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Jüdische Volksstimme · 1914-05-28 · Heft 20 (28.5.1914) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 20 (28.5.1914)
Date
1914-05-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 20. XV./3 Jahrg. Beilage zur,Wiener JäZ. VvlkssLimme. 28- Mai 1914 Seite 0 Vas Wische Leben in Kalmen. Lag Beomar in Krakau. glaube der älteste Polens, der Zweitälteste Oesterreichs, ist schrecklich verwahrlost. Alte Grabsteine, wertvolle An- Wachtel-:׳ Bilder bekunden vor allein T letztersinn und warme-:׳ Empfinden, die, ,;um Akkord Gin Zufall — schlechte Bahnverbindung zwingt mich in Krakau den Nachmittag zu verbringen. Schon am Wege füllen sich die halblecrcn Waggons mit Juden und von Trzcbinic an sind alle Züge, die sich mit unserem kreuzen, von Juden vollgepfropft. Tie schwarzen Saimhütc der galizischcn Juden verlieren sich fast ganz unter den unzähligen Kappen der russischpolnischen. Laut sprechend, polternd und scherzend stehen sie in den Grenzstationen und lassen sich zu Hundcrren in die Waggons zwängen. Ihr Benehmen ist oft viel freier als der galizischcn, ganz ungezwungen fühlen sic sich, trotz Anwesenheit zahlreicher Frauen und Mädchen. Auch die Jungen — und das sticht besonders von den Ghaffidim ab — unterhalten sich gemütlich mit den Mädchen und scheuen sich auch nicht in deren Nähe zu sitzen. Mein Nachbar erklärt mir, heute. Lag B'omar, isr der Todestag des R'm'u (Anfangsbuchstaben für Nabcinu Mugen Awruhoms da lvallfahrcn die Juden aus Wcstgalizien, besonders aber die aus Russisch-Polen zu zchntauscndcn zu seinem Grabe, am alten Friedhöfe in Krakau. In Krakau am Bahnhöfe geht cs wieder laut zu. Ucbcrall Juden und ״Jüddifch", hie und da läßt sich ein polnisches Wort hören. Vor der Elektrischen, vor den Fiakern überall ein entsetzliches Gedränge und überall fast lauter Juden. Sehr viele ziehen zu Fuß, meist nach Familien und Städten gruppiert, zur Wahlfahrtsstätte. Auf dem Wege dorthin und besonders im Judenvicrtcl ist es lebhaft. Krämer schleppen von den Straßen Kundschaften herbei und oft kommt cs mit der Konkurrenz zu ״Konflikten". Heute ist im Judcnvicrtel der größte Fremdenverkehr im Jahre und dieser Tag ist darum auch in geschäftlicher Hinsicht von großer Bedeutung. Tic ״Russen" und auch die Provinzler besorgen heute ihre Einkäufe. Durch die geschäftig eilende Menge lasse ich mich drängen, da plötz-!ich erregt ein Geschrei meine Aufmerksamkeit. Ich schaue hin und siche! dort fallen Scharen Bettler die Passanten an, und mit weinendem Gekreische, oft auch Beschimpfungen und Drohungen erpressen sic den Wallfahrern ihren Bettelpfennig. Aus allen Gegenden keinmen sie her, aus Ost- und Wcstgalizien wie aus Russisch-Polen (einzelne auch aus dem Innern Rußlandst, denn auch sie haben heute ״Saison". Mein Beglcitcr warnt mich, Wertgegenstände sorgfältig zu bcwahren und so wage ich mich in das Spalier, das diese Bettler die Straße vor dem Friedhöfe entlang bilden. Ein größeres Wachcaufgcbot, daß die Passanten vor den Ilebcrfällen schützen soll, steht ohnmächtig da und vermag bei der ungeheueren Anzahl der Bettler nichts auszurichten. Gin aufmerksamer Beobachter könnte bicr eine weitverzweigte Organisation geschulter Bettler vermuten. Tie verschiedensten Bettlcrkniffe und -Listen werden hier in Anwendung gebracht. Der eine hat sein Auge mit Eidotter bestrichen, um als Krüppel ein größeres Anrecht auf Almosen zu haben, der andere trägt eine klafsende Wunde an der Brust zur Schau, eine dritte drängt ihre Scrauphel an der Hand den Vorbcigchcnden ins Gesicht. Ta hat einer seine Augenlider umgedreht, Bart und Haar zerrauft und verstärkt den Ekel, den er erregt, durch den schrecklichen Schmutz von dem er trieft. Viele, besonders Frauen verwenden ihre verkrüppelten Kinder, als ״Reklame" für ihr ״Geschäft". Mit Mühe und mit beiden Ellenbogen (oft muß man, zum Atock greifen) schlägt man sich diese schier endlose Reihe durch. Am Tore hält die Wache die Bettler von dem Eindringen in den Friedhof ab. Aber Einzelnen ist es auch gelungen diesem Ungeheuer zu entkommen und so wimmelt es auch drinnen von ihnen. Sic werden übrigens verstärkt durch Scharen junger Bachurim, die sich durch ihre singcnde Bittrufe zur Unterstützung irgend eines religiösen oder wohltätigen Vereines, fiir den sie eine Büchse schwingen, recht lästig machen. Hier am alten Friedhof stehen an den Gräbern der berühmten Rabbinen, der zahlreichen Märtyrer Trupps von Männern und Frauen und singen mit eigentümlichen oft sehr feinen Melodien ihre Gebete. Die Frauen untcrstützen das Gebet durch reichliche Tränen. Gewöhnlich übergehen sie von den vorgeschricbenen hebräischen Gebeten, in sehr rührende jüdische Gebete und schildern vor dem Grabdenkmale mit eigenen Worten all ihr Leid u. bitten um Linderung und Erlösung. In das Bethaus, das über dem Grabe des R'm'u errichtet ist, werden vor dem Abendgebete nur Kohanim eingelassen, da diese doch einen Friedhof nicht betreten dürfen. Der Friedhof, ich denken, liegen zerbrochen, zerstückelt, sind oft zur Hälfte flcci״t״ ׳fIc |d״c ^״rbcntraumc durchtönen. UnÖ versunken und noch öfter zertreten. Tie .Krakauer Kulaträlmd 1״jt יל-ovliebe »Dl» fernen Client und tusgcmcinde, trotz ihrer Mängel wohl eine der beslverwaltcsten Oesterreichs sollte doch hier rechtzeitig eingreifcn und dieser historischen Stätte eine würdigere Pflege angedcihen lassen ..... Tie schreckliche Zudringlichkeit der Bettler und Bachurim vertreibt mich bald vom Friedhöfe. In einer Milchhallc (hier eine Art Bolkskaffeej finde ich eine Ruhcplätzchcn. Hier sitzen Juden und politisieren. Es sind nämlich bald Gemeinderatswahlen und das neueste politische Ereignis ist das Kompromiß zwischen ״Kahal" und ״Unabhängigen". Tie Straßen sind von den jiid, und polnischen Aufrufen der noch kämpfenden Parteien überfüllt, aber man weiß es bereits. Und da sitzen schönbärtigc Juden und spreche» über das ״Kompromiß". Besonders einer, ein schöner, starker rothaariger Jude;aiibert au-:׳ den versunkenen lagen altorientalischer Prachtwnndersaine Svenen und Gestalten. Viele seiner Bilder »inten nn-:׳ an, wie prächtige Illustrationen;11 den Märchen an-:׳ Tausend nnd einer kracht. Wir setzen da Nakte, schlanke Frauengestalten mit knospenden Brüsten, dicken Lippen, die sich nach Küssen setznen, und halb geschlvssenen Angen. die;»gleich träumen und verlangen und gewätzren ... Eine ti;ianische Sinnlichkeit atmet an-:׳ manchen Bildern: doch sind die Franengestalten hiev;»meist schlank und von sanfter Träumreei umilvisen. Tie Persönlichkeit diese-:׳ Maler-:׳ vertrag! eben keine all;»grellen Motive und Farben. Insbesondere sei liier da:׳ Bild ״Begrüßung der Brau! Sabbat" tzervvrgehat einen schweren Stand, er ist der einzige Parteigänj j^,״״ Tic erotifrf,.. ^i0DcVgabe nnd die tarnte Farbengebung diese-:׳ Gemäldes sind von erbabener künstlerischer Wirkung. Eine schwüle Atlnnosptzäre liegt tzier über allem, nnd eine Sinnlichkeit und ein Berträumtsein. Alle-:׳;»gleich. Und beim Betrachten dieser Bilder fühle» wir nn-: äuge webt von sonderbaren Atznnngen märchentzasten Geschehens. Bon den Gemälden. die jüdische Molive behandeln. seien vor allem genannt: ״Ter Cüerabend", dann da-:׳ stimmung-:׳volle Bild ״Ter Passant". Ein Mann netzt da im Abend dunkel vor einem kleinen Hanse und blickt dlirch da-:׳ Fenster in die Stube, wo auf weißgedeckteni ger der Unabhängigen, alle Anderen sind Anüänger des Kahal. ״Ihr habt uns einen Goi aufgehängt und dazu noch den Taczynski, der die Arbeiter aufhetzt, die Regierung und die Minister reizt, der den Leo beleidig! hat. Leo aber wird bald Minister, nein, Ministerpräsident und wohin kann das führen:" argumentieren die daS Kähal. Was? Taszpnskie Er iir doch ein wahrer Indenfreund (ein cmcsser oibew JiSroeia ein Zadik Wie b'yme Huoilom (ein frommer, gerechter unter den Nichtjudcn). Minister? Nein! Groß ist der mächtigsre im Pelenklub. Nach dem jetzigen Vorfälle mit den Stimmzetteln, das wird er nicht mehr zulassen. Leo lvird nicht Minister, Groß ist der mächtigste Mann im Polenklub, erwidert erhitzt der rothaarige Jude. Tie Debatte lvird immer heitiacr und hitziger, beide Lager erhalten Perstärkung. Tie Argumentierungen zeigen oft polstsickie Schulung und Scharfsinn. In mir aber lacht das Herz. Wabrlich, wir haben keinen Grund wie Klageweiber nur über Untergang, Assimilation usw. zu jammern lvo lvir noch solche Feite haben, wo diesalte degenerierte Stadt, die Residenz der Polen ein solch pulsierendes jüdisches Leben hat. Man sein, daß manches nicht am rechten Flecke ist, aber hier ist Leben lind Leben ist alles. A. Dawid. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. Tische;wei eierten brennen;1:1־ Begrüßung De-:׳ Sabbateingang-:׳. Ter Mann vor Dem Hause scheint nur ein Passant;11 sein. Vielleicht ift er ei» Jude. Vielleicht ein Venegat. Ter Anblick Der bellen Sabbatstinimnng Drinnen in Der Stube hält ifm gebannt. Er stellt geneigt Da, in stille fromme Erinnerung versunken.... (Kar viele BilDer Wachtel-:׳ haben Da•:׳ Merkmal einer spezifisch jüdischen Kunstart. Picht int Sinne ihre-:׳ Aeust.eren, sondern in ihrem Wesen, in ihrem Grundton. Insbesondere bat er in seiner Tekoration-dknust viele altjüdische Momente neubelebt ltitD lassen seine Entwürfe Der Tempel- Dekorationen erwarten, das: er aus Diesen! ‘-‘׳ebiete viel cchönes uuD Unvergängliche-:׳ ׳chatten könnte. Wir tzaben eigentlich bi:׳ nun nur wenige 1 wabrlich jüdische Maler. Tenn Das; Der Maler zuy9Sternhofer Bitterwasseütthg Jude ist. ober südische (Gestalten reproDu- Mild, doch zuverläBlich. Sternhof, PostSokolnitz bei Brünn. Wilhelm Wachtel. (Anläßlich seiner jetzigen Kollektiv-Ausstellung in den Sälen des Lcmberger Kunstvereines.) Wohl niemals empfinden wir die Schönheit der Natur so tief und so innig wie zur Zeit des Frühlings. Das tausendfältige Neuerblühen der Natur wird uns immer wieder zur wundersamen Offenbarung, die unser Empfindungsleben tief berührt. Und wir werden dann weicher gestimmt und neigen mehr als sonstens dem träumenden Dahinsinnen. Und wir verniögcn stundenlang ziellos durch Wiesen und Gärten zu wandern die treibenden Knospen und Blüten zu betrachten. An solch einen Frühlingstage besuchte ich die Ausstellung Wilhelm Wachtels. Und mein tränmendes Tahinsinnen, das mich im Freien durb^ tönte, schlug heimlich eine Brücke nach den farbigen Künstlerträumen, die mich von den Wänden grüßten. Und sie wurden mir zur Offenbarung eines mir bisher unbekannt gewesenen Talentes: des Malers Wilhelm Wachtel. Liebe zur Naturschönheit und deren richtiges Verstehen sind wohl unumgängliche Notwendigkeiten für das Künstlertum eines jeden Malers. Er sieht viel mehr als jeder andere und unterscheidet vielfache Farbentöne wo andere nur Einförmigfeit des Kolorits erkennen. Theorie und Konvention tun hier nur wenig. Begabung und Empfinden sind hier das Wichtigste. ziert, bat mit Der jüdischen Kunst als solchen nur wenig zu tun. Ter Grnndklang und Das innere Moment Der Kunst bilden itzren watzren Ebarakter und in dieser .Hinsicht ist Wilhelm Wachtel unter Den jnDischen Malern vielleicht Der jüdischeste. Wachtel bat auch eine Neitze seiner neuesten Porträits ausgestellt. Tie Verbindung Des Monumentaleu mit einer seinen französischen und Doch so eigenartig individuellen Finesse kenn;eichnet diese Porträts. Tie gesunde Enwirkung Der modernen Pariser Malart ist fast überall zu erkennen, insbesondere aber in den Bildern: ״Tie Kreolin", ,-,Tie Pariserin" und ״An Der Seine". Von den vielen anderen Bildern seien noch tzervorgehoben: ״Traurige Menschen", dann das anmutige Bild ״Drei Frauen", dessen gesällige Kontposition und farbiger Nhptinus den Zuschauer gefangen nehmen. Um die Vielseitigkeit der Kunstentfaltung dieses Malers zu illnstrieren, seien hier noch die hübschen und originellen Entwürfe für Teppiche, Gobelins, Majolikateller usw., erwähnt. Wilhelm Wachtels Malkunst ist nicht auf altersgrauer Theorie und schabloniger Konvention ausgebaut, sondern aus sein eigenes selbst!- sches Kunstverstehen, das zugleich auch in seinem Judentum wurzelt. Seine Bilder wirken ohne jedwedes Hcrvordringen der Absicht, gefällig zu erscheinen. Vor manchen blieb ich lange stehen und fühlte mich sonderbar angeweht von schwülen Atem jener längstverklungenen Welt, die des Künstlers Hand zu farbigem Leben gebannt hat. Und als ich nachher die Ausstellungsräume verließ und durch den früblingssrweckten Garten heimwärts ging, da empfand ich, trotz des grü-

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