Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 46 (20.11.1913)
- Date
- 1913-11-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sterbefall faktisch verwendet wurden), daßsie'nen fangen: Jüngling, patz auf, was du wählst; kommen; schictel nach'jenen, die es am besten wählet nur die Schönen, denn der Frauenreiz verstehen; lehret eure Töchter weinen, eine lehre und -Wert besteht einzig in ihrer Schönheit. Tie L׳.e andere Klagelieder singen" (Jeremia 9, Vornehmen sangen: Schau nicht auf Schönheit, ^->--21). ״Es sitzen die Alten nicht unter dem j denn sie ist vergänglich; schau nicht auf Geld, ^or, die Jünglinge betreiben keine Musik mehr, denn du kannst's verlieren, wähle den Jchus. — Geschwunden die Wonne unseres Herzens, um-^ Die Hählidfen sangen: Alle Töchter Israels sind gewandelt in Trauer unser Tanz" (Echa 5. 14 dis 10). ״Ich will eure Feiertage in Trauern, alle eure Lieder in ' Wehklagen verwandeln" i.Amos 8, 10). Wird eine Tchreckcnszcit gcschilder! so wird erzählt: ״Jede Herrlichkeit schwand von Jakob, die Stimme einer Zither und einer Harfe wurde im ganzen Lande nicht gehört" «Hasmoiiäer 1, 3. 45). Wird hingegen eine Hochzeit beschriebe:», so wird berichtet: ״Ru» bringen sie die Braut im Prunkgewandc. Ter Bräutigam tan: in Beglcitlmg seiner Brüder und Verwandten. Es wurde ihm mit Pauken, Zither und lautem Gesänge entgegcngegangcn. Tie Stimme ihrer Musil tönte bis zum Himmel" (Hasmonäer 1, 3, 37—40). Tie ersten Talmudlehrer, gewif; eriiste Männer, schreiben von den vor der hübsch, so sie nur mit Goldmünzen geschmückt werden (offenbar die Mitgift, die alles verdecken soll). (Taanith 20 b, Baba Batra 121a.) Die Wohltuende Wirkung der Musik auf Gemüts- und Geisteskranke, ist biblischen Ursprungs. Vom Könige Saul, der an Melancholie und Perfolgungswahn litt, wird erzählt: ״Unser Herr sage seinen Unechten, das; sie einen Mann suchen, der auf der Harfe spielen könne, dast wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, er mit seiner Hand spiele, das! es besser mit dir werde." ״Wenn nun der Geist Gottes über Saul 01111, so nahm Tavid die Harfe und spielte, Saul ergötzte sich daran, cs ward ihm besser und der böse Geist wich von ihm" (Samuel 1. 10. 16, 23). _ Es bezeichnet auch die allgemeine Verbreitung Braut zu absolvierenden Tanz mW Tchamai i der Musik in Israel die Vorschrift, datz an Feier- 1111) .CSifTr'l HVPtt/'ll flVnfHtA S,־Jviihivv V1\a( ....s ...ii. v i'T '4 1*. — tu und Hillel streiten ernstlich darüber, welches Volkslied hierbei gesungen werden soll (Kethuboth 17 a). Will der Prophet seine verzweifelte Ration trösten, so sagt er: ״Jungfrau Israels! Roch sollst du fröhlich pauken. hinausziel>en in den Tanz", ״dann wird sich freuen die Jungsrau am Tanze, Jünglinge und Alte mitcinander" (Jcrcmia 31, 3. 12). Tie ältesten Berichterstattet׳: Hasmonäcr (1, 1, 55), Philo (Leben Moses 3. 107), Josephns (gegen Apion 1, 22) berichten, das; an Fest- und hauptsächlich an Reumondtagen bas Landvolk in die Städte kam und dort überaus fröhliche Volksfeste mit Gesang, Spiel und Tanz veranstaltet wurden. Tic autzerordcntlich lustige und geräuschvolle Wasserschöpffeier, die sechs Tage dauerte, war ebenso Volksbelustigung wie Tempelfest, schon weil im Tempel nur die Frommen und Hervorragenden mitznhalten pflegten fSukka 51 a,. Vom 15. Ab wird folgendes berichtet: Es war kein freudigerer Feiertag in Israel wie der 15. Ab. An diesem Tage gingen die Jungfrauen und Jünglinge Israels in die Weinberge, um dort Tanzunter- Haltungen zu veranstalten. Alles ging in wcis;en. voneinander geliehenen Toiletten (also die moderne Leihanstalt!), um die Armen, welche keine modernen, entsprechenden .VUcider besatzen, nicht zu beschämen. Es wurden bei diesem Anlasse folgende Volkslieder gesungen. Die Schötagen nicht getanzt und mit den Händen nicht geklatscht werden durfte, weil zu befürchten war, das; man infolge der Emphase verführt werden könnte, ein Mnsikinstrument zu reparieren (Beza 30 b); dies beweist, das; fast ein jeder Jude Meister in Musikinstrumenten war. Daher die später von den Tosafiten (Beza 30 a) hinzngefügte Bemerkung, datz, nachdem später Fachkenntnipc in Mnsikinstrumeuten bei Jiwen selteuer wurden, dieses Verbot aufzuheben wäre. Sobald bas Tynhedrion zu funktionieren anshörte, verstummte, wie der Talmud (Sota 43 a) berichtet, das Lied in den Wirtshäusern, offenbar der allgemeinen Trauer halber, oder wie eine Ansicht im Jcruschalmi (Sota, 9, Absch.j meint, weil, insolange das Synhebrion bestand, dieses strenge darauf achtete, das; nicht eine zügellose Muse, die namentlich in Wirtshäusern anftauchen konnte, zur Unmoral führe. :Rack) Verlust von Tempel und Land wurden manche Saiten der jüdischen Harfe gewaltsam zerrissen, wie ein Psalm es so rührend schildert: ״An den Bächen Nabels, da satzcn wir und weinten, als wir Zions gedachten. An die Weiden in ihrer Mitte bängten wir unsere Harfen. Tort verlangten vor uns unsere Sieger Tangesweiscn, unsere Plünderer Lieder der Freude. Singet uns doch von den Liedern Zions! Wie sollten wir Gottes Lieder im fremden Lande singen?" (Psalmen 137, 1—5). Die Nationaltraucr, der Pessimismus, die Verzweiflung veranlahte einen heitzen Patrioten gar zum Ausrufe: ein Ohr, das fortan Gesang hören wird, möge ausgerissen werden (Gittin 7 b, Sota 48 a). Das jüdische Lied, die jüdische Muse hat meist eine düstere schwarze Färbung bekommen. Gemäh dem alten Spruche: Ehre Gott mit Mund und Kehle, besitzest du eine schöne Stimme, so sollst du sie zum gottesdienstlichen Gesang benützen (Pesikta), lebte das jüdische Lied in der Synagoge. Es wurde sogar zur Pflicht gemacht, zum Vorbeteramt nur denjenigen zuzulassen, der Pie entsprechenden Stimmittel besitzt (Taanith 10 a). Auch später wird es als besondere Mizwa bezeichnet, in der Synagoge möglichst schön zu singen (Maharit. zitiert im Magen Abraham 500, 10). Noch wurden dieser halbzerbrochenen Laute hie und da fröhliche Töne entlockt, nämlich 1;: Hochzeiten. So behaupten spätere Kapazitäten der Halacha (Rosch, Mordechai, Tur, Orach Chajim 338).׳ das; eine wahre jüdische Hochzeit ohne Musik gar nicht denkbar sei. Tie Liebe zur Musik hörte noch immer nicht ganz auf. Sie wird allen Hellen jüdischen.Koriphäen des Mittelalters und der;Neuzeit geschätzt und hochverehrt. Ich möchte nur ein Beispiel anführen. Ter bedeutende Rabbi Jonathan Eibeschütz (1090—1704) schreibt (Saaroth Dewasch 2, S. 233): ״Von der Bedeutnng der Musik, ist es wohl überflüssig zu reden, denn mit ihrer Hilfe verstehen wir richtig die Thora. Melodien erfreuen, die Herzen,׳ tilgen die Trübseligkeit, führen zur Gottesbegeisternng, wie es bei den Propheten dcr Fall war. Gewaltig ist die Kraft dieser Kunst" usw. Tie jüdische Leier lvurde auch schwarz, hat aber in ihrer Blütezeit doch noch manche bunte Farben angenommen. Ter spanisch-jüdische Dichterfürst Jehuda Halevy (geb. 1086), desien wehmütige Klage in seinen Elegien, in den herzzerreitzenden Zioniden anerkannterweise kein Dichter in keiner Sprache übertraf, konnte zuweilen auch ansgelassen fröhlich singen. Als manche Zeitgenossen ihm darob Vorwürfe machten, antwortete er mit folgendem Liedchen: ״Sah 24 Jahre noch nicht scheiden und sollte den Weinkrug grämlich meiden?" Salomon Jbn Gebirol (geb. 1021) sang neben seine!» Kcther Malchus auch von Liebe. Wein und Freuden. Mose Jbn-Esra (geb. um 1000) schrieb neben seinen an 200 Gebctstücken für das Neujahr und den Versöhnungstag mehr als 10.000 Verse, die meistens Helle Freude erklingen lassen. Mit wenigen Ausnahmen konn- Dr. Leo Pinsker. Autoemanzipation. Aus der im Jüd, Huchu. Kunstverlag erschienenen B.oschüre. Preis 85 Heller. (2. Fortsetzung. ) Fortsetzung folgt. Freund und Feind haben von jeher jenen Judenhaß zu erklären oder zu rechtfertigen gesucht, indem sie gegen die Juden allerlei Beschuldigungen erhoben. Sie hätten Jesum gekreuzigt, Christenblut getrunken, Brunnen vergiftet, Wucher getrieben, den Bauer exploitiert usw. Diese und tausend andere Beschuldigungen gegen ein ganzes Volk erwiesen sich als grundlos und erscheinen schon deshalb als hinfällig, weil sie massenhaft herbeigezogen werden mußten, um das böse Gewissen der Juden- Verfolger zu beschwichtigen, um das Verdammungsurteil über die ganze Nation zu rechtfertigen, um die Notwendigkeit zu beweisen, daß der Jude (richtiger das Judengespenst) ver• brannt werden müsse. Wer zuviel beweisen will, beweist eben nichts. Und wenn den Juden auch mancherlei mit gutem Rechte vorgeworfen wird, so sind es jedenfalls keine großen Laster, keine todeswürdigen Verbrechen, um derentwillen der Stab über die ganze Nation gebrochen werden müßte. In konkreten Fällen sehen wir vielmehr die widersprechende Erscheinung, daß Juden im unmittelbaren Verkehre mit Nichtjuden sich leidlieh gut vertragen, daß sie häufig in durchaus freundschaftlichem Verhältnis zu ihren nichtjüdischen Nachbarn stehen. Daher kommt es auch, daß die vorgebrachten Beschuldigungen gewöhnlich ganz allgemeiner Natur, meist aus der Luft gegriffen sind, gewissermaßen a priori entstehen und höchstens in einzelnen Fällen zutreffen, nicht ab^r an der ganzen Nation .sich bewahrheiten. So gehen Judentum und ־Judenhaß seit Jahrhunderten unzertrennlich vereint durch die Geschichte. Wie das Volk der Juden, dieser ewige Ahasverus, so scheint auch der Judenhaß nie sterben zu wollen. Man müßte mit Blindheit geschlagen sein, um zu behaupten, daß die Juden nicht das auserwählte Volk des allgemeinen Hasses sind. Die Völker mögen in ihren gegenseitigen Beziehungen, in ihren Instinkten und Bestrebungen noch so auseinandergehen — in ihrem Widerwillen gegen die Juden reichen sie sich die Hände, in diesem einzigen Punkte sind sie alle miteinander einverstanden. In welchem Grade und unter welcher Gestalt sich diese Abneigung kundgibt, hängt freilich von der Kulturstufe jedes einzelnen Volkes ab. Im Wesen aber besteht sie überall und immer, gleichviel, ob sie sich kundgibt in Form von Gewalttätigkeiten, in neidischer Scheelsucht oder unter der Maske von Toleranz und Schutz. Als Jude geplündert sein oder als Jude beschützt werden zu müssen, ist gleich beschämend, gleich peinlich für das menschliehe Gefühl der Juden. Ist nun die Judophobie eine dem Menschengeschlechts eigentümliche, hereditäre Dämonopathie und der Judenhaß auf einer vererbten Verirrung des menschlichen Geistes beruhend, so müssen wir die für uns wichtige Folgerung ziehen, daß man auf di• Bekämpfung dieser feindseligen Strebungen ebenso verzichten muß wie auf die Bekämpfung jeder andern erblichen Disposition. Diese Einsicht ist um so wichtiger als es endlich angezeigt ist, von jeder Zeit und Kräfte raubenden Polemik als von einer unproduktiven Klopffechterei Abstand zu nehmen. Denn mit dem Aberglauben kämpfen selbst Götter vergebens. Voreingenommenheit oder böser Instinkt vertragen sich mit keiner noch so scharfen und klaren Beweisführung. Man muß entweder die materielle Kraft haben, diese finsteren Mächte, wie jede andere blinde Naturkraft, in Schranken zu halten oder ihnen einfach aus dem Wege gehen. Im Seelenleben der Völker also finden wir die Begründüng der Voreingenommenheit gegen die jüdische Nation. Aber auch noch andere, nicht weniger wichtige Momente, welche die Verschmelzung oder die Gleichstellung der jüdischen Nation mit den andern Nationen unmöglich machen, müssen in Betracht gezogen werden. Im allgemeinen besitzt kein Volk eine Vorliebe für den Ausländer. Diese Tatsache hat ihre ethnologische Begründung und kann keinem Volke zum Vorwurf gemacht werden. Unterliegt nun der Jude diesem allgemeinen Gesetze in gleichem Maße wie die übrigen Nationalitäten? Keineswegs! Die Abneigung, die dem Ausländer im fremden Lahde entgegentritt, kann in dessen Heimat mit gleicher Münze vergölten werden. {'ortselzung folgt.)