Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 24 (25.6.1914)
- Date
- 1914-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jede« Donnerstag. Nummer 24. Jahrg. XV3 S-׳—— BezngSpreise: ■ Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig 20־6 Kronen . ganzjährig .. . Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig ..... Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich.. Mit der Beilage ״Das jüd. Leben in Galizien HeranSgeber: Max HickU | Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Telephon 3009/VIII. Sprechstunden von 10—12 Uhr j Geschäftsstelle, Wien: 1״ Rotenturmstraße Nr. 31. I Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. S- Wien—Budapest. Brünn, 4ן$י Prag—Lemberg. Die Judengemeinden in Böhmen, Mähren u. Schlesien in Wort und Bild. Eine AufsorderungzurMitar beit. Der Verfall des jüdischen Lebens in Böhmen, Mähren und Schlesien nintmt bedauerstcherweise die größten Dimensionen an und jährlich fallen aufs neue einige altehrenwürdige Gemcinden der Vergessenheit anheim. Diesem Verfall wirksam entgegenzutreten, bedarf es grüßerer Kräfte, als es die unseren sind. Allein wir wollen einen Anfang machen, indem wir den Indifferenten und jenen, die es zu werden auf dem Wege sind, die ergreifende Tragik dieses Verfalls im buchstäblichen Sinne vor Augen führen. Die Tatsachen an sich, das treue Bild der photographischen Platte werden deutlicher sprechen als alle Reden und Ermahnungen, die doch nur flüchtiges Wort sind. Wir beabsichtigen ein Sammelbuch herauszugcben, welches an der Hand eines anregenden und lehrreichen Textes die charakteristischen Bilder aus den jüdischen Gemeinden Böhmens und Mährens zusammenfaßt. Wir glauben, daß die herrliche Romantik, der tiefe, glückliche, jüdische Friede, der aus diesen Bildern sprechen wird, denn doch einigen Eindruck zu machen nicht verfehlen wird. Daher ergeht unsere freundliche Bitte an jene Herren und Damen, welche über gute photographische 'Apparate und halb- Wegs gute Schulung im Aufnehmen und Herstellen von Bildern verfügen, — und solche Amateure gibt es wohl zweifelsohne in jedem «teuiÜeton. Der erste jüdische Soldat in der österreichischen Armee. (Schluß.) Eines Tages befand sich in der Gesellschaft beim Hügelinann ein Herr, der sichrem Wettstreit sehr lebhast anschloß und als wahrer Verteidiger der Juden sich zu erkennen gab. Dieser Herr war allen Anwesenden fremd, doch hatten diese ihn bald liebgewonnen, denn derselbe sprach mit llebcrzeugung, Wärme und Einfachheit u. hatte ein sehr gutmütiges, edles Aeußeres. ״Sie sollte der Kaiser reden hören", sagte ein Gast zu dem Fremden, ״er würde eine Freude an Ihnen haben. Sie sind so gescheit, daß Sie Minister sein könnten." Der fremde Herr lächelte und ließ sich nicht stören. Da trat ein alter Jude.mit langem schneeweißen Barte aus den .Redner zu und fragte ihn, ob. er ihm nicht behilflich sein könne beim Kaiser eine Audienz zu erlangen. ״Das ist sehr leicht", erwiderte der Fremde. ״Sie brauchen nur in den Kontrolorgang zu gehen, woselbst der Kaiscr täglich Audienzen erteilt. Sie werden bei ihm sicherlich ein.,geneigteS Ohr finden." ״Möchten Sie mich nicht Ort — uns mit einer ebenso hübschen als nützlichen und interessanten Arbeit an die Hand zu gehen. Wir möchten von jeder jüdischen Gemeinde 3—(i Bilder, welche die ölte st e u Eiurichtungen dieser Gemeinde darstelleu. (Innere des Tempels, Rabbonimplatz am Friedhof, gut erhaitene Teile des Ghettos rc.) Dazu '30—150 Jeilen Text, welcher diese Bilder erläutert und eine knappe Uebersicht über die Geschichte dieser betreffenden Gemeinde gibt. Im Falle sich eine genügcnde 'Anzahl von Mitarbeitern findet, hoffen wir das Buch in wenigen Monaten der jüdischen Ocfsentlichkeit übergeben zu können. Wir werden auch nicht verabsäumen, einige Arbeiten in der ״Indischen Volksstimme" zu veröffentlichen. Gefällige Anmeldungen zur Mitarbeit, für die wir im voraus besten Dank sagen, erbitten wir an die Redaktion dieses Blattes. Das Waidhofner Prinzip. Ja, großes Heil ist uns widerfahren. Wir sind ״rehabilitiert": doch nicht der Ehre bar! Von Marburg kommt uns die beglückende Kun de. Dort hat nach dem Berichte der ״Deutschnationalen Korrespondenz", der man in diesen Belangen einige Informiertheit wohl zutrauen darf, der Verband deutscher Burschenschafter in Oesterreich mit Stimmenn1ehrl)ei1 den Beschluß gefaßt, vom Waidhofer Prinzip Abstand zu nehmen. Oh! Es ist ein ehrenvolles Denkmal denkscher Kultur, dieses Weidhofner Prinzip, wonach den Inden, als der Ehre bar, jegliche Geilugtunng zu verweigern sei. Im Jahre 13!«׳ geschah's. Tie Held enhatten von den Mitgliedern der eben entstandenen jüdisch-nationalen Studentenverbindungen bereits eine Menge Hiebe eingeheimsi. Ta kamen sie im friedlichen Städtchen an der Thaya, von dein das Kanversadahin begleiten?" fragte der Jude. ״Ich zahle Ihnen fünf Gulden. Ich kann nicht gut die Warte stellen, kamme leicht in Verlegenheit, wo hingegen Sie der Rede sehr mächtig sind." Ter fremde Herr zeigte sich bereit, dem Juden diesen Liebesdienst zu erweisen, unter der Voraussetzung, daß dieser ihm zuvor von der Sache die geeigneten Mitteilungen mache. Ter Jude war natiirlich sofort bereit und erzählte seine Geschichte. Ich heiße Schimon und lebe in Brandeis bei Prag. Gott hat mich gesegnet mit allem, ich bin reich und im Gesetze be- Wandert, nur einen Wunsch versagte mir Gott, meine Frau, die ich liebe, gab mir keine Erben. Da tat ich das Gelübde zu Gott, daß, wenn er mir männliche Erbcn schenken würde, ich meinen ältesten Sohn, wie einst der Patriarch Abraham, ihm weihen wollte. Go't erhörte mein Gebet, schenkte mir vier Söhne. Als mein ältester Sohn, den ich Jsak nannte, achtzehn Jahre alt war, da dachte ich daran, mein Versprechen einzulösen. Ich begab mich nach Prag zum Rabbi Ezeshicl und brächte ihm mein Anliegen vor. Dieser sprach: Wenn du ein Gelübde getan, so mutzt du es halten, gehe daher zur Behörde, übergib ihr deinen Sohn, daß sie mit ihm anfangen sollte, was ihr gefällt. Dein Sohn soll Soldat werden." Hierauf vcgaö ich mich — fuhr der Greis zu erzählen fort — zum Stadthaptmann und wollte ihm tionslcrikon bislang kaum mehr zu melden mußte, als daß es bei einer Eimvohiicrzahl von ungefähr 30(10, B e z i r t s h a u p t m a 1111 s cha s t, Schloß und einen Stadtpark besitze, zusammen und erhoben es durch diesen Beschluß zu einer ״historischeu" Stätte. Hier ivar den Inden samt und sonders der Garaus gemacht. Seither waren jene Unterhastungen zwischeu Waidhofner und Inden im Schwünge, denen als Auftakt eine Beschimpfung von Inden oder Judentum voranging und die sich weiterhin nach folgendem Schema entwickelten: ״Ich verlange Genugtuung!" ״Juden gebe ich keine ^aiisfaktion!" Tie Antwort hierauf wurde allerdings nicht mehr in Worten, sondern in Form einer kräftigen Maulschelle erteilt. — Ich erinnere nach da lebhaft an einen gelnngeiien Scher״׳ der voriges Jahr zur Zeit der Universitätskrawalle in einem Witzblatt zu lesen war. Tie Grabtafe! eines deuischnationalen Studenten sei mit folgender Inschrift versehen: Geboren i n Waidhofen an der Thaya׳, Gestorben a n Waidhofen an der Thaya. -'Jiim, damals zitterte ein Schrei der Entrüstung durch die Reihen der jüdischen Studentenschaft, ein Gefühl tiefen Abscheus bewegre Inden und Richlinden, alle, denen auch nur ein Rest von Anständigkeit gegeben war. Inzwischen har man erkannt, das; jene eines derartigen Aufwands von Emotion nicht wert sind. Leute, denen das Bierglas Um und Ans ihres Lebens ist, nimmt man nicht ernst, für alkoholische Tnmmköpfe bleibt nur ein mitlciDi diges Lächeln übrig. Deshalb bedeutet auch das Fallenlassen jenes famosen Prinzips für nus nicht ein Ereignis, das uns im Innern sonderlich berühren würde. Rach allem, was man von den Waidhofner .Recken weiß so mancher von ihnen Hai dann im Leben draußen am Tische eines reichen Inden schmarotzt, so mancher beim jüdischen Fabriksherrn um eine Anstellung gebettelt . nach meinen Sohn übergebe», daß er dein Kaiser diene» möge als Soldat, der Hauptmaiin wies mich aber von sich, da cs dein Juocn nicht gestaltet ist, nnter den kaiieelichcn Soldaten z» dienen. Dies betrübte mich sehr, ich weinte, betete und flehte Gott an, er möge mir das Herz erleichtern. Da erschien mir ein höhere» Wesen im Traume und sprach zu mir: Schimon, mach' dich ans und gehe nach Wien, ich lverde dich geleiten und iverde dir den Weg zeigen, den du tvaiideln sollst. Ta bi» ich nun in Wie» und ich bin gesonnen znm Kaiser zu ge hen, damit er meinen Sohn von mir ainiehme, damit ich ruhig sterben kann und der Fluch Gotte» nicht aus meinen Kindern laste. Ter fremde Herr hatte der Rede des Juden ansmerksam zugehört und e» gelang ihm nur schiver sein Erstaunen zu unterdrücken. ״Wo ist dein Sohn?" fragte der Herr. Ter Greis ries einen schlanken Burschen mit freundlichen singen herbei, der sich vor dem Fcemden verneigte. ״Ist es dein Wille, dem Kaiser zu dienen, in die Schlacht zu ziehen und dein Leben zu opfern?" Ter Jüiigling sprach: ״Wütt hat mich zum Kriegcr beslimiiit, ich lvill seinem :«nie folgen, damit der Segen wohne im Hause meiner Eltern." ״Kommt dann morgen um 10 Uhr in die kaiserliche Burg", sprach der fremde Herr, ״ich will daselbst Anstalten tressen, daß ihr den Kaiser sprechen könnt, wendet Euch nur an Demnächst erscheint ״Hickls Wiener Jüdischer Bolkskalender."