Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 27 (16.7.1914)
- Date
- 1914-07-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2621897-2621924--2910-2624047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr 27. XV /3 Jahrg. Beilage zur ,Wiener JA». Volksstimme'. 16. Juli 1914 Seite 9. Vas jiidisclK Leben in Galizien. Der Zionismus und die akad. Jugend. I. Rellits, Nowy-Targ. Bevor wir zur Entwicklung unserer zionistischen Tätigkeit vorschrciten, müssen wir uns vergegenwärtigen. worin unsere Ausgabe besteht und das können wir nur dann genau feststellen, wenn wir unsere Fehler und Mängel genügend kennen, um sie dann aus der Welt zu schaffen. Wenn wir der heutigen Generation der Jugend in ihrer zionistischen Betätigung zuschauen, dann sinden wir ein gar nicht erfreuliches Bild. Es ist eine allgemeine Klage aller galizischen Zionistenführer wie auch der unter der Jugend ernst denkenden Individuen, daß die heutige zionistische akad. Jugend in Galizien ihrer Aufgabe nicht gewachsen ist, daß sie zu wenig Idealismus in die Bewegung hineinbringt und daß sie den Idealismus mit der praktischen Betätigung nicht verbinden kann. Die zionistische akad. Jugend teilt sich in zwei große Gruppen: die eine bilden diese, welche ohne jeden idcelen Hintergrund, ohne welche innere Ueberzeugung sich Zionisten nennen: cs gibt leider eine sehr große Anzahl Studenten dieser Kategorie, für welche der Zionismus nur ein Feigenblatt zur Verdekung ihrer Jdeallosigkeit ist. Das sind die Zionisten, welche überhaupt nicht wissen, warum sic Zionisten geworden sind und was sie zu dem Zionismus bewogen hat. Es fehlt ihnen das, ohne was man kein rechter Zionist sein kann, es fehlt ihnen das Nationalbewutztsein, das Bewußtsein des Judentums. Sie sind nur äußerlich mit dem Zionismus verknüpft, sie haben ihn nicht durchgedacht, er bildet für sie nicht das, was er sein soll, d. i. eine Weltanschauung, lind aus dem Grunde sind auch gerechtfertigt die Klagen in der Presse wegen der großen Anzahl der Akademiker, die nur dem burschikosen Verbindungswesen zulieb sich in die Zionistenreihen eingliedern lassen. Ich will aber damit nicht sagen, daß ich das Verbindungswesen über- Haupt verpöne, ich will nur darauf Hinweisen, daß cs von seinen Mitgliedern eben falsch aufgefaßt wird und es nur vielfach als den geeigneten Boden betrachtet, wo man seiner persönlichen ritterlichen Abenteuerlustigkeit freien Spielraum lassen kann. Wie wir das Ziel einer Verbindung aufsassen, darauf werden wir noch Gelegenheit haben, zurückzukommen. Die zweite Gruppe bilden die schon nationalbewußten Akademiker, die aber auch bei irgend einem Mißlingen welcher Versuche schon den Mut verlieren, ihren Idealismus nicht realisieren können und zwar alle zionistischen Steuern entrichten, aber an dem geistigcn Zionismus keinen Anteil mehr nehmen. Um dem Ucbel abzuhclfen, ist es am ratsamstem zuerst die Ursachen eines solchen Zustandes zu ergründen und dann finden wir schon leicht den Weg, um uns in jeder Hinsicht als freie Juden zu entwickeln. Aus die Tegenaration der heutigen Jugend wirken hauptsächlich zwei Faktoren, die überhaupt in unsercm Leben eine wichtige Rolle spielen, d. i. der kulturelle und soziale Faktor. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Jugendjahre einen starken Einfluß auf die Ausbildung der Denkweise, der Intelligenz, des Willens, mit einem Worte des Charakters ausübcn. Die Schuld an der Untätigkeit der zionistischen Jugend trägt die kulturelle Unterlage, die wir in unseren Gymnasien erhalten. Die vorwiegend humanistisch-liberale Richtung eröffnet den jungen Gemütern ein Leben voll Ideale, voll poetischer Schönheit, das sich jeder nur hcrbeizuwünscheu braucht, damit cs sich verwirklicht. Man vergißt gänzlich an den harten Daseinskampf, man wagt cs nicht welche praktische Lehre für das spätere Leben zu geben, indem man unter dem mächtigen Eindruck des schönen Hellas und der mutigen Roma steht und es ist leider nicht selten anzutreffcn, daß ein absolvierter Gymnasiast besser die Belagcrungs- und Bcfestigungsmittel der alten Römer und Griechen kennt, als die primitivsten staatlichen oder gesellschaftlichen Einrichtungen der Jetztzeit. Dieser Mangel des praktischen Sinnes bei unserer Jugend bringt cs mit sich, daß sie nach Absolvierung des Gymnasiums mit den vielen literarischen Ideale» vollgepfropft ins Leben hineinscgelt und nachdem sie in der harten Lcbensschule an verschiedenerlei Hindcrnisse anstoßt, dann rächt sich diese ungenügende Vorbercitung zum Leben darin, daß sic ihre schönen Ideale eben nur als für die jüngere Generation passend erachtet und schließlich Einer nach kürzeren, der Andere nach längeren inneren Kämpfen im Philisterleven landet und nach den Worten des polnischen Dichters ״gewöhnliche Brotfresscr" werden. Diese, durch das einscitige Erziehungs- und Bildungswescn verstümmelten Gemüter muß man eben von Neuem idealisieren und das hat mich zu der Behauptung bewogen, daß auch die jüdische akad. Jugend zu wenig Idealismus in die Bewegung hineinbringt, weil sie mit der Realisierung der Ideale nicht fertig werden kann. Wenn wir jetzt speziell auf die jüd. Erziehung an den Mittelschulen zurückkommen, wenn man von so einer überhaupt sprechen kann, dann ist cs fast durch- Wegs eine Erziehung im Sinne der gänzlichen Affimilation, was ja schließlich zum Taufbecken führt. Das einzige bischen Jüdischkcit soll den jüd. Schülern die Rcligionsstunde gewähren, die überhaupt eine Parodie des wirklichen Unterrichtes bildet. In der einen Stunde wöchentlich soll nämlich der bedauernswerte Religionslehrcr die Grundlagen der Religion, jüd. Gesetzgebung, jüd. Geschichte und hebräische Sprache lehren, wo doch lediglich für jedes dieser Unterrichtsgebiete einige Stunden wöchentlich kaum hinreichcn würden. Es ist also unsere strengste Pflicht, auf die Mittelschüler, die doch in der Zukunft unseren Nachivuchs bilden sollen, unsere Aufmerksamkeit zu lenken und vor allem darauf bedacht zu sein, daß wir ihnen erreichbare Ideale zeigen und ihnen jüd. Nationalbewußtsein einflößen. Diese Verstimmung der Jugend wird größtenteils durch die sozialen Verhältnisse herbeigeführt: jeder von den jüd. Akademikern muß in der Berufstvahl mit den herrschenden Vorurteilen rechnen, wenn er nicht gänzlich verkommen will. Und da beispielsweise das Studium der Rechte die ziemlich größte Freiheit und Unbegrenztheit den Juden läßt, so bildete sich förmlich eine besondere Judenkaste der Advokaten aus. Hiezu gesellt sich noch die gesellschaftliche Absonderung der nichtjüdischen Kreise, die wesentlich dazu beitragen, die Juden zur Verheimlichung ihrer Herkunft zu bewegen. Diesen Uebcln entgcgcnzutreten und cntgcgenzuwirken ist unsere Ausgabe. Unsere Aufgabe besteht demnächst in einer doppelten Entfaltung unserer Kräfte, in eine Tätigkeit nach außen und nach innen. Unsere äußere Tätigkeit endet nicht mit der jüd. Erziehung des Mittelschüler, sie erstreckt sich vielmehr auf alle Gebiete, Ivo nur Zionismus gepredigt und für den Zionismus gearbeitet werden kann. Die Pflicht unserer Lrganisation wird es sein, alle unsere nationalen Gedenktage festlich zu feiern, aller unserer Nationalhelden und bei jeder Gelegenheit unserer Institutionen, besonders des Nationalfonds zu gedenken. Um aber »ach außen hi» eine reiche Tätigkeit entfalten zu können, ist es selbstverständlich, daß lvir allein vorerst unserer Aufgabe gelvachsen sein müssen, daß wir allein gute Zionisten sind. Und die wesentlichste Grundlage des Zionismus bildet das jüdische Wissen, denn ohne jüdisches Wissen gibt es keinen Zionismus. In den Vordergrund tritt hier also die Kenntnis unserer jüd. Geschichte in ihrem synthetischen Zusammenhange, denn wir müssen es mit Beschämung zngeben, daß wir besser die polnische oder deutsche Geschichte von ihren primitivsten Anfängen bis in die Gegenwart kennen als unsere eigene jüd. Geschichte, obwohl wir ein so hervorragendes Werk wie ״Die Geschichte der Juden" von Graetz besitzen und ich bin sicher dessen, daß jeder, der die ganze Martyrologie des Judentums durch das Studium seiner Geschichte miterlebt hat, sicherlich dem Judentum nicht abtrünnig wird. Mit der allgemeinen jüd. Geschichte ist wie am engsten die Geschichte unserer Bewegung verbunden, so daß wir Geschichte des Zionismus als Stück jüd. Geschichte genau kennen lernen müssen. Zunächst möchte ich auf die Wichtigkeit des Studiums der hebr. Sprache Hinweisen, die viele nicht nur nicht verstehen, oder gar nicht hebräisch lesen können. Indem andere Völker die große Bedeutung der Erhaltung ihrer Nationalsprachc erkannt Kuben und Millionen für Schulzwecke ausgcben, flehen lvir noch weit hinter ihnen zurück. Wenn fremde Dichter und Schriftsteller cs zu Stande gebracht haben, die hebr. Sprache zu erlernen, um nur unsere Criginalwcrke und Dichtungen voll genießen zu können, so ist es ja unverzeihlich wenn wir verschiedene Esperantodialekte studieren und unserer schönen Sprache vergessen. Von besonderer Bedeutung ist es für jeden Zion:- sten sich mit den ötonomischen, sozialen lind politischen Verhältnissen unseres Vaterlandes vertraut zu »lache!, und bei der Berufstvahl sollte auch jeder die Eventualität ins Auge fassen, ob er nicht Mal auf dem (Gebiete in Palästina wirken könnte. Palästinographie ist also unentbehrlich. Dadurch lvill ich aber durchaus nicht gesagt haben, daß unsere innere Arbeit sich nur in den Grenzen des jüd. Wissens belvegen soll, ohne auch andere Wissenszlveige mit heranzuziehen. Um der geistigen Assimilation der Jugend wirksam ciitgegentrelen zu können, müssen wir vor allem ökonomisch-soziale Studien bctreiben, damit wir in einer sachlichen Diskussion unsere Sache verteidigen können. Tie alle Wissenszweige aber müssen lvir immer unter dem Gesichtswinkel des ZionisinuS betrachten, müssen ihre Bedeutung für uns Juden zu würdigen wissen, damit der ZioiiiSmuS eben unsere Synthese, unsere Weltanschauung bildet. Noch eine Seite unserer zukünftigen Tätigkeit muß ich hier hervorhebcn, nämlich unsere physische Entwicklung. Gerade so wie lvir die Pflicht haben uns intellektuell zu vervollkommnen, so haben lvir auch die Pflicht unsere physische Entlvicklung zu fördern und in der Richtung leistet nun das Verbiiidungsivesen einen unzlveifelhaft hervorragenden Dienst. Wenn mau uns unsere Rechte mit Geivalt nehnien ivill, dann müssen lvir Gewalt mit Gewalt beantworten und als ein erfreulicheS Zeichen eines solchen sich bewußten Judentums, daß sich keine Gewalt gefallen läßt, erachten lvir das kräftige Entgegentreten unserer brüderlichen Gesinnungsgenosscn den seinerzeit grassierenden Anti- Sokoiolvhetzern. Die in dem oben angegebenen Sinne erfüllte Ansgäbe zielt nicht nur zur harmonischen Entwicklung aller unserer physischen und geistigen Kräfte, sondern ist auch von großer Bedeutung für unser Nationalleben und lvcnn wir uns dies stets vor Augen halten, dann lverdcn wir ein Stück weiter gerückt sein in der Verwirklichung unsercS Ideals: ״Ein freies Volk in einem freie» Land." Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläBllch. Sternhof. Post Sokolnitz bei Brünn. Entgleist. Skizze vmi Bernhard Horowitz, Krakau. Es regnete in Strömen uns Die Erde war völlig durchweicht von Kot und Nässe als sie das Elternhaus verließ, um die elektrische Stadtbahn zu besteigen. Mitunter krachte ein surchtbarer Tonner und mit seinem (Ketose schien er die Erde aus ihren Angeln zu heben. Das Univetter erreichte seinen Höhepunkt. Tort außerhalb der Stadt am üblichen Zusammeiikuusts׳- ort, stand er und wartete. Als der Regen ihlt sehr stark wusch, kroch er in eine leerstehende Bude und guckte erwartungsvoll aus dieser in die Richtung, aus der sie kommen sollte. Eine Unruhe erfaßte ihn. Sie pflegte ja immer piiukrlich zu sein, was soll die große Verspätung bedeutend Verschiedene (Gedanken stürmten wirr in seinem Kops heruin. Sollte diese Stunde die Entscheidung bringen, die so lange erselmre Entscheidung? Wer mochte sie so lange zurückhaltend Habe sie sich vielleicht vor den Eltern versteckt und dies der (Krund ihrer Verspätung, dachte er. Immerhin war er in sehr gereizter Verfassung und litt wahre Folterqualen. Tiefen Abend sollte er abreisen aus die Hochschule nach W., um seine medizinischen Studien zu vollenden. Rur wenige 7,eit trennte ihn bis zum Abgang des Zuges. Er mußte abends fahren, denn er hatte eine Preisermäßigung der Bahnkarte erwirkt, die aber einen bestimmten tKiltigkeitstermii! hatte. Es war die höchste Zeit. Tenn nicht leicht kam ihn! der Abschied. Bange Zweifel zerfleisch ten sein Inneres bei den! lKedanken. daß er in W. nicht mehr die üblichen Rendesvous haben würde . . . Ihm schauderte es vor dem Alleinsein . . . Ein Heller Blitz durchzuckte das Universum, als ne mit zweistündiger Verspätung sich dem Lrte näherte, wo er sich befand. Er ert