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Jüdische Volksstimme · 1913-11-20 · Heft 46 (20.11.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 46 (20.11.1913)
Date
1913-11-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Sk. 4 '. XIV/II Iahrg. Beilage zur ,Wiener Jüd. Volksstimme' 20 N0 emb. lSi3Zeite S. Der letzte Repräsentant der spa- Nischen Pationim dcs 16. Jahr- Hunderts. Von Dr. M. H. Fricdländer. Tic hebräische Sprache hat mit anderen toten Sprachen, wie z. B. der lateinischen und griechischen, insofern ein gleiches Geschick, als sic gleich diesen aus dein Bereiche des lebenden Verkehrs desjenigen Volkes geschwunden zu sein scheint, von dessen ehemaliger Größe und Wichtigkeit sie ein ehrivürdiges Andenken auf unendliche Zeiten auf sich übertrügt. In anderer Beziehung ist jene Sprache von dem Nimbus der Heiligkcit umgeben. Sic isr durch die in den heiligen Büchcrn der Bibel enthaltenen göttlichen Lssenbarungen und durch die erhabenen Dichtungen des uuv-rglcichlichen Sängers in den Psalmen allgemein als heilig bezeichnet. Mit den! Verluste der national.!. Selbsländigkeit des Voltes im eigenen Lande ging!,uch die Reinheit der hebräischen Sprache größtenteils verloren. Ter 1>instand, daß dieses unglückliche Volk, nachdem cs aus seinem Lande vertrieben, in aller Herren Länder zerstreut lvurde, und von den Sprache״ seiner Umgebung fremde Bestandteile in die ihm eigene Sprache aufzunehmen, nicht vermeiden konnte, trägt die Schuld daran. Ihre Erhabenheit und Reinheit ivird seitdem nur in den biblischen Büchern gefunden, aber äußerst seiten erreicht. Das elfte und zwölfte Jahrhundert brachte uns jedoch »oryphäen in Gelehrsamkeit und hebräischer Dichtkunst, als Salomo» b. Gabirol. Isak b. Giat, Moses b. Esra. Joseph b. Zadik, Iehuda Halevi und Abraham b. Esra, welche de» Glanzpunkt der hebräischen Poesie bezeichneten und die die hebräische Sprache zu kultivieren angefangen hatten. Diese Pc-' riode isr die in der ganze״ Literaturgeschichte der Iuden überhaupt. — Die Dichter ivaren Lehrer des, Äunststils für die späteren :',eilen, sowohl für die rcligiösen Dichter (Poetanim!, als für die weltlichen Stilisten. Die sozialen Verhältnisse Ivaren für die Juden in Spanien zu verschiedenen Zeilen günstiger als in den anderen christlichen Ländern, ivelches sic auch eisrigst benützten. Die Schulen, die zwar auch bei Moscheen bestanden ,Wölfenfcld, Schulen der Raben i, aber uichr so eng mit ihnen verbunden waren und ein mehr selbständiges Leben führten, standen ihnen offen-, alle Bitdungsanskallcii durften sie gemeinschaftlich mit de» Arabcrn benutzen. Tie Jude» der maurisch-spanischen Länder sübrlen damals ein freies Leben-, sie wurden von kei- ״er Seite beschränkt und in ihrem Wirken gehemmt. Dies wirkte auch auf die Piutim im allgemeinen. Reinheit der Sprache, wohlgewogene Aormcn, Wohlklang,- das Lhr erfreuend, ausgebildeter Sinn für Schicklichkeit und gehöriges Maß, schöne Verschmelzung der Reflerion mit Phantasie charakterisiere״ dieselben. Daber kommt cs, daß die meisten Pintim der spanischen Poetanim bedeutend schwungvoller als die der deutschfranzösischen sind. Tie damaligen Freiheiten gaben den spanischen Poetanim mcbr Kenntnis des menschlichen Herzens und sie gebrauchten diese»enntniö im Dienste der Frömmigkeit. Tie erbaulichen Poesien derselben dringen tief in das Herz und Gemüt, sie treffen den rechten Ileck. Ihr ganzer Sinn war bloß nach dem Baume des ctvigen Lebens gerichtet. Sie benützten ihr Talent zu goltesfürchtigcn Zwecken, sic wußten aber auch mit der Welt ihre Sprache z», sprechen. Spanien isl cs, das uns Männer des Lichtes darbietet, Männer der Mritit und Wissenschaft, Männer, begeistert für ihren heiligen Glauben und ihre väterliche Literatur ebenso, für die schönsten Erzeugnisse allgemein menschlicher Bildung, allgemein menschlichen Denkens. Spanien ist es. das, reich an großen Geistern überhaupt, auch im Iudentume Männer und Werke jüdischer Literatur hervorgebracht, Spanien ist cs, das wie in der allgemeine», so auch besonders in der jüdischen Literatur mHstische Uebcrgriffe zutage gefördert hat. aber auch ebenso in nicht unbedeutender Anzahl Männer hellsehenden Geistes, nervigen Denkens, rüstigen Schaffens, Männcr von Geist, Herz, Gemüt und Gefühl. Moses b. Esra und Iehuda Halevi, deren religiöse Gedichte eine Zierde aller Weisheit sind, beide kannten die Welt, sie kannten die Empfindungen der menschlichen Brust, sie liehen Worte diesen Empfindungen, wovon man in Deutschland keine Ahnung hatte. Nicht minder offenbart sich ein bedeutender Unterschicd zwischen den Dichtern der maurisch-spanischen und der französisch-deutschen Schule in Bearbeitung ganz nationaler Stücke. Bei den religiösen Pintim hielten sich die maurisch-spanischen reli. giösen Dichter an die Bibel allein, die deutsch-französischen hingegen verflochten viele Hagadoth hinein. Ein Blick auf Iehuda Halevis Behandlung der Purim-Geschichte ,unter dem Namen »Mi Kamocha" bekannt! verglichen mit der ähnlichen im deutschen Ritual, bestätigt das Gesagte. Bei den Gebeten um materielles Wohlsein, bemerken »vir ein leises, anständigcs rluirrete», während ivir bei de» deutsch-französische» Dichtern ein stärkeres Pochen ani traditionelle Momente vernehme«. So zum Beispiel können die Gebete um Tau und Regen (היייי תפלתטל 0^ י תפלת als Belege dazu dienen. Tie neueren und neueste hebräische Literatur hat durch den Einfluß des aufgeklärten und milden Zeitgcistes sich gefügt »nd allgemeinen Verhältnissen sich zugewendet, indem sie das düstere Gepräge der Schönheit iu Ausdrücken trauernder und wehmütiger Gefühl.- von Schöpfungen absireist. Israel Nagara, der um I5ll!׳> in Gaza als Rabbi- »er ivirkre, — dessen Pater R. Moses Nagara gehörte zu den Mitgliedern des Rabbinatskollegiums. das von R. Joses »aro in Zefat präsidiert ivnrde - war der letzte Repräsentant der spanischen Poetanim. Er hatte sogar einige der geiianiitcn Dichter der spanischeu Schule, welche seine Porvilder ivaren. iipcrtrosfe1׳, wasaus seinem rähmlichsr bekannten Werke »Sc miroth Israel", Gesänge Israels, znr Gelinge erhellt. Die ״Scmiroth Israel" zerfallen i» drei Abteilnngen: Die erste, ״Llath Tamid", '255 Gedichte für die tägliche Andacht enthaltend, die zlveite. »CUitb Schabbath". 54 Stücke, an den Inhalt des jedesmaligen pentateuchischen Abschnittcs ankniipfend. die dritte, »Olath Ehodesch". für Nclimonde und Aesic.!'7׳ Gedichte, darunter mehrere umfangreiche, so für Ehanuka eposartige Verfifikationen der Melligat Antiochus. ebenso sür Purim die Esther Megillati in Reimen, etwa in der I-orm des Avon Ehosdecha von :H. Iehuda Halevi, und sür den Sabbath vor Pcssach die Geschickte der Erlösung aus Aegvpten. Der zweite Teil der Seininot Israel, der sich bandschristlich in der k. k. Hofbiblivthek in Wir» befindet, wurde ans Anregung des sei. Prof. Dr. Goldentbal von mir im Jahre 1י-.5יי nnier dem Tilel Pis!׳:״ uim Hlnnnen des Rabbi Israel Nagara zum eriu-ti Aale veröffentlicht. Die Hymnen des :U. Israel Nagara. welche n. ch de»! anerkennenden Urteile seiner Zeitgenosse» sa,1 den Psalmen angerciht zu werden,- vollkommen würdig seien, entsprechen sowohl den' religiösen Bedürfnisse», als sie in poetischer Beziehung allen Anforderungen der Dichtkunst genüge». Dieser Ansicht ivird zweifellos jeder veipslichten .der Gelegenheit gesuiidrn hat. Nagaras .,Semiroth Israel" zu lescii. welche von den ״Pismonim" um vieles noch Übertrossen werden. Ein erhübener Geist durchzieht sie und belebt die .Straft des Gl!״- bens an die göttliche Alliiiacht und die Ergebung in in ihren heiligen Willen. Nickt windet durchweht dieselben ein Hauch von tiefer Wehmut, der eine siille Trauer weckt und die Gefühle bewegt. Doch verleihen sie auch.Straft durch Troslverheißnngen. wie sie zugleich erschüttern, wenn sie die Mackr Gottes in einem Bilde der Naturcreignisie, z. B. voin Donner eine Schildernng entwerfen. Die gewählten Bilder seiner Schilderungen sind zwar o igincll. den» man siedet dieselben hünsig in der Bibel, dennoch aber sind sie als gewählte Tcrte zu den Dichtungen als vortrefflich zu bezeichnen, indem er ein Bild aus de» gewöhnliche», profanen LebenSvcrhältnigen znr religiösen Erhebung verwendet. Sei» tief religiöses und hochpaetisches Gemüt ergießt sich darin bald rührend in ivcichcr, schmelzender Sprache, bald ergreifend und erschütternd mit gleicher Stärke und von einer Reinhril, die von keinerlei Einmischung srcmdzüngiger Ausdrücke getrübt, den ganzen Schatz der hebräischen Sprache einschließt. Sie dringt mächtig in-das Herz des Lesers und durchbebt seine Gefühle. In seinem Stataloge der iieuerivorbenen Handschriftlichen hebräischen Werke der k. k. Hostzibliothek J 3u Wien äußert sich der sei. kliiiversitätsprofessor Dr. Goldenrhal über die ,,Pismonim" Nngaras in folgender - Weise: ..Auch hier, wie bei den in ״Semiroth Israel fließt sanft seine Sprache, klingen lieblich seine Reim- ( »nd tchrt allemal ei» Refrain!bieder, der ivahrhaft wie die bezauberndste Musik i» den Ohren tönt. Aber! roch viel reizender, lieblicher, ich möchte׳ sagen, unge! zwungencc sind seine Poesien hier als dort, bei aller kak". lieber jeder Hymne steht die Melodie arabisch oder türkisch mit dem A»sdru,k .,Pisinon" noch lachan" be zeichnet, charakterisierend die Abknnsl und das Vaterland des Verfassers. Das Wort .,Pisinon" erklärt Zunz für das französische ..Psaume". Auch Michael Sachs" s. A. charakterisierte vonress lich die »Gesäuge Israels". Er schreibt: »Als die Zen des Gesanges längst cntschivuiide» und die in Spanien!ind der Provence von allen Geiilern laiige gepflegte »nun ans der Milte der Inden entivichc» schien, entflaut» ihr im C riciit ein eifriger Pi leger in :>i. Israel Nagara. der die bersluinuite Zioiisharscwieder von den Weiden nah»! und ihr liebliche Töne entlockte. In einer edlen Iorm. in künstlich verichinngenen :lthmhmen. mit Iiibrunsl und sro!»!»er Hingebung sang er e.n allen Meistern nach und d!e Sehnsucht, die in ihnen glühte, iiiinmle auch ikr zu bald klagenden, bald hoff »»ugSreichei» .»längen-, auch er uimvand Sabalb und Jen mit »ranzen und goldenen Schnüre», an denen die Perlen poetischen Empfindens angereikt ivaren. Spannte er auch keine iiene Saite a»i das alte klangreiche Psalter, das schon so vielfachen Melodien getönt, so!vnßie er mit kunstfertiger Hand es m aller Weite erklingen zu lalle», »ein ursprünglicher Genius, aber ein kundiger Virinos voll Tairm. ttebung und Eriisi."!Busch, Jahrbuch 5, S. 2:!. 1 Anfangs lebte Israel Nagara in Dainascns. >vo sein Vater. :>!. Mosche Nagara, lange Zeit das :!labbinat inne hatte, später i-.brrsiedelte er nach Gaza (Asti! uinveit von Daniascns. n׳v er das Riibbiiieramt bekleidete. Die von mir im Jahre l>5r> edierten Pis,״o,am waren schon, wie Lippe in seinem »Bibliographischen et.iion", 2l>5, attgibt. im Jahre l^7ü vergrissen. .»,!,,,ilichkeit der Io rin und des Metrums-, und ebenso bei allem Schmelz der Gefühle, doch voll Saft und .»rast. Es ist eine Süßigkeit und Erhabenheit zugleich darin, welche nur der zu kosten vermag, der die Schtvierigkcitcn. welche die hebräische Sprache darbictet, zu würdigen weiß, soivic die Schmiegsamkeit, die ihr die seurigc Begeisterung des Sängers angeflammt hat." Wie in »Semiroth Israel", ebenso enthalten auch in den .Pisinonim" die Gedichte akroslisch den Rainer des Verfassers ״Iisroel" oder »Iisroel b. Mosche Cha- Lhanulra-Leiicbter In reichhaltigster Auswähl zu beziehen durch den Jüdischer Buch־ und 00 Kunstverlag 00 Brfinn, Adlergasse Nr. 9. Das jüdische Lied Von Rabb. M. D. ('«!01-, in Sioroznuetz. -chttiß. :sticht blos: das Lesen aas Oer Bibel, wo bekattnllich den Tonzeichen eine wichtige Bolle ztiföllt, sondern auch das Mischnannd Talntud üudinin wurde rlwthinisch uuD mit gewissen Melodien betrieben. Ties erstellt auch aus einer farkaüifchen Beinerkung im Talmud. die auf die r>-rage, wozu etwas selbstverständliches, Ueber flüssiges vorgetragcn werde, oft erfolgt. Ta wurde nämlich gesagt: Lern' nur, lern', wenigsten wirst du die Melodie profitieren l Tabbatst ltstib, Erubin >0׳a, Beza Ll a, Aboda Tara 20 berichten auch Joseph Telinedigo lgeb. l.",!»t» :11 seine»! Mazref lachvchmo und Asarja de Bossi lgeb. 151tim Meor Enajiin, das; sie 500 3at)1׳c alte Talntudmanuskripte gefesten, deren Tert mit Tonzeichen versehen war. Telbskverständlich kannten unsere Alten auch den besten, bewährten Erzeuger und Förderer Des Liedes den Wein. To i-,ets;t es: ״Ein wirkliches Lied kann nur nach Wein gesungen werden" lBerachoth :!Sa, E rach im lla). Es scheint aber, das; auch damals die veredelnde, erhebende Ttiinine det>״Musik doch nicht allgemein, nicht von jeden! richtig verstauden und beherzigt wurde. Tenn also spricht Gott zum Propheten Ezechiel: ״Und siehe, du ,nutzt it.r Lied sein, schöne Ttimine, ergötzendes Spiel, das sie hören und nicht beherzigen" iEzechiel :!Z.?d) Es sind nun sicher spuren dafür vvrhan den datz nicht dlotz im Heiligtuine, später in den Thnagützen. sondern auch iu den weitesten schichlen des Volkes das Lied und vornehmlich das Volkslied ganz allgemein verbreitet war. Jam wer und Freude, ,»läge und Jubel äutzerten sich in Liedern. Will Aeremia, dieser große Weiner seiner Bation, datz ganze Unglück, das sein Volk treffen werde, in beredten Worten schildern, so sagt er: ״Bestellet dtlageweiber (die bei jedein

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