Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 24 (25.6.1914)
- Date
- 1914-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 24. XV./3 Jahrg. Beilage zur,Wiener Jüd. Volksstimme'. 2~j. Juni 1914 äciu 9. Das jüdische Leben in Galizien. Die Erziehung der jüdischen Jugend in Galizien und die Organisation der Schomrim. Dr. Heinrich Sterner, Lemberg. II. ״Tie 'Arbeit adelt den Menschen" lautet ein bekanntes Sprichwort. Der Mensch arbeitet, lernt vielleicht am meisten in seinen Kinderjahren. Die erste und wichtigste Ursache jenes freiwilligen Tätigkeitsdranges, somit auch des Fortschrittes, das Feuer der Neugierde lodert in der Seele des Kindes in herrlichen Flammen. Es ist nicht nur die Beschäftigung, die Arbeitsfreude allein, die das Kind glücklich macht, es ist auch die Tatenfreude. Das Knst) arbeitet nicht in die Leere hinein, es hat immer ein bestimmtes Ziel vor den Augen, dem es zustrebt; es erreicht gewohnlich das Gewünschte, um sofort die Richtung seiner Bestrebungen zu ändern und einem anderen Ziele zuzusteuern. Durch den Erfolg steigt das Selbstvertrauen, der Glaube an eigene Kräfte. Das Kind fühlt sich stark, tüchtig und glücklich. Das Edle, ursprünglich Menschliche unserer Natur kommt zum Vorschein, die schönsten, sonnigsten Seiten des Charakters erstrahlen in märchenhafter Pracht; das Fundament und die Krone der Moral, die Liebe zu den Mir- Menschen glänzt in den Hellen Augen des unschuldigen Kindes, offenbart sich in seinen unbewußten Handlungen. — Draußen aus den Parkanlagen sind wir öfters Zeugen köstlicher Szenen, lvie plötzlich und unerwartet, einen: innercnTriebc folgend ein Baby das andere herzlich umarint und mit Wonne abküßr. — Musterhaft und allseitig wird der Mensch in seinen Kinderjahr erzogen: geistig, physisch und moralisch. In jüdischer Umwelt aufgewachsen ohne bewußte zweckmäßige nationale Beeinflußung, hat doch das Kind volles Verständnis und Sinn für alles Jüdische, es ist einfach ein jüdisches Kind. Glicht die Eltern sind es doch die das Kind erziehen; sie sorgen gewöhnlich nur für seine Nahrung, seine Kleidung und Wohnung; d i e Umgebung ist es, die das Kind erzieht, die tote und die lebendige; der unerreichbare Mei ster, das Leben, das unmittelbare, interessante, frische Leben ist es, das den Geist des Kindes ausbildet, den Edelstein seiner Seele natürlich schleift, seinen Körper kräftigt und stählt. Ter harte Kampf ums Dasein ztvingt den Menschen schon in frühester Jugend sein Wissen wie ani meisten zu erweitern und zu vertiefen. Aus dem bis nun klaren, wolkenlosen Kinder- Himmel erscheint ein Schatten; ein Nebel beginnt die Menschen und die Gegenstände, die ganze Welt zu umhüllen; das glückliche, sorglose Leben des Kindes wird allmählich verdüstert: Das Kind kommt in die Schule; seine Erziehung übernimmt der unvollkommene Mensch. Dein Kinde wird das Lesen, Schreiben, Rechnen auf eine Weise beigebracht, die es langweilt, ja sogar ihm widerlich ist; es versteht und fühlt nicht den engen Zusammenhang zwischen dem fröhlichen jauchzenden Leben da draußen und den: eintönigen sinnlosen Wissen, daß man ihm in: dumpfen Schulzimmer ernst und beharrlich einprägt. In den höheren Klassen, in der Mittelschule geht es innner schlimmer, immer mehr bergab. Nicht der sprudelnde kristallhelle Lebensquell ist es, aus dem es seinen-reinen nahrhaflen Trank schöpft, das Quellenwasser hat schon einen langen, sehr langen Weg auf der Erdoberfläche zurückgclegt; es wurde trübe, verlor den ursprünglichen labenden Geschmack. Neue Sprachen büffelt das Kind ohne die leiseste anspornende Ahnung der kostbaren Kulturschätze, die ihm durch deren Erlernen leicht und mühelos zugänglich werden. Die wundervollen Gesetze, die das Weltall regieren, die Naturgeschichte, die Physik, aus dem Buche lernt sie das Kind kennen, von Zeile zur Zeile bewältigt sein Ge d ä ch t n i s die aufgegebene Lektion, doch die Seele des Kindes, die schlummert. Das beste Buch kann das Leben nicht genau wiedergeben, die antastbare bezaubernde Wirklichkeit ersetzen und die galizischen Schulbücher gehören gewiß nicht zu den besten. Das Kind kann den Sinn dieses leeren jeelenlosen Studiums weder erfassen, noch empfinden, und leblos und traurig fristet es sein Dasein. Besucht das Kind nur die jüdischen Schulen, den Eheder, die Jeschiba, ist seine Lage gewitz nicht günstiger; schon in seinem vierten Lebensjahre beginnt der Kanlschu des Nebbe und des Behelfers seine schöne Seele zu deformieren; es :ן: ein langbewährtes Mittel die abgewandte 'Aufmerksamkeit des Kindes auf Sen vorgetragenen — eigentlich vorgeschriebenen — Gegenstand zurückzulenken. Hier noch mehr als in den öffentlichen Staatsschulen ist das Lernen nur eine inechanische Gedächtnisübung und nicht eine allseitige harmonische Ausbildung der geisligen, physischen und moralischen Kräfte der Lchrliktge; die Seele der tüchtigste:: gefeiertesten Zöglinge dieser reinjüdischen Lehranstalten, die wegen ihrer ungewöhnlichen Belesenheit und scharfen Verstandes von ihrer Hingebung umjauchzt und umjubelt werden, ist meistens nicht die Schatzkamnrer der feinen, erhabenen jüdischeu Ethik, ihr Hirn ist nur eine Lagerstätte für den spezifisch jüdische gewordenen Melamed, für die Haarspalterei, die Sophisterei. Das alte erstarrte, verknochte Erziehungssystem hat ihre Augen mit Blindheit geschlagen; bemerken und beschäftigen sich nicht mit der kostbaren Perle, nur der die Perle uinhüllenden Muschel gilt ihre Austnerksainkeit; sie empfinden nicht den köstlichen Inhalt ihrer Lehrbücher, das rein äußere, die unvollkominene Form nimmt sie mit Leib und Seele in Anspruch. Manchmal zwingt das Leben schon das Istjährige Kind in die Welt zu gehen Verdienst zu suchen, um seiner armen Fanttlie den Kamps un:s Dasein zu erleichtern; schwer lastet bas harte Schicksal auf den Schultern des unschuldigen »lindes; unbarmherzig werden ihn: die schönsten und glücklichsten Jahre seines Lebens geraubt. Tein prachtvoller Traun: ist es, wie an: schnellsten so viel Geld zu verdienen, daß seine Geschwister und Mutter und Vater sich satt essen können. Herzensgut ist das Kind, schön und edel u:ü) die Regungen seiner Seele. Toch der Kampf draußen ist hart; ohne Freude, ohne Sonne müdet sich das ar:ne Geschöpf ab, wird düster und mürrisch, lernt das Geld innner höher schätzen, bis es endlich es überschätzt: das Mittel wird zum Ziele erhoben» das edle, gute, zartfühlende Geschöpf zu einer leblosen geldverdienenden Maschine herabgesetzt. Herbe Früchte trügt ein schlecht gepflegter Bau:::: der wucherisch veranlagte ״Kaufmcrnn", der im Pilpul ganz ausgehende Zögling der Jeschiba — ein Schmarotzer der Gesellschaft, dessen Frau auf ihren schwachen Schultern die schwere Last der Ernährung einer zahlreichen Mnnilie allein tragen muß — der durch das Biersaufen und Pauken ״national aufgeklärte" Student repräsentieren den größten Teil der jüdischen Bevölkerung in Galizien. Unsere Intelligenz, die Studenten, ja sogar die Gymnasialschüler sind von einer schrecklichen Krankheit angegriffen worden: Weltschmerz wird sie genannt; ohne Lust und Freude fristet sie ihr Dasein: sich selbst Passiv verhaltend, und gähnend vor Langweile, erwartend sie Wunder vom Zionismus, aufrüttelnde Ueberraschungen einen Messias, ei!- nen zweiten Herzl; sie ist nicht national bewußt, sie ist nur nur national-gläubig; aber auch der Glaube ist nicht echt; er kommt nicht von innen, vom Herzen, er konmtt von außen, er wurde eingeredet, eingepredigt, er ist oberflächlich; bei Mangel an entsprechender fortwährender Nahrung verschwindet er mit augenblicklicher Geschwindigkeit, er verdampft und versiegt wie Wasser im heißen Sande der Wüste. Die nicht erfreuliche Lage wird von manchem tief empfunden; unsere schwache Seiten, unsere Mängel werden laut und erschöpfend aufgezählt; man weiß- oder wenigstens fühlt man es genau, wo das Grundübel liegt׳ eifrig und unermüdet wird nach Mitteln gesucht, um das Schlimme zu beseitigen; schwül ist die Luft in Galizien, dumpf wie vor einem Gewitter: hie und da blitzt ein Heller Gedanke auf; es donnert die Tat: Mit frohen Mute greift man ins Leben ein; das Ideal soll auf die Erde herabgesogen und zur antastbaren Wirklickkeir venvandelt werden; an Stelle des müssigen Wartens inuß die lebensfrohe Tatkraft treten. Tie Wnnder sollen uns nicht von außen vorgekaukelt, sie :nässen von innen hervorgezaubert werden. * * * Unser Gru::Silbel ist die falsche oder vollkoinmen vernachlätzigte Erziehung unserer Ingend; einer der Versuche dieses Grundübel zu beseitigen ist die Gründung der Schoinrimorganisation. Großen Schaden in Geld und Menschen erlitten die Engländer in ihren: letzten südafrikanischen Krieg mit den Bnren; kraß und unleugbar kan: die Ueberlegenheit der burischen Soldaten zum Vorschein; die Ursache lag in entsprechender rationeller Jugenderziehung der Buren. Tie kostbar bezahlten Erfahrungen benützten die Engländer sofort nach Vollendung des Krieges. General Boden-Powell gründete unverzüglich die Scaut boy-2rganisation, eine Institution, die die englischen Kinder zu tüchtigen, in den Kolonien verwendbaren Soldaten erziehen sollte;!eine Anschauungen darüber, was und w i e man die in: Scouting organisierten Kinder unterrichten soll faßte General Boden-Powell in seinem Werke ״Scnting, ein neues System der Jugenderziehung" zusammen. Sein Werk wirkte sehr stark auf die zeitgenössische Erziehungslehre ein und nxit geradezu epochemachend in der Geschichte der Pädagogik. Ter Wert des Werkes liegt nicht in: Lehrprogramm, das Boden-Powell den Kindern beibringen wollte, sonder:: in der Art. wie man es, seiner Meinung nach, beibringen soll; er verstand es in Meister- Hafter Weise die Neugierde des Kindes für die Wissensgebiete zu erwecken, die ihn: später als Soldaten in den Kolonien zngnte konnneu könnten. Das Kind fühlte keinen Truck von außcn, nur dem inneren Drange folgend kräftigte es seinen Körper, sammelte Ersahrungen. erweiterte und vertiefte sein Wissen und wurde so im Spiele zu einen: tüchtigen und nützlichen Mitglied der Gesellschaft auferzogen. Dem genialen Engländer lauschten wir die Art der Erziehung ab und wandten üe bei uuserer Jugenderziehung an. * » * Ter Mensch wird nicht von anderen e:״,ogen, er erzieht sich innner selbst; nur diejeuigeu äußeren Erscheinungen, die seinem inuereu stände entsprechend, seine Entwicklung fordern könne!!, werden von ihm bemerkt, perzepiert, verarbeitet und zu eigen gemacht. Tie Eriche!- nungeu, die ihn nicht interessieren, die ihn langweilen, denen kehrt er den Rücken zu; kein Zwang kann hier helfen; die Seele des Kindes bleibt taub und stumm; das Gewünschte wird auf diesen: brutalen Wege nie erreicht; die aurokratische Herrscherin, die Natur, läßt sich nicht vergewaltigen; nur das Gegenteil wird erzielt, das Kind wird physisch und geistig verkrüppelt, unbewußt wird es von den Erziehern ins 1111glück gestürzt. Mit zurückgehaltene»: Ate»: lauschen wir den zarten Regungen der Menschcnseele: das Kind träumt, Märchen erzählt es sich allein, ganz kleine, aber wunderschöne Märchen: der Held in ihnen ist innner das Kind selbst; ein kleiner Anlaß aus der Außenwelt und schon entsteht die Fabel; sie ist innner originell, ganz verschieden von den Märchen, die die Erwachsenen den Kindern erzählen; in diesen ist die Außenweit köstlich verlockend wunderbar; in denen de-S Kindes ist das fabulierende Kind selbst, das wunderbarste, schönste, edelste Geschöpf auf der Mutter-Erde. Tie Seele des Menschen — nicht nur im Kindesalter — ringt nach allseitiger Vollkommenheit in physischer, geistiger und ethischer Richtung. In: Prisma des Sehnens gebrochen, verwandelt sich der weiße Sonnenstrahl in einen prächtigen Regenbogen: ein einziger klangvoller Ton zaubert aus der Seele eine tonreiche, berückend schöne Melodie hervor: Tas Kind sieht sich plötzlich der gewöhnlichen Umgebtmg entzo gen, es hockt nicht mehr in der drunpfen Schulstube, es langweilt sich nicht zu .Hause; die Fitti-