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Jüdische Volksstimme · 1914-06-05 · Heft 21 (5.6.1914) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 21 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Sk. 21. XV./3 Jahrg. Beilage!zur,Wiener Jüd. Volksstimme'. 5. Juni 1914 Seite 9. Westösterreichischer Kreis der jüdischen Turnerschaft. Am 21. Juni findet in Brünn das 2. K r e i s s ch aut u rn e n der jüdischeu T u r n c r s ch a f t W e st ö st e r r e i ch s st a t t. A n o e in Schauturnen w e r d e n sich sämtliche Turnvereine Westösterreichs beteiligen und zwar die Vereine B i e l i tz, Boskowitz, Brünn, B u d a p e st, D o m b r a u, O r l a u, G ö - ding, Graz, H o l l e s ch a u, I g l a u, L u nd e n b u r g, Linz, Mäh r.-O st rau, Mistl i tz, N i k o l s b u r g, O l m ü tz, Prag, Preßburg, Proßnitz, Sarajevo, Triest, U n g.-H radisch, Znaim und sämtliche Wiener j ii d. Turnverei- :1 e. D a s Schauturnen findet bei schöner Witterung am Sportplätze im S ch r e i b w a l d e, bei u n g ü n st i g e r Witterung in den städ t i schen Red o u t c n s ä l e n statt. Orünner Nachrichten. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie würden mich durch freundl. Aufnahme dieser Zeilen zu besonderem Tanke verpflichten. Tie Mißstände in unserer Äultusgemcinde sind leider anstatt abziinchmen in Zunahme. Für heute möchte ich mir nur die Anfrage erlauben, wieso es kommt, daß seitens des Vorstandes unser«: Gemeinde der Auftrag erteilt wurde, den großen Tempel, zu Ehren des Schebuosfestes am heiligen Sabbath mit ״Grünem" zu dekorieren. Ich glaube denn doch, daß es heiligste Aufgabe einer Kultusgemeindcvertretung ist, darauf zu sehen, den Sabbath in einer Synagoge nicht zu entweihen.'Hoficatlich genügen diese Zeilen. Ihr ergebener ־_־ I- P. Unsere Leser werden dringend gebeten, bei Ginkaufen nur jene Firmen zu berücksichtigen, die in der ״Jüdischen Volksstimme" inserieren. Jüd. Turistenklub. Wie uns mitgcteilt wird, hat sich in Brünn ein jüd. Turistenverein begründet. Tie Statuten sind bereits ausgearbeiret und findet demnächst die konstituierende Persammlung statt. Ter Touristenverein wird auch an die Organisation des Wanderbundcs ״Blauweiß" schreiten. Interessenten wollen ihre Adresse Herrn I. Nokach mittcilen. Jüdischer Handlungsgehilfen - Verband, Ortsgruppe. Sonntag, den 7. Juni, halb 11 llhr vormittags, findet im Vereinslokale der ״Mirjam", Großer Platz 2:1, die konstituierende Generalversainmlung des I. H. V., Ortsgruppe Brünn, statt. Tagesordnung: 1. Bericht der Proponenten. 2. Wahlen in die Ortsgruppenleitung. 8. Eventualia. Bibelschulc des Vereines Machsike Hadas. Mittwoch den 27. Mai wurden die diesjährigen Kurse der Bibelschule des Vereines Machside Hadas in feierlicher Weise geschloffen. Namens der Schulkommission richtete der Schulleiter an die Schüler eine kurze Ansprache, in der er die besonders erfreulichen Resultate und die Fortschritte, die die Schüler im hebräischen erzielten, hervorhob. Freund und Feind müsse zugeben, dok׳ die Bibelschule für Brünn eine, unbedingte Notwendigkeit sei. Ter Obmann der Schulkomw'^ion dankte noch den Lehrkräften für die Mübe und gab der Hoi tun g Ausdruck, daß es möokicki sein werde, die Bibelschule im nächsten י־־”ז->?ה erweitern. Den Schülern und Schülerinnen wurde durch eine Gabe eine freudige Ueberroschung zuteil. Es ist zu erwarten, daß die jüd. Bevölkerung Brünns, diese Institution durch Zuweisung der erforderlichen materiellen Mittel entsprechend fördern wird. Jüdische Kaufleute, Reisende! meidet Lokale iu denen die ״Jüdische Bolksstimme" nicht anfliegt. Spende. Herr Josef Bock, Fleischhauer, hat dem Vereine Machsike Hades — anläßlich des Hauskaufes — 10 K gespendet. Dem Spender herzl. Dank. Heinrich Wilhelm Ernst ״der große Sänger auf der Geige". (Ein Geöenkblatt zum!00. Geburtstage, 0. Juni 1014.) Nicht bloß dem Mimen, auch dem Musikvirtuosen flicht die Nachwelt keine oder doch nur spärliche Kränze. So kommt es, daß nicht gar vielen Brünuern der Name H. W. Ernst so geläufig ist, als er es in zweifacher Richtung ver dient; der hundertste Geburtstag dieses großen Mannes verdient daher um so mehr Beachtung und Würdigung, als die Leffentlichkeit, beziehungsweise die Musikgeschichte, bisher nur das Geburtsjahr des ״deutschen Pagauini" kannte, nicht aber Monat und Tag. — Einer der ausgezeichneisten und berühmteilen Violinvirtuosen der jüngsten Vergangenheit, der inbezug auf dien, schonen Ton und seelenvollen Ausdruck unübertroffen geblieben ii:, nennt ein älteres; usikalisches Lerikou u n iere n Ernst. Ja! :vohl, unseren Ernst! Wohl schrieb die ״Augs-! burcer Allgem. Zeitung" im I. 18-10: ״In ei-! 1 ׳ein deutsch-slavischen Lange geboren, hat E r n st von seinein deutschen Vater das ernste Gemüt und den sorgsamen Fleiß, von seiner Mutter, l er Slavin, die geschmeidige Form und die L!ele zur Musik, als Gescheut des Franzosen end-i lich, mit dem er viele Jabre gelebt, die klare! Verständigkeit, die einschmeichelnde Eleganz er-j halten." Aber diese Kennzeichnung :eigr wieder, einntal auf's deutlichste den himmelschreienden l Widersinn des von gewissen Ariern gebäsiigil beteilten ״semitischen Typus", der in jeder Beziebung anders und minderwertig sei; denn Ernst, der .,deutsche Paganini", hatte weder einen deutschen Vater, noch eine slavische Mutter, sondern g u t-j ü d i s ch e Eltern und wurde im Iudcnviertel Brünns geboren, nur wenige Häuser von dem Einkehrgasthause entfernt, in dem die damals nur ganz wenigen Juden Brünns vor Kaiser Josefs Zeiten durch längere Zeit heimlich und unter Strafen ihren Gottesdienst hielten. Da der ,Knabe schon sehr früh große Vorliebe für Musik und insbesondere für die Violine zeigte, hielten ihm seine aus Rausnitz sraminenden Eltern einen Lehrer, unter deni der Kleine so rasche Fortschritte machte, daß er schon nach anderthalb Jahren eine öffentliche Probe seiner großen Begabung oblegen konnte und nach Wien ins Konservatorium geschickt wurde, wo er unter der trefflichen Leitung des ineisterhaften Prof. Josef Böhm 182.7 -27 glänzend Fortschritte machte. Von größtem Einfluß ans Ernsts ferneres Spiel war das damalige Erscheinen Paganinis in Wien, der daselbst am 20. März 1028 erstmals auftrat. Ter Eindruck, den das Spiel dieses genialen .Künstlers auf Ernst ansübte, war ganz außerordentlich: er studierte so fleißig, daß er schon im folgenden Jahre eine Kunstreise wagen zu dürfen glaubte. Ernst ging über München nach Paris, wo aber Paganini olle Aufmerksamkeit an sich zog: 18:11 ging wieder Ernst nach Paris, studierte noch drei Jahre und trat 18.84 eine große ,Kunstreise an. Von da bis 1870 war die eigentliche Glanzzeit Ernsts. der nun überall, wo er auftrat, ununterbrochene Triumphe erntete und auch infolge seiner auß>׳rgewöhnlichen Wohltätigkeit die größte Be- Wanderung erregte. In Holland veranstaltete Ern^ nachdem er Frankreich bereist batte, über 200 Konzerte mit beispiellosem Erfolge: 18:10 war er wieder in Wien, wo er als vollendeter Virtuose und erster Sänger auf der Geige bekwüßt wurde. Seine Besuche in Wien und in den rovinzen Oesterreichs wiederholten sich: die Reisen durch Deutschland. Belgien, Täncmark. England, Frankreich und insbesondere dtirch Rußland waren eine einzige Triumphkette. Dock, diesen überaus anstrengenden Erfolgen setzte eine schwere Nückenniarkserkrankung ein vcrsruhtes Ende: am 14. Oktober 1867 starb H. W. Ernst in Nizza, liebevollst betreut von seiner Gattin Siona Amelie, geb. Levy. Während N!zza schon lange eine Ernst-Straße hat, wartet Brünn noch immer auf eine gleiche Ehrung Ernsts, der als Komponist des berühmten ״Karneval von Venedig" und der gleichfalls noch oft gespielten ״Elegie" auch schöpferischer Musiker war und uns Juden besonders lieb und wert sein soll: denn er war unser und blieb es auch, trotz aller fast überschwänglichen Triumphe, die ihn leicht hätten blenden und untreu machen können. Wer die Züge H. W. Ernsts kennt, der glaubt es gern, daß dieser Brünner König der Geige nicht nur den edelste» Ton, sondern auch das edelste Herz natte. Deshalb doppelte E'ore den! Andenken Heinrich Wilhelm Ernsts! Die Hinrichtung des Juden Süß. Milgeieiit von Tr. Alfred Löckle. Es g!- r wenig Ereignisse in der würrreml-ergischen!oeäyichte, die die öffentliche Meinung die Volksleidenichaft so sehr aufgewühlt habe51, wie der Pro:.ß nnd der Tod des hekannlen Fi nanzmaiines Süß Oppenheimer. Wilhelm Hanfs har ihn in den Mittelpunkt einer 'Novelle gestellt. Wer den Hoben-Neuffen nnd den Hohen-Afperg kennt, der weiß auch von Tüß. Besonders bekannr ist die (beschichte feines Todes. Drastischer Volrswip. die Wur des ansgeioaeneii Volkes, Rassenhaß ini allgemeinen nnd der Haß der siegreichen landiländlichen Partei gegen den einstigen Günstling Karl :'!leranders im beionderen, das alles konnte sich >11 der!christlichen!׳nd bildnerische» Tarsiellnng seines Todes nicht genug tun. Peinlich berührt uns noch heule das aller Jnsti: liotmiprechende Verhalten der 111ן terinchnngskammiffioii und der üble Bekeliriuigseifer der Geistlichkeit. _ Ein Zufall spielte mir eilte haiiöichristnche Lchildernng der Hinrichtung des Süß in die Hände, die ein Augen:enge namens Wächter «näheres über diesen Wächter konnte nicht er-!nittdr im'ik’11) am Tage nach der Erekution einem unhekaniiten Adreffaken gal׳: ich teile üe un folgenden wörtlich nnd nngekür:! mit: ״Ich erachte mich ichnldig, Eiv. nsw. von der würklich erfolgten Erecnlioi, des: Jnd Tiesen, io viel ich sichere Nachricht theils erhalten, theils aber ielbsten mit angesehen, hierin!» die geziemende avertnr :!! tim. Und :wahr ift nu־- borist zu melden, daß als; man Jhrte zu Aiverg abgeholt, der daielbst eommendierte Oiiicier deur Inden gemeldet, Er sollte sich eiligst ans machen, und an:!eben. es wären gute Nachrichlen gekoinmeu. »nan müsle Ihne schnell ans Stuttgard führen. Ter Jnd wollte es anfangs i'.cht glallben, als: aber der Osficier Jlme ans die gaffen gewiesen, woselbst Er eine Post-Eliaise mit <> Pferden beivannr, antressen werde. So war derselbe Hey dessen Wahriiehmnng sehr! freudig, und sagte, man werde Ilm liosreiillich in lein Hans: :n Stuttgard führen, seine Eom miifavii aber sollen :!liehe», was Sie an Ji>,1 getan haben:!!,nuittelsk war er angekleidet, und! ehe man Ihn zur Stubeu hinansgestilirek, >vnr j den Ihme die Spreng wieder angelegt, welches > Ihme nicht anstehen ivollte, und fragte,!vaß!dann dieses :11 bedentte» hätte; der Osficier war i aber gleith gefast, und meldete, man hätte Ihne, Juden, geschlossen gebracht, mithin mäste Er Ihne wieder geschlossen liefern, wodurch sein gemüthe wieder beruhiget würde. Und sülirete mau denselben unter einem erschröcklichen Z,nlauss Lenthe glücklich hierhero: als; aber derselbe bey dem eisernen Galgen vorbey gesübret wurde. hatten die Buben Jhine gleich das Todes Urtheil angekündet, nnd gesprochen, Silie Jnd biß diensttag inustu da binanfs steige». Er wurde aufs hiesiges Herren Haus; in eine alle orthen wohl verwahrte Stuben gebracht, nnd Crenzweiß geschloffen. Am Freitag kündete die Jnquisitions Cominission Ihme das Leben ab. wo bey Er sich sehr ungebärdig gestellt, und ein grosses Geschrey aeführt. auch allzeit deklariert, daß Er dieses nicht verdient, und Jhine zu viel geschehen: Er berufte sich aus Gotl und den Kayser nnd walte Rach schrcyen. über die welche ihme solches Unglück zugezogen Mann ließ Ihne aber nicht auffkommen, und begehrte nur zu wissen, was Er vor seinen! Todte nach anzubringen hätte, mit dem Beysaz. daß es jezt noch de tem- Pore wäre, er post aber würde Er durchauß nicht mehr gehört. Allein er schrve immerhin nur, es geschehe Jhine zu viel, und da habe das nicht verdient: folglich wurde Er wiederuni in sein Arrest geführt.und denen hiesigen Geistlieben der Befehl geaeben, abwechslunasweiß zu Ihme zu gehen, und an Zuspruch nichts ermanqlen zu laffen. so auch aeschchen. Er traktierte die Geistliche zwar böslich, wolle aber von Ihrer Lehre und Ihrem Zuivruch nichts hören, sonder» sagte rund heraus!. Er seve schon 40 Jahr ein Jud, Er wolte auch auff seinem Glauben sterben, die Geistliche dürssten sich keine weitere

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