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Jüdische Volksstimme · 1914-07-16 · Heft 27 (16.7.1914) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 27 (16.7.1914)
Date
1914-07-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 ״Jüdische Bolksstimme". Nr. 27. blickte sic sofort und unter dem tosenden Gekrach des darauffolgenden Donners eilte er ihr in die Arme. Einige Sekunden Pause, dann rückte er mit seinen Fragen heraus und musterte mit Äeyncraugen ihre Mienen, um etwa Verhehltes herauszuspürcn . . . Sie faßte Mut und erklärtc ihm unumwunden, daß heute nachmittags eine Wendung in ihrem Verhältnisse eingctreten fei. Mit nicht geringer, aber verhaltener Aufregung erzählte sic ihm den ganzön Hergang ihrer Auseinandersetzungen mit den Eltern. Diese wären außer sich von ihren Lippen vernehmend, daß sic bereits 5 Jahre mit ihm verkehre und ihn heiraten wolle. Zuerst wollte sic sich von der Ergriffenheit der Eltern nicht beeinflußen lasfcn, sie sah aber dann, daß sie das Leben ihrer Eltern aufs Spiel setze, denn der Vater war einige Mal einer Ohnmacht nahe und dies habe sie so ergriffen und ihre Furcht, den Eltern mit ihrem Schritte einen lebensgefährlichen Stoß zu versetzen, so aufgcpcitfcht, daß sie keine Ruhe finden könne und der Ansicht hinncige, lieber das Verhältnis lösen zu wollen, als das Leben ihrer Eltern auf ihr Gewissen zu nehmen . . . Er war wie in einem Taumel. Er erkannte sie kaum wieder. Hatte bis nun aus ihr das Gefühl, die Zugetanhcit, die menschliche Regung gesprochen, so war sic jetzt für ihn mehr ein Begriff des Verstandes, des logischen Denkens und Uebcrlegens . . . Mechanisch ergriff er ihre Hand, sagte ihr kurz und entschlossen: ״adieu" und eilt» davon . . . Sic blieb betroffen zurück und ging langsam und nachdcnkcnd nach Haufc . . . Ais er auf den Perron kam und in der Dunkelheit der Nacht die zwei feurigen Augen der Lokomotive grauencrgcnd dreinfchauten, empfand er innere tiefe Beklemmung ... Es schien ihm, daß er als Degradierter, Entlassener und Abgcfertigtcr das Weite suchen müsse, daß diese feurigen zwei Augen ihn in eine weite finstere Ocde hinfchleppen wollen . . . Und eine vernichtende Sehnsucht bemächtigte sich seiner. Als er in dem halbdunklen Coupe saß und durch das Fenster in die weite, breite und tiefe Finstcrnis schaute, lechzte sein Herz nach demjenigen Wesen, das ihiit das Dasein bis nun wertvoller und begehrenswerter gestaltete und ihm Inhalt und Fülle gab . . . 'Nun fühlte er sich allein, verwaist, in eine unbekannte Welt, zu unbekannten Zielen stürmend . . . Und ein Ekel ergriff ihn vor dem Leben. Er wünschte, der Zug möchte in eilten Fluß oder Graben sahreu und im Laufe weniger Sekunden wäre er zu Ende, feilt Lcbcnstraum . . . Solche schwerliiütigc Gedanken beherrschten ihil die ganze Nacht, bis der Zug in der Station der Stadt W. anlangte. Inzwischen war es Dag geworden. Ter Himmel hatte sich gelichtet und strahlend erschien die Sonne am Firmament. Er entstieg dem Waggon und fuhr in die Stadt. Der lärulende Verkehr und das großstädtische Treiben nahmen seine Sinne in Anspruch und neuer Lebcnsdrang regte sich in ihm. Er strich sich über, die Stirn, um die traurigen Gedanken zu vcrscheuchen . . . Als er an die Adresse kam, wo er seine Unterkunft haben sollte und sein Kostgeber ihn in ein einsam gelegenes, dürftig ausgestattctes Zimmer führte, da ergriff ihn die alte Bangigkeit und Beklommenheit. All' die hübschcn puppenhaften Gesichter, die er zu sehen bekaut, erregten bei ihm nur Wicdcrwillen und verstärkten seilte Sehnsucht nach jenem Wesen, das in seine Lebensbahn getreten war und diescr für immer seinen Zauber hinterließ. Es rauschten in ihm litanchmal lebendige Erinneruugcn an warme Händedrücke, an vielsagende Blicke und Gesten. Er wollte von sich diese gespcnslerhaften, ihn ermüdenden Bilder vcrscheuchen, er besuchte Vergnügungslokale, kam pünktlich und eifrig zu den Vorlesungen, aber das Bild marterte ihnwerfolgte ihn bei Tag und des N'achts. Sein Geist glich einem überirdischen Wesen, das in weltsrenldcn Sphären seine Urkraft und Lebensfähigkeit fühlend auf diesem irdischen Jammertal eine Scheincristcnz führt und lusl- und trostlos sein Schattcnlcbcn dahinfristet . . . So vergingen mehrere Jahre. Seine traurige Vergailgenheit, obzwar von den Aufgaben und Pflichten des Alltags in den Hintergrund seines Lebens zurückgedrängt, wurde dennoch zu einer Art scheinbar verheilter Wunde, auf der eine Wildhaut ausgewachsen war, die aber im Innern fort eiterte und bei dem ersten Anprall eines äußerlichen Zerstörers sich feiner Oberschichte entblößen und in den früheren Zustand verfallen könnte . . Und dieser Zerstörer seiner äußerlichen Ruhe war die Urheberin dieser Wunde in eigener Person. Er faß eines schönen Hellen Tages im Volksgarten und las int Buch. Die Augen, wie durch eine geheime Macht dazu veranlaßt, vom Buche aufhcbend, fiel sein Blick auf eine jenseits des Gartens gehende, ein Kind an der Hand führende junge Frau. Sein Blick blieb an der Person haften, ein ntvmentaner Sinnenrausch bewältigte ihn, bis er sich besten bewußt war, daß s i e es war, die vorübergegangen war. Er wollte aufstehen und ihr nachrennen, überlegte jedoch einige Zeit und inzwischen war sie im Menschcnstrom verschwunden. Es hämmerte in ihm vor Aufregung und stundenlang rennte er in den Gassen umher, um vielleicht eine Spur zu finden. Er ging auf die Polizei, jedoch eine solche Frauensperson war nicht gemeldet. Tenn sie trug ja jetzt einen anderen Namen, den ihres Mannes. Und den kannte er nicht. Seit diesen! Moment war seine Ruhe und sein Gleichgewicht dahin. Er fühlte wie die Melancholie ihn unter ihre Fittigc nahm, wie ein entglcistcr Stern und in nachtwandlerischer Stimmung irrte er umher, ohne Zweck, ohne Lebensziel. Er glich einem tödlich getroffenen Vogel, der mit der Schußwunde iin Leib umherflattertc, sein nahes Ende voraussehend und die kalten schaucrigen Erdendüfte des sich ihm nähernden Jenseits ihm cntgcgcnkommen fühlend. . . I0H0 Uoiicfrü■■ kauft sofort zum Einlassen J6UG naUollaU von Fußböden die einzige Bienenwachs-Pasta Im Wasser löslich! Bei Spezial-Erz. Olga Jarosch, Brünn, Adlergasse Nr. 2. ISücfictbifprccfilingen. Dr. M. Pines: Die Geschichte der jüdisch-deutschen Literatur. Bei Gustav Engel, Leipzig, 1913. — Wenn man das Schrifttum der letzten Jahre überblickt, möchte man denjenigen bestimmen, die klagend ausrufen, unsere Zeit sei arm an neuen Werten: man begnüge sich, zu sammeln und zu Nichten, in der Wissenschaft, was vordem erleuchtete Geister ergründet, in der schöneu Literatur, was beseligte Gemüter gesungen und gesagt haben. Durch die Worte: fleißig, aber nicht schöpferisch, gelingt die Eharaktcrisicrung unserer Epoche am ehesten. Allenthalben erscheinen Systeme, Ehrestomathien, Anthologien, Biographien, allenthalben herrscht die Geschichte vor, der Historiker hat das Wort. Aber cs wäre verfehlt, wollte man nicht auch die Vedcutung dieser im Wesen rückschancndcn Arbeit anerkennen. — Das vorliegende Buch gehört in diese Reihe. Gerade auf dem Spezialgebiet der jüdisch-deutschen Litcratur ist cs uns eine höchlich willkommene Gabe. Denn diese ist ihrer literarischen Höhe und ihrer Bedcutung für das Volkstum nach bei uns im Westen noch lange nicht ausreichend verstanden. Nur zu viele schcn im ״Jüdisch" nichts anderes als ein fürchterliches Kauderwelsch, ein ״Mauscheln", des der Gesittete sich schämen müsse. Derlei Anschauungen umzugestaltcn, ist die schlichte, aber eben deshalb eindringliche Darstellung sehr geeignet. Die Kapitelüberschriften lassen ן bereits die Struktur des Werkes erkennen; es werden behandelt: Die Sprache — die Anfänge des Schrifttums — die Volkslieder — die Haskala — die Volksdichtung — Die Gegenwart der jüdisch-deutschen Literatur — das jüd.-dcutschc Theater. Die Intentionen, denen das Buch sein Entstehen verdankt, haben sich erfüllt: cs ist tatsächlich ein ״historisches Lesebuch" geworden. — Die deutsche Bearbeitung des französischen Originals stammt von Georg Hecht, den wir schon vor ein paar Jahren durch sein Buch ״der neue Jude" kennen gelernt haben. — Die Ausstattung ist ansprechend. Moritz Grzyb. Grosi-Habsburg, das Resultat des russisch-östcrreichisckcn Krieges 1918. Mit 3 Karten von O c t a v i u s. 2. Auslage. Krakau, 1914. M. Deutscher, öl Seiten. — Als dies Büchlein erschien, lebte noch die Hoffnung und der Stolz des Verfassers, der Erzhcrhcrzog jeranz. Mit kräftigen Strichen konnte damals noch Octavius den Verlauf der Katastrophe des Jahres 1918 zeichnen, in deren Mittelpunkt der zukünftige österrcichischc Kaiser stand. Kriegsbereit und sicgcsfrcudig konnte Octavius noch vor einigen Wochen seine Zukunstsskizz: in die Welt versenden, durchtränkt von einem in Oesterreich immer seltener werdenden O-Ptimismus zu dem Bestände der Habsburgermonarchic. ״Groß-Habsburg" sollte der neue Titel des zukünftigen kaiserlichen Tonaustaates sein. Eine feste Hand sollte oder wollte die Zügel führen, energisch und straff, streng und doch liebevoll. Es sollte jedoch nicht sein. Es kam ganz anders. So ganz anders, wie es sich weder der Verfasser, noch wir alle, die wir an ein zukünftiges, großes, starkes Oesterreich glauben, vorgestellt haben. Denn die Hoffnung sank ins Grab und Erzherzog Franz ist nicht mehr.-״Wir schreiben Dezentber 1918", beginnt Octavius seine Zukunftsskizze. Der österreichischen auswärtigen Politik ist es gelungen, Bundesgenossen zu erwerben. Ein Geheimvertrag mit dem nordischen Bunde ist zustande gekommen, mit China und Japan wurde ein Bündnis geschlossen in dem Sinne, daß diese außereuropäischen Staaten, Oesterreichs Sache ergreifen, falls eS angegriffen wird. So standen die Dinge Ende 1917. — Rußland, in der Skizze Octavius, der Hauptgegner Oesterreichs, innerlich zerfallen: ״Die verschärften sozialen Gegensätze führten zu Brandstiftungen, Plünderungen, Tumulten, politischen Prozessen, Attentaten und Streiks zu offenen, revolutionären Ausbrüchen, so daß eine allgemeine, nationalsoziale Eruption nahe bevorzustehen scheint. Hier Revolution, dort Jrredentismus, welchen Ausweg sollte die Negierung treffen, um den beiden staatslähmcndcn Gefahren zu entgehen? Die maßgebenden Faktoren faßten den Krieg sofort ins Auge." Von den Bundesgenossen waren uns Montenegro und Serbien sicher. Die Armee und Marine Rußlands nicht auf der Höhe. Ein Hochverratsprozeß in Stanislau sollte der Ausgangspunkt zum Kriege werden. Eine 18köpfige Bande mit 7 Popen steht vor Gericht und wird verurteilt. Die Großfürstenpartei heischt den Krieg. Der Zar gibt nach. ״Er stellt ein 24stündiges Ultimatum an unseren Herrscher, das die Enthaftung der Stanislauer ״Märtyrer" fordert. . . . Eine kategorische Ablehnung folgt. — — Der Kried war da!"-Am 3. März 1918 wird dem Habsburgerstaat der Krieg erklärt. Am 16. März kommt cs zu einer heftigen Seeschlacht, in der die österreichische Flotte trotz schwerer Verluste einen glänzenden Sieg erringt, die Schwarze- Mcerflotte Rußlands bricht und auch zu Lande wird in blutigen Schlachten die russische Armee so total gcschlagen, daß ein Waffenstillstand erfolgen mußte, dem in Kürze der Friede von Wien nachfolgte. Am 6. August wird der Friede geschloffen, der zur Gründung des derjungten Staates ״Grotz-HabSburg" führte.- Gustav Kohn. Prof. Hermann Cohen: Die religiösen Bewegungen der Gegenwart. Verlegt bei Gustav Fock, Leipzig. Der tiefsinnige Forscher Cohen hat die schwierige Aufgäbe übernommen in einem Vortrage, also leichtverständlich die religiösen Bewegungen der Gegenwart darzustellen. Wir können uns mit vielen seiner Anschaumigen nicht zufrieden geben, wenn sie auch noch so überzcugungsvoll vorgetragen werden, aber wir wollen nicht verhehlen, daß in dem kleinen Büchlein eine ganze Anzahl trefflicher Gedanken zu finden ist. ״Noch immer glüht und glimmt wenigstens das alte Feuer vom Dornbusch. Der Jude hat oft allen Zusammcnhang mit der Religion in der Ucberbildung des Zeitalters aufgcgcben; dennoch ist er mit allen Fasern seines Unterbcwußtseins mit den Gedanken und Gefühlen von Gott verwoben." Und noch eine Forderung Cohens, die wir, zu unserm Befremden, in seinem Vortrage ausgestellt finden, wollen wir erwähnen: die unbedingte Forderung, die Gebete in ihrer hebräischen Ursprache zu erhalten. Weil wir Cohens Meinung nach einem Verschmclzungsprozcß überliefert sind, der unser religiöses Eigenleben in seiner Urkraft angrcift, müssen wir unbedingt am Hebräischen sesthalten. Bekanntlich hat sich Cohen im Sprachenkampf auf die Seite des Hilssvcreins gestellt und hat sogar den ominösen Aufruf unterzeichnet. Ja, wird man uns verwundert entgcgcnrnfcn, für die Lithurgic verlangt Cohen unbedingte Beibehaltung des Hebräischen und nur für dieselbe. Uns aber erscheint dies ein Unding. Geradeso wie wir Volk und Religion der Juden für von einander nicht trennbar halten, genau so glauben wir, daß auch die Sprache eines Volkes zu Gott die wahre Volkssprache sein muß. Darum müssen wir unser Leben seit der Zerstörung Jerusalems als Provisorium betrachten, als Galut eben, und müssen unsere Sprache, die uns eben durch das Festhalten an der Religion — die ja das meiste unseres Volkstums enthält, wieder zu beleben trachten und wenn uns dies in Palästina möglich ist, dann müssen alle unsere Kräfte diesem Ziele zuarbcitcn. Wir bitten um sofortige Bezahlung -Ibonnememz-vettages

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