Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 8 (26.2.1914)
- Date
- 1914-02-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. XV./3 Jahrg Beilage zur,Wiener Jüd. Volksstimme. 26. Feber 1914 Seite 9 Das Wische Leben in Salinen. Der galizische Landtag und die Inden. Von Tr. David B u l v a in Ärakau. II. Tic circa 1 Million Bekenner in Galizien zählende jüdische Religion har keinen einzigen Vertreter (der im galizischen Schulrat sitzende jüdische Professor hat sich einzig zur Aufgabe gestellt, die wegen zionistischer oder nationaljüdischer Gesinnung verdächtigen jüdischen Reiigionslehrcr zu entlassen). Ist dein gegenüber zu Wundern, wenn von Zeit zu Zeit von katholischer Seite ein unberechtigter und demütigender Vor- Wurf gegen die jüdische Religion und ihre Bekenncr geschleudert wird, wie das im galizischen Landtage wiederholt geschehen ist? Der polnischruthenische Ausgleich war vielleicht der einzige, nicht schnell zu wiederkehrende Moment, wo die polnischen Machthaber Gelegen-!zeit hatten, ein langjähriges Unrecht gegenüber den Juden gut zu machen. Im letzten Decennium wurde seitens der Landesregierung so viel Unrecht an den Inden begangen, so viel Erbitterung und Leid hervorgernfcn, um nur die Verdrängung der Inden von dem Salzhandel, die rücksichtslose Behandlung von tausenden Armen jüd. Schenkern, die Tank Tr. Bobrzhuskis Maßregeln mit ihren zahlreichen Familien an den Bettelstab gebracht wurden, die ganz gleichgiltige Haltung gegenüber den zu Tausenden ruinierten jüdischen Existenzen infolge Einschränkung des Kredites, zu nennen, daß es wohl am Platze war, durch Gewährung einer entsprechenden jüdischen Vertrctnng wenigstens äußerlich ein Wohlwollen der arg geprüften jüdischen Bevölkerung zu zeigen. Das ist nicht geschehen. Auch die den Juden gesicherten Mandate wurden derart gebildet, um nur nicht den Augenschein zu erwecken, daß man dabei die berechtigten ׳jüdischen Forderungen berücksichtigt hat. Den Stadtbezirken wurden Landbezirke mit Landbevölkerung zugegeben um wenigstens den Vorschein zu erwecken, daß dabei ausschließlich polnisch-nationalc Interessen maßgebend waren, so zur Stadt Stanislau, Änihmin, zur Stadt Tarnopol die Gemeinden Zagrobela, Czortkow, Wagniaka, zur Stadt Trohobhcz, Medenicc, KPchuce, zu Brody Lopatin. Durch die Bildung diescr Bezirke werden eigentlich die angeschlosscnen Gemeinden beeinträchtigt, denn es ist doch selbstverständlich, daß die jüdische Majorität einen jüdischen Abgeordneten entsenden wird, und so werden doch die polnischen Bürger durch den Inden vertreten׳, aber das polnische Prestige wird gewahrt, es wird von jüdischen Wahlbezirken nichts erwähnt und das war doch das Ausschlaggebende. Gleichzeitig wird dadurch ein anderer staatspolitischer Zweck erreicht. — Die berühmte politische Politik gegenüber den Juden: ״divide et inpern". Die Juden sind dermalen entzweit, es tobt ein Kampf uni Leben und Tod zwischen den jüdisch-national Gesinnten und den Assimilantcn und ihren Trabanten den — Kahalspräsidenten und sonstigen Strebern aller Sorte wie endlich manchen Gegnern der Zionisten innerhalb der chasiidischen Bevölkerung und ihrer Führer. Bei Bildung solcher gemischter Wahlbezirke ist allen Kämpfen und Jntriguen innerhalb des Judentums Tür und Tor geöffnet, und so kam die poln. Bevölkerung das Zünglein an der Wage worden und Ausschlag geben für den assimilatorischen Kandidaten, wenn noch dazu ein wenig ״Druck von oben" mit den allzubekannten Wahlschwindelcicn mitspielen wird. So werden wieder in den Landtag die fügsamen Loeloensteins, Sare's udgl. erscheinen zum Wohl und Glück der polnischen Nation, zum Weh und Unglück der armen entrechteten jüdischen Bevölkerung. Umsonst hat Dr. Globinski seinerzeit erklärt, es sei wünschenswert, daß auch einige jüdisch-nationalgesinnte Juden in den Landtag kommen — es war politisch-weise gesagt, denn der Landtag soll doch ein wahres Gebilde von den im Lande flutenden Strömungen sein, die sonst anderswo ansmünden müssen׳, der jetzige Landtag ist diese Wege nicht gegangen. In demselben Moment, in welchem sich alle polniichen Parteien geeinigt haben, in welchem sich die r n t h e n i s ch e n - aber mit Ausnahme der Ruüophilen >11:11 gemeinsamen Werke die Hand gereicht haben, hat die unglückselige Politik gegenüber den Inden die «Mhift zwischen den jüdischen und iiichtjndischen einerseits, zwischen den Nationaljuden und jüdischen Assimilanten andererseits vergrößert. Tie von Außen u. Innen zerfleischte jüdische 'Nation wird in den unseligsten Kampf getrieben. Tie Folgen werden gleich bei der nächsten Wahlkampagne nicht ansbleiben. Tie noch vor kurzem als durchwegs loyale und friedensliebende bekannte jüdische Bevölkerung wird in den heftigsten Wahlkampf geschleudert werden. Es gilt wenigftens das eine oder das andere Mandat für die Juden zu retten. Es wird doch niemand, auch nicht der verbissendfte Allpole behaupten wollen, daß ein Tr. Loewenstein. der Führer der Assimi lauten, der über die Köpfe der erschlagenen Inden in Trohobtzcz in bas Parlament eingedrnngen ist, ein Vertreter der Juden sein kann! Es wird also das jüdische Volk sich wehren müssen. Ob dieser stampf erwünscht ist. haben die polnischen Gesetzgeber nicht gefragt. Seit jeher haben die Juden der polnischen Nation Wohlwollen und Sympathie gezeigt, sic waren und sind gute Bürger des Landes und haben volles Verstandnis für den polnischen Patriotismus. Durch die Entfachung eines leidenschaftlichen Kampfes zwischen den Assimilatoren und Jüdischnationalen werden die ersten den Schein erwecken wollen, als seien die Jüdischnalionalen Feinde der polnischen Ration und so wird der Gegensatz künstlich erzeugt und der Judenhaß genährt, der jüdische Pauperismus und die jüd. Emigration vergrößert und das Land, in den auch die Inden nicht die letzte Nolle spielen, wird dadurch sicherlich leiden. Unser Land ist an Kapital, Unternehmungsgeist, Ausdauer nicht io reich, daß es die arbeitssamc, nüchterne und sparsame jüdische Bevölkerung entbehren kann. Tie erdrückende Zahl von über 200.000׳ Juden, die in den zwei letzten Tecennien das Land verließen, um nie mehr znrückzukehren, die ihren Fleiß. Kapital u. Arbeit anderswo unterbrachten, sollte ein richtiges Memento für die Judenpolitik sein. Noch ist es nicht zu spät. Tie Optimisten behaupten, daß laut der neuen Wahlordnung sogar bis 1r> Mandate den Juden zufallen können. Dieselben (Tr. Tobias Aschkenastz) rechnen, daß in Premhsl und Kolomea. wo je 2 Abgeordnete gewählt werden, ein Mandat den Inden znfallen wird. Tic Juden bilden in diesen Wahlkreisen (nach der angeordneten Anschließung der Landgemeinden» keine Majorität, doch eine respektable Minorität. Wenn also die Inden solidarisch vorgehen werden, ist es bei der sonst zu entstehenden politischen Wahlparteien Wohl möglich, daß ein Jude durchdringeit »vird. Die Polen müssen jedoch und das fordern wir im Namen der Gerechtigkeit den Kampf unter den Juden selbst den Juden überlassen. Sie dürfen sich nicht von den Assimilantcn, die nur im eigenen Jnteresic künftige Titel und Auszeichnungen im Auge haben, nicht einreden laßen, daß ein nationaljüdischer (zionistischer) Kandidat eine Gefahr für das Polentum bedeutet. Sogar im österreichischen Parlament haben sich die zionistischen Abgeordneten als die treuesten Freunde des polnischen Volkes erwiesen. (Abg. Stand hat gegen die Unterdrückung der polnischen Jugend in Preußen protestiert!) Im Lande selbst können und werden nicht die national-jüdischen Vertreter eine dem Polentum gehässige Politik führen, sie werden aber die gerechten Forderungen, auch die nationalen Forderungen der Juden vertreten und dieses Recht müssen alle gerechten Polen den Juden zuerkennen. Auch die nationalen Fordernngen der Juden, die ganz bescheiden und meistens nur kultureller Art sind, können den polniichen Besitzstand nicht im Mindeste» bedrolien. Wir verlangen keine politische Autonomie, wir wollen ans Krakau oder Lemberg oder einer anderen Stadt kein Jerusalem machen, wir vertangen keine jüdische Universität, wohl aber die Wahrung unserer 'Rechte, fid| als jüdische Ration vor aller Welt ׳,» bekennen, das Recht unsere Literatur und Sprache ־>» pflegen, unsere Jugend zu guten Juden zu erziehen. Das polnische Volk »vird es sicher vorzieben mit einem charalw!׳.׳a! len, selbftftolzen und felbilbewuszten Inden 11<׳ tun >11 haben, als mit einem charakterlosen. 1111sicherem Streber. Selbstverständlich werden unsere Vertreter dagegen protestieren, uvim ein zweiter Bobrznnski unsere Bürger dafür ׳trafen wird, daß ne sich, zum Judentum und zur iÜD. Sprache frei hekennen! Dasselbe bezieht sich a 1 r die!11 Aussicht ge- ׳wüte» Mandate Lemberg und wratair wo s, beziv. (i Abgeordnete gezählt werden. Man >׳ehanptet. die volnifche Bevölkerung wird in heiden Städten je eine» Inden wählen. Wir fordern olle gerechten Polen auf, die Bestimmung des jüdischen Kandidaten den Inden zu überlasseu und auch vor der Wahl eines national-jüdischen nicht zurückznschrecken. Tie freie Ausübung des Wahlrechtes wird zum Segen allen drei Rationen Galiziens gereichen. Man vermalet auch, daß in Strvj. Joltow und in einem Wahlkreis in der allgemeinen Enrie in Lemberg vielleicht je ein Jude ans der Wahlurne herauskoinnten wirb. Tie polnischen Gesetzgeber haben nicht den Mut gehabt, den jüdischen Fordetnmzcn, ivelche die zionistische Deputation dem Statthalter Korytowski, dem Landesmarfchall Golnchowski und dem Präses des Polenklubs Tr. Leo am 2. Febnun1011 ׳ vorgelegt hat, gerecht zu werden. Wir hoffen cs und fordern von dem polnischen Volke. Ter Friede zwischen beiden Rationen liegt im allgemeinen Interesse. Galizien wird von der Eentralregiernng und vom Parlament genug stiefmütterlich behandelt, es gilt alle Kräfte des Landes zu konsolidieren und zum (Gedeihen unserer gemeinsamen Interessen zu vertreten. setze haben die Kraft, die ihnen das Rechtstewußtsein verleiht. Wir hoffen, daß der lote Buchstabe des Wahlgesetzes ins lebensfrohe, tolerante, auch gegenüber dem jüdischen Volke tolerante Praxis überseht wird. Wir reichen die Hand zur Freundschaft und zum Friede, wir wollen am Wohl des Landes mitarbeiten, wird das polnische Volk das Angebot annehmen? Wir erwarten es. (',egen ve rdorbenen Magen, Darmträgheit und Cii־׳ht. ״Sternhofer Bitterwasser‘־ Mild, doch zuverläBlich. Sternhof.PoatSokolnitz bei Brünn. Die ״Jiddische Welt". Die ״Jiddische Weit" im zweiten Halbjahr 1918. Wir haben bereits einigemal tVgl. ״Jüd. Polksstimme" Rr. :!2. 2-1, 10 des vorigen Jahrgangs» auf die vornehme Revue hingewiefen. die unter obigem Titel im Perlage B. A. Kletzkin in Wilna erscheint. (Halbjährig 2 Rnb. .">0 Kop.» Heute fei wieder ein zufaminenfassendes Referat über den zweiten Halbjahrgang 1!> 1:! gegeben. Es kann hiebei nicht unsere Sache sein, jeden einzelnen der belletristischen Beiträge zu besprechen. Tennoch feien einige genannt, um von dem Reichtum der Zeitschrift zu zeugen: I. L. Perez veröffentlicht fortlaufend seine Erinnernngen. Auch Mendele Mocher Sforim hat ein Blatt aus seinen Meinoiren veröffentlicht, ein Jugenderlebnis, den Tot eines Pferdes, befchreibend. vielleicht der nächste Anlaß zur Konzeption seiner berühmten Kliatsche. L. Jaffe, Fichman. Nistor, Tscharny, I. Rosenfeld, Marschak, A. Reiftn usw. Fortlaufend berichtet S. Niger über die neuen Erscheinungen der jüdischen Literatur