Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1914)
- Date
- 1914-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. Wiener XVj3. Jahrg. Nnmrner 4 Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 2V ganzjährig.Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig.Mart 12 — Rußland, ganzjährig . ..Rubel 6 — BaÜan, Frankreich. ..Franks 14 — Brünn—Budapest. Mit der Beilage ״Das jüd. Lebe« in Galizien". Herausgeber: Max Hickl. Buchhändler,,'Le Vertretung: Otto Klemm, Leivzig. Geschäftsstelle, Wien: Notenturmjlratze Nr. 31. Inserate: die llspaltige Petitzeile 30 h. Telephon 3009/VHi• Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizusügen. flnfefot» 22. Jänner 1914 24 5K74 Prag—Lemberg. Die Ausgabe der Juden im Orient. (Rede gehalten von Schemarjahu Lcwin.) Am Montag, den 19. Jänner hielt der Jüd. Kolonisationsverein seine ordentliche General- Versammlung ab. Der Vorsitzende hielt dem verstorbenen Präsidenten Herrn Baurat StiaßnN einen warmen Nachruf, worauf dann der Bericht des I. K. erfolgte. Aus demselben ging hervor. daß der Kolonisationsverein neben dem Bezallal eine Mctallwerkstättc errichtet hat, ferner das; er die Oppenheimerische Siedlungsgenossenschaft unterstütze und einer Ackerbauschule in Petach-Tikwah Subvention gewähre. Im abgelaufenen Jahre hat er 10 Nemenitcnhäuser aus Namen , des,verewigten Bauratcs Stiaßny gestiftet. Der,Verein veranstalte wissenschaftliche Vorträge über die Palästinakolonisation und keine geringeren als Otto.Marburg, Ovpeuheiiner und Artur Rupin hielten dort ihre Referate. Bei der neuen Wahl-des Z. K. wurden alle alten Mgndytare wicdcrgewählt. Unter diesen befinden sich die Zionisten Kremenccky, Tr. Ehrlich. H. Lederer und Dork Steiner. Den Glanzpunkt bildete hieraus die Red, schemarjahu Lewins. ״Ter Antisemitismus hat nicht den Semitismus geschaffen" begann der gediegene Redner. ״Ein Minus kann kein Plus erzeugen. Aus Negativem kann unmöglich Positives entstehen. Antipirin ist nicht dazu da, um .Kopfschmerzen zu vertreiben. Ter Semitismus, die nationale Bewegung ist uralt. Sie verliert sich im grauem Altertum. Ter Semitismus mit seinem riesigen Inhalte ist das Positive und nur von diesem Gesichtspunkte sind Momsen und Hartmann zu verstehen. Unsere Väter waren nicht organisiert, aber sie fühlten denselben Zionsdrang wie der heutige Zionismus. Es war ein dunkel gefühlter Zug nach dem Orient und ihre Sehnsucht kristallisierte sich in der Gründung der Chalukah. Diese Institution war der Schekel unserer Väter. Sie war die Vorbereitung zur Rückkehr nach dem Orient. 1870 das goldene Zeitalter der russischen Juden, die Tage, da kein Mensch an das Pogromgespenst dachte, hat Smolensky eine Vereintgung gegründet und jüdische Akademiker, Toktoreu zogen nach dem Orient. Nicht dem Strome der Hunderttausende nach Amerika schlossen sie sich an, nach Palästina gingen sie. Mit magerer Kost, mit schlechtem Wasser, mit schlechter Lust ן und bösen Krankheiten rangen sie. Es führte sie 1 eilt eiserner Wille und eine unbewusste Sehnsucht , nach dem Orient. In Chedera starben einer Mut- > ter 7 Kinder. Sie blieb mit ihrem 8. an derselben * Stelle. Der Drang nach Zion schuf die philan- ' tropische Chalukah. Diese hat denselben Wert wie I unsere heutige Arbeit. Beide sind von der gleichen i Sehnsucht geleitet. Im Mittelalter waren die Juden Edelsteinhändler. Tie Ausweisung stand immer vor dem Ghettotore. Heute sind die Juden Kausleute, Hausbesitzer 11. ä. Aber eine Arbeit, die erst nach 17» Jahren den Ertrag gibt, konnten sie nur in Palästina leisten. Das ist der große Wendepunkt im Leben und Wirken unseres Volkes. Rotschild brachte die philantropische Koloni-; sation nach Palästina. Solange Rotschild der Ge-! ber und die Kolonisten die Nehmer waren, gabs jährlich nur Verluste. Tann brach der .Kamps aus für die Selbständigkeit der Kolonisten. Rot-; schild gab nach, denn er war nicht blos Philantrop — er war auch Jude. Das erste Jahr der, Selbständigkeit brachte eine halbe Million Ge- ’ winn. Besser wenn die Hände arbeiten, als wenn sie Almosen empfangen. Ein Kind ohne Selbftändigkeit wächst zu einem Krippet heran. Das heutige System der Jca ist ein gutes auch wenn manche Kolonisten unzufrieden sind. Analog der philantropischen Kolonisation nahm die Alliance Israelit Universelle das Schulwerk in die Hand. Tie Alliance kannte die Onjnden nicht. Frankreich ist von Rußland durch eine große Mauer getrennt und eine Strahleiibeleuchtiing hätte Preußen nicht zngelassen. Schon damals trat Achad- Haam als Gegner auf. Die Kultur kann man nicht in ein fremdes Land schicken. Jedes Volk hat für sich selbst zn wenig. In Palästina lebten Juden Rußlands, Rumäniens und ans der Buchara und ihre Kinder sprachen iranzösisch. Da wird ein Kluft zivischeu Eltern und Kinder küustlich konstruiert. Palästina war damals zu schwach. Es hat nicht die Kraft einige Schulen zu schaffen. Heute, da es hebräische Schulen gibt, bat die Alliance ihre Bedeutung verloren. Ter Hilfsverein zeigt wieder den Drang nachdem Orient. 2.000.000 gingen nach Amerika. Wir hören nichts von ihnen. Nur hie und da kann man in der jüdischen Presse von ihnen lesen. 00.000 Juden gingen nach dem Orient und die ganze Judenschaft verbringt jetzt fieberhafte Tage und schlaflose Nächte. Der Hilfsverein zeigte einen großen Fortschritt. Er gründete vor 7 Jahren hebräische Schulen, die ihm Ehre machten. Auch heute in in dem Programme keine Aenderung zn finden. Die Unterrichtssprache soll hebräisch oder deutsch sein. Tie Herren entscheiden sich aber für deutsch. Schon vor 2 Jahren gährte es in Haifa gegen die Germaninernngslendenz des Hilfsvereines. Damals war es Schemarja Lewin, der die Gemüter beruhigte und aus einer bereits enibernfenen Protesiveriammlung eine stille Beratung machte. N'cht ans Berlin ist die Bewegung nach Palästina getragen worden. Die Behauptung ist übrigens ein Ehrenzeugnis für den Zionismus. Nein, so stark ist der Berliner Einfluß noch nicht. 10 Tage später hat Palästina aus der ״Welt" den verhängnisvollen Beschluß «Feuilleton. Raafs Mine. Von S. Hi M o s e n t h a l. (Fortsetzung.) Die Andacht hatte ihre Seele erfüllt und für einige Augenblicke jeden andern Gedanken verscheucht. Laut sprach sic die Worte der Psalmen, in der schönen Uebersetzung Mendelssohns, die Kinder bewegten lautlos die Lippen dazu. ״Er belebt das Haus der Kinderlosen, läßt sie eine, frohe Mutter werden! Hallelujah!" Diese Worte hatte sie eben gesprochen, als eine leise Stimme hinter ihr wie ein Eche wiederholte: ״Hallelnjah!" -Henoch hatte leise an die Tür gepocht, und als ihm von der im Gebet versunkenen keine Antwort ward, ebenso leise die Tür geöffnet. Er sah sie, den Rücken ihm zutvendend, am Fenster stehen zwischen den betenden Kindern. Das :i׳ar die hohe, vornehme Gestalt: bis auf die Schultern fielen die bekannten dunklen Locken herab, die Stimme klang mit dem nervös vibrierenden Herzenston; ein unendliches Gefühl der Verehrung, der traulich-heimischen Erinnerung überkam ihn, eine Träne der innigsten Rührung trat in sein Auge. Stumm hatte er einige Augenblicke die Gruppe betrachtet, und als sie das ״Hallalujah" sprach, hatte sich unwillkürlich ein Echo seiner bewegten Brust entrungen. Sie wandte sich betroffen von dem Tone; das Gebetbuch entfiel ihrer Hand. ״Henoch!" stammelte sie, kaum vernehmbar. Er stand vor ihren Augen, der heiß ersehnte, geliebte Freund! Schöner als je, im ganzen Glanze gereister Männlichkeit. Die blauschwarzen Locken, über das Haupt zurückgestrichen, ließen die hohe, edle Denkerstirn frei, ein gekrauster, dunkler Vollbart umsäumte das .Kinn und die schwellenden Lippen. lind erblickte das Antlitz, das seine dankbare Phantasie ihm zu einem Ideale verjüngt hatte, eingefallen und bleich, die zitternden Lippen vor Ueberraschung geöffnet. Der Freudenschreck hott die gealterten Züge nur noch mehr entstellt! — Wie die Hand, die nach einer Blume greift und eine Raupe zerdrückt, unwillkürlich zurückfährt, so schauderte Henoch zurück lind das Wort erstarrte ans seinen Lippen. Mine empfand, was ihn erbeben machte. Ein greller Blitz zuckte durch ihr Herz, der erleuchtet — und zugleich vernichtet. ״Mein teure Freundin!" sprach Henoch mit bewegter Stimme und reichte ihr die Hand; eine Träne der Wehmut trat in sein Auge. ״Ich habe viel erlebt, seit wir 1ms nicht sahen," entgegnete ne, mühsam gefaßt, ״ab;v sprechen wir nicht von dem Vergangenen. Ich danke Gott, daß ich Sie wiederiehe nnd unter io glücklichen Anipizien!" Ja, gute Seele'. Das Won war etzrlich ge »leint. Ein Augenblick genügte dir s?r den Schmerz um deine zertrümmerten Hoffnungen und du dachtest nichl mehr an dich ieltvt, miv 011 ihn, den Geliebten! Geht. Kinder," sagte sie, irenndlich lä chelnd. ״geht artig nach Hanse, den Rest von Halle! beten wir morgen znfainiiien. Die »!!>- der küßten sie und reichten dem Fremden die ״Sie find sich gleich geblieben an Güte ui," Fröininigkeit," sprach Henoch, als die Kinder iiu, entfernt hatten. Im lieisien Innern machte er sich Vorwürfe: er. der den goldenen Kern in jeder Schale zu jchützen strebte, er hatte einen Augenblick die schöne Seele feiner Freundin vergessen können! Strauchelt doch, wenn es gilt, der Beste ielbst an seincii edlen Systemen! Henoch bemühte sich, den ersten Eindruck zu bemeistern. Er faßte ihre Hand, ec fragte mit dringender Heftigkeit nach allem, was sie betraf: aber sie wich il,»1 aus. Sprechen wir von wichtiger.» Dingen.' sagte sie, und zog ihn zum Fenster hin. War es. weil das Alleinsein mit ihm ihr zum