der Dämon ein drittes Zimmer. Hier aber strahlten weder Glanz noch Kostbarkeiten, und der Gast sah mit Verwunderung und Erstaunen nur eine Menge Schlüstel, große und kleine, rings an den Wänden hängen. Jedes Schlüstclbund hing an einem besonderen Nagel. ״Wie?" fragte der Wirt, ״Du bliebst ruhig und kalt bei aller Pracht und Herrlichkeit, bei allen Reichtümcrn und Schätzen, die ich dir zeigte, und bist erstaunt beim Anblick dieser Schlüffcl, die doch nur von Eisen sind?" Das Staunen des Elastes ging aber bald in Entüber, er tvurdc bleich wie der Tod; sein Auge hing an einem Schlüsielbundc, das ihm wohl bekannt war, und er sah, wie der Arm des Wirtes sich reckte und streckte nnd eben diesen Schlüsselbund vom Nagel hcrablangie. Der Gast sprach zitternd und beklommen: ״Sind cs nicht meine Schlüssel? Ja, cs sind meine Schlüssel, die Schlüssel der Kisten und Kaste», in denen ich meine Schätze bewahrt habe." Der Wirt aber sprach ruhig und kalt: ״Jawohl, cs sind deine Schlüssel, die Schlüssel zu deinen Schätzen. Erbleiche nicht, zittrc nicht; du hast mir einen wichtigen Dienst erwiesen und nahmst nicht einmal ein Geschenk von mir, ich will dir auf andere Weise erkenntlich sei». Wisse, daß ich ein Dämon bin. Ich bin der Herr nnd Meister der Dämonenschar, Ivelchc die Macht hat über alle Rcichtümer und Schätze dcrjenigcn Menschen, welche geizig sind wie du, die keinem Gottcshausc noch den Armen etwas spenden, tvie du! Alle diese Menschen sind darum auch nicht die Herren ihrer Schätze und Rcichtümer; wir besitzen die Schlüssel zu. denselben und bewahren sic; sic selbst haben keineu Genuß vo» den Schätzen während ihres ganzen Daseins. Du aber nimm deine Schlüssel hin, du sollst fortan Herr sein deines Eigentums und deiner Reichtümcr." Der Geizhals griff zitternd nach dem Schlüsselbundc; der Wirt aber gab ein Zeichen. Ein Wagen fuhr vor, der Gast bestieg ihn, und fort ging's mit ihm der Heimat zu. Vor der Tür seines Hauses stieg der Geizhals ab: als er sich umsah, waren die Rosse und ihr Führer verschwundcn. Er aber öffnete die Behälter seiner Schätze, spendete Almosen, bekleidete die Armen und wirkte Edles und Gutes. Ei» ucus, schönes Leben begann für ihn, und er ward ein anderer Man». Man nannte ihn bald nicht >nchr den ״Geizhals": er lebte hochgeehrt und er starb hochbctagt unter den Segnungen aller, die ihn kannten. Dr. Emil Bloch ordiniert in der Kur- und Wasserheilanstalt des Brflnner ZentralbadeS für Nervenkranke, Rheumatismus, Gicht Ischias-, Magen- und Darmleiden. Blutarmut-, Fettsucht Herzenleiden u. s. w. Modernste Heilbehelfe: Heißluft (Blaulicht! Schwefel-Soole Fango-Radium-kohlensaures u. 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