Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 23 (18.6.1914)
- Date
- 1914-06-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Rr. 23. XV./3 Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jiw. Volksstimme'. 18. Juni 1914 Leite 9 Vas jüdische Leben in Galizien. Tie Seele eines jungen Juden ist wie ein Marmorblock, dessen kerniger Körper sich nach dein Künstler sehnt, nach einem Künstler, der aus seiner plumpen Gestalt die herrlichsten Formen hervorzaubern wird. Ter Künstler — sei es ein Bildhauer oder Maler — begnügt sich nicht mit dem Ausmeiseln eines schön gewölbten Mundes oder nrit dem Maler ausdrucksvoller Augen; er will ein.vollendetes, harmonisches Ganzes schassen. Glicht so unsere Erzieher; sie sind keine schaffenden Künstler, Handwerker sind sie, und zwar Optiker intö dazu schlechte Optiker:Jhren Zöglingen fetzen sie Brillen an, ״j ii d i s ch e" Brillen, durch welche die Weltanschauung der Lehrlinge eine spezielle, eine jüdisch-nationale Färbung bekommen soll. Tie Gläser werden jedoch immer nach einem und demselben Rezept geschliffen; da bekoinmen die Weitsichtigen dieselbe Brille wie die Kurzsichtigen, die Begabten dieselbe wie die Beschränkten, die Jüngsten genau dieselbe wie die Aeltesten; sogar die Stockblinden bekommen die brühmle Brille und von diesen Stockblinden wimmelt es in den jugendlichen Organisationen; es ist eine Unmasse der Burschen und MädelS. die weder in der Schule noch zu Hanse eine zweckmäßige allseitige Erziehung in geistiger, moralischer und physischer Richtung genossen haben; das woran ihnen fehlt ist nicht speziell die nationale Erziehung sondern überhaupt die Erziehung: es ist selbstverständlich, daß weder die wissenschaftlichen Borträge, noch das übertriebene nationale Pathos auf die unentwickelten Kinder einwirken konnte; fremd und unbekannt ist für sie die Sprache der Vernunft, sie fühlen auch nicht die der Zuhörer. — Die Zöglinge folgen doch der! mindesteLust sich von der 'Rotwendigkeit siidi- Aufforderung der Erzieher und beginnen zu sicher Gesinnung überzeugen zu lassen. — Tie! lernen: nicht etwa aus innerem Drang, nicht!Kluft zwischen den Erziehern und Zöglingen aus Sehnsucht nach dem Klang ihrer ׳Mutter-! kann trotz beiderseitigen Bemühungen nicht spräche tun sie es: sie beainnen das Studium! überbrückt werden. einfach darum, um vor den begeisterten Erzie- | Tie Erziehung des Kindes beginnt schon Hern wegen ihrer ״nichtjüdischen Gesinnung"! mit dem Tage seiner Geburt. Schon am ersten sich nicht schämen zu inüpen, oder vielleicht nur!Tage seines Lebens beginnt die Außenwelt eindeshalb, weil es die neueste Mode ist. der die!.׳,»wirken: das Kind empfängt den Eindruck des Altersgenossen, die Kollegen, die Bekannten fast: Lichtes und der Finsternis, der Wärme und der ohne Ausnahme Folge leisten. :Kälte, des Hungers und der Sattheit; allmäh- Die Anzahl der hebräischen Kurse steigt im- ,jch beginnen sich in seinem Hirne klare Begrifmer mehr, jedoch die Zahl der ihre Mutterspra-1 fc z״ entwickeln, die ganz genau den Erscheinnnche Beherrschenden wächst unverhältnismäßig^^״ j״ stjner Umgebung'entsprechen. Es belangsamer; die Zöglinge, denen man das jüditzinnt mit den Händchen herumzufechten um eische, das nationale Gefühl einreden wollte, lauen! »en in seinem Gesichtskreise sich befindenden bei ihrer Arbeit sehr schnell nach, — die Zeit die Gegenstand zu packen — und greift gewöhnlich Energie, die Mühe, die man zu ihrer Erziehung, i״ die Leere, es wiederholt den Versuch mehrere geopfert hat, geht unnütz verloren.!Male und langsam schafft es sich den Begriff Tie Kluft zwischen den Erziehern und den des Raumes: es ist sehr neugierig, alles Reue Die Erziehung der jüdischen Jugend in Galizien und die Organisation der Schomrim. Tr. Heinrich S t e r n e r, Lemberg. Tas nationale Erziehungssystem der jüdischen Jugend in Galizien leidet an einem Grundfehler: es ist einseitig; sein Ziel ist es nicht unsere Jungen und Jüngsten zu Menschen, die vollbewußt jüdisch-national gesinnt sind, allseitig zu erziehen, es bemüht sich vielmehr immer auf eine und dieselbe Weise die Zöglinge zu ״überzeugen", daß sie jüdisch denken und handeln sollen, ohne nrindeste Berücksichtigung der moralischen und geistigen Qualitat, ja auch ohne Rücksicht auf die verschiedenen Altersstufen der zu erziehenden Jugend. Ten von Lebenslust strotzenden .Kindern, die jetzt am liebsten irgendwo im Freien springen und lachen, in der mit warmen Sonnenstrahlen durchtränkten Luft sich austoben möchten, oder auch sehr gerne einem schönen Märchen gelauscht hätten, wird in einem kleinen dumpfen Stübchen in unerschütterlichem Ernst, in feierlichen Ton über die Notwendigkeit des Studiums der jüdischen Geschichte, des Erlernens der hebräischen Sprache gepredigt. Tie aufmerksamen Zöglinge hören den Klang der Worte ohne ihren Inhalt fassen zu können; das Gefühl und die Begeisterung der Prediger findet keinen Weg zu den Herzen! wird das Beinchen heben, hoch, sehr hoch heben und langsam über die Schivelle schreiten; oder — noch besser —- es wird auf alle Vieren niedersinken und ans diese Weise die gefährliche Stelle passieren. Tas Kind hat im Leben eine böie Erfabrung gemacht: bei der nächsten Gelegenheit sucht es schon das teuer bezahlte Wissen in der Praris auszuniitzeu, es scheut nicht vor der Gefahr zurück, weicht nicht feig vom Platze: nach reifer lleberlegung mutig und entichlossen schreitet es zur Tat und gewöhnlich gelingt es ihm. das Ersehnte zu erreichen, das Ge>vünich:e zu ge uießeu. Wo liegt denn der wesentliche Unterschied zwischen diesem Treiben eines Kindes nnd einer von einem tüchtigen charaktervollen erwachsenen Mann vollbrachten Tat?! (Fortsetzung folgt.( Jahrzeitkerzen, Havdolohkerzen Tempelkerzen zu beziehen durch das Spezialgeschäft " In nt. Olga Jarosch Brünn, Adlergasse 2. Zöglingen wird immer tiefer, die Verständigung immer schwieriger; die Erzieher halten ihre Predigten über das Judentum mit einer Leidenschaft, die die Zöglinge nicht imstande sind zu empfinden; es entsteht dadurch in den Reihen unserer Jugend eine Disharmonie, manchmal auch eine tragische Dissonanz. Tie opfervollen Bemühungen der Erzieher gehen nicht immer spurlos verloren; nicht immer bleiben sie erfolglos: manchmal fallen die Samen auf einen fruchtbaren, bis mm vollkommen unbebauten Boden, wurzeln sich tief ein, vermehren sich mit rasender Geschwindigkeit und in kurzer Zeit blüht auf und duftet im Herzen des Kindes die heiße Sehnsucht nach dem Lande seiner Väter, nach dem melodischen Klang feiner Muttersprache, nach den Helden des jüdischen Volkes und seinen Märtyrern. Das rein jüdische, äußerst nationale Element feiert einen herrlichen Triumphzug in Vas Herz des Kindes: füllt die rechte, die linke Herzkammer, die beiden Vorkammern aus, nicht das mindeste Plätzchen läßt es übrig, nicht die winzigsten Poren; Monstra kommen zur Welt: Juden, die keine Menschen sind, Individuen, deren Gedanken, Gefühle, Träiime immer nur ausschließlich jüdisch sind. Die Seele eines Menschen-Juden ist von harmonischer Vielseitinkcit. Prachtvoll wie ein Regenbogen, eine ganze Farbenskala ist in ihr vertreten, von der violetten bis zur roten; die in ihr auftretende blau-weiße Farbe verdirbt nicht die reifende Harmonie. Die Seele eines Monstrum-Juden ist eintönig, blau-weiß. ihm noch Unbekannte erweckt in ihm großes Interesse; das .Kind schickt sich sofort an, das Ungewöhnliche genau selbst zu untersuchen und zu prüfen; es geht immer mehr vorwärts, immer neue Erfahrungen macht es voll Bewunderung und Staunen. Bald unterscheidet es genau die Härtestufen, den verschiedenen Geschmack der Speisen, ja die Zeiträume sogar; kurz gesagt das Kind entwickelt sich geistig. Die dem menschlichen Körper angeborene, physiologisch leicht erklärbare BewegungSlnst kommt auch bei dem Kinde zu ihrer vollen Geltung: Zuerst sind es nur fröhliche Bein- und Armbewegungen, dann beginnt das Wandern auf allen vieren, später das Ausrichten des Rumpfes mit Hilfe eines Stuhles, das Stehen auf den Beinen, dann das Gehen, das Laufen, das Springen. Alle die physischen Bemühungen des Kindes stärken seinen Körper, kräftigen die Muskulatur, das Knochengerüst, fördern die Entwicklung der inneren Organe. Diese jedoch natürlichen Leibesübungen des .Kindes stählen nicht nur seine Gesundheit, sie wirken auch auf seinen Geist ein, sie sind auch — wie wunderlich es auch klingen nrag — die ersten Hilfsmittel zur Ausbildung seines Charakters. Wer von uns hat nicht die Gelegenheit gehabt ein Kindchen zu bewundern, das an ein Türfutter gelehnt vor der'Schwelle stehen bleibt und sinn- Jerusalemer Universitäts-Bibliothek ebenso voll vor ych hinlachelr; es erinnert sich ganz ge-' nau. daß es eben an dieser Stelle vor einiger Zeit stolperte, zu Boden fiel und sich weh getan hat; o jetzt wird es schon vorsichtiger sein; es Die hebräische Universitäts- Bibliothek in Jerusalem. Im letzten Jahrzehnt ist im Heiligen Laude von jüdischer Seite eine emsige Kulturarbeit geleistet worden. Zu all dem, ivas bisher geickassen ist und noch geschaffen wird, ist nun eine neue Unteriiehmmig getreten, die bestimmt ist, den Männern, die unter großen materiellen und vielleicht noch größeren ideellen Opfern in Palästina eine neue hebräische Kultur scharren, das geistige Rüstzeug zu bieten, das ne zu ihrer kulturellen Arbeit brauchen. Dieses geistige Arsenal soll in einer großen allgemein-wissenschaftlichen und zugleich liebräisch-jüdischeu Bibliothek bestehen, die später einmal. wenn in Jerusalem die hebräische lluiversität ins Leben getreten sein wird, die Universitätsbibliothek sein soll. Diese große BibGnbek in Jerusalem, deren Gründung jetzt! ׳׳R "'׳'en worden ist, ist denn in Anbetracht ihrer!!oben Bedeutung sofort in Angriff genommen!vor״ den. Sie wird in Berlin unter der Leitung eines bekannten Fachmannes zusammeiigenelii. Ter große Enthusiasmus unserer Jugend und der Zauberklang der 'Rainen Jerusalem und Zion lassen hoffen, daß sich diese Bibliothek aus freiwilligen Spenden zusammensetzen wird. Schon der Anfang dieser Arbeit für d׳e Bibliothek in Jerusalem hat bewiesen, daß diese Hoffnung berechtigt ist. und der Zweifler wird über rascht sein, zu hören, daß in der Tat nicht nur viele Bücher, sondern schon ganze Prinarbibliotheken gest׳e״bet wurden, und dar׳ .r-.-oß-> •'::!1•■;׳■־ düngen für die Zukunft in Aus!'׳!:׳ jüdische Gelehrte, die setzt ihre ׳Mw-mg z testamentarisch der Universitäts B׳b!iorhL. ״׳ ihre wissenschaftlichen Arbeiten noch brauchen, sie Jernialein znzuwenden gedenken. Daß eine solche Bibliothek alles umfassen muß, was so von Juden und für Juden geschrieben und gedruckt wurde, ist selbstverständlich. Es wird später kein hebräischer Truck fehlen dürfen, aber auch kein Truck in einer anderen Sprache, der Inden nnd Jndentum, Bibel und Talmud betrifft. Was das jüdische Volk und einzelne Inden gedacht und getan gedichtet und empfunden baben, wird in dieser einzigartigen Bibliothek an der heiligsten Stelle der Welt gesammelt und zum Gebrauch geordnet werden. Aber die bebräische Vibliotbek wird auch eine gut organisierte, allgemein wissenschaftliche Vibliotbek sein müssen. Jedes Volk mit seiner Wissenschaft nnd seiner Dichtung soll darin vortreten sein. Nach dieser Richtung sind Maß und Vorbild die großen Bibliotheken in Berlin und Paris, in London und Waihiuaton. Darum sind attch gleich unter den ersten Bänden rü>- oje Zionisten und Nichtzionisten, ebenso Juden wie Nichtjuden vertreten. Tenn wer in Jerusalem wirksschr-. echte Kultur verbreiten will. MUß die ganze Fülle derartigen Wissens in dev llnitzer- U TM W