Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 48 (4.12.1913)
- Date
- 1913-12-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. XIV./H Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jüd. Voltsttimme'. 4. Dezemb. 1913Zeite S. Otto Hauser *) über die Juden in der deutschen Literatur. Nach brieflichen Ausführungen initgeteilt von Dr. M. Scherlag. ״Wenn man — als Literaturhistoriker — die deutsche Literatur von 1820 bis 1880 betrachtet, so fällt es auf. daß von den etwa fünf Dutzend zu ihrer Zeit als bedeutend erachteten Namen jüdischer Autoren heute irur noch ein einziger ein Leben über die Literaturgeschichte hinauslebt: Heinrich Heine. Und Heine selbst ist heute kaum mehr ein lebendiger Faktor. Dem bliltigsteu Tilletanten würde inan es verübeln, in seine ״Manier" zu verfallen. Er wird gewiß noch von vielen geliebt, aber mehr uin äußerer Ursachen willen. Andererseits ist man. nahe daran, sogar von jüdischer Leite ungerecht gegen ihn zu werden. Man kann seinen Eharakter unmöglich verteidigen — aber inan kann der elendste"Eharakter sein und dabei die genialsten Verse schreiben, — trotzdem wird man ihm eine in vieler Hinsicht glänzende Begabung zusprechen müssen. Gerecht gegen ihn zu sein, ist indessen nicht so schwer. Man braucht nur Adolf Bartels und einigen südischen Literaturhislorikern zu folgen. Bartels lehnt Heine als deutschen Dichter ab, jene jüdischen Literaturhistoriker nehmen ihn ganz für das Indentuni in Anspruch. Heine als jüdischer Dichter (jüdisch bängt ja nicht allein mit der biblischen oder neujüdischeu Ltosfwelt zusammen) ist dann'in Oer Tat eine in sich bedeutsanie Persönlichkeit. Daß an ihn iininerhin einige unangenehme Leiten auch bann noch bleiben - - sein Liebäugeln mit dem gretchenblonden Germanentum, seine unfruchtbare Bosbastigkeit, sein Materialismus - ist wahr; aber diese Eigenschaften sind Hinwider bei vielen Juden gleicher Lebenswege geradezu typisch. Daneben aber tritt der reinjüdische Teil seines Lchassens ungleich stärker in den Vordergrund, die Leeleiibekenntnisse, wie die Be- Handlungen jüdischer Themen. Um dieser Lchöpfungen willen muß Heine dem Inden dauernd wert sein, aber er ist es auch dem nichtjüdischen Deutschen; wenn dieser alle die deutschtümmelnden Verse als Papierliteratur ablehnt, schätzt er das tiefe Kolorit des Fragiuents vom ״Nabbi von Bachrach" ganz ansrichtig. Das Lchicksal Heines und all der anderen jüdischen Dichter von seinem Auftreten an bis 1880 beruht nicht aus der Böswilligkeit des demscheu Publikums, das als Gesamtheit niemals bisher irgendwie den ״Antisemitismus" betätigt hat. Es hat überdies von sehr vielen gar nicht . gewußt, daß sie Inden waren. Der Prozeß vollzog sich nur natürlich. Die Inden hatten wohl zu ihrer Zeit ״Rollen" in der deutschen Literatur gespielt; aber mit ihrem Leben waren sie ״abgetreten". Ich nenne Ltieglitz. Beck. Hartmann. Fanny, Levnld, Betty Paoiy. Auerbach, Ring, Frankl was sind uns selbst diese einst so klangvollen Rainen. Mcumi einer von uns, der nicht Literaturhistoriker ist, hat eine Zeile von ihnen gelesen. Die als.Künstler gewiß hinter ihnen weit znrückstel-enden Ghettoschilderer .Kompert, -Kohn und Franzos sind da viel lebendiger als sie. Mir scheint die Ursache darin gelegen zu sein, daß den Juden in der deutschen Literatur die richtige Wurzel fehlt. Als sie in sie eintraten, war sie schon geworden, sie waren notgedrungen Nachahmer. Was sie hinzubringen konnten, war: jüdische Art und jüdische (neujüdische) Ttosfe. Tie jüdische Art' — Heines Esprit — blendete zunächst, ermüdete aber bei ihrer steten Wiederholung durch meist schwächere, selten ebenbürtige Geister: die jüdischen Ttosfe fanden zwar ununterbrochen Interesse, ermangelten aber der großen Darsteller, so daß der Wert dieser Lchöpfungen wesentlich auf ihrem ethnographischen Gehall beruhte. (Die einzigen, wirklich künstlerischeu Darstellungen jüdischer Verhältnisse gab Elise von Orzsesko. die Nichtjüdin war.) Der Jude kann in der deutschen Literatur nur als Darsteller spezifisch jüdischen Lebens eine Bedeutung gewinnen. Aus jedem anderen *):,Ich selbst bin Nichtjudc, wenigstens nach dem derzeit,gen Stande meiner stamiiicnforschung, die »,eine "erfahren z. I. so die Häuser bis um 1600 zurückverfolge»,, er verilchl es gleichzeitig das Herz feiner älteren dochrer :Habel für sich zu gewinnen, r'lm Wawel findet eine Husaminenkuiift :tlahels mit Lamirski statt. Bei dieser Gelegenbeit vertraut sie sich ibm an und ivird seine Geliebte. '.>11«״ kurzer;{eit bat Samirski auch die ueue 'Anleihe au Mauu gebracht ilud begibt sich, obue :!!,ul jictir ans den ,ereitag abend zu Löivy. ,vreilag abend m! Hause des üöimt bietet ein ler Tisch in für das Sabbaibmabi atls der Sbnagoge in Begleitung zweier Dicht!» tommeud, beginui das Nidduschgeber und die Ktnoiitttsjt svielt. goluidre. Irin prachtvolles Bild osijüdt'ätett Lebens, nalur getreu, aber die Minoimint um dein Kolntdre verursacht an diesem Bilde eine» sebr defekte» Pinselstrich, :'iuch daß der Hausberr zu Mauzet, sich die Hände iväschl. dagegen die zwei chassidischen r rchnu nicht, nimnii dem Bilde den Schein der '?״uärlichkeit. Gebiet kann er zu jeder Zeit als ״lästiger Ausländer" angesehen werden. Daß dies verletzt — und die Juden sind in diesen! Punkte vielleicht nicht mit Unrecht empfindlich — ist natürlich. Man kann ihnen zu jeder Zeit sagen, sie bekümvierten sich um Dinge, die sie nichts angingen, bei deren Grundlagen sie nicht mitgewirkt hätten, die sie nicht verstünden, und sie täten es nur um des ״Geschäftes" willen. 'Zugeben wird man prachtvolles Bild müssen, daß der Jude als solcher nur wenig Gehergertch!e>. Isak. legenheit hat. den ״Ebristen" näher kennen zu lernen, selbst dann, wenn er sich eine christliche Maitresse hält oder eine Ehristin heiratet. Er verkehrt tauch wenn er getauft ist» fast nur in seinen Kreisen. Und vor allem, ihm fehlen die christlichen dtindheitserinnernngen. Er hat das alles aus zweiter Hand. Er schildert als Reiscnder. der ein fremdes Land besucht. Lder aber schildert er Juden und jüdische Verhältnisse tut! 3m1m״i1! auiu-im m-1 vömn, Vor 1l,n »»״• des ter christlicher Etikette. Das ist selbst bei jetzt >vege». uvive,,!. :׳lnbel. d,e Siu!״non des ״berühmten" Autoren von unabhängigen Mriti־ j Geliebten ahnend. 06! zum Wi-iianoi und i-i-fUut int! lern längst erkannt worden. Der Erfolg, den Da׳:'•',Oiriiit Sem Bai er zu etmvt-tideu. u>as üe Jude ja ungleich leichter erzielt als der Nicht-'El, ,» groj-.cr ׳.n!s,ogung »nsiubn. Tte junger,- jude (mit Hilfe der Presse und anderer Mächte > { ~‘0u,״!־״•,!»•:■;!imm״• nctaw. bw .Miss» offen itdn-no täuscht vielleicht e stutze Zeit das Publikum unds erblilteud. vetitaudigi den Bnier. der sosorl. die Situ», ihn selbst darüber. Das Resultat ist noch bei sei-j um, erkennend, obue D verkleid zu Samirski eilt. 1b» neu Lebzeiten oder zwei Jahre nach seinem Tod: 1 kuieend nnsletn. die Hände und ,vus-.e kilssend. er möge daß er nur eine neue Ausgabe der Auerbachschen' ""es, alles sich »e!,»,en. nur das Mm&!volle er bauen. Tchwarzwaldbauern gegeben habe.'Was er ge->^''" ü׳br ergreifendes Bild, das ״tu etue ,veder La! schrieben hat, lvar Papierliteratur.; «׳»s 1« schildern und Schildtrams Mmiit darzusiellen Immer wieder besinne» sich freilich einige Z'eruiag. Das verlievle Paar rei» nach Berlin, La jüdische Autoren ihres Judentums und ״wagen"!'">">> verbrauch, leich,fertig die ganze Milgi'l :'tabeis fes muß sie in der Tat ein Wagnis bedünken, da -U'd alter Mittel bar. uoßl er die Berfnbrre von sich. Der sie es so selten tun), ihre Personen offen Juden Bbier, durch die Handlung seiner Tochter zum Greite sein zu lassen. Aber kaum hier und da wird!bibordtn. sebiit sich, :'lache zu übe», an gräfliche» Lunt wirklich typisch jüdisches Leben geboten. Man ist i"-'"- die feilte Schuldner u-arrn. 'Aach eine! :!et! tt-bf! entweder dein Iudentmn bereits zu entfrenidel gebrochen an Leib und Seel״ IN das Paterbaus (ohne darum in der christlichen Kultur wirklich 0״v״'■'• T >e Haruiätkigkeil des Paters, der seiner Tollt heimisch geworden zu sein) oder arbeitet lUllt)'u'r U'chl Perzett,»ng getvabren Ibtit, veranlaf׳,! diese, dem mitteleuropäischen Klischee oder scheut sich,!"«' lun' &l'" des Baters loten. Der Pater so offen zu sein, wie es nötig ist, MN künstlerisch! drtitkl il,r du- -eiugeu zu und fprtchk Mil dem iitiittischeti Hochwertiges zu schassen, oder hat nicht die nö-; tige künstlerische Kraft. De»!! gerade die besten! Talente des Indentnms, die jetzt in ihrer Fülle; stehenden, gehören einer Generation des bedin gnnaslosen Assimilantentums an.- von den sti» geren sehen die meisten aus den bereits began-; geneit Pfaden zu locke »de Aussichten, um wider-, stehen zu können. Einige zweifellos tüchtige Persönlichkeiten stehen noch abseits und. wie es für die Allgemeinlfeit den Anschein hat, vereinzelt. Ich meine: Ter Jude kann in der Literatur es handelt sich da nicht um eine Geschäfts brauche, sondern um ein ideeles Kultnrgebiet bleibend, wertvolles nur dort zu leisten, wo er. bedingungslos er selbst zu sein wagt, wo er mit feinen Augen sieht, s e i n e Lprache spricht.; sein e Oiedanken wiedergibt. Alles andere mag für eine gewisse Zeit und für gewisse Kreise einen ' gewissen Liebhaberwerl habe», aber es wird ans der Literatur, der es anzugehören vermeinte, völlig selbsttätig nach einiger;seit ansgeschalten für jene Literatur aber, der es angehören; ( konnte, hat es als nicht aus ihrem Wurzelgrund entsprossen, keine Bedeutung über de» bloßen Autornameu hinaus." :׳insdrittl: Der Herr lut!'•.• gegeben, der Herr Hais ge nommen. Der triudrutk dte׳'es I-tiindramas tour ein nimbltgrr. Dte ,!ttschatter ivnreu erstbttttert. Allerdings!egten viele ntchisüdiitbe :!niäittuer mtintbe Bilder salt'äi uns, >vas ivobt nicht ivuttdernebmett tnitu. mtebdem der Autor ntuntbe Bilder selbst uurtchttg zenbuele. So ivird znm Beispiel ein Bild vvrgefnbrl! die betende Iudrugemetude im Gotltsbautr. ViIle Beter nt dgllts und Mitti'l gebullt, uubestbnbt: ulsv ein Iota üppurbtld. Tie Mitäk spielt uitrii dett 'Auzsarb der eltvo ögti. Plötzlich iverden Htikofes ttttnaän. :,I!סי n!äi! ,'״״״ ltppur, sottdern Sitnelitts Dborn. Der tlein'te oitsüdnche Scbrtftiieller >vur tu der Luge, ,u'lir Dulten bet Beurbetittitg seines Mitnodrtimtis ..Der Slititolt von vtrukun" große Dienste gt leinen. Lbanulra-Leuchter» Beim Shyloü iu Krakau. Bon Iotrs Grob. Wien. ivelir! Salten, der geniale Schriftsteller uns dem; Weste», schrieb eilt Mimodrama uns dein ostjtiditcheii! Leben: ״Ter Sbblotk von Krakau" genannl. :>tls Hst- - jude, batte ich ttach elnkuttdigung der -?luffiibrttug das > Prrlgngcit, nicht nur diesen ivilnt zu febeu, sondern uttch, die Gelegenbeit zu beniitzen, den Eindruck kenuen zu lerne», den das Stück ostjüdischett Lebens auf ein internationaleS Publikutn ausnben werde. Ter Saul ivttr bis auf das letzte Plätzchen von einem diftinguterieii Publikum besetzt. Bon den 'Anwesenden ivar ein Bruchteil Inden, die Mebrbeii bestand ans Nichtjuden. Saltens jvilm trat seinen Ttensi an. 'Auf dem alten Schloß zu Krakau ..'Waioel" erfchetiien der 'Autor und die Hauptdarskcller. tu» die Lage .urakaus tciincn zu lernen. In langfamem, uichr filmartigent Tempo zieht vor uns die alte Stadl Krakau vorüber, dann die Huudinitg: Graf Tamirskn iu einer Gesellschaft, detn Kartenspiele huldigend, verliert sein ganzes Geld und eittschlicht sich, zum Shylock von Krakau, Isak Loivl, tdefseu :Aolle :kiudolf Schildkraut in so ausgezeichneter Weise zur Darstellung bringt), zu geben, um neue Tarleben aufznnchmen. In der Bchausmig Isak Lotvgs nimmt Samirski nicht ntlr das Geld Löwtts. sondern ln reichhaltigster Auswähl zu beziehen durch den Jüdischer Buch- und ob Kunstverlag 00 BrQnn, Adlergasse Nr.!) Literatur.!liektor Pros. Tr. Adolf Schwarz: Tie bermeiientische Antinomie iu der talmudifchen Literatur. Wtett. Perlag 'Alfred Holder MI!. Llb« S. I\ Tie Schrift it! otuc I-ortsettttttg trüberer Studien des bekannten Bersajsers über die Logik der jüdischen Schtistgelebrsamkrit, speziell über die Iitterpretations regeln, von denen Hille! sieben und :>!. Ismael dreizehn zusaiiimengeitellt bat. Nachdem er der 'Analogie, dtttt Syllogismus und der Induktion drei Schritte» geuntz tuet bar. behandelt er iu dem vorliegenden Buche dte bermentische 'Antinomie, das iit die Pegel für dte Hat montjterttng ztvetet einander mtderiprechender Stbrist stellen, die :!tegel "Cdie sich in der Metbo dologie Hillels an vierter Stelle findet. Tte Lösung des Widerspruchs geschieht durch die Uitterschetdung: die zivet Schrisliiellen werde» ausgeglichen, indem gezeigt tutrd. daß ne sich ans verschiedene Gegenstände