Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1914)
- Date
- 1914-01-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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MWUNWSW MM?? ». 5. xv.,3 s-hgVeila^e zur ,WienerJüd. Volksstimme' 29. Jänner 1914 9 Seite Vas Wische Leben in Galizien. Wir maäftn unsere geehrten Leser aufmerksam, daß wir in Krakau Stanislawa 3 eine Geschäftsstelle unseres Berlages errichtet haben und sind Bestellungen auf Bücher, Schriften unter der Adresse: Israel Hamm e r, Krakau, Stanislawa 3, zu richten. Bei Adolf Stand. Ich besuchte Mitte Jänner in Ihrem Auftrage den Führer der galizifchcn Zionisten. Ich fand ihn in seinem Arbeitszimmer in der Fredrogasse. Er erledigte gerade Partei-Angelegenheiten als ich ihn um eine Unterredung für die ״Polksstimme" bat, die er mir gerne gewährte. Ich beginne mit der Frage ob Stand mit der Landeskonferenz und ihren Ergebnissen zufrieden ist. ״Ja und nein. Wir haben für unsere Zusammenkunft einen sehr kargen Zeitraum von zwei Tagen und unsere Leute können noch immer nicht mit der Zeit Wirtschaften. Wie si^ sonst zu allen Veranstaltungen immer zu spät kommen, so glauben sie auch, daß sie die 2 Tage ausschließlich ausfüllen können mit ihren Klagen und Beschwerden über das Centralkomite. Sie kümmern sich nicht darum, daß wenn auch die Landes-Konferenz das vollständige Recht hat die Tätigkeit der Leitung einer strengen Kritik zu unterziehen, sic auch die Pflicht hat die Richtlinien für die neue Leitung zu bestimmen, Stellung zu nehmen zu allen aktuellen Fragen des Zionismus und des Judentums. Die letzten Landeskonferenzen machen von ihrem Rechte den weitesten Gebrauch und vernachlässigten dabei ihre Pflichten. Ta muß Wandel geschaffen werden. Nicht als ob wir, das abtretende Zentralkomite irgend wie einer Kritik ausweichen wollten. Hat doch die schärfste und radikalste Kritik auf dem jetzigen Parteitage in letzter Linie zur fast einstimmigen Erteilung der Decharge und fast einstimmigen Wahl der neuen Leitung, der doch mit geringen Ausnahmen dieselben Personen angehören, geführt. __ Ich verüble es übrigens unseren Leuten aus der Provinz nicht. Sie sind sehr gute, ervrobte, fleißige Arbeiter und ihre Intentionen sind die löblichsten. Sie wollen die Entwicklung unserer Bctvegung und wenn ihre Form eine schroffe, ihr Ton ein ablehnender, ihr Vorgehen ein draufgängerisch ist, so ist ihre Ueberzeugung rein, ihr Wollen bewußt und ihre Opferwilligkeit groß." Welche sind die nächsten Arbeiten der neuen Leitung? ״Wir haben uns sofort konstituiert. Jedes Mitglied hat ein Referat über einen wichtigen Zweig unserer Bewegung übernommen und wir beginnen schon mit den Arbeiten. In diesem Augenblicke stehen im Vordergründe die Sammlungen für den Schulfond in Palästina. Grimmige innere Feinde des Judentums haben in unsere Bewegung einen Keil hereingeschlagen und uns den Kampf aufgezwungen. Wir müssen ihn aufnehmen und bis zum rühmlichen Ende führen. Wenn wir vor dem Kriege stünden, könnten noch zwei Parteien eristieren von denen die eine einen Ausgleich der Gegensätze und die andere den Kampf aufs Messcr predigt. Jetzt sind wir mitten im Kriege, in einem heiligen Kriege — es handelt sich um das Sanctissimus der Nation und ihre Sprache in ihrem Lande — und da müssen wir wie Soldaten . der Parole und dem Kommando das von Berlin kommt folgen und parieren. Inter arma vitent musae, sagt das lateinische Sprichwort. Inter arma vitet politica, variire ich es. Das Aktions-Komite muß unterstützt und gefördert werden. Wir diskutieren die Sache, wir klären das Judentum auf. wir fasten Refolutionen und — was das Wichtigste ist — wir sammein Geld, wir sammeln es konsequent und fleißig. Jede Woche bringt in Galizien über 1900 Kronen für den Schulfond. Diesem Zwecke dienen auch die Vorträge zweier Mitglieder des E. A. C. der Herren Sokolow und Lewin, die sie in Galizien absolvieren und die viel der Sache nützen werden." Was ist sonst in Ihrer jetzigen Arbeit von Belang? ״Wir errichten nächste Woche die galizische z-ammelstelle für den Nationalfond. Wir haben es mit großen Schwierigkeiten durchgesetzt, daß wir eine Sammelstelle in Lemberg bekommen und wollen uns anflrengen, damit wir mindestens 00—70.000 Kronen in diesem Jahr, für Galizien bekommen. Tie Gewähr, daß da ernst und fleißig gearbeitet werden wird bietet uns die Person des Leiters der Sammelstelle des Tr. Gerson Zipper, der Begründer des Gaues fürs Jerusalemer Gymnasium. Wir haben schon ein schönes Lokal in der Podlewskygasse gemietet und Herr Tr. Zipper, dem ein Stab unserer bewährtesten Freunde der Herren Jakob Bodek, Melzer Philipp, David Schönfeld, Tr. Heinrich Rosmarin und ein befoldcter Sekretär zur Hilfe stehen werden, wird sich hoffentlich mit bekannter Energie und Zähigkeit auf das neue Gebiet werfen und dort gute Resultäte erzielen. Von anderen Arbeiten, die unserer harren, wären die Schaffung einer Achusa, die Begründüng einer Jmmobiliengesellschaft für städtische Gründe in Palästina, die Ausgestaltung unseres ״Tagblattes", das eine wöchentliche Palästina- Beilage erhalten wird und die Wiederaufnahme des Erscheinens unseres polnischen Wochenblatt res, zu nennen. Wo sprechen Sie in der nächsten Zeit? ״Ich spreche morgen in Jaroslau, nächste Woche in Tarnow, werde der Sitzung des großen A. C., die Ende Februar in Berlin ftattfindet. natürlich beiwohnen usw. Ende März halte ich in Krakau einen Vortrag über Herzl, dessen zehnjährigen Todestag das ganze Judentum festlich begel>en muß. Ter rührige Verein ״Jehuda" in Krakau macht da den Anfang, indem er in den Prachtsälen des alten Stadttheaters eine Akademie, bei der sich erstklassige jüdische Künstlerkräfte beteiligen werden, veranstaltet. Es wird eine imposante Ehrung unseres großen Toten seitens der Krakauer Judenschaft bilden." Ich wollte noch weitere Fragen stellen, aber es meldeten sich einige Herren, die mit Stand Parteiangelegenheiten zu erledigen hatten. Ich verließ ihn also, dankte ihm für seine Liebenswürdigkeit, und teile Ihren ge sch. Lesern alles genau mit, was mir der galizische Führer sagte. Zioni. Nachum Sokolow in Krakau. lieber eine Einladung des Vereines jüd. Hochschüler ״Predswit Haschachar" sprach Herr Sokolow daselbst über ״Tie kulturelle Lage in Ercz Jisroel". Nach einer kurzen Begrüßungs- Ansprache durch Rechtsanwalt Tr. Timon Feldblum, der besonders auf die Hindernisse hinwies, die anläßlich der Veranstaltung dieses Vortrages seitens der ״polnisch-akademischen Sphären" zu überwinden waren und mit Freuden konstatierte, daß derselbe zustande gekommen ist, ergriff Nachum Sokolow das Wort zu einer zweistündigen Rede. Man muß dort gewesen sein und ihn gehört haben. Wollte die Feder ein Bild denen skizzieren, so würde sich ihrer eine Verlegenheit bemächtigen. Es war ein voller Erfolg. Tie mäch- Ligen Worte, die von der Rednerbühne wie ein reinigendes Gewitter auf das in allen Ubikationeu des Vereines ״Przedswit Haschachar" zahlreich versammelte, distinguirte Publikum niedergingen, werden gewiß in der Judenschaft Krakaus sehr lange nachhallend weiierschwiugcn. Nachum Sokolow sprach, wie wie - - wir suchen ׳:ach einem passenden Vergleich, der *ג־ Vorzüge der :liebe ins belle Licht setzen soll, Nachum Sokolow sprach wie am Kongreß. Es 1!r wohl das höchste Lob für einen Vortrag, wenn man von ihm behaupten kann, er habe in be׳n rings van Juden Krakaus eingesäumten Zuhörer Kongreßslimmungs-Reminiscenzen zu erwecken vermocht. Aus Raumrücksichten müssen wir uns beschränken, nur einen ganz kurzen Inhalt dieser bedcutenden Rede wieder,zugeben. ״Kampf — beginnt Sokolow, seine glänzende Rede — haben wir überall, wo verschiedene Kräfte austreten׳, unser Mampf aber ist ein Kampf von Frieden, ein Kampf für die jüdische Kultur". Wir stehen jetzt vor der Frage der jüdischen Erziehung in Erez Jisroel. Ter menschliche Organismus muß gewisse Krankheiten. Krisen durchmache». das sind unvermeidliche Symptome: eine ähnliche Krise macht jetzt der Zionismus durch. Tie Erziehung ist die wichtigste Frage im Leben eines Volkes, folglich muß zu den Fragen des Zionismus vor allem die jüdisch-nationale Erziehung gehören. Besonders aber tritt uns diese unabweisliche Pflicht in Palästina entgegen. ״Wir müssen die Schlafenden aufrütteln, die Säumigen anspormm, die Begeisterten unter die Fahne sammeln. Wir wollen das jüdische Volk aufbaueu, einen Typus schaffen ähnlich dem alten, freien, glücklichen der jüdischen Vergangenheit. Unsere Gegner fragen: sind nicht Land und Sprache Merkmale einer Nation? Wie habt ihr das Recht auf ein Volk zu prätendieren, wenn es keine Sprache und kein Land hat? Es ist richtig. Tie Sprache ist eine Hochburg des Volkstums. Nur jenes Volk, welches den Wert seiner Sache zu schätzen weiß, kann wahrhaft national fühlen und Handein. Wer für die Sprache kämpft, der kämpft damit auch für die Nation und wenn erst einmal dem Volke die Wertschätzung seiner Srache ins Herz gepflanzt worden ist. so daß es sie heilig hält gleich dem kostbarsten Kleinode, dann ist auch ein großer Teil seines Kampfes hiedurch beendet, dann wird das Volk seines inneren Wertes bemußt, dann erst wird ihm jenes Gefühl zuteil, welches nationale Kraft verleiht und unvergängliche Taten schafft. Tas jüdische Volk hat es verstanden, welche Bedeutung die hebräische Sprache für die Entwicklung und Erhaltung des Jrrdentums hat. Tie l>cbräische Sprache ist die lebendige Geschichte unseres Volkes. Und die Neubelebung der hebräischen Sprache ist möglich, weil dies der jüdische Volkswille ist. Ohne Hebräisch sind wir gar nichts: wir sind ohne Zusammenhang mit unserer Vergangenheit, wir haben keine Entwicklung auS uns und durch uns und wir entbehren unserer Eigenart. Tie Selbständigkeit des jüd. Geistes können wir aber nur in Palästina erhalten. ES ist sehr schön, sehr gut, daß wir auch in der Tiaspora zu Paliativmitteln greifen um die hebräische Sprache zu beleben, aber da eristirt überall der unüberwindliche Gegensatz zwischen Schule und HauS und auch gegen die Umgebung kann man nicht kämpfen. Ganz anders ist es in Palästina. Tort braucht man nicht den Kindern Nationalismus einzuimpfen. Die hebräische Sprache lebt dort im Munde aller. Ter Redner gab uns dann ein Bild ber Leistungen des Hilfs- Vereines für das Schulwesen in Palästina in den ersten Zeiten, welche sehr befriedigend waren. Sodann schilderte uns Sokolow ausführlich die Ursachen und die Timensionen des jetzigen Sprachenkampfes in Erez Jisroel. Tas System der Philanthropie muß endlich einmal aufhören. Das jüdische Volk muß sein Geschick in die eigenen Hände nehmen. Viel geistige Tat und viele materielle Mittel sind erforderlich um das Schul- Wesen — diese Festung — in Palästina zu erobern und das müssen wir aufbringen. Wir machen jetzt jüdische Politik, welche nötig ist für die Fortsetzung unseres großen Werkes, der Renaifsance des Judentums auf dein historischen Boden unserer Ahnen in Erez Israel. Sokolow hatte geendet. Nicht abfallend, ver-