Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 11 (19.3.1914)
- Date
- 1914-03-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 11. XV. Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jü-. Volksstimme 19. März 1914 Seite 9. Vas jüdische Leben in Galizien. Der Jungzionismus. Von Herrmann Parnaß. Wien. III. Woher mag die Verirrung stammen? Aus der Kurzsichtigkeit! Sobald die Parole der Regeneration in die Welt hinausposaunt wurde, da gingen viele an die Arbeit, ohne zu bedenken, welcher Art sie sei. Die Revolution in Rußland, die allgemeine Wahlrcform in Oesterreich hat die Politiker überrumpelt. Ihr Denken war primitiv, etwa folgend. Die Juden sind ein Volk wie andere Völker, also was bei denen gut ist, muß in der jüdischen Politik ihre Anwendung finden. Das, was dort an nationalem Programm gesunden wurde, haben sie fast kritiklos unseren Bestrebungen angcgliedert. Wie glücklich würde ich die Juden schätzen, wenn sie sich — ich bin bescheiden — auf dem Stadium einer der Analogens befänden, an dem heute die geknechteten Polen oder geknebelten Ruthencn angelangt sind. Leider sind wir noch sehr weit von diesem gottgesegncten Stadium der Polen oder Ruthcnen. Sic sind bodenständig, wir schweben in der Luft, sie leben ein volles Leben, wir führen ein Scheinleben, sie kämpfen und entwickeln sich, wir desorganisieren, zersplittern uns. Ein Organismus, der für größere, komplizierte Funktionen bestimmt ist, ist auch kompliziert entwickelt. Es besitzt verschiedene Lrgane, die verschiedenen Zwecken diene», die einander unähnlich, aber sic sind einander koordiniert, zur cinheitlichen Funktion harmonisiert. Organismen, die kein kompliziertcs Leben führen — brauchen auch keiner komplizierten Organisation. Tie Völker, die ein volles, kompliziertcs Leben führen, sind in verschiedene Stände gegliedert, die in einander cingefügt sind. Wir vermissen diese Organisation bei dem latenten Leben der Juden und vor allem fehlt uns der Grundstand, der Bauerntypus. Wir sind den Pflanzen ähnlich, deren Wurzeln in der Luft herumflattern. Boden unter den Füßen haben wir keinen. Es müßte eine wunderbare Landcspolitik sein, die so radikal das Leben umwandeln könnte. Niedrig organisierte Pflanzen von flüsiiger Konsistenz, aber von verschiedenen Ban fließen oft zu einer bunten Pflanzcnkolonie zusammen. Auch wir sind einer solchen Kolonie ähnlich. In jedem Lande zählen wir ein ״Judentum", ein russisches, ein polnisches, ein deutsches, französisches usw. Dieses Merkmal der Zerklüftung und Zerrüttlung wurde unglücklicher, und unlogischer Weise in die Organisation der Einheit und Einheitlichkeit, in die zionist. Organisation hinübcrgcrettct. Tie verschiedenen Landsmannschaften in der zionistischen Organisation sind nicht nur organisatorische Begriffe. Nicht das politische Moment ist hier entscheidend. Gibt es denn nicht internationale Verbände, Misrachi. Poalci-Iion, die einzig logischen nach Prinzipien, aber nicht nach Golusgesichtspunkten? Gibt es in Oesterreich-Ungarn, politisch wohl einen einheitlichen Staat nicht einig-: Lands- Mannschaften, die ungefähr den Nationen entsprechen, deren Kultur die Juden oder die Führer leben? Tie zionistische Organisation, die Bestrebung sub spccic aeterni tatis hat an den korrumpierten Alltag des Golus eine Konzession gemacht. Alles, was eine Konzcsiion an den Alltag bcvcutct ist ein Stück der alten Goluskctten, die wir Sklaven des Scheinlebens in das volle Leben hinüber schleppen, unbemerkbar, fast instinktiv hinüber retten wollen. Das ist die Wirkung der Trägheit im Menschen, die einer kopcrnikanischen Umkehrung der Lebens- und Denkensart feindlich ist. Zwischen unserem jetzigen Kompromißleben und unserer Regencrierungsbestrcbung muß ein Kamps toben. Die Goluskräfte, die zentrifugalen, die sich auf der Flucht vor der Einheitlichkeit befinden, vertragen sich nicht mit den zentripetalen, alles sammelnden und einigenden Kräften des Zionismus. Man staunt, wie solche einfache Ucberlegungen unseren Führern entgangen sind. Man kann cs aber aus psychologischen Gründen erklären. Bei den anderen normal lebenden Völkern bewegen sich die Bestrebungen der Individuen in der Richtung der Gesamtheitsbestrebungen. Tie nationale Kraft ist eine Summation der einzelnen Lcistungen. Die Zukunft knüpft über die Gegenwart an die Vergangenheit an. Das Leben der Einzelnen sub specie occulorum reiht sich wie ein Glied an die Kette der Allgemeinbestrebungen sub specie aetermitatio an. Bei uns ist cs anders. Ein Stück der Zukunft in Palästina kann nicht erbaut werden, ohne daß ein Stück der Gegenwart im Golus demoliert wird. Und umgekehrt. Bauen wir hier ein Bollwerk, dann fehlen uns die Bausteine für Palästina. In diesen Sätzen läßt sich die Eharakteristik der neuen Bewegung, des Jungzionismus. konzentriercn. Wir sind uns dieses Gegensatzes der Gegenwart und Zukunft genau bewußt und erstreben eine gewissenhafte Scheidung zwischen den beiden Kräften. Unsere Zukunft in Palästina, wie sie der Zionismus erstrebt, kann sich nicht aus der Gegenwart entwickeln, sondern muß neu geschaffen werden. Unsere Zukunft muß gegen die Gegenwart geschaffen werden: sie muß frei von allen Einflüsien der Gegenwart nur das eine Ziel erstreben. Unscrc Bestrebungen müssen, wie hypnotisiert nur in der einzigen Richtung, nach den Orient gerichtet sein, wie eine Magnetnadel mit ihrem Nordpol nur in eine konstante Richtung schaut. Wird eine Magnetnadel astatisiert, dann ist sie jedem Zufall preisgcgcben, ohne Kraft und ohne Gleichgewicht. Tie Organisation für unsere Zukunftsbestrebungen darf an die fremde Gcgemvart keine Konzesiion machen. Drin finden wir uns im Gegensatz zum gegenwärtigen Kurs in unserer Organisation, aber in vollster Uebcreinstimmung mit den Grundsähen des Zionismus. Ter erste Punkt unseres Programmcs ist das Basler Programm, der zweite lautet: 2. Programmatische Betätigungen für niefit palästinensischc Politik oder Oekonomie, für nichthcvräische Kultur, oder solche!Betätigungen), die zur Schwächung des jüdischen Stammes beitragen können sind von der zionistischen Organisation ausgeschlossen. Unsere Lrganisation mutz vor Abberation in der zentrifugalen Richtung nach dem Golus verhütet werden. Eine lebensfähige Idee findet ihre Träger, eine Organisation ihre Repräsentanten. ״Persönlichkeit ist das größte Glück der Erdenkinder" sagt der fürstliche Dichter. Tie Persönlichkeit ist cs, die dem Ideal, ein Lebe» einhaucht: ohne die Persönlichkeit möchte ihm die Erhabenheit der lebendige» Wirkung fehlen. Ei» Beispiel, ein Ideal, das jedem Zionisten vor den Augen schwebt ist doch die unvergeßliche Gestalt unseres Theoder Herzl. Tic Führer sind keine Individuen mit freiem Selbslbestimmungsrccht. Jbr Leben gehört der Organisation und Nation an. Sie find die Kristalisation der Bewcgung, ihr mächtiger Ausdruck. Bei anderen Nationen ist der Mensch, der den Durchschnitt au Fähigkeiten und an Ernst übcrtrifft, das gewöhnliche Material, aus dem der Repräsentant herausgemodelt werden kann. Er ist von derselben Art. wie die Massen, nur reicher ansgestattet in alle Vorzüge und Fertigkeiten seiner Nation und Rasse. Wie anders muß bei uns der :Repräsentant sein. Tie Rabbiner, die die Abkapselung der Juden bcsorgten, das waren die richtigen Repräsentanten desjcnigcii großen Anteiles der Inden, die in ihrem Latenzstadium noch weiter schlummern. Diejenigen Schichten, dir den Schutzpanzer verlassen haben, fühlen sich am meisten von jenen konsequenten Persönlichkeiten hingezogen, die nur mit einem dünnen Faden niit dem Gesammtkörpcr im Zusammenhang sind. Tie Mittelstufe zwischen den beiden Ertremcn, diejenigen, die weder im Scheinleben erstarren können, noch sich den zentrifugalen Kräften ganz ergeben, oder erwehren können, haben sich einen neuen Rcpräscntantentypus geschaffen: den Landcspolitiker. Sie sind von derselben Art und von demselben Geist. Sic wünschen die Erhaltung des Judentums, aber können nicht abseits vom fremden Leben stehen. Ihre Charakterzüge sind nicht in sicheren Umrissen gezeichnet, sie sind verschwommen, sic lavirieren zwischen der Scylla und Charybcho. Mögen aber diese Repräsentanten die Idee sub specie occulorum, die nötig ist, ruhig repräsentieren, aber die Ewigkeitsidec, die Idee der Art nicht der Individuen, die soll kür sie ein Noli me tangere sein. Aus anderem Material muß ein!Repräsentant des Zionismus gemeißelt sein. Ten Zionismus kann der repräsentieren, der zuvor der vorhcrrschendcn Richtung des Scheinlebens den Rücken kehrte und sich dem vollen Leben in Palästina zuwandle. Ter Zionismus ist von einer scharf umrissenen Zeichnung, mit scharf hcrvortrctcnden Grenzlinien. An ihm muß alles in der Richtung nach Osten, nach der sonnigen Zukunft gravitieren. Eine innere Umkehr des Willens muß der Repräsentant vollziehen, eine einheitliche, markante Persönlichkeit muß er werden. Nichts Zwitterhaftes an seiner Gestalt soll er haben. Ein Landcspolitiker und Zionistcnrcpräsentant in einer Person ist ein Unding, eine Mißgeburt, eine contradictio in adjecto. Nach den vorhcrgegangenen Voraussetzungen wird die folgende Schlußfolgerung, der drille Punkt unseres Programmes wohl nicht mehr überraschen: Tie zionistische O rganisation wählt zu ihren Repräsentanten nur solche Juden, die eidlich Gewähr leinen, daß sie dem jüdischen Slamme und der jüdischen Kultur nie entfremdet und daß Sie ihre politischen :!!echte in Golus nie und in keiner Weise ansiiben werde». Das Lebe» ii! sehr stark und Ivagt sich mit seinen Einflüssen auch an die Felsen heran. Wir müssen unsere Felsen, unsere Repräsenianlen, die KriNalisarion der Organisatwii konsequenterweise vor Abbcration schützen. Z,ur erfolgreichen Entwicklungsmögiichkeit der Persönlichkeit ist ein enlipre- .beiides Milien uouvenoig. Das in der Kreis, aus dein die :Repräsentanten Kervorgelien können, aus dein sie ihre Kräste holen und auch die Well, aus die sie geiia!׳ tend zurückwirken lönncu. Es wurde vielfach geilagi, daß wir ein zu langsames, gefährlich langsames Teinpo »nserer Arbeit koiislalieren müssen. Am riren sammeln sich drohende Wolken und die Geduld lässt iick׳ kaum im Zaune Halle». Wir haben schöne Erfolge erziel!, vieles erprobt, wir kennen die Rentabililät der Pslanzungeii und trovdem vermögen lvir nicht mit aller Wucht einznsetzen, erine Kolonisation im grösst׳» Stil iii uns nötig und lvir können sie ui,hl, >vir sollen sie nicht in Angriff ״vhmeu. In Palauina da!i kein neues Ghetto entstehen. Einen großen Kalonisationsstroni muß ein Bet! geichaffen werden. Aber wer soll das schaffen? Tie Jmigralion nach Palästina kann unmöglich dazu genügen. Größere Massen mobil machen vermögen lvir glich nicku: sie sind mit tausendfachen materiellen und auch geiiiigen Bande» an das Golus geknüpft. Wir verfügen über ein Materiai, das es auf sich nehmen kann und maß. Das iit die jüdische Intelligenz, die materielle und geiitig i!arken .Kraftalome. Durch höheren Idealismus können sie zur ähnlichen Umkehrung des Willens gelangen, ivie die Repräsentanten. Tie jüdistve Intelligenz, das iii der Stolz, das in der Genius des Volkes. Ist das Judentum noch lebensfähig, dann wird seine Elite ihre Aistgaben erkennen müssen, sie wird zur Anücht koinmen. daß sie es iit, die »ist dem vollen Leven beginnen soll. Tie Kraftatome des Jndenüiins!nsiisen es ans sich nehmen, die Träger der Etvigleilsidee iverdcu und ihr Leven demein ich reellen d ine! s! e ru. Ihr Ideal muß sein, ihr 1 .»<!:<'״׳t io zu geiiot!.׳!!. daß sie sich im Zionismus ausleven löninen, dai; ibre verfönst,bei: Beiirelmngen ans der Verlängernng des Zio- ' nismus zu finden iväre. Sie einzig können es zustande! bringen, was bei nnderenNationen die :'!ege! iii. daß ibre! Lriiniiigen des lägst,ben Levens anch gleichzeitig die s Baniieine der Zukuns! sein sollten. Anch sie innven dem Gostisleoen nach Möglichkeit den :Rücken kehren, die I Bande, die sie hier binden zerreißen nnd mit Palästina : Beziehungen aniiiüpten. die danernd werden sollten. - Dazu gehört ko!1zr!1lrier!er Wille und blutiger Ernst. E-n Irrtum ist es, zu glauben, daß lvir schon jetzt, nach der geleistete» Pionierarbeit in der 'lrt der Bilu rnhig iiiid ׳!׳steiiiakilch mit der Reiikabilstiststatvlle in der .׳Zand arbeiten können. Tie Ansgaben. die linier harren sind 0׳ groß, daß sie n»r mit der Energie eines Pioniergeistcs geleistet werden liiuß, bis die anderen ׳olge» lönnen. Wir wollen ein Werk ohne Beispiel ausvanen: dazu gehören anch Kräfte cines :Riesen. Heben in der Diaspora, soll nur die Schule sein, in der unsere Intelligenz zur Pionierarbeit vorbereitet werden soll, körperlich und geistig: der Schauplatz ihrer effektiven Arbest soll Palästina sein. Tie Wirkung des schwächenden GoluslctenS aas die taibereikc Jugend abzuschivächen. daS ist unser W׳׳g, ans dem w-r zu unserem Ziel schreilen. Das sind die Ideale eines sah bahnbrechenden Ordeiis. der Gleist g-snnte vereinigt. In einer Provinzsiadt Galiziens, üeni Lr.'de der größten zionistischen Misere ist der Orden geiaren Es ist vielleicht kei.׳ Zufall, daß diese Idee naht von einem größeren Zentrum stammt. Große Ideen sind schon bei oen Juden vielfach in kleinen Städten geboren worden. Von galizischen Akademikern und Sympatikern in die Welt getragen sinücl sic überall Leute von ähnlicher Entschlußfähigkeit. T!c Jugend ist fchivangcr von diesen Ideen, es muß nur der Funke fallen, uv, die Kräfte auszulöscn. Frei vom Golus! stt d!e Parole des Ordens der ״״Biiei Ehorim". Es ifl ei:, a.lc? Naturgesetz, daß sich um einen Kern Massen akkni:,oberen Tic Kraftalome des Judentums müncii der: sicrn :'•־ zukünftigen Lebens bilden, um lln herum werden sich dann die Massen der Juden sam» mcli! können . ::o müssen. Wir glauben, daß der nächste