Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 45 (13.11.1913)
- Date
- 1913-11-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische VolkSltimme." Nr. 45. am 8. Oktober und währte ununterbrochen bis zum 10. d. Ungefähr zweihundert Zeugen waren vorgeladen, darunter mehr als Zweidrittel von der Anklage. Während der ganzen Dauer des Prozesses wurde der Name Beilis Verhältnismäßig so selten genant, daß einer der Verteidiger des Angeklagten die Geschworenen darauf aufmerksam machte, daß die Hauptperson, gegen die sich die Anklage richtet, fast völlig in den Schatten getreten fei. , Den Vorsitz im Prozesse fühxtc Landesgerichttzpräsident Boldyscw, die Anklage vertrat Staatsanwalt Wipper, als Privatkläger fungierten die antisemitischen Anwälte Zamyslowsky und Schmakow, die Verteidigung des Beilis führte der kadettische Dumaabgeordnctc Maklakow, ein Bruder des Ministers des Innern, und die im Ausland bekannten Rechtsanwälte Karabtschewsky, Zarudny, Grusenberg und Grigorowitsch-Barsü). Als Sachverständige seitens der Anklage sungicrten die Professoren Sikorski und Kossorotow und der als krasser Ignorant entlarvte Pater Pranaitis, seitens der Verteidigung die Professoren Leibchirurch Pawlow und Psychiater Bechterew und die Theologicprofessoren Troitzki- Tichomirow, Knkowzow, endlich der Moskauer Rabbiner Mase. Das Gutachten des Professors Troitzki bildete ein Meisterstück an Gelehrsamkeit, Kenntnis der gesamten jüdischen Literatur und scharfer Beweisführung. Freilassung Beilis'. Beilis, der bei der Verkündigung des Urteils einen Schwächeanfall erlitt, wurde bereits frcigelasscn und unter starker Eskorte nach Hause geführt. Trotz der starken Propaganda für einen Pogrom erwartet man mit Rücksicht auf die weitgehenden Maßnahmen der Behörden, daß die Ruhe nicht gestört wird. Der Eindruck in Petersburg. Aus Petersburg wird gemeldet: Die Nachricht von der Freisprechung Beilis durch lief Petersburg wie ein Lauffeuer; sie lvurdc, da die Extrablätter erst spät erschienen, von Mund zu Mund weitererzählt. Auf den Hauptstraßen sah man lebhaft sprechende Gruppen. Bekannte beglückwünschten einander. In den Theatern und Restaurants wurde der Freispruch vielfach als selbstverständlich besprochen, obgleich noch gestrn eine äußerst pessimistische Aufsagung vorgcherrscht hatte. In den Städten des Westgebietes herrscht unter der jüdischen Bevölkerung Jubel. Tausende, die sich in den letzten Wochen aus Furcht vor einem Pogrom nicht mehr auf die Straße gewagt hatten, zeigten sich öfentlich in festlicher Kleidung. San Francisco den Blicken und den Nachsorschungcn seiner europäischen Freunde. Aber nach Jahren kehrte er mit seiner Ausbeute nach Baitimorc zurück, wo er sich als Mr. James Markus niederließ und ״in Vieh und Leder machte". Dort hatte er den Aufruf, als Erbe seines Oheims heiinzukehren, gelesen. — Durch Bärmanns mageres Gesicht flog ein Ausdruck der Freude, ohne jede Beimischung eines anderen Gefühls, als er den Namen Jakob Markus vernahm. Er blickte über die Brille hinaus auf die behäbige Gestalt, übersah die blitzende Diamantnadcl ebensowenig wie seine Mutter, hatte sich rasch in dein gebräunten Gesicht des alten Bekannten orientiert und indem er ihm beide Hände herzlich entgegenstreckte, rief er aus: ״Gott sei Dank, daß sic da sind, Herr Markus, und Sie sehen, unbeschriecn, aus, als ob Sie die Erbschaft Ihres seligen Onkels nicht nötig hätten." ״Was das betrifft, Mr. Bärmann," crwidertc Mr. James, die breiten Hände bis an die Daumen in die Hosentaschen steckend, ״so wissen Sie am besten, daß ich von dem, was mir inein Onkel gegeben hat, nicht fett geworden bin. Ich habe mich bothern (quälen) und plagen müssen, wälirend Sie ruhig hinter ihrem Tisch Ihr Geld verdient haben. Wenn ich drüben wie ein Hund krepiert wäre, hätte er sich auch nichts daraus gemacht; er hat immer für Fremde mehr getan, als für die Seinen. Wenigstens soll nach seinem Tode sein Geld nicht in fremde Hände gehen! 1000 Pfund Sterling für Beilis. ן Kiew. Die Ruhe wurde bisher nicht gestört. Beilis hat vom Jüdisch-englischen Hilfsverein als erste Spende 1000 Pfund Sterling erhalten. Eine Resolution für die Revision des Prozesses Hilsner.! Wien. In der am 10. d. im Cafe Donau stattgehabten Versammlung des freiheitlich-, sozialen Vereines Leopoldstadt ergriff anläßlich! des Freispruches Beilis' Neichsratsabgcordncter' Dr. Julius Ofner das Wort. Er hob unter anderem hervor, daß nach wochenlanger, atemloser Spannung die Judenschaft des ganzen Erdkreies die Genugtuung erfuhr, daß selbst in Nußlaud, im Lande der Pogrome, ein Nitualmord- Prozeß mit gewisser Objektivität zu Ende geführt wurde. Der Verteidigung wurde volle Redefreiheit gewährt. Zeugen und Sachverständigc so gewählt, daß eine gewisse Unparteilichkeit gewahrt blieb. Umso krasser tritt das Unrecht hervor, das im ganzen Verfahren des Hilsner- Prozesses an den Tag gelegt wurde. Die Rede Tr. Ofners wurde von der zahlreich besuchten Versammlung mit großem Beifall ausgenommen und unter dem Eindrücke derselben folgende Refolution gefaßt: ״Tic Versammlung des Freiheitlich-sozialen Vereines nimint den Freispruch des Schwurgerichtes Kiew in der Verhandlung gegen Mendel Beilis, obwohl er selbstverständlich war, mit Genugtuung zur Kenntnis. Umso größer aber erscheint das Unrecht, das an dem unter glcichen Umständen, unter ebenso dringenden Verdachtsgründen gegen andere Personeil Angekkagten Leopold Hilsner begangen wurde. Die Versaminlung erwartet, daß ebenso wie die Jntelligenz des czcchischen Volkes jetzt in rühmenswerter Ofcnheit das Urteil gegen Hilsner bedauert hat, so auch der Justizminister, die Generalproiuratnr dcnl schwergeprüften Mann seine Freiheit und Ehre wieder geben werdeil. Trotz seines Greisenalters übte der Verstorbene bis zum 00. Lebensjahre sein Amts als Rabbiner aus. So manchem jungen Rabbiner könnte Rabbi Schmied! als leuchtendes Vorbild gelten. Bis kurz vor feinem Tode unterließ es Schmied! nicht, das Gotteshaus zu besuchen. Im Jahre 1840 begann er seine Wirksamkeit als Rabbiner in der mährischen Gemeinde Gewitsch. Er war Mitarbeiter der hebräischen Zeitschrift ״Kochbe jizchag" sowie bei der von Julius Fürst in Leipzig redigierten Zeitschrift ״Orient". Im Jahre 1848 erhielt der Verstorbene von der nlährischen Statthalterei eine ehrende Belobung. In Tesche,! wirkte Dr. Schmied! zwei Jahre als Kreisrabbincr. Im August 18-12 wurde er nach Proßnitz berufen, wo der Gelehrte Tr. G. Bre- Ein Gnadengesuch für Hilsner. Wien. Der hiesige Advokat Dr. Auredniczek, der bekanntlich der Verteidiger Hilsners im Polnaer Ritualmordprozeß tvar, brachte anläßlich des Ausganges des Prozesses in Kiew ein Begnadigungsgesuch für Hilsner ein. Rabbiner Dr. Abraham Adolf SchmiedL. Freitag den 7. d. ist der Nestor der öfterreichischcn Rabbiner Dr. Abraham Adolf Schmied! im Greisenalter von 03 Jahren gestorben. Dr. Schmied! wurde zu Eibenschitz am 20. Jänner 1821 geboren. Er war ein hervorragender Kanzelredner, ein Gelehrter und guter Mensch in, wahren Sinne des Wortes! Aber", fuhr er fort, als er sah, daß Bärmann schmerzlich das Gesicht verzog, ״bei vergangenen Dingen ist mein Grundsatz zu overpassen (pa88 over); ich bin nicht hcrgekommen für ein sentimental journey, sondern für business. Beim Stadtgerichte und beim Prokurator habe ich meine Dokuincnte niedergclegt, die all right bcfundcn worden sind; das Testament habe ich gelesen, und, um die Sache so schnell als möglich dear zu machen, bin ich selbst zu Ihnen gekommen, obgleich ich weiß, daß Ihnen mein Erscheineu eine unangcnehine i,npre88ion machen mutz." ״Sic irren, Herr Markus," antwortete Bärmann, die Hand aufs Herz legcud, sei cs als wolle er seine Worte beteuern, sei es, uin das heftig bewegte zusaminenzuhalten, ״Sie irren, Gott ist mein Zeuge! in dieser Voraussetzung. Sie beleidigen den Seligen noch in seinem Grabe. Es war sein Wunsch wie der meine, aber sie haben recht, lassen Sie uns lieber von Geschäften sprechen. Die Bücher stehen zu ihrer Einsicht bcreit. Das Vermögen, das Ihr seliger Onkel hintcrließ, hat sich unter Gottes Schutz beträchtlich verinchrt, Sic können sich von dem Betrage desselben überzeugen, denn ich habe getrachtet, jeden Augenblick Ihnen ein vollständiges Verzeichnis desselben vorlegen zu können. Wenn Sie hier im Hauptbuch," und dabei schlug er einen in grüne Leinwand gebundenen Folianten auf, ״den Betrag jener Quote, die mein edler Wohltäter in seinem Testamente mir hinterließ, von dem damaligen Vermögensstande ausscheidcn und in gleicher Proportion von dem jetzigen cher, der Verfasser des großen Kamentars zum Kusari domizilierte. Dort gelangte auch der erst in seinem 31. Lebensjahre stehende Rabbiner zu einer größeren Vertiefung in die arabischjüdische Literaturwelt. Er wurde ein Mitarbei-!er bei der von Zacharias Frankl redigierten Monatsschrift. Hier schrieb er sein Buch ״Sanjinim", ein Lehr- und Lesebuch im besten Sinne des Wortes, und sein Werk ״Studien zur jüd.- arabischen Ncligionsphilosophie". Nach 17jähriger Tätigkeit verließ er Proßnitz, um seine Amtstätigkeit nach Wien, Sechshaus, zu verlegen. Zu jener Zeit bestand in Wien ein Verein zur Förderung der jüdischen Literatur. Dieser veröffcntlichte zwei Publikationen des Dahingegangenen: 1. Saadia Alfojumi und die negativen Vorzüge feiner Religionsphilosophie. 2. Eine Denksckirift aus Dr. Julius Fürst und dessen sprachwissenabrechnen, so ist alles übrige und dazu noch der Wert dieses Hauses Ihr unbestrittenes Eigentum!" Mr. James lehnte sich mit beiden Ellenbogen auf den Schreibtisch und durchflog das Hauptbuch mit der Miene eines Rechnungsrevisors. Mit einem goldenen Bleistifte, den er aus der Hosentasche zog, schrieb er auf die Unterlage Zahlenreihen und begann zu dividieren und zu inultiplizieren, indem er deutsche und englische Zahlen bunt durcheinander murmelte. ״Wie hoch schlagen Sie das Haus an?" warf er dazwischen. ״Es ist auf fünfzehntausend Taler geschätzt," antwortete Bärmann mit kaufniännischer Gelassenheit. Mr. Jaines zog einen dicken Strich unter seine Rechnung und warf den Bleistift verächtlich weg. ״Das ist alles?" sagte er. ״Man hat den Alten für einen Millionär ausgeschrieen." ״Lassen Sic die Bücher vor Gericht prüfen," antwortete Bärinann kurz und scharf. Es kochte in seinen, Innern; alle jene brutalen Szenen, die er hier erlebt hatte, tauchten in seiner Erinnerung auf und er erkannte den frechen Zug un, den Mund des Amerikaners, der einst dem eigenen Wohltäter hier Hohn gesprochen hatte. Dieser hatte sich auf die wuchtigen Hüften gestemmt und die beringte Hand in die Weste ge-!׳eckt. (Forts, folgt.)