Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-04-09 · Heft 14 (9.4.1914) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 14 (9.4.1914)
Date
1914-04-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621911--2745-2623869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 14. XV./3 Jahrg. Beilage zur ,Wiener JüÄ. Volksstimme'. 9. April 1914 Seite 9. Vas Wische Leben in Salirien. Die Nationalisierung der zion. Intelligenz. Non Tr. Chaim Tartakower, Drohobycz. IN. Wenn wir dein jüdischen Volk eine Zukunft sichern wollen, da muß der Wille desselben geweckt, gestärkt u. z. in der Gegenwart schon intensiviert werden. Eine Revolution des jüdischen Lebens, wie sie unser zionistisches Ideal erheischt, ist nur möglich, wenn der Dukaten des Jdals in die Scheidemünze des täglichen Lebens umgemünzt wird. Kurz, um das Endziel zu erreichen, muß das tägliche jüdische Leben reactiviert werden, damit es unsere Seele befriedige und nähre. Wie verläuft nun — von diesem Standpunkte aus betrachtend — das Leben der jüd. Intelligenz im Durchschnitt? Ter jüdische Intelligenzler steht am Morgen auf, wäscht sich nach den Regeln der Hygiene, ißt sein Frühstück und geht seinem Berufe nach bis zum Mittage. Während vor oder nach demselben ״liest er seine Zeitung", natürlich ״die Neue Freie Presse" oder ein Landesorgan in nichtjüdischer Sprache und geht wieder seinem Berufe nach bis zum Abendbrot und dann ״Hai man ja" — im besten Falle ״Kulturbedürsnisse" und geht in ein Theater, in das Kino oder liest ein Buch, selten ein jüdisches. Ich sagte im besten Falle, denn wie sehr oft wird dann die freie Zeit zum Hazardspiel verwendet. Ich will aber schon den besten Fall annehmen: man geht oft in eine zionistische Sitzung irgend eines Vereines oder Komites oder manchmal — toenn veranstaltet wird — zu einer Makkabäer — oder ähnlichen Feier und liest ständig die ״Welt" und das betreffende zionistische Landcsorgan. So schaut es im besten Falle aus. Nein, uin vollständig zu sein, muß ich noch hinznfügcn, daß wenn Wahlen aus die Tagesordnnng kommen, da nehmen wir noch an den Versammlungen teil, denn an sonstigen ״rein zionistischen Versammlungen" teilzunchmen, ist schon bei einem Teile der Intelligenz ein Luxus. Wodurch unterscheidet sich der jüdische Feiertag von einem gewöhnlichen Tage? Heute zum großen Teile leider schon durch nichts, denn auch am Sabbat und Feiertagen gehen wir unseren Berufen nach. Wir rasten nur an christlichen Feiertagen. Wenn wir aber in der Lage sind, die jüdische Feiertage zu feiern, da unterscheiden sic sich durch gar keine Weihe von anderen Tagen. Wir sehen also, daß wir im täglichen Leben verzweifelt wenig an das Judentum ge mahnt werden, es bietet uns gar nichts für unsere Seele, weil wir danach gar nicht streben. Was ist also Zionismus, resp. Judentum, für unsere Intelligenz heute? Leider nur ein Schall, ein Wort, sofern wir nicht unser Personlichcs Schicksal mit dem Lande unserer Zukunft verknüpfen. In unserem Hause ist also vom Judentuin wenig zu verspüren, es gleicht dem Hause des intelligenten Nichtjuden sehr stark, nur fehlen im jüdischen natürlich die christlichen Feste und dereu Weihe, deren Stelle in unserem Hause der kalte Jndisferentismus vertritt. Der zionistische Intelligenzler hat durch Gleichgültigkeit den jüdischen Geist, der sich in vielen herrlichen Lebensformen substantuiert, aus seinem Haus verbannt und den Zusammen- Hang mit der Synagoge, die eine Quelle von Freude, Glück, und erhabenen Gefühlen war, gelöst. Warum? Die Hallptantwort lautet: Klerikalismus. Mit diesem Einwand lohnt es sich, ein wenig auseinanderzusetzen. Er stammt — wie so viele Einwände moderner Juden — aus nichteigenem unjüdischcn Lager und bedeutet: Herrschaft der Geistlichkeit, des Klerus. Par allem gibt es bekanntlich bei uns Juden keine ״Schichte", die mit dem katholischen Klerus etwas gemeinsam hätte, denn es fehlt ferner die stramme Kastenorganisation, sowie schließlich die ihr gegenüberstehende Laienschichte.! Kompetent religiöse sowie rituelle Fragen zu׳ entscheiden ist jeder Jude, der über das nötige; Wissen verfügt, sofern in der allgemeinen Mei-! nung seststeht, daß er die entsprechende Materie beherrscht. Beim Gottesdienste gibt es keine Bevorzugten, es sei denn höchstens, daß der Vorzug > eingeräumt wird der Person, die über ein 6effoj res Sprechorgan, sowie noch über größeres jüd. Wissen verfügt, sonst kann jeder Jude Vorbeter sein u. zw. ohne Einschränkung. ' Ueberzeugend ist diesbezüglich die Stellung' der Rabbiner in der jüd. Gemeinde: solange fie ן im Golus die Gemeinde leiteten, taten sie das zum größten Vorteile der Judenheit und sie er-! reichten ihre Stufe n u r dank ihren großen jüd.! Kenntnissen: sie lenkten aber nicht nur religiöse' Interessen der Judenheit, sie waren die Führer des Judentums in jeder Richtung. Und merkwürdig genug: solange sie die Leitung in Händen hatten und das Volk mit ihnen eines Sinnes war, da hatten sic nie ihren Einfluß dazu benützt,! mii eine Aaste a la Klerus zu schaffen. j Ter Chassidismus, der den Rabbinismus bekämpfte, bekämpfte natürlich in demselben nicht die Kaste, sondern die Idee und erstaunlich genug, der junge Chassidismus — er zählt ja bloß 299 Jahre — schuf in kurzer Zeit das, was der Jahrhunderte dauernde Rabbinismus niemals getan, er schuf die Zadikimdynaslien, die sehr viel Aehnlichkett mit Kasten haben. Und gegenwärtig, wo die Macht der Rabbi-; ner so bedeutungslos geworden, spricht man bei; Juden von Klerikalismus!! In Wahrheit jedoch ist der Grund, warum! wir, modernen Juden, mit der Synagoge gebrochen haben, der krasse Jndisferentismus. der bei uns rücksichtlich vieler Schöpfungen des Judentums in der letzten Zeit überhand genommen hat. sowie der Nationalismus, der bei uns so üppig in die Halme schoß u. schließlich das mangelnde Verständnis für die große Bedeutung, die die Synagoge, sowie die anderen national-religiösen Lebcnsfornicn für das jüdisch-nationale Leben auch der Gegenwart hat. Un: diese zu erfassen, wird es vorteilhaft sein, unser unnormales Leben mit dem anderer Völker zu vergleichen. Die Individuen jener leben, indem sie leben, zugleich für sich als Jndividuen als auch als Glieder ihres Volkes, was sie erkämpfen u. erringen, gilt auch ihren: Volke. Als sprechende reden und entwickeln sie die Sprache ihres Volkes, als Händler pflegen sie zugleich ihren nationalen Handel, als Architekten bringen sie ihren nationalen Stil zur Entfaltung, kurz jeder Atemzug, den sie tun, gilt sowohl dem Jndividuuin als auch dem Volke. W i r müssen, indem wir national eristiereu wollen — ein doppeltes Leben führen, als Individuen, um uns als solche zu erhalten und als Angehörige unseres Volkes müssen wir Taten ׳ setzen und Handlungen üben, um unsere uatioj nale Zusammengehörigkeit zu betonen und zu pflegen. Das Ideal wäre natürlich, wir sollen wie die anderen Völker ein einheitliches Leben führen, daß wir alles auf ein Aonto buchen können und die Realisierung dieses Jdealzustandes heißt: Zionismus. Gegenwärtig aber müssen wir ein doppeltes Konto führen, wenn wir als Volk bestehen bleiben wollen und dieses zweite Konto führen heißt Handlungen üben und Taten setzen, die unsere nationale Eigenart hervorstreicht und zur Geltung bringt. w Wollen wir aber ernstlich unser nationales Dasein führen, da müsien wir trachten, daß das nationale Konto nicht zu dürr ausfalle im Vergleiche zu dem unseres Lebens als Individuen, denn sonst droht uns lebhaft die Gefahr, daß ׳sere nationale Seite ganz verkümmere und von dem individuellen Leben ganz absorbiert werde. (Schluß folgt.) Brief aus Lemberg. (Ein jüdisches Kinderheim. Jüdisches Turnerfest. - Zwei jüdische Künstler.» Den vielen gemeinnützigen Juslitulionen unserer Gemeiude reiht sich seil kurzem eine neue an, oeren Bedeutung vom Humanitären und sozialalhygienischen Standpunkt aus nicht genug gewürdigt werden kann. Ein Hort für arme jüd. Ainder im vorschulpflichtigen Alter gehörte sei: langem zu den dringendsleu Bedürfnissen der jüdischen Gasse. Die durch ihre langjährige erfolgreiche Tätigkeit aus humanitärem Gebiete bestbekannre Frau Emma Lilien hat dieses Werk trotz mancher Schwierigkeiten technischer und finanzieller Natur dank ihrer seltenen Ausdauer und dem sie kennzeichnenden Äptimisnins ins Leben gernfcn. Aber auch die wackere» Damen und Herren, die ihr dabei hilfreich zur Seite standen, verdieneu wärmste Anerkennung. Man muß die hiesigen ökonomischen Verhältnijse kennen, um sich »1 vergegenwärtigen, welche Wohltat es bedeutet, wenn 19 schwächliche A in der. die schon von der Wiege aus ׳gi Not und Leiden prädestiniert erscheinen, wenn cmch nur für die Zeit da ihre armen Eltern irgendwo »ui der Straße dem kärglichen Tageserwerb nachgehen, ihrem elenden Milien enizogen iverden. .gein Sonnenstrahl dringt in ihre feuchten Kellerwohnungen, tagelang fällt ihnen kein warmer Bissen zu, ohne Pflege und Aufsicht bleiben sie dem Erbarmen einer Nachbarsfamilie manchmal jedoch auch Den Gefahren der Strage überantwortet. Nun haben diese armen Mauerblümchen in einem sonnigen, luftigen Heim gastfreundliche Ausnahme gefunden und!venu die Ainder darin auch nur während ihrer erneu Aindheitsjahren. das ist vom bis ׳,tim Lebensjahre verweilen sollen, so ist es unzweifelhaft, daß ne durch die ihnen znteilwerdende Fürsorge in ihrer php fischen und moralischen Widerstandskraft für das ganze Leben gestärkt werden. Frühmorgens Iverden sie von iliren Müttern hergeführt und verbleiben unter bester ',1Im sicht bis in den späten Nachmittag. Sie werden des öfteren gebadet, täglich mehrmals zur Reinigung der Hände angehalten, ivöchentlich ärztlich untersucht, von gewissenhaften Kindergärtnerinnen nach den modernsten pädagogischen Grnndsätzeit beschäftigt, es werden ihnen die er sten Sprachbegriffe beigebracht, sie lernen Far bei: und Töite von einander zu unterscheiden, allmählich auch Handfertigkeitsnnlerrichr, tnrnrit und spielen und erhalten im Laufe des Tages dreimal kräftige und schmackhafte Nahrung. Für den Sommer steht ein geräumiger Garten zur Verfügung. Daß auch für die Bekleidung der armen Kinder gesorgt wird. ist selbstverstündlich. Es ist daher begreiflich, daß das Provisor!- sche Komite, das bei der am 21. März statlgefnndenen General-Versammlung durch einen definitiven Ausschuß mit Fra» Emma Lilien an der Spitze abgelöst wurde, in weiten Kreisen lebhaftes Interesse für seine Bestrebungen gefnnden hat und wenn wir den Gründern zu ihren bisherigen Erfolgen von ganzem Herzen gratnlieren. so können wir nicht umhin, einen Wunsch zu äußern, der in tausenden jüdischen Herzen sei Echo finden »vird. - Die große jüdische Deffentlichkeit wird dieses schöne Werk umso wärmer fördern, wenn ihr das befriedigende Bewnsttsein. wird, das in die zarten Seelen der Pflegekinder auch die Liebe und Anhänglichkeit an unsere tausendjährige Tradition, an den Glauben der Väter gepflanzt wird. — Es soll und muß dafür aei'orat werden, daß denjenigen Kindern, die bereits über das erste Anfangsftadium der Erziehung hinaus sind, die wichtigsten hebräischen Gebete jedoch ebenfalls von einer modernen Pädagogischen Kraft beige-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.