Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 26 (9.7.1914)
- Date
- 1914-07-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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״Jüdische Bolksstimme". Nr. 26. Seite 10 lcliion i» der Londoner permanenten Weltausstellung.! Ter "Wiener fühlt ein seelisches Gebimmel, wenn er vom Kaffeehaus hört. Er weiß nicht, wie cs kommt, aber er ha! eine Sehnsucht darnach, eine Liebe und Zunciguiig. die der künftige Städtcporträt nicht wird außeracbi lassen können. Ter Wiener kennt keine Klubs. wo er im Mreife von glcichsvertigen Freunden seine "Abende verbringe, seiner Lieblingsbeschäftigung huldige» tonnte, er hört nur hie und da etwas von der sagcnbastcn englischen Ginrichtung — dafür hat er sein KasseebcniS. Er ist Stammgast, konservativ (mindestens ein Fahr langt, wird vom Ober sachkundig behandelt, mit diplomatischer Eourtoisic in seinen Launen zusricdengesiellt. Er bclommt seine Zeitung, sitzt an seinem Platzerl, kriegt in lvobligcn Abwechslungen konfiszierte Anikelchen zur Hand, die der ״Cfici" direkt für ihn reserviert — er ist ein Herr, dem man die Wünsche ab-, liest. V.omml da ein junger Freund aus Amerika und besucht seinen Vetter in Wien, kaum gibt's ein wenig Zeit, eine Stunde, die zu kurz für ein ״Wohin-Gehen", zu lang für ein wenig Arbeit ist — so sitzen beide im Stammeasb- Tenn, das muß zugesiandcn werden, der Wiener bat ein goldenes Herz. Er läßt sein Stammeasp nie unberücksichtigt. Es muß an jeder Freude teilnebmcn. Fii der gute Amerikaner weg und ein Freund da, mir dem man was vor hat, er wird mit herzlicher Gastlichkeit ausgenommen, sicht Wiens Gemütlichkeit, den blutenden Leichtsinn, das Leben, halb Traum, halb Ironie — am beste» all' dies — im Kaffeehaus. Tic Revue der Eharaktcre, die Auslese der Schattierungen vom blaublütigcn Monokelträgcr oder seinen Fmitatoren bis zum Wiener Trahrer, die elegante Tame und das tvnchtige Frau Sopherl vom Naschmarkt, der Herr cbemalige Amlsdiener Slabv und der Ncscrvcfcldivcbc! a. T. Pottcnhofer, Fabrikant und dcutschfrcibcitlichcr Abgeordneter Notvoln», und tschechisch-radikaler Volks- Vertreter v. Teutschlvart, Antisemiten, Philoscmitcn israelitischer Herkunft und Arier in zlvciter Linie — im Kaffeehaus. Ein Gewisper, ein Geflüster an dem einen Tische — ein halblautes Gespräch an dem ander», im Hintergrund Billardlischc und in verschiviegencn Ecken Gelegcnbeil Fortuna im Würfelspiel zu versuchen. Tazwischeu tadellos gekleidete Kellner, glatt gebürstete Pikkolos, die treuen Augen des Eafe's. In langgcsiicltcn Gläsern duslet der schaumgeborene ״Mclanche" und die ivoblproportionierlen Kaisersemiiiclii spalten sich in lockende ״Schnitte". Ein Berg von Zeituitgen hier, eine Moüciticm von amüsanten Blätter» dort, ernste, zynische, skeptische Gesichter rind lachende, mutivilligc . . - p du mein liebes Haus! F1> der Orsordsirecl in London steht ein ״Wiener .Eaiseehaus". Fusl ein richtiges Plätzchen. Nicht zu nahe dem Tnmmcl des ״Bant"-Perkchrs, nicht zu entrückt dem haslciidcu Treiben der Metropolis. Nicht vcrschiviudend iin Geivirre der Häuser, hübsch sei» an der Ecke mit bcscheidenent Antlitz. Wie es so schön gcschrieden stebl: ״Bescheidenheit ist eine Zier . . ." Wenn man bereinkommt, i» den nüchtcriie» Vorrauin — so siihli man gleich österreichische Luft. Ein ״Wniier" erklärt, das Easä zum Lesen, Rauchen tauch Kaisee — trinken! wäre oben. Ilntcn sei das Restauraui. lind ahnungsvoll durchschreitet man den Tiningroout, ttettert Stiegen hinan und kommt endlich in das Eaie׳. Doch ach, o Muse! Stärke mich und tvappue inich inil Mut: Ein nettes Zimmerchen. Einige Landsleute, zivei Herren aus Prag, einer aus einem kleinen ungarischen Städtchen und drei oder vier leere Tische. Perkreier von Austria, Represenlantcn des Wicncrtums, sch betrachte Euch mit Erhebung und Wonne. Fhr Pioniere unseres österreichischen Handels, Pfadfinder unserer Fnduslrie, welche Enttäuschung für Euch. Fhr kamt i» ein ״Wiener Kaffeehaus" und siche cs ist nicht der Geis! von Wien, der cs erfüllt. Fhr ivollier österreichische Gemütlichkeit und Fhr habet englischc Korrektheit, .stein .stellner türmt Zeitungen vor Euch auf, kein nebelnder Tunst umschleicrt Euch, kein wohliger Dusel umstrickt Eure Sinne. Kein sickernder Melanchc aus Eurer Taste, kein Billiard, kein Spielraum-alles, alles nicht. Und doch Wiener .stasfce- Haus. Und Fhr sind nicht mißinutig, nicht böse über die Wandlung. Es tut Euch wohl, freier blicken zu können, wie im Traum erscheint Elich das dämmernde Wien, froh blicket Ihr in das pulsierende, .vorwärtscilcndc London. — Fn den Spiegelscheiben des Plafonds sicht man den Reflex des Verkehres in der £rfordslrect. Vorübersauscnde Autos — — hindrängcn, ein Strömen von wollender.straft. Und Fhr denkt: Vielleicht gibts ein Mal mehr Ernst in Wie» und mehr Musik in London. Tic Kenesijoh. Gedauloh in Frankfurt. Frankfurt a. M., 6. Juli. Das Programm und die Tagesordnung der bevorstehenden Kenesijoh gedauloh der Agudas Jisroel-Organisation ist nunmehr festgcstellt. Tie eigentliche Kenesijoh gedauloh beginnt ain Ticnstag, den 3. Elul (25־. August), abends halb 8 Uhr und endet voraussichtlich Montag, den!). Elul (31. Augustt. — Von Mittwoch, den 27. Aw (1!). August) bis Sonntag den 1. Elul (23. August) wird j in Homburg die Tagung des ״Rabbinischen Natcs" stattfinden. Von Sonntag den 1. Elul (23. August) bis Dienstag den 3. Elul (25. August) finden Sitzungen des Provisorischen Komitees, der verschiedenen Kommissionen, der Landesorganisationen und Verbände statt. Tagesordnung der Kcnesijoh gedauloh: Ticnstag, 3. Elul (25. August), abends halb 8 Uhr: Eröffnungssitzung: 1. Gcneralbericht des Provisorischen Komitees. — 2. Vorlage der Geschäftsordnung für die Verhandlungen der Kenesijoh gedauloh und Wahl des Präsidiums. — 3. Begrüßungsansprachen. Mittwoch, 4. Eiul (2(5. August): Vormittagssitzuug: 1. Bericht des Wahlprüfungsausfchusfes. — 2. Vorlage und Generaldiskussion über das Statut der Agudas Jisroel. — 3. Nominierung des Wahlvorschlagsausschusses durch die Landesorganisationcn. — Nachmittagssitzung: N'eferat und Tiskussion über die finanstelle Organisation der Agudas Jisroel und die Grundfragen ihrer Propaganda. Tonncrstag, 5. Elul (27. August): Vorinittagssivung: 1. Stand und Hebung des Thorastudiiims in den verschiedenen Ländern der Diaspora" — Spezialrescrate aus den einzelnen Ländern. — 2. Tiskussion. — Nachmtitagssitzung: 1. Fortsetzung der Tiskussion. — 2. ״Eres Jisroel" — General- und Spezialrcferate. — 3. Tiskussion. Freitag, 0. Elul (28. August): Vormittagssitzung: Fortsetzung der Tiskussion über die Erez Iisrocl-Neferate. Samstag. 7. Elul (20. August): Reden und Vorträge der auswärtigen Rabbiner in den verschiedencn Vereinen. Samstag, 7. Elul (29. August), abends 9 Uhr: Jwangslofe Fnsammenkimft der Telegierten und Gäste. Sonntag, 8. Elul (30. August): Vormittagssitznng: 1. ״Tie ökonomische Lage der Indcnheit". — Spestalresera-te aus den einzelnen Ländern. — 2. Diskussion. — Nachmittags: Verschiedene Sondervcranstaltungcn und Veriammlnngcn von gesetzestreuen Vereinen und Verbänden. — Abends: Volksversammlung. Montag. 9. Elul (31. August): Vormittaqsfitznng: Fortsetzung der Diskussion über die ״Oekonamische Lage der Judenheit". — Nachmittagsfitznng: 1. Wahlen. — 2. Schlußansprachcn. 1 Ticnstag, 10. Elul (1. September): Sitzungen der ncnqewählten Verwaltungsorgane und der Landesorganifationcn. Ans dem Gang der Verhandlungen sich als notwendig erweisende Aendernnoen in der Ncihensolae der einzelnen Punkte der Tagesordnung bleiben der Kcnesijoh Vorbehalten. Zeitschriften und Bücherschau. Tic ״W c l t" bringt zum zehnten Todestag Theodor Hcrzls eine literarisch wertvolle Gedcnknummer heraus, die u. a. Beiträge von Zlocisti, Leon Kellner, Hcrmaiin Bahr, Ben Ami und dem den Lesern unseres Blattes wohlbekannten Marek Schcrlag enthält. Hingegen vcrmisicn wir die Fntimstcn Herzls, seine treuen Mitarbeiter, die ihm stets zur Seite standen. Daß z. B. David W o I f s o h n für eine Folge, die lediglich den Planen des großen Toten geweiht ist, kein Wort sindet, — glcichgiltig nun, ob die Redaktion seinen Beitrag nicht wünschte, oder ob er selbst nichts sagen ivolltc — scheint zu beweisen, daß die Gegensätze zwischcn der derzeitigen Leitung der Organisation und denen um Wolssohn seit dem Kongreß leider nichts weniger als eine Ausgleichung erfahren haben. Wir bedauern oas tie> und müssen gestehen, daß eine Be- Handlung, wie sic Fricdmann und Oppcnhcim e r tvcgcn ihrer Stellungnahme am deutschen Telegiertcntag in der zionistischen Presse zuteil wurde, die Möglichkeiten einer gemeinsamen Arbeit immer gcringer macht. Kurt Blumen seid plädiert in seiner temperamentvollen und gescheiten Art dafür, daß die Organisation nie zum ״Boykott" neuer zionistischer Ansichten gelangen dürfe;.sie wird immer den Mut haben müssen, neuen Wahrheiten in ihrer Mitte Raum zu gewähren . . . Sie wird leben, wenn schöpferische Kräfte in ihr und durch sie wiederum neue, unbekannte Ideen verbreiten." Wir stimmen dem von ganzcn Herzen zu; aber man möge andererseits nicht den Wert jener konstitutiven Kräfte verkennen, ohne deren Wirken man der neuen Erkenntnisse nicht teilhaftig geworden wäre. Man scheut sich jedoch vielfach nicht, über sic den rücksichtslosen ״Boykott" zu verhängen, welchen von den ״neuen Ideen" abzuwenden man mit Recht so sorgsam bemüht ist. — Von Max N o r d a u liegt eine knappe Seite vor, das Vorwort zur polnischen Ausgabc des ״Judenstaat". Mit Genugtuung begegnen wir einem Namen, der sin der zionistischen Oeffcntlichkeit fast verklungen war. Auch ein Verbitterter: Johann Krcmcnctzky. Zwar hört man auch jetzt aus seinen Worten tiefe Unzufriedenheit heraus, aber er spricht sich wenigstens aus. Es würde uns freuen, wenn dieser Artikel den Beginn seiner erhöhten Aktivität in der Organisation bedeuten sollte. * * * Die Sagen der Juden; Die Erzväter von Micha Josef bin Gorion. Literarische Anstalt Nüttcn u. Loening, Frankfurt am Main. — Das vorliegende Werk bringt in 4 Büchern ״Vom neuen Werden", ״Der Stammvater "Abraham", ״Abraham und Isaak", ״Isaak und Jakob" in Fortsetzung des vorangehenden ״Von der Urzeit" die Sagen und Mythen von der Ausbrcitung der Völker nach der Sintflut und die von den Erzvätern. Wiedort ist auch hier der größte Teil der Sagen dem talmudisch-midraschischen Schrifttum entnommen. — ״Acußertich genommen, bilden die Erzvätersagen, wie die von den ersten Völkern, die׳ Fortsctzung derer, die uns von der Erschaffung der Welt bis zu Noah und seinen Söhnen erzählen, näher betrachtct sind sic wie ein neuer Anfang. Aus dem Chaos läßt Gott seine Welt entstehen, und ebenso läßt er nach der Sintflut, wo alles vernichtet darniedcrlicgt, eine neue Welt anhcbcn. Noah ist gleichwie Adam der erste Mens ch, und auch von ihm kommen drei Söhne wie von Adam. Was aber bei dem Erschaffen der ersten Welt die Schöpfung krönt — der Mensch als Ebenbild seines Schöpfers, ist in der zweiten Welt, die nach Noah entsteht, "Abraham als der Erkennende. Mit dem Erkennen, mit dem Erkanntwcrden des Schöpfers durch seine Kreatur ist der Erlösungsgedanke in die Welt gepflanzt worden: dieser bekam durch Abraham Fleisch und Blut, und somit ist der erste Stammvater auch wieder wie eine neue Schöpfung anzusehen. Neben der Natur entsteht der Geist, mit dem Erkennen des göttlichen Waltens in der Natur, beginnt ein neues Werden . . . Für die Geschichte der alten Menschheit werden diese Sagen aus der Gencsiszeit, die nicht nur von Israel allein, sondern von allen damaligen Völkern und Stämmen mit aller Breite erzählen, manches aussagen. Für das Wissen um das eigentliche Judentum aber und sein inneres Wesen umso mehr. Die Geschichte der Erzväter war ihren Nachkommen ein Vorzeichen, lautet eine talmudischc Aeußerung. In den Wanderungen Abrahams und Jakobs, und besonders in den Nöten, i» denen sich der letztere ost befand, haben wir Vorbilder für die ganze Geschichte des Wandervolkcs. Abraham war der erste, der vor den Allmächtigen trat und betete, um dessen Zorn abzuwcnden, er lehrte seine Kinder Gerechtigkeit, Stammcstrcue und Ausharrcn in jeglichem Drangsal. Der Sinai und Horebbund, das ganze Werk der Offenbarung und das Werk der Propheten haben nur eine Läutern»8. Israels hcrbcigeführt; geschaffen wurde das Volk Gottes in der Zeit der Stammväter, und von ihrer Kraft, von der Kraft Abrahams, Isaaks und Jakobs und nicht allein von der des Moses wird cs getragen bis auf heute." — Der Wert dieses Sammclwerkcs — das in vorzüglichem Deutsch geschrieben ist — ist nicht hoch genug cinzuschätzcn. Ermöglicht eS doch den weitesten Kreisen einen tiefen Einblick selbst in den urältesten Sagcnschatz unseres Volkes, der so manche noch heute lcbcnsfrische Erzählung, so manches durchgeistigte Bild, so manche tiefe Weisheit in sich birgt. Ernst Lrbenhart. Für den Samstag nachmittags Jugeudgottesdienst (für sämtliche Mittel-, Bolks- und Bürgerschulen Oesterreichs) ist im ״Jüdischen Buch- und Kunstverlag" in Brünn, Adlergasse 9, ein Gebetbuch in schöner Ausstattung erschienen. Dieses Gebetbuch wird in sämtlichen Orten der Monarchie beim Jugendgottesdienste eingeführt werden. Preis des gebundenen Exemplares 40 Heller, Porto 5 Heller. Bei Mehrbezug Rabatt. svUii!!, L׳ , dd