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Jüdische Volksstimme · 1914-06-18 · Heft 23 (18.6.1914) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 23 (18.6.1914)
Date
1914-06-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״Jüdische Bolksstimme". Nr. 23. sitäts-Bibliothck auszuspeichcrn helfen. Sie wird den Lehrern an den Gymnasien und den Realschulen, den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminareu an den Kunstgewcrbcschulen und Erziehungsanslaltcn aller Art, aber auch jeden Privaigelchrten das lang entbehrte geistige Mate- 1iai zu geben haben, nachdem sich alle geistigen Arbeiter in Palästina lange schon sehnen. Rach allen modernen Grundsätzen werden Fachleute in Berlin die Bibliothek ordnen und katalogisieren uird zum Gebrauch fertig machen, während in Jerusalem der Bau auf sachmännischer Grundlage vorbereitet und ausgeführt wird. Jedes Buch erhält für alle Zeiten ein Exlibris mit dem Namen des Spenders und vercwigt ihn in den heiligen Stätten von Jerusalcm. Außerdem wird im Hauptkatalog bei jedem Werk der Alaine des Spenders vermerkt werden. Das Berstandnis für die Ausgaben der Bibliothck'in Jerusalem soll alle jüdischen Schriftnetter, Verleger und Trucker veranlassen, der Bibliothek von jedem Druckwerk ein Ehrenpflicht-Excmplar zu übersenden. J-eder junge Doktor wird es als hohe Auszeichnung betrachtcn dürfen, daß die Jerusalemer Universitäts- Bibliothek seine Dusscrtation aufbcwahren wird. Keine Druckschrift und keine Ausgabe ist so nebcnsächlich, daß sie für den Wissenschaftler oder den Forscher nicht einmal das willkommene Matcrial erbringen kann. Schon jetzt ist es notlvendig, Bücher zu svcnden, denn, wenn es erreicht werden soll, daß in längstens zwei Jahren die Bibliothek ihre segensrciche Tätigkeit beginnt, so ist es allcrhöchste Zeit, daß die Arbeit in energischer Weise in Angriff genommen und sorgeführt wird, und daß schon jetzt alle Freunde der Gründung einer hebräischen Universitäts-Bibliothek Bücher und Drucksachen aller Art, jüdische und allgemeine, an die Sammelstellc einschickcn. Alle Sendungen sind zu richten an die Hauptsammelstelle zu Händen des Kgl. Bibliothekars. Herrn Dr. Heinrich Loewe, Berlin. N. W.!>2, Flemingstrahe 12. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläßlich. Stemliof. Post Sokolnitz bei Br&nn. Berichte. Tr. Berger — Tozeut an der Universität in Rom. Ein Leinberger Kind, in Leinberg erzogen, dort die Studien absolviert und suchen mußte er das Weite, um eine Kuriere zu erreichen. Dr. Berger harte an den Senat der Lembcrger Universitüt ein Gesuch gerichtet, ihn zum Dozenten für Rechtswissenschaft zu ernennen. Daraufhin erhielt er vom Senat folgenden Bcsck)cid: ״Die Verhältnisse zwischen Juden und Polen haben sich in letzter Zeit so gestaltet, daß es unmöglich ist einen Juden zuin Dozenten an einer polnischeu Universität zu ernennen." Dr. Berger suchte hierauf sein Glück in Deutschland, wo man ihm jedoch antwortete: ״Als Pole können Sie in eine deutsche Universität nicht ausgenommen werden." Der Jude Berger ist also in Polen Jude und in Deutschland — Pole. Nun wendete er sich an den Senat in Nom und wurde erst aufgenommen. Jetzt empfängt er Lobeshymnen von der polnischen Presse, daß ein ״Pole" in Nom dem Polentum Ehre bringe, während ein deutscher Professor — der friiljcrc Lehrer Beryers ׳— an diesen schreibt, er freue sich, daß die deutsche Wissenschaft einen so glänzenden Nertretcr in der Person Bergers in Rom gefunden habe! Tie Tragik dieses Vorfalles bat einen ho- Heu Gehalt von Komik und zeigt, wie es mit der jüdischen Arbeit und dem jüdischen Talent bestellt ist. Auszüge aus der polnisch-boykotistischcn Presic. Die ״Prawda" schreibt: Der Haupterfolg der Juden im Handel ist eine Folge ihrer schwindlerischen Anlagen. Der verachtete polnische Handel verdankt seinen schlechten Ruf den ausbeuterischen Charakter der polnischen Juden. Der jüdische Handel bericht ganz auf dem Schwindelprmzip. Ter Jude nimmt für Hunderttauscndc Ware irn Ausland, zahlt dann nichts und verkauft die Waren um Spottpreise, wodurch die Lage der polnischen Äausleute unhaltbar wird. Selbst die Agenten der großen Firinen sind Juden und diese verhelfen den jübischen Betrügern zum Raub. Die Polen dürfen daher ein für alle inal diesem Zustande ein Ende machen, indem das gesamte Polentum gegen das 'es beschmutzende, ruinierende und aussaugen de Judentuin sich erhebt und ihm den gesamten Handel entreißt. Der ״Glos Narodu" schreibt: ״Dte Juden und Jüdinnen, tvelche im Auslande mit lebendiaer Ware handeln, geben sich überall als Polen aus. Dadurch gewinnt das Ausland den Eindruck, daß Juden und Polen eine Rasse seien. Unglaublich ist es, was die Juden in der Fremde mit dem polnischen Namen troiben. Alle Freudenhäuser in der Frentde sind mit Polinnen überfüllt und wenn man ihrer Abstammung nachforscht erfährt man, daß sie Kinder sind jener abscheulichen Rasse, welche bei uns das Polentum beschmutzt und besudelt und exportiert seine lebendige Ware unter ״polnischer Marke"." In diesein Tone geht es in der polnischen Presse weiter und ihr Ziel ist nur, die niedrigsten Instinkte des Pöbels auszuhetzen und die Athmosphäre mit blutschnaubendcm Raffenhaß zu erfüllen. B. H. Genugtuung eines Ariers für das Judentum. Tas Przemysler Organ ״Ziemiä Przemhska" erläuterte den grauenvollen Mord in Pikulicc in der Weise, daß an diesem Mord nur d:e Juden die Schuld tragen, welche überall Judaismus verbreiten und damit die polnische Vevölkcrung demoralisieren. Diese unverschämte, ganz eigenartige Apologetik entrüstete einen Przemysler Arbeiter namens Chomiall in so hohein Grade, daß er den Verfaffcr obigen Pamphelts, den Dr. Nowcsilski, auf offener Straße ohrfeigte und somit der Gerechtigkeit Satisfaktion verschaffte. Dieser Vorfall zeigt, wer die öffentliche Meinung demoralisiert, wer die rohesten Instinkte des Pöbels gegen die nachbarliche Mit- Bevölkerung aufhetzt. B. H. Dcr Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina versendet seinen 6. Jahresbericht, der ein Bild seiner Tätigkeit im Jahre 1813 gibt. Wir ersehen aus diesem Bericht, daß die Spitzenschulen des Verbandcs im Frühjahr 1913 eine Krisis durchzumachen hatten, die sie jedoch gut übcrstanden haben. Der Absatz dcr Spitzen hat sich gegen Schluß des Jahres, Dank den vom -Verbände ergriffenen energischen Matznahmen, sckr gehoben, und die Aussichten für die Zukunft der Spihcnatclicrs scheinen somit günstige zu sein. Tic Mädchcnsarm in Kincrcth ist im Laufe des vergangenen Jahres weiter ausgcbaut worden. Eine zweite Lehrkraft ivnrdc engagiert, die Milchwirtschaft wurde durch die Ortsgruppe Moskau erweitert, die Baumschule übernahm dcr Prager jüdische Frauenberein, der Haiisbaliungsuntcrricht wurde gefördert, eine Geflügelzucht angelegt. Zum ersten Male wurden Schülcriuncii der Farm im'Sommer 1813 entlasten und erhielten sofort Anstellung in den Kolonien, teils in Arbcitcrküchcn, teils übernahmen sie den Gemüsebau und die sonstigen weiblichen Arbeiten in der Landwirtschaft. Für das Krankenhaus in Haifa, dcsten finanzielle Lage im letzten Jahre eine sehr traurige geworden War, da der Verband, seine Subvention leider nicht erhöhen konnte, war dcr Besuch der Frau Baronin Rothschild in Palästina von großer Bedeutung. Frau Baronin Rothschild hat dem Spital eine jährliche Subvcntion von 8000 Francs zugcsichert, außerdem Terrain- und Baukosten für ein eigenes Gebäude. Zwar ist das Budget des Krankcuhäuscs dadurch noch nicht gesickert, immerhin ist seine Lage bedeutend gebessert, und wir dürfen hoffen, daß cs nun dcr dortigen jüdischcn Bevölkerung dauernd erhalten bleibt. Am 13. Mai fand die Generalversammlung des Verbandes im Hause dcr Jüdischen Gemeinde zu Berlin statt. Am besten sehen wir das Anwachsen des Verbandcs, wenn wir die Zahlen aus dem Kassenbericht, dcr der Versammlung vorlag, und der auch dem gedrucktcn Bericht bcigcfügt ist, mit den Zahlen aus dem Bericht ffir 1912 vergleichen. Danach wurden im Jahre 1812 für Spitzen in Berlin und in Jaffa 15.632 Mark eingenommen. Im Jahre 1913 19.673 Mark. An Mit- 'gliedcrbeiträgen hatte der Verband im. Jahre 1912 16.818 Mark. Im Jahre 1913 22.672 Mark. Ebenso stiegen die einmaligen Beiträge von. 3414 Mark auf MIO Mark. Die Generalversammlung beschloß, die Tätigkeit des Verbandes noch aus einen weiteren Zweig kulturcl- Icr Arbeit auszudchnen, indem sie für die seit dem August 1313 in Jaffa eröffnete Kinderbewahranstalt, die der! hebräischen Namen .,Haomen" führt und unter der ärztlichen Aufsicht von Frau Dr. Gutmann-Jaffa steht, eine Subvention bewilligte. So geht der Verband auf seinem Wege immer weiter und jedes neue Anwachsen seiner Mitglieder gibt ihm die Möglichkeit, sein Arbeitsfeld auszubauen und zu erweitern. Möge diese Erkenntnis alle diejenigen, die ihm noch bislang fernstchcn, recht bald zu seinen Freunden und Förderern machen. In den nächsten Tagen erscheint Gebetbuch für den Samstag nachmittags Jugend-Gottesdienst für sämtliche Schulen der österr.-ung. Monarchie. . Preis K —•42. ■ Bei größeren Bezügen entsprechenden Rabatt iild. Buch u. Kunstverlag, Brünn. Reiseeindrücke. Von Siegmund Haber (Wien). I. Einer freundlichen Einladung der löblichen Redaktion Folge leistend, will ich den Lesern der ״Jüdischen Volkstimme" die Eindrücke meiner mehrwöchentlichen Reise teilen. Es würde mich zu weit führen und es ist auch nicht meine Absicht in dem kleinen Raume dieser Wochenschrift all' das zu wiedergeben, was ich in Deutschland, Belgien, Frankreich und England gesehen und erfahren hckbe. Ich werde mich lediglich darauf beschränken, das zu schildern, was mit Juden und Judentum Bezug hat. Ich will aber nicht mißverstanden werden und deshalb habe ich auch meinen Artikel mit ״Eindrücken" tituliert. Ich betone, daß ich keine festen Thesen aufstcllen, nichts Positives behaupten werde, vielmehr alles nur auf Grund meiner Eindrücke, die ich m o m e n t a n oder nach kurzcr Einsichtnahme gewonnen habe, wiedergebe. Ich beginne gleich von Anfang mit London als scncr Stadt, die uns, vermöge der großcn Zahl von Juden, am meisten interessiert. * * * Der erste englische Jude, dem ich begegnete, war Mr. Samuel Green aus London, der sich uns schon in Calais angeschloffen hat und in dessen Haus ich einen merkwürdigen Kontrast empfunden habe, den zu verzeichnen ich für wert'finde. Mr. Green ist ein großer Juwelenhändler, der sowohl in Paris als auch in London der ״Juwelenkönig" genannt wird. Er stammt aus Birmingham, sein Vater war Russe und sehr vornehmer Herkunft. Mr. Green würde über das Judentum schon langst sich hinweggeseht haben, wenn nicht ״das Unglück", wie er uns sagte, über ihn gekommen wäre, in der Gestalt seiner einzigen Tochter Svlvia, die nch wie absichtlich als ״Seide" vorstellte. Miß Green war einmal zu Besuch bei ihren Großeltern in Birming- Ham, die dort fromme Juden sind und in das englische Kinbirherz das vom Judentum nicht einmal etwas rechtes wußte, begann das jüdische Gefühl zu pochen. Sylvia kam ״ganz verstört" zurück. Sie begann zu grübeln und zu suchen, besuchte Meetings und Vorträge von Juden und über Juden, verkehrte in Kreisen ״die so stark iüdisch waren, daß cs Mr. Green davor ekelte". Es half kein Bitten und kein Drohen, kein Weineu und kein Schelten, Svlvia, die von ihrem Großvater den südiseben Namen ,.Selbe" bekam, beaann in südischen Kreisen immer mehr zu Verkehren, Bücher über Judentum zu leien, so weit, daß sie soaar hebräisch zu lernen begann und später ״jüdisch" zu sprechen anfing.

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