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Jüdische Volksstimme · 1914-07-09 · Heft 26 (9.7.1914) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 26 (9.7.1914)
Date
1914-07-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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,*•1ft2*׳ier'>Vrmsm\'i Nr. 26. XV./3 Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jiw. Lolksstimme . 9. Juli 1914 Seite 9. Va5 jüdische Heben in Galizien. Seit Herzls Hochwort. Vom Pefthauch der Feindschaft die Wange gebleicht. Gestriemt vom Geißeln den Rücken, Von elender Knechtschaft den Nacken gebeugt. So mußten dem Joche sich bücken Die Juden, eh ihren gesunkenen Mut Des Moses Mahnung ermannte — Dann aber mußten die Ketten entzwei, Gabs nichts, das die Freiheit noch bannte: Un8 gings auch durch Wüste, durch Mühsal und Tod , Durch Feinde. Kriegh und Schlachten, Sie blieben dem Traume der Hoffnung treu. Bis sie sich zur Wahrheit ihn machten. — Auch wir sind nicht frei und geißelt man uns Auch nicht, wie einstmals, den Rücken. So peitscht doch die Seele man täglich uns wund — Doch auch wir wollen nicht mehr uns bücken. Seit Herzls Hochwort zur Fahne uns rief: ״Auch uns laßt den Vätern gleichen. Wir Juden für Judentum Gut und Blut, Und auch unsere Fesseln weichen" — Und gings auch durch Wüste, durch Mühsal und Tod. Durch Feinde, Kriege und Schlachten, Wir bleiben dem Traume an Zion treu. Bis wir uns zur Wahrheit ihn machen! Ernst Lebrnhart, Prag. Brief an Hans Herzls) Lieber Hans! Fern von der Stadt, wo Du wohnst, aus einem Lande, das man rückschrittlich nennt, (Galizien) richte ich diese Worte an Ara,, Nimm sie entgegen, denn sie tommen von einem, der jahrelang mit Deinem Vater zusammen gearveitet, den lebenden angebetet und den loten beweint hat. Entsinnst Du Dich vielleicht, wie ich im Februar 1897 bei Euch die schönsten Tage meines Lebens verbrachtes Damals lernte ich Deinen Vater persönlich kennen und erkannte ihn gründlich. Seine weiten Horizonte, die prächtigen Fortnen seiner Erscheinung und den reichen Inhalt seiner Seele. Auch Dich habe ich danials kennen gelernt. Ich durfte einen Blick in bie Kinderstube tun. Und Dein Vater war damals voll Freude, glücklich und heirer, denn es nahte ihm ein Rätsel, das er lösen wollte. Er fühlte in sich die Kraft eines Titanen und die Macht eines Riesen. Jahre vergingen. Wohl war ich mehreremal bei Euch, blickte aber nicht mehr in Deine Stube. Der Vater war derart mit Arbeiten überhäuft, daß er mir nicht mehr, wie früher, von feinen häuslichen Verhältnissen erzählte und Einblick in sie gewährte. Es hatte sich indessen auch sein Aussehen stark geändert. Die vielen Erfahrungen ließen sichtbare Spuren an ihm zurück. Dem vierzigjährigen Manne, der freiwillig die Sorgen des ärmsten Volkes trug, begann das Haar grau zu werden und in dein schönen Antlitz zeigten sich Furchen. Dein Vater war der Spiegel unserer Leiden. Wenn es uns gut ging, leuchtete fein Antlitz. Wenn es uns schlecht ging, was häufiger war, dann hattest Du vor Dir das Bild'eines leidenden Menschen. Und ging es uns sehr schlecht — damals als ich nach den Kischenewer Tagen mit ihm auf dem Wald- Wege von Ischl nach Laufen ging — da ״ward feine Seele eine einzige blutende Wunde", wie er in seiner wunderbaren ״Menorah" schreibt, und die Seele wand sich und suchte Befreiung in Plänen, die ein ewiges Denkmal der Größe Deines Vaters bleiben werden. Euch begann der Vater damals zu vernachlässigen, denn seine Familie war gewachsen. An Stelle dreier geliebter Kinder traten Hunderttausende des geknechteten Volkes. Dein Vater war nicht nur Herr seines Hauses, sondern auch *) Geschrieben im Dezember 1914 zum Chanukafeste. der Vertreter des obdachlosen Stammes. Und es kamen zu ihm Reiche, ösrers Arme, nianchmal Aeltere, häufiger Junge, es kamen Gelehrte und Analphabeten, Fromme und Ungläubige, Rückschrittliche und Fortschrittliche, Abenteurer und Talente. Von Often und Westen kamen sie. Um Rat die einen, um Unterstützung die anderen, um Aufmunterung die meisten. Tenn es war in Herzl die Bescheidenheit des Selbsteigenen, die Naivität des Kindes, die Sehergabe des PropHeien, der Weltschmerz des Opfers, der Instinkt des Entdeckers, der Wille des Despoten, der Mut des Helden, die Demut des Gottesfürchtigen, die Würde des Herrn, das Verantwortlichkeitsgesühl des Führers, die Disziplin des Soldaten, die Kraft des Löwen, der ^:ckMung des Adlers, der Stolz des Spaniers, die Pl)antasie des Morgenlandes, die Begeisterung des Jünglings, die Energie des Engländers, die Hartnäckigkeit des Bauern, die Güte der Mutter, und die Wahrhaftigkeit des Gottgesandten. — Und es erschloß der Meister denen, die zu ihin kainen, sein großes Herz und seinen Hellen Geist und seine volle Tasche. Und er tat es so lange, bis das Herz brach, der Geist erlosch und die Tasche sich erschöpfte. Wieder blickte ich in die Killdersrube. Vier bange Julitage habe ich dort verbracht, die traurigsren Tage niemes Lebens. Im anstoßenden Zimmer lag Dein Vater aufgebahrt. In schmerzen wanden sich dort Juden aus allen Landern. Wenn Tränen Waffen wären, womit man eine Sache rettet, unser Volk wäre schon auserstanden.- Ein Meer von Tränen wurde in diesen Tagen vergossen. Das größte Herz des jüdischen Volkes schlug nicht mehr. Wenn wir ausruhen wollten, begaben wir uns in Deine Stube. Und aus dieser Stube, weiß wie Deine Seele, licht wie Deine Vergangenheit, sandten wir unsere Klagen in die weite Welt. Von dort gingen die Stral)len unseres Schmerzes aus, dort konzentrierte sich unser Jammer, denn uns umgab von der einen Seite die Leiche, von der anderen Deine lebendige Stimme: ״Jisgadal wejiskadasch scheine Rabo." Und es kam der Augenblick des Scheidens. Ungeheuere Nolksmassen huldigten Deinem Vater. Jeder begrub mit ihm ein Stück seiner Seele. Und auf dem Friedhofe, wo so viele reden konnten und wollten, erteilte man Dir allein das Wort zum Sprechen des Klageliedes. Und du sagst es seitdem jeden Tag . . . * * » Es nahen die Tage unserer Freude: Chauukah. Schön feierte dies Fest der Freiheit Dein Vater. Uns allen hat er das Licht symbolisch angezündet. Euch zu Hause aber in Wirklichkeit. Da standest Du mit den Schwestern und sahst zu, wie die Lichtlein flammten ... Du fingst an die Lichtlein lieb zu haben und die Begebenheit, die damit verknüpft ist, und deinen Vater. Mit Ungeduld erwartetest Du die Woche, die Dich dem Volke näherbrachte. Heute wird niemand kommen, niemand liebevoll die Kerzlein nehmen, um sie anzuzünden und Euch zu beglücken. Niemand — jedenfalls nicht Er. So kalt wird's dort im Herzen sein, wie's draußen kalt und neblig ist in diesen düsteren Herbstcwenden. . . . Weißt Du, liebes Kind, wen Tu beweinst? Weißt Du, wie sehr Du verwaist bist? Anderen Waisen werden Erbschaften hinterlassen oder sie gehen leer aus. Bei Dir trifft weder das eine noch das andere zu. Du erhieltest gar keine Rechte, übernahmst dagegen eine große Pflicht. Du bist Herzls Sohn, ein einziger Sohn. Du erbtest einen historischen Namen. Eine große Pflicht lastet nun auf Dir. Auf dem Tempel zu Delphi war die Infchrift zu lesen: ״Erkenne Dich selber." Dich soll eine andere Inschrift verpflichten: ״Erkenne Deinen Vater!" Erkenne ihn, liebe ihn und identifiziere Dich mit ihm; beginne vorzurücken, wo er stehen geblieben. Sei in dieser für Dich schwersten stunde des Lchmerzes und Dein Lebenlang ein ehrlicher Mensch, ein guter Jude, sei Herzl! Es küßt Dich Deines großen Vaters bescheidener Schüler ___Adolf Stand. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläBlich. Sternhof, Post Sokolnitz bet Brünn. Der Rassenfanatismus in Polen. Aus Warschau schreibt man der ״Arb. Ztg.' vom 2. d. M.: Nirgends blüht jetzt die Rassenhetze in solchem Maße wie in 'Russisch-Polen. Wirtschaftlicher Boykott. Gesuche von Dorfgemeinden um 'Ausweisung der jüdischen Bevölkerung, Einäscherung jüdischer Häuser und Verbrennung der darin befindlichen Insassen, brutale Mißhandlungen und grausame Mordtaten, das ist ungefähr das Ergebnis der Verhetzung, das fast täglich in Stadt und Tors zu registrieren ist. Einer dieser schrecklichen Fälle kam dieser Tage zur Verhandlung vor dem Warschauer Kreisgericht. Ter Sachverhalt ist folgender: Vor einiger Zeit hatte eine gewisse Matuschewskaja» eine Eintvohnerin von Schirardotvo, Gonverneincnt Warschau, bei einem Streite eines christlichen Knaben mit einem jüdischen diesem einen Schlag mit den Worten versetzt. ״Ich werde unbedingt wenigstenö einen Beilis totschlagcn." Beilis ist nämlich in Ruffisch-Polen seit vorigem Herbit der übliche Schimpfnanic für einen Inden. Tie MatuschcroSkaja tvohnte aber bei ihrem Liebhaber in einem Hause, welches der Jüdin Freudenreich gehört. Infolge stürmischer Proteste ihrer jüdischen Mieter bat nun die ».׳nannte jüdische Hanstvirtin den Liebhaber der MatnschewSkaja. diese ans ihrem Hause zu vertreiben. Wenige Stunden darauf tütete die MatnschewSkaja mit einer Art die sechzigjährige Freudenreich, meldete sich dann selbst bei der Polizei und erklärte, daß sie eben eine ..Beilisowa" ermordet hätte. Vor Gericht gestand sie ebenfalls ihre Tat und tvurde zu drei Jahren Gefängnis!1 ׳.׳.!•teilt. Tie Milde des llrteiles ist geradezu eine Anssordernng zu ähnlichen Mordtaten. Das russische Gesetz hat einen Paragraphen, der jedes Verbrechen, das aus nationalein Hasse stamnit, viel strenger als sonst verurteilt. Ter Gerichtshof wußte genau, daß in Russisch-Polen gegen die Juden ein Kampf auf Leben und Tod ansgefochten wird, und der Zivilklägcr hatte es nicht verfehlt ,ans die erschreckenden Tatsachen der neueste» Zeit ausdrücklich hinzuweise». Wenn nun Mordtaten mit kurzen Gefängnisstrafen bestraft werden, so kann man sich leicht vorstellen, welcher Gefahr insbesondere die Inden ausgesetzt sind, die vereinzelt innerhalb einer fanatisiertcn Bevölkerung wohnen. Vielleicht ist dieser Vorfall geeignet, die polnischen Kahalgrößen auch bei uns zur Vernunft zu bringen und ihnen kkarzulegen, daß es an der Zeit, endlich einmal dem polnischen Fanatismus einen Damm zu sehen. Wirtschaftlich ist es den Polen beinahe schon gelungen, die Juden in Galizien, vollständig zu boykottieren und so an den Rand des Ruins zu bringen. Nichts leichter als daß die verbrecherische Verhetzung Russisch-Polens auch Galizien ergreift und in Mord und Totschlag ihren Ausdruck findet. Jede Weile liest man, daß beschlossen wurde, einen Tag der jüdischen Gemeinden GalizienS einzuberufen, um über wirksame Gegenmittel zu be» raten, aber jetzt kommt ja der Sommer und die verschiedenen geadelten und nichtgeadelten Parnesim ziehen es vor, am Meer oder in den Alpen sich zu erholen, statt auch nur den Versuch einer Abhilfe zu beraten. Tie Wahlen stehen ja noch nicht vor der Tür! Jedenfalls werden sich die Juden Galiziens die Stellung» nähme oder beffergesagt Nichtstellungsnahme der von ihnen gewählten Landtags- und ReichSratsabgeordneten gegen den polnischen Boykott merken. Wiener Kaffeehaus. Skizze aus London. Man erwartet feurige Zigeunermusik, sauft wogende Geigentöne, süße Melodien, prickelnde Walzer» hinschmelzende Lieder, ein Stück Orient kn malerischen Farben und entzückenden Tönen und tritt in ein mä- > ßig elegantes Lokal, das nicht einmal einen «usgesprochenen Charakter hat. Halb Restaurant — halb Kaffeehaus. Die österreichische Halbheit als Musterkol-

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