Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1914)
- Date
- 1914-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.4 _ Hohenems. Non Haus Hesse. (Litt Werk, das seinen Schöpfern einen Ehren- Platz in den Anttalett der jüdischen Geschichte sichert, ist vollbracht worden. Den Vorkämpfern des Judentums in Tirol, Herrn Will)elni Donnhattser und Louis Bauer ist es gelungen die Geliossenschaft der Jlldeir in Tirol auf eine gesetzliche Basis zu stellen und die erste KultusgelnMde in Tirol zn gründen. So wird denn mit 1. April 1914 das Rabbinat von Tirol und Vorarlberg, dessen Sitz so lange in Hohenems, der westlichsten Judengemeinde Oefterreich-Ungariis gewesen war, nach Innsbruck verlegt. — Schon seit Jahren hat matt das Ereignis kommen sehen: denn immer inchr schinolz itt den letzten Jahrzehnten die einst so stolze und weltberühmte indische Gemeinde iit ,fiofyeneiuä zusammen, wästpend die Gemeinde in Innsbruck, deren Wurzcl übrigens zum Teile einst in Hohenemser Boden gestanden, emporbliihte nnd sich nun selbständig gemacht hat. Ter Ursprung der Hohenemser Judengemeinde reicht weit in die Jahrhunderte zurück. Die ersten historischen Belege über in Vorarlberg ansäßige Juden finden sich um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, die erste dauernde Ansiedlung von Juden in Hohenems aber datiert auf 1017 zurück, in welchem Jahre Reichsgraf Caspar von Hohenems eine kleine Anzahl uns der damals zu Oesterreich gehörenden Markgrafschaft Burgalt stammender Juden gegen ein jährliches Schuhgeld die Niederlassung in seinem Orte gestattete. Aus dem Schutzbrief, der diese erste Ansiedlung dokumentiert, ist besonders hervorzuhebcn, daß derselbe keinerlei die Juden entehrenden Bestimmungen enthielt, währeiid dies in anderen Orten so oft der Fall war. Diesein ältesten Schutzbrics ist es auch zu danken, daß es in Hohenems niemals ein Ghetto im eigentlichen Sinne gegeben hat, wenn auch die Israeliten im Laufe der Zeit mit ihren Häusern eine eigene Straße gebildet haben, in der dann 1772 die noch heute stehende Synagoge erbaut Tie Häuser der ersten Hoheneinser Juden hingegen sind einem großen Brande im Jahre 1777 zum Opfer gefallen, die Patrizierhäuser, auf die wir später noch zurückkommen, stanimen sämtlich aus der Zeit nach diesem großen Brand, aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Nach 1017 fanden weitere Einwanderungen statt und das Verhältnis der Hohenemser Juden zu ihren gräflichen Schirmherrn war lange Zeit ein gutes, bis Graf Franz Karl 1070 ohne bcsonderen Grund die Juden samt und sonders!׳löblich aus seiner Herrschaft verjagte. Die Ver- Unebenen ließen sich im aiahegelegenen Feldkirch nnd Sulz nieder, iuanche wanderteu auch nach Deutschland zurück oder siedelten sich in Innsdruck an. Zwölf Jahre später jedoch gewährte derselbe Graf zehn der damals vertriebenen Familien neuerdings Aufnahme, wol hauptsächlich — wie das ja immer in der Geschichte der Fall ge- Wesen ist — um durch jüdisches Geld seinen zerrütteteu Finanzen auszuhelfen. Einer der älteste!: Zeugen der Vergangenheit der Hohenemser Judengeineindc ist der Friedhof in, sogenannten — Schwefel —; schon im ersten Schutzbries von 1017 wird diese Begrabnisstätte erwähnt, die Grabsteine des 17 und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind nicht mehr erhalten, aber die Blütezeit der Hoheneinser Judengemeinde im 19. Jahrhundert spricht noch in den Grabsteinen zu uns. Sie sind so weit sie ans den ersten Jahrzehnien des vergangenen Jahrhunderts stammen von der einfachen edlen Schönheit des deutschen Empire-^ und späteren Biedermeierstiles, im Hochrelief mit fein geschwungenen Säulen und mit den Urncn^lind Kränzen geschmückt, die jene Zeit so liebte. Späterhin zeigen kostbare Grabmäler auch den materiellen Reichtum derer, die hier ihre Angehörigen zur Ruhe bestattet hatten. Fast an jeden der Grabsteine des Hohenemser Friedhofes knüpfen sich tveik zurückreichende, durch pietätvolle Ueberlieferung ans die Äindeskinder überkommene Erinnerungen, wehinütig stimmende Geschichten von Geschlechtern, die einst groß waren und es nicht mehr sind, von Geschlechtern, die dahin gegangen und deren Namen nur niehr auf den von den Nachfahren treu behüteten Steinen sind: Geschichten von solchen, die in die Ferne gewandert waren und die es doch nach all den Jahren zurückgezogen hat zum guten Ort ihrer Heimat zum Friedhof von Hohenems, der ernst und weihevoll am Bergabhang liegt und seit Jahrhunderten der Hohenemser Juden letzte Ruhestätte ist. Ter Sinn für Schönheit und würdige Einsachheit. der aus dem Friedhof und den Grabsteinen spricht, hat auch in den Formen Ser Synagoge, die, wie schon erwähnt 1772 gebaut wurd« und in den um 1800 herum erbauten Häusern der vornehmen jüdischen Familien seinen Ausdruck gefunden. Die Synagoge ein imposanter Bau von 20 Meter Länge, 10 Meter Breite u. 8 Meter Höhe. Sie ist ganz ans Stein ausgeführt, außen mit Mörtel verputzt nnd empfängt reichliches Tageslicht durch Rundbogcnfenster, deren schöne Proportionen nicht wenig zu der ästhetisch woltuenden Gesamterscheinung des Synagogenbaues beitragen. Die gute Wirkung beruht aber auch in dem schön geschwungenen, in einem Uhrturm mir Zwickeldach endenden Mansardendach der Syna-!zöge, deren Silhouette im Straßenbild auch jedem nichtjüdischen Hoheneinser lieb und vertraut ist. Bemerkenswert ist die innere Ausschinückung der Synagoge. Vor allem fallen als ein bei Inden sonst ungewohnter Brauch, die an der gewölbten Decke angebrachten Deckengemälde ans. mit denen bei der Erbauung die Synagoge aus Anraten eines den Juden sehr gewogenen und ihnen mit Rat Nttd Tat zur Seite stehenden Regierungsbeainten geschmückt wurde. Das große Mittclbild stellt die Ofsenbarung am Sinai dar, mit den Zelten der Israeliten im Vordergründe, und hoch über dein Sinai reicht eine Hand aus den Wolken die steinernen Tafeln dar. Das Gemälde über dem Porbeterpnlt stellt die Schöpfung des Lichtes dar. während das Bild der Westseite ein Wolkenmcer mit zuckenden Blitzen zeigt. Auch die Wände zeigen da. wo sie an die Teaenwölbung anschließen, an der Nord- und Südseite je 5 kleine ovale Bilder zumeist mit Darstellungen aus dem Synagogenkultus, so eine Hängelampe mit brennenden Dochten, ein Körbchen mit Vlunien, drei Palmbäuine mit goldgelbei, Früchten, einen fünfzackigen Luster, und schließlich mehrere Kuppelbauten orientalischen Stils, wo! Jerusalem nnd den Tempel darstellend. Sehr vemertenswert sind auch die schönen Stuckgirlandeti, mit denen Wände und Decke der Synagoge geschmückt sind, seine Zeugnisse der hoch entwickelten Dekoriert,!״!, des ausgehenden 18. Jabrhunderts. Tie Synagoge enthält auch wertvolle uns kunsthistorisch interessante Schmuckstücke zu den Thorarollen, Kronleuchter uub Stickereien. Wie der Gc fami bau der Synagoge keinen ausgesprochene,, Stil ansdrückt ׳andern haup,- sächlich durch die ׳chön gegeneinander abgewügeuen Verhältnisse der Bauteile uiilereinaiider nnd zu der Gesainterscheinung wirkt, so sind ״ns auch die Folgenden beschriebenen Privathäuser von jede», protzigen Schmuck frei: aber heute noch atmen sie den Geist jener wirklichen vornehinen Menschen, die sie erbaut haben, sind nachahmenswerte Typen wcilräunnger, anheimelnder Bürgerhäuser. Das erste Hans, das wir im Bilde zeigen, ist die Wohnung des gegenwärtigen Kultusvorskehers Theodor Elkan. des Schwiegersohnes des sei. Kultusvorstandes Michael Meaz. Des letztereu Vater Samuel Menz war Bürgermeister der jüdischen Gemeinde als dieselbe vor dem Jahre 1878 noch politische Geineinde war und hat sich durch seine Rührigkeit und Umsichtigkeit sehr um die Gemeinde verdient gcinacht. Denselben Typus eines stolz — einfach — ruhigen Bürgerhauses repräsentiert das Brunner'sche Haus. Ter breit gelagerte Ban ist gleich de», des Elkanschen Hauses mit einen, hohen Mansarvendach gekrönt. Sehr schöne Schmiedeeisenarbeit zeigt das halbrunde Tympanon über der Haustür, ein künstlerischer Schmuck, der sich auch an anderen Hohenemser Judenhäusern häufig findet. In, Prunnerschen Hause zeugt auch die Inneneinrichtung von der künstlerisch gebildeten noblen Bette O. Gesinnung der Familie, die dies Haus einst Be* wohnt. Man findet selten Räume, in denen die durchgeistige Atmosphäre der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts noch so aus den kostbaren Möbeln spricht als wie etwa in den, Brunnerschen Salon. Leider ist der stolze Ban jetzt unbewohnt, die Besitzerin. Frau We. Marko Brunner lebt in Freiburg in Deutschland. Die ganze Familie Bruner hat sich durch ihren großen Wohltätigkeitssinn un, Hohenems sehr verdient gemacht, und die Gemeinde hat den Gliedern der Familie den Dank für ihre Anhänglichkeit an die alte Heimat dadurch bewiesen, daß sie die frühere Judengasse in Brunnerstraße »»,änderte. Der in Wien lebende und eine Zeitlang als Gemeinderat politisch hervorgetretene Herr Lu- ׳,um Brunner, ein Sohn Marko Brunners, ist als großes Fiiianzgenie nnd auch als Zionist bekannt. Durch ihren, für alle Zukunft sorgenoeu Wohltätigkeitsnnd Gemeinsinn, haben sich auch die Familie Löwenberg ein bleibendes Denkmal gesetzt. Lazarus Josef Levi, der Urgroßvater der jetzt ״och das Hans bewohnende» Familie Lvi wenberg, war k. k. Hossaktor, gleich seinen Kin-!der״ und Enkeln bedeutender Bankier und von! seiner außerordentlichen Bildung zeigt heute ״och die in, Besitze seiner Nachkommen befindliche Bibliothek, in der nahezu das ganze Geisteswissen jener Zeit vertreten ist. 'Nebst Porträts und Möbel sind de», Hause auch wunderbare Linnen und Schmuckstücke ans seiner und seines Sohnes Zeit (erst dieser nab!» 18!:.' den Namen Löwenberg anerhalten ge Was das Aeußere des Hauses betrifft, so handelt es sich hier um einen »,ehr Vorarlbergsscheu Bautvpns. Merkwürdig ist die horizontale Gliederung der Front durch ein Vordach zwischen de», Haupt- ״nd dem Giebelgeschoß, und auch die wohlerhaltenen alten Kamine sind malerisch. Zur Ansschniückung der Jnnenräume sind seine Stuckornamente verwendet. Bei den, Gemeinsinn der Hohenemser Indenschaft — auch von anderen Familien Rosenthal, Löwengart. Guggenheim, Hendle usw. sind reiche Sristnirgeu da. deren Erträgnisse weit über Hohenems hinaus zur Verteilung kommen — ist eS selbstverständlich, daß die jüdische Gemeinde ein schönes Versorgungshans besitzt, in dem eine friedlich-wohlgemute Stimmung herrscht. Sie alle tragen die Eriiiiierung an die Glanz.zeit des Hohenemser Judentums in sich und der Stolz, jene Zeiten mirerlebt zu haben, begleitet sie auch jetzr noch. Daß die Hoheneinser Inden allzeit in allen Ländern von Glanbensgenossei! und Christen gleicherweise hochgeschätzt waren, ist außer ihren inneren Oualitäten nicht zun, wenigsten ihrem Schulwesen znzuschreibe», ans dessen Zeitgemäßl:cir ,io s!e,s große Sorgfalt verl,׳endeten. Tie jüdische Schule besaß Oessentüchkeitsrecht und war!arge Zelt ihrer Vorzüglichkeit wegen auch von Christen besucht. Ihr letzter Leiter, der ausgezeichnete Pädagage Oberlel׳rer M. Federmann, ist ״ach fünfzigjäl,riger Liens,zeit lehn׳:, Sommer in den Ruhesraud geireten -- nicht au-.׳ Amtsmüdigkeit, sonder!, weil keine jüdische!, Kinder mehr da sind, di: che Slhule beinckien könnten. Das Jndenium, das i >c Hohenemser Geuieinoe vercritt.!rar mit Ausnahme der ersten Jahrzehnt.׳ ein zwar nichwribodores, aber eia innerlich gefestv.nes. freies Jndentum, ein ansrechtes, ׳rend-ges Belennen des angestammten Wenn auch manches von dem, waS aude׳a rrs na h ins 1t geübt wird, im Hoh.'iieiuser Go1t׳.sd!er.!:e u it der Zeit »׳egge- ׳alte» io doch der 1: .atesdienst in d<!' Ovl׳ene>״ier S n wog: einer a; 1׳!ledigsten, der größten Söhne der Gemeinde, Pros. Solomo!! Sulzer.!׳at de!! al>en hebräischen Gesängen eine Weihe gegeben, die iie jedem unvergeßlich machen, der sie je gehört. Selbstverständlich vertraten auch die Rabbiner stets ,״ehr oder!veniger die religiöse Richtuttg der (Gemeinde. Von Israel Lissa und Abraham Cohn, dem gewaltigen Redner und Märtyrer des Judenluius an bis aus die ׳Neuzeit, waren eS stets Männer, die ein gründliches spezifisch jüdisches Wissen mir umsasiender Weltbild,!״,! vereinten. Der vorletzte Rabbiner von Hohenems, der ans Preßburg gebürtige Dr. Aron Tänzer hat sich