Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1914)
- Date
- 1914-01-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. XV./3 Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jüd. VoUsftimme. 20. Jänner 1914 9 Seite Vas Wische Leben in öabrien. Wir mache» unsere geehrten Leser ausmerksam, daß wir in Krakau Stanislaw« 3 eine Ge-I schäftsstelle unseres Berlages errichtet haben und sind Bestellungen aus Bücher, Schrift te« unter der Adresse: Israel Hamm e r, Krakau, Stanislawa 3, zu richten. Eas jüdische Erziehungssystem in Galizien. (Schluß.) Neue Zeiten, neue Lieder. Jetzt, wo es sich um Positive Ergebnisse Hanbeit, kann so eine Einseitigkeit nie von Nutzen Diese Schulen kommen mir also wie galvanisirte Leichname vor, da sie nicht mehr, wie sie wenigstens in der jetzigen Form sind, ihr Leben fristen können, kurz sie haben keine Existenzberechtigung mehr. Dieselben sind also in diesem Geiste, wie sie wenigstens jetzt sind, historisch« Anachronismen, die uns komisch anmuten. Eine historische Epoche wiederholt sich nie in diesem Maße, daß man sie für alle Zeiten festzunageln und auf eine andere zu übertragen vermöchte. — Es gibt zwar ähnliche, aber nicht gleiche, identische Epochen. Das wäre ein Widerspruch. Da in der Zeit alles fließt, so kann inan nie erwarten, daß auch ein Augenblick dem anderen - gleich sein soll. Es ist eine logische Unmöglichkeit. Besonders ist eine jede Epoche so ziemlich abgegrenzt und für andere Epochen sozusagen undurcHwinglich. Wenn man also künstlich so eine Epoche wieder ins Leben ruft, so wird man sine Mißgeburt her- Vorbringen, die auf einen äschetisch gebildeten Menschen einen schlechten Eindruck macht. Die ״Jeschiwoth" wie sie heute sind, haben sich während der langen Zeit nicht entwickelt, sind oft zürückgegangen und ein geistiger Stillstand ist eingetreten, der erschreckend wirkt. Da man die Fühler nicht weiter ausstreckte, hat man eine Froschperspektive bekommen, die die Beschränktheit verursachte. Der Prozeß ist abgebrochen worden und eine Versteinerung ist eingetreten. Zur Zeit der Tanaiten, der Amonäer, Gaonim, noch bei den Rabbinen des Mittelalters sehen wir manches Neue entstehen und Manches verkünnnern. Die Talmudideen sind also damals dem ״Kampfe ums Dasein" ausgesetzt gewesen und haben sich auf dem Wege der Zuchtwahl erhalten. Dagegen waren die ״Jeschiwoth" im 19. Jahrhundert und besonders die jetzigen Stätten einer Talmudbehandlung, die viel Ähnliches mit chinesischer Wissenschaft und Dogmatik tat. Dieser Stillstand zeigt uns zur Genüge, daß sich die ״Jeschiwoth" wie sie jetzt sind, ausgelebt haben und daß nichts in der Welt imstande sein wird, sie weiter zu erhalten. Sie werden über kurz oder lang das Zeitliche segnen müssen und sie befinden sich bereits auf dem Aussterbeetat. : Einen ganz neuen Schultypus repräsentirt die ״Safah berurah", die sich in der letzten Zeit so sehr entwickelt hat. Sie legt in erster Reihe das Hauptgewicht auf die Erlernung der hebräischen Sprache auf! natürliche Weise. Sie bedient sich daher der Berlitzmethodc, um an der Hand des Jnduktionsj Verfahrens vom Einzelnen zum Allgemeinen zu gelangen. | : Gegen diese Methode bin ich vor einigen Jahren ins Feld gezogen. Meine Argumentation ging dahin! Bis jetzt ist der Ostjüde im allgemeinen und der galizische im Besonderen daran gewöhut gewesen, das jüdische Gesamtwissen zu umspannen und so die Bibel, den Talmud, Midraschim, die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters, die chassidifche- und Haskalaliteratur in sich anfzunehinen. Selbstverständlich hat man auch auf die Spezialisirung ein großes Gewicht gelegt, aber trotzdem war das jüdische Wissen im allgemeinen das Gut eines jeden intelligenten Juden. Tie ״Safah berurah" dagegen, die sich hauptsächlich mit der hebräischen Sprache abgegeben hat, ohne sich viel um den Kern der jüd. Literatur zu kümmern, mußte mein Mißfallen erregen. Dann kam mir nur die bewußte, weil mechanisch eingedrillte Spracherlernung höchst un° zweckmäßig vor. Gibt es doch in der Sprache nicht nur Helle, zum Bewußtsein gelangende Apperzeptionen, sondern auch dunkle, unbekannte Stiinmungen, Ahnungen und Impressionen, die fortwährend aus den Tiefen emporsteigen und selbst das Licht in romantisches Dunkel kleiden. Die Sprache ist die Seele eines Volkes und eines Individuums und wie die Empfindungen derselben nicht immer klar und bewußt sind, so spielen sich auch in der Sprache Vorgänge unterhalb der Schwelle das Bewußtsein ab. Wie im Meere fortwährend Wellen entstehen, ohne daß man das Erscheinen einer jeden voraussehen kann, so erstehen sich aus den Tiefen der Sprach: im Inneren schlummernde Empfindüngen, die jedes nationalistischen Maßes ent- Gayan, baß die Erzielmng niikunter auch die Vererbung besiegen kann. Daß aber die ״Safali berurah" noch manche Fehler hat, wird fein Mensch in Abrede stellen .wollen. Aber diese Fehler sind mehr auf daS kurze Bestehen dieses Schultyp»-:׳ und auf die wenigen Erfahrungen, die man ans diesem Gebiete gemacht hat. denn auf ihr eigentliches Wesen zurückzuführen. Dieser Schultypus aber ist geradezu eine Umwertung der bis jetzt im Jndentume bestehenden Werte und daß er mit der Zeit, tvenn er die Mängel ausbesser», zum Segen des jüdischen Volkes gereichen wird, ist mehr als wahrscheinlich. Wie aber dieser Schultypns zu einer Mittel- und Hochschule sich ansdehnen lind erweitern und auf welche Weise er das Judentum becinflussen wird, kann mau nicht im vorhinein sagen. Wir können aber an der Hand der Gegenwart die Zukunft erkennen und die Perspektive, die wir vorauszusehen vermögen, können wir nicht anders als rosig nennen. In diesem Artikel war es mir vorwiegend darum zu tun. die Grundlinien der jüdischen Erziehung in Galizien zu zeichnen. Uebriaens werde ich darauf in einer größeren Studie zurückkommen, wo ich das jüdische Erziehuirgsproblem in Angriff nehmen nvrde. Einstweilen genug. Wilhelm Menkes. Daß man also das Unbewußte aus der Sprache ausgeschaltet hat, weil man sich zu sehr mit Vokabeln abgegeben hat, anstatt de,r Blick auf den Geist, oder was viel wichtiger ist das Gefühl der Sprache zu richten, inußte auf mich abstoßend wirken. Denn die Farbigkeit und die Tönung des Gefühls bilden Sprachprovinzen, die das Gebiet des Bewußten weit überschreiten. Da aber die ״Safah berurah" eines Besseren belehrt, seit einigen Jahren ihre Wirkungspläne erweitert hat und ihr Augenmerk auf das jüdische Gesamtwiffen gerichtet hat, ist sie auf das richtige Geleise getreten. Man lehrt dort jetzt nicht nur die hebräische Sprache aus Chrestomathien, sondern auch die Bibel, Mischnah, Talmud, die hebräische Poesie des Mittelalters, kurz, das Leistungsgebiet ist erweitert und vervollkommnet worden. Infolgedessen gewinnt die hebräische Sprache an Natürlichkeit und Ausdrucksfähigkeit und der Stil wird bereichert und von wahrer Lebenswärme durchpulst. So daß man statt des in den früheren Iahren herrschenden Jargons ein klassischesHebräisch oft zu hören Gelegenheit hat. Dies alles gibt der Hoffnung Raum, daß in der Gegenwart, ja in noch größerem Maße in der Zukunft die ״Safah berurah" der einzige Schultypus sein wird, der das Judentum geistig und seelisch befruchten kann. Einstweilen repräsentirt die ״Safah berurah" die nationale jüdische Volksschule, es ist aber Hoffnung vorhanden, daß sie auch dann die Mittelschule, ja sogar die Hochschule in Besitz nehmen wird. Zu meiner größten Freude ist auch die Religion in den Kreis des Erziehungssystems der ״Safah berurah" gezogen worden, wenn man auch wie bekannt, die Religion ebensowenig wie die Begeisterung einpöckeln kann. Religion kann man nicht glcnlben, man muß sie fühlen. Aber trotzdem ist 4ln großer Fortschritt, daß auch in dieser Hinsicht eine Besserung eingetreten ist. — Und wenn auch der Scharfsinn in dieser Schule weniger als in einer anderen jüdischen Schule geübt wird, ist anderseits der Schade durch die Bereicherung der Seele gehörig wettgemacht. Wir wissen außerdem seit Spencer und Eine aufrichtige Stimme. In! Septeinber- und Oktoberhefte der Krakauer Monatschrift ״Krytyka" tritt Frau Gräfin Wielopolska mit einem Artikel, betitelt ״Ter Krieg um Baumwolle" hervor, der wegen seiner überaus hohen Bedeutung für das Judentum und die Lösung von dessen Probleme in der Diaspora ist. Wenn wir diesen Artikel lesen, fühlen wir aus jedem Wort, jedem Gedankenstrich, die warmpulsierende Ader der Menschenliebe und hohen edlen Gesittung heraus. Fast wie Phäuamen in der jetzigen, mit nationalistischem Gift und Hader angeschwollenen Schriststellertum mutet uns der weiche, zarte, echt frauenhafte Stil dieser ungewöhnlichen Frau an. Selbst eine Gräsin. erzogen in diesem hermetisch gegen Assiinilierung abgesperrten Zirkel, angehaucht von der ewigen Sehnsucht nach nationaler Auferstehung, nach Wiedereroberung der brachliegenden Selbstständigkeit. ist ihr Gedankengang, wie er sich in oben erwähntem Artikel vulkanisch hervordrängt, ein Kuriosum, ein außergewöhnlicher historischer Fakt. Mit niederschmetternden Keulenhieben schlägt sie die als nationale Beschützer sich an Juden vergreifenden antisemitischen Rotles. Sie nur Vorwände suchen, um ihrem verpesteten und demoralisierten Strebertum freie Bahn zu verschassen. Sie zeigt ihnen mit wunderbar klaren und triftigen Argumenten ihre bodenlose Unverschämtheit. ihre niedrigen.Anlagen nach. Ihre Phrasen und Ansprüche ait die Juden, daß diese ihnen Hausknechtdienste leisten sollen, angeblich aus Dankbarkeit für ihre geschichtlichen Wohltaten gegenüber den Juden, zerschmettert sie mit klugen, geistreichen Zitaten, die das Gegenteil beweisen. Sie besitzt Die Kühnheit, zu behaupten, daß die Juden den Polen absolut kein Hindernis bilden köulien auch wenn sie sich national emanzi- Pieren sollten. Den Zionismus, sagt sie, dürfen die Polen absolut nicht als Verrat seitens der Juden, als Undankbarkeitsakt. als Beweis, daß sie zwischen den Polen iminer ein fremdes schädlichcs Element bilden, betrachten. Jede Renaissance-Bewegung eines Volkes hat Momente, wo man es für sich gewinnen kann, für einen treuen und verläßlichen Verbündeten, wenn man es verstehr, diesem Volke Herzlichkeit und Edelmut entgegenzubringen. Dagegen ist der Kampf gegen