Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 24 (25.6.1914)
- Date
- 1914-06-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 ״Jüdische Bolksstimuie". Nr. 24. chc der Phantasie tragen es auf eine Menschen-, der Darsteller mit 100 K Strafe vom Kommissär belegt, weil die Vorstellung in der ..Hottentotensprache" aufgcführt worden sei. Dieser Kommissär hat sich auch leere Bwsel, wo er ernst und fröhlich dem Tier- und Pflanzenreiche gebietet; stark am Körper voll Klugheit und Milde schaltet und waltet es am Schosse der Natur; unabhängig ist cs und selbständig; — oder — wie cs dem Kinde träumt: In der schrecklichen Feuersbrunst, die in der Nähe ein großes dreistöckiges Haus verzehrte, war ein Menschenleben bedroht; ein tapferer Jüngling wirft sich todcskühn in die rauchenden Flammen; mit zurückgezogenem Atem erstarrt vor Schreck, erwartet die Menge da draußen seine Rückkehr: nach einer Weile erscheint der Jüngling, ganz schwarz von Nauch, in den Armen, das im brennenden Hause vergessene Baby. Stolz und herrlich leuchten seine Augen; wie zwei Sonnen sind sie und die Menge bewundert, umjauchzt und nmjnbelt ilin, ihn den Helden. Manchmal wird das Kind im Traume zum genialen Feldherr; an der Spitze eines kleinen Heeres, schlägt er, durch sein Genie getragen, die unzähligen Feinde seines Vaterlandes; oder in einen Krczus verwandelt es sich, der von Menschenliebe durchdrungen, milde lächelnd, Millionen von Tränen trocknet, die die Armut und das Elend den unglücklichen Menschcnkindcrn ausgcpreßt hat. (Fortsetzung folgt.) Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuveriäBlich. Sternhof. Post Sokolnitz bei Brünn. Aus dem galiz. Jammertale. in einem jüdischen Geschäfte angesichts eines Programms über den ״Beilis-Prozeß", den ein dortiges Kino aufsührcn sollte, geäußert, er werde zur Vorstellcung nicht hingchen. denn er fürchte, es würde ihn zu sehr ausrcgcn, da er überzeugt sei, daß die. Juden tatsächlich Christcnblut gebrauchen und von Zeit zu Zeit christliche Knaben verschwinden. Diese frechen Worte eines hohen Staatsbeamten, der auf die Verfasiung und die Staatsgrundgesehc geschworen hat, erregten mit Recht die Empörung der Stadtbcvölkcrung und auf Vcranlaffung einiger beherzter Juden wurde gegen diesen die Ehrenbeleidigungsklage überreicht. Um sich nun für dieses Verbrechen zu retten, läßt er die dortigen Juden seine eiserne Hand fühlen. Er martert sic in qualvoller Weise. Aber die Leute halten Stand und der Prozeß wird in den nächsten Tagen stattfinden. So könnte man noch spaltcnlangc Berichte über derartige Vorgänge geben, nur vergeht einem der Atem bei der Skizzicrung solcher deprimierender Tatsachen und vor seinem Geiste sicht er die schreckliche Macht, die einen gewissen Teil der Menschheit als vogclsrci betrachtet, ihn knebelt und erdrückt, loährcnd diese gleichzeitig schöne Phrasen von Demokratie und Fortschritt im Munde führt . . . Jahrzeitkerzen. Havdolohkerzen Tempelkerzen zu beziehen durch das Spezialgeschäft Un kl« lie. n«U. Olga Jarosch Brünn, Adlergasse 2. Kleinstadtleben. Das teuflische Weil der .,schwarzen Banden" schreite! rasch vonvä—Das Land Galizien, welches im KlerikalismuS ״:.׳.d RcaktienismuS ganz eigenartig konservative und traditionell eiiigeivurzcltc Anlagen bat, ist 'in Bezug aus die J!1denfr->ae, ganz aufnahmsfähig und allen modernen, bösen Geistern zugänglich. Es 11m׳b keine Methode, die im modernen Antisemitis- MUS einporivucher^. außer acht gelassen. Die ״Liga zur Polonisierung der galizischr.i Städlc", mit dem .Hauptsitze in Krakau, arbeitet til-hiig und beruft große Maiiisestationsvcrsammluugen ein, auf welchen die giftiz. stcn Referate gehalten ׳״erden, um die Kampfmittel gegen das Judenhäi'slcin zu verschärfen und auszudchneu. I» den Schulen!״erde!! wieder des öfteren verschiedene Pamphlete verteilt, die die Schuljugend in den schmutzigen, brutalen Rasscnkamps hincinzerren sollen. In den Kleinsiädi-׳.; lassen die Geistlichen ihre Nedepseile sdiießen und die Kirchen werden mit den Diinst-.'nmcnschensressischrr Dogmen angefnllt. So war'S zum Beispiel in Miclec, wv der sdilvärzesle Antisemitisinnö seine Brutstätte bat. daß seit einiger Zeit mehrere Brände in der Stadt vorgckommen sind. Anfangs mutete inan den Brand einem Ilnglückssallc zu: als sich aber die llnnlticlsfälle ,nchrtcn, spürte die Behörde dee '■׳־':k'vu nach und eini .e Bursche!׳ wurden verhaftet. Den dortigen Geistlichen lall dies aber nicht in Ruhe gelassen haben und iv äußerte er sich vor Gericht, daß die Inden immer gegen Feuer assckuriert seien, folglich nur zwischen ihnen die Schuldige» gesucht werden »inssc», denn die Inden brandlegen. ui»,dann Afsckuranzgeld cinzuziehen. Diele Aussage hatte ihre .1 ■״ rkung, und sltiif jüdische angesehene Bürger wurden hierauf verhaftet und unter dein schrecklichen Verdacht der Brandlegung und sie ivcrdcn dem Tarnolvcr Gericht eingelieseri werden. Es wird nun erwiesen, daß 4 von diesen überhaupt nicht, und der fünfte für einen minimalen Betrag versichert ist. Die politischen Behörden wieder ergänzen das antisemitische Werl mit den Mitteln, welche ihnen zu Gebote stehen. I» diese Rubrik gehört ein ganz eigenartiger Fall, welcher in Husiatyn sich jetzt ereignet hat. Vor einiger Zeit ist dorthin versetzt worden ein Bezirkshailptnianiischastskommissär namens E. R. Seine Vergangenheit trägt den Stempel der Dunkelheit, denn er wird sehr oft ״transferiert". Seine hcrvorstchcndcn Charaklcrcigcnschast ist jedoch sein großer Judenhaß. Er haßt ganz besonders die jüdische Sprache, welcher er den Beinamen ״Hottentotcnsprachc" gab. Er suchte Gelegenheit, der von ihm so leidenschaftlich gehaßten Sprache einen sühlsamcn Stoß zu versetzen. Als der dortige Amatorcnklub das Drama ״Die Juden" aufführen wollte, verbot er die Aufführung mit der Motivicrung, daß er die Hottcntotensprachc auf die Bühne nicht kommen lassen wolle. Als die Darsteller beim Bezirkshauptmann Beschwerde führten, riet ihnen dieser, der doch Unparteilichkeit in sich haben soll — die Eingäbe in dem Sinne zu machen, daß die Ausführung deutsch sei» lvcrdc. — Nack der Aufführung wurde je- Ein Bild von Bernhard Horowitz. Ruhig, inonvton, schläfrig liegt das Städtchen Krakau ausgcbrcitet. Keine Zuckung rüttelt seinen Körper. Eine verlassene Insel in dein großen rauschenden Meere des Alltagslebens. Ein entnervtes Glied in dem gewaltigen Welt- Mechanismus, zu dem die Blutzirkulation nur in kleinen Tröpfchen und weiten Abständen zurieselt. In den Wochentagen herrscht ein lahmcr, matter Verkehr und die sich bewegenden Geschöpfe erscheinen wie Nachtwandler, vom fahlen Mondlicht beschienen . . . Lang, furchtbar lang und ״ewig" sind dort die Minuten. Die Welkuhr hat dort schmierige, schwere Zeiger, die mit Unlust und Schläfrigkeit sich wciterschicben. Am Ringplatz lustwandeln einige Geschöpfe, die Stadtneues hcrumklatschcn und wieder auffangen. Tort am Ende der Straße rutscht am Boden ein kleines, schmutziges, mit Klciderfetzen bekleidetes Kind, dem seine Mutter, die Hühner- Verkäuferin, mit einem großen Korb Hühner und Gänse beladen vorangeht. Ter Kleine macht wundersame Krümmungen und stößt von Zeit zu Zeit in rasenden, ohrenbetäubenden Tönen tolle Redensarten heraus. Tie Mutter wendct sich um und mit ihren Füßen versetzt sie ihm einen kräftigen Stoß, wobei seine Triller den Höhepunkt erreichen . . . Auf einer anderen Seite des Ringplatzcs steht eine Bäuerin mit einem Wagerl allerlei Grünzeug und im Kreise um sie steht eine Menge Weiber, Mädchen und Männer mit schwarzen und grauen Haaren und man vernimmt nur ein Durcheinander, einen Wirrwarr von Stimmen, die sich gegenseitig überbictcn wollen. Der Glückliche, der zuerst kam, oder der robuste, kräftige Arme hat und einen ersten Platz nächst der Bäuerin erobern konnte, heimst die besten Dinge ein und läßt den andern nur das Schlechte zurück. Tie Bäuerin ist entflammt, dieses tolle Hcrumrcißen um sic macht sie wirr, sie weiß nicht, wem früher zu antworten. Manche suchen sie in einen Fragen- und Antwortknäul zu verwickeln, um ungesehen ihrem Handwerke nachgchen zu können . . . Auf einem anderen Platze schaukelt sich ein Betrunkener, lustige Volkslieder hervorstöhnend, In den kleinen Krämchen hocken die Krämer und wenn sie einen Kunden abfcrtigcn in die anstoßende Wohnung zur Ausruhc gehen, wissend, daß der nächste Kunde in einigen Stunden wieder sich zeigen wird . . . Oder sic stehen mißmutig und in ihr Schicksal ergeben vor dem Fcnstcrladen und gähnend schauen sie ins monotone Freie. Aus einigen Kaminen steigt, sich kräuselnd, der Rauch in die Höhe, als wollte er diesem eintönigcn leblosen Sumpf für immer Adieu sagen. Er ist froh die Freiheit erlangt zu haben und den engen schmutzigen Aufenthaltsort mit heiler Haut entkommen zu sein. In einer längeren Reihe sitzen mit ihren kleinen Ständen die Obstverkäuferinnen und aus ihren schwarzen hohläugigen Gesichtern frohlockt die Armut und das Elend. Und der Gedanke erfaßt, wie von diesen paar Obststücken, die alle zusammen nicht den Betrag, den ein Mensch zur Befriedigung seiner Bedürfnisie für bloß eine Woche braucht, betragen diese elenden Geschöpfe ״Parnose" ziehen können ... Alles ist matt, fahl, der Begriff des Gebrauches kleinlich und begrenzt. Als ob die Sehkraft dieser Menschenkinder viel schwächer und nur kleine Horizonte umfaßen können. Dies in Wochentagen. Am Samstag, da ruht Gottes Natur vollständig und atmet tief im Vollbesitz eines kräftigenden Schlafes nach der Woche anstrengender, schwerer Arbeit. Keine Hand rührt sich, die Läden sind gesperrt, der Markt aufgeräumt und nur wenn eine Bauernführe die Stadt ׳vorübersaust erdröhnt ein Widcrhall ihres Geprasiels auf den Steinen ... So lebt dieses Nest, jahraus, jahrein, und der Wechsel der Generationen geht an ihm fast unmerkbar vorüber. Nahe der Stadt befindet sich der Friedhof. Die Lebendigen und die Toten paßen in eine Kategorie . . . Auf dem Friedhof ist alles rein, auf manchem Grabe sind zarte Blümlein hervorgesproffen und naiv schauen sie jeden Vorübergehenden an. Dennoch wenn ein Besitzwechsel stattfindet, wenn eine Leiche vom Städtchen hinausgetragen wird, da ists nicht monoton dort. Da kreischeu Weiber und manche weinen jämmerlich, sich die Haare zerzausend. Ein allgemeines Leid und uncingeschrenkte Trauer liegt auf der Stadt ansgegosien und die weinerlichen, schmutzigen .Häuserreihen sind mit in die Trauer versünken . . . Ter Leichenkasten mit dem schwarzen Tuch ist das Schreckaespenst des Städtchens und lange, tiefschwarzc Wehmutsschatten senken sich über der Stadt wenn er hinausgetragen wird... Dr. Rudolf Katbolicky gtf. Leiter כ l.cmirg. JIMeihrag der taidetkrankeiunstalt wofcat: Ecke Jcrdiuandsga$$e und Zodauueraarre <.״«» ordiniert tHgNctz een 2 Nt 4 Ubr ״icim. . Fentpreeder vr WS. כ An Dr. Mandelstamm, Kiew. Aus dem im Jüd. Verlage erschienenen Werke ״Das Leben Theodor Herzls" von Adolf Friedmann. Alt-Ausice, Steiermark, 18. VIII. 1901. Mein teurer, guter Freund! Müde Hab' ich mich gelaufen und bin von dem Gesindel, welches über das Geld verfügt, nicht einmal angehört worden. Es wird Pech und Schwefel regnen müssen, damit diese Steine!reich Iverden. Es ist unerhört und in fünfzig Jahren wird man diesen Leuten auf das Grab spucken, wenn man es erfahren wird, daß ich mit..?) nahezu fertig war und nur die lumpigen-Gelder nicht bekommen konnte. Natürlich dürfen wir heute unserem Zorn und Schmerz nicht Luft machen, denn dann erführe auch . . . unsere inncrc Schwäche und ich muß mich bemühen ihn hinzuhalten. Zeit zu gewinnen, Wasser aus dem Felsen zu schlagen und Gold aus dem Koth zu kratzen. Bequemer für mich wäre es ja, heute abzuschließen und eine Proklamation zu erlaßen: ״So, Juden, ich armer hilfloser Journalist habe es in fünf Jahren so weit gebracht, mit . . . selbst, diese Verhandlungen führen zu können. Was an mir war, habe ich getan und mehr. Ihr aber laßt mich im Stich, Ihr seid eine Bagage — hol Euch der Teufel! ich kümmere mich um nichts mehr." *1 An Stelle der Punkte steht im Original ein Chiffre, die den Sultan Abdul Hamid bezeichnet.