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Jüdische Volksstimme · 1913-11-05 · Heft 44 (5.11.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 44 (5.11.1913)
Date
1913-11-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische Bolksstimme." sie besteht, allen überzeugenden Gründe» .׳,um Trotz darauf, das; das Separationsprinzip auf die G csamtaguda h angewandt werden müsse. Statt cs billiger Weise auf die ungarische Laudcsorganisatiou zu beschränken. Die Kanzlei in Budapest zittert um die mühsam erkämpfte Autonomie der Orthodoxen in Ungarn. Die Annahme des 8 2: ״Mitglied kann jeder glaubenstreue Jude werden, der das Programm der Agudas Jisroel anerkennt" rüttelt nach ihrer Ansicht an der Autonomie. Es könnten nämlich auch fromme Juden kommen,! die nicht Untertanen der Kanzlei sind. z. B. Mitglieder der Status quo-Gemeindcn oder gar der ncologen Hauptgcmeinde, vielleicht sogar (horribile dictu) Poschim im Schafspelze sich in, die Agudah hineinschleichen, um der Orthodoxie den Todesstoß zu versetzen. Die Orthodoxen Ungarns haben eine reiche Phantasie! Sonderbestimmungen für die ungarischen Verhältnisse allein zu erlassen, ohne anderen Ländern ihre Prinzipien aufdrängen zu wollen — das verstehen sie nicht. Die Orthodoxie in Ungarn durch die Agudoh gefährdet? Man könnte ja festsetzen: ״Jede Landesorganisation kann innerhalb der vom Statut ausgestellten Minimalforderung bestimmen. wer Mitglied werden kann. Das Statut läßt Schlaumc'i Emune'i Jisroel als Mitglieder zu. Die ungarische Landesorganisation kann als Kommentar hierzu sestsctzen, daß nur Mitgliedcr von orthodoxen konstituierten Gemeinden ausgenommen werden. Weiters könnte bestimmt werden, daß in den Vorstand der Gesamtorganisation überhaupt niemand gewählt werden kann gegen den Willen der Landcsorganisation seines Landes. Damit wäre also der Möglichkeit oorgebcugt, daß ein ungarisches Mitglied der Agudah gewählt wird, das der ungarischen Landcsorganisation nicht paßt. Tagegen müßte sich Ungarn damit absinden, wenn z. B. ein im übrigen qualifizierter ירא שמים aus Köln oder Berlin in den Vorstand gewählt wird, der den dort bestehenden orthodoxen Separatgcmcinden nicht angehört. Ein Ausschluß dieser letzteren Kategorie von Personen könnte eben nur erfolgen, wenn die deutsche Landesorganisation einen entsprechenden Beschluß saßt. Unter den ungarischen Rabbinern gibt cs viele, ja vielleicht sogar die Mehrzahl, die einer solchen Lösung sympathisch gegenübersiehen. ״Ihnen fehlt jedoch der Mut der Ücberzeugung, i»! Vertrauen auf eigene Kraft gegen die ״Herrschende Meinung" auszutreicn. Gewiß cs gibt viel Entschuldigungsgründe hierfür, nicht zuletzt ökonomischer Art, die ungünstigen Fortschritte der Orthodoxie im Kampfe gegen die Ideologie usw. All das soll nicht leicht genommen werden. Trotzdem muß aber eine so weltbewegende Idee alle im Vergleich zu ihr kleinlichen individuellen nach Bereinigung aller Gleichgesinnten, aller Fragen beiseite schiebe, den: stürmischen Wunsch die unsere Thora Hochhalten und Mizwaus üben; wollen, den Weg bahnen zum Herzen des Volkesst Niemals erscholl der Ruf nach Vereinigung lauter, niemals zwangen die Verhältnisse dringender, war die GelegenIM günstiger! Tie Nabbiner Ungarns haben geistreiche Männer, die' das Leben begreifen. Warum handeln sie nicht?! Was sollen die Bale-Batim denken, wenn gerade! die berufenen Führer des Judentums sich abwenden, gerade sic sich dem Rufe der Zeit unzugänglich erweisen? Was wird die Jugend sagen, wenn sie einmal, herangewachscn im Strome des brandenden, alles nivellierenden Lebens, die Lücken bemerken wird, die durch die Tateulosigfeit der Rabbiner in unsere Reilsen gerissen wnrden? Sind wir glaubenstreue Juden weniger, als unsere andersdenkenden Brüder? Haben wir nicht ebensoviel Enthusiasmus in uns, ebensoviel Ernst und sittliche Kraft, für unser Volk Arbeit zu leisten? Woher soll uns jungen Jehudim das Selbstbewußtsein kommen, woher die Lust zur Arbeit, die Liebe zum Judentum, wenn dessen Vertreter es verfallen lagen? Werdet ihr, Gdaulei Jisroel, dem schmerzlichen Blicke Eurer Kinder standhaltcn können, w׳enn sie diese Fragen an euch richten? Gebet der Jugend ein Ideal, das sie begeistcrt, eine klare, festumrisscne Idee: ״Erneueruug des Judentums im Thorageistc" und sie fliegt euch zu. Wecket die Liebe für Ercz Jisroel in ihrem Herzen, führet sic ein in die Geschichte unseres Volkes, das nicht zerrissen werden darf durch menschliche Anschauungen, sondern durch den Wandel der Zeiten, durch Gottes Allmacht znsammengcschmiedet wurde als ein Ganzes, lasset sie die Tiefe des Satzes erfassen ״.Ko! Jisareiwim sch bosch" — wir dürfen niemanden abstoßen, weil wir für ihn bürgen, wie für uns selbst! Wir müssen uns als Brüder fühlen als ein einziges Volk und ihr habet die ״Agudas Jisroel". gegründet. Zwittau und Zittauein komisches Dementi. Von Dr. Kanter. Von befreundeter Seite in Olmüh wurde ich vor iflCH Tagen darauf aufmerksam gemacht, datz das klerikale Organ ״Naschincc" in einem Artikel vom 22. Oktober die Liebenswürdigkeit hatte, sich mit mir zu VZchästigcn. Der Ausdruck ״Liebenswürdigkeit" ist nach Berichte meines Gewährsmannes — ich selbst habe den Artikel nicht gelesen, da ich der tschechischen Sprache nicht mächtig bin — nicht ironisch gemeint, sondern wörtlich zu nehmen. Nur if, diesem Blatte, das angcb-!ich das Lciborgan des Llmützcr Fürstcrzlnschofs sein sollte, ein kleines Malheur passiert, das richtigzustellcn, in diesem Blatte mir gestattet sein möge. Dem ״Nnschinec" erging cs wie jenem schielenden Richter in der bekannten Aunekdotc. Vor einem schielenden Richter stehen zwei Zeugen, einer zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken. Der Richter fragt den Zeugen zu seiner Rechten und blickt dabei den zu seiner Linken an, der auch Antwort erteilt. Voll Entrüstung ivendct er sich an diesen und befiehlt ihm zu schweigen, bis er gefragt ivcrde. Da er aber den zu seiner Rechten dabei anblickt, erlvidert dieser: ״Habe ich denn etwas gesagt?" Der ״Naschincc" sucht Zwittau und Zittau zu unterscheiden und bestätigt Tatsachen und dementiert das, loas von keiner Seite behauptet wurde. Das genannte Blatt konstatiert mit Besriedigung die Tatsache, datz der Rabbiner von Zwittau ein schönes hebräisches Gedicht von Sr. Eminenz dem Herrn Kardinal Dr. Bauer als Dank für die Gratulation des crsiercn an den Fürstcrzbischof erhalten habe. Ferner konstatiert dasselbe Blatt, daß der genannte Rabbiner von Zlvittau am 14. Oktober von Sr. Eminenz als Führer einer Deputation der israelitischen Kultusgemeindc in Zwittau empfangen wurde und sich »ach seinen literarischen Arbeiten erkundigte und auf die Bemerkung des Rabbiners, er habe soeben ein neues homiletisches Werk: ״Zeitgemätze Betrachtungen zu allen Wochcnabschnitten" (erschienen im Verlag von Max Hickl in Brünn) veröffentlicht, diese Arbeit, nach deren Anlage und Ausführung der hohe Kirchcnsürst sich eingehend erkundigte, als äutzerft interessant und lesenswert bezcichnete. So weit entspricht der Bericht des ״Naschinec" den Tatsachen. Nun kommt aber der Knalleffekt! Der ״Naschincc" behauptet, datz sich dies alles in Zwittau (Mähren) zugctragcn habe, nicht aber in Zittau (Sachsen), dessen Boden der Herr Fürsterzbischos nie betreten, dort nie einen Rabbiner gesprochcn und ihm gegenüber das Märchen vom Ritualmord, nie als ״häßliche Lüge" bezeichnet habe. Dieses Dementi ist ganz überflüsiig und auch der Pathos, mit dem diescs Dementi begleitet ist, ist ganz und gar nicht am׳ Platze. Es ivurde von keiner Seite behauptet, datz der- Kardinal den Rabbiner von Zittau empfangen habe, auch nicht, datz er dem Rabbiner von Zwittau. gegenüber das Ritualmordmärchen als ״hätzliche Lüge" bczeichnet havc. Dieser Rabbiner ist Dr. L. Goidschmidt Protznitz, dem wir nebenbei für sein wahrhaft mann- Haftes Auftreten im Interesse der Ehre dO Judentumszu aufrichtigem Danke verpflichtet sinh. Oder hat der ״Naschincc" diese beiden, voneinandervollständig unavhängigen Tatsachen absichtlich vermengt und miteinander verquickt, um die Äeutzerung des Kardinals über die ״hätzliche Lüge" des Ritualmordwahnes wirksamer dementiere» zu können? Wir wollen zur teilweisen Entschuldigung des genannten Blattes konstatieren, dass die ״Narodny Lisch" in Prag einen Bericht von meiner? Audienz beim Herrn Kardinal brachte, mich aber nicht, als- Rabbiner von Zwittau, sondern von Zittau, vczeichnete. Diese Richtigstellung wäre zwar am Platze,- aber nicht die von der Äeutzerung des Kardinals dem Rabbiner Dr. Goldschmidt i» Protznitz gegenüber, die doch mit Zlvittau oder Zittau durchaus nichts zu tun hat. Sollte trotzdem der Druckfehler in der ״Narodin, Listy" diese Verwirrung angestistet haben, dann ist cs sehr zu bedauern. Was aber der Kardinal dem Protzlsind) Sie?" Und ein Stein fiel ihr von der oynelstn belasteten Brust, wenn sich der Eintrcteude als Rosenbaum, Lilienfeld oder Blumenthal zu erkennen gab. Im Verhältnis als das Jahr cntfchwand, wuchsen ihre Hoffnungen und iie begann bereits gegen Einilchcu eine Art von Protcktormiene anzunchmen. ״Sie werden sehen, Mamsell Katz," sagte sie. ״was mein Sohn ist, mein Sohn ist kein Ochs." Dabei lächelte sie mit einem Gemisch von Stolz und Herablassung. Ein zweites Jahr war vergangen. In den Verhältnissen des Hanfes am Graben hatte sich nichts geändert, als daß das Geschäft immer mehr sich hob und wiederholt größere Treffer durch das Haus Markus ausbczahlt wurden, wodurch das Lotteriekontor stets an Kundschaft gewann. Auch das Braunfchweiger Los Emilchcns war, aber mit einer Riete, gezogen worden. Pulim war wiedcrgckommcn, der zwiefache Trauerlag war längst kein Freudenfest mehr für das arme Mädchen, ja sic bangte, in begreiflichem Aberglauben, jedesmal, bis er vorüber war. Aber er ging vorüber ohne jedes Ereignis, mir das Wochenblättchen, das am Abend erschien, brachte unter den heute Angekommcnen: ״Im Gasthof ״Zum Ritter", James Markus aus Ballimore." Emilchen hatte das Wochcnblättchen nicht gelesen, Frau Jochebcdchen noch weniger, sie hatte sich auch längst, im Bewußtsein ihrer Sicherheit, den frcinden Besuchen nicht mehr enbgegengcstürzt, und als am andern Morgen ein fremder, kaum dreißigjähriger Mann in den Hausflur trat und nach Herrn Bärinann fragte, zeigte sie ihm zuvorkommend die Tür zum Kontor. Der Fremde war von untersetzter, kerniger Gestalt, lebhaftem, gefärbtem Gesicht, das zwei kurze Stückchen Backenbart eiurahmten, und trug hohe Lcderstiefcln und einen braune» kurzen Flausrock, wie ihn die Landleute und Viehhändler der Umgegend tragen. Aber der Scharfblick der Frau Jochebcdchen hatte eine Diamautuadcl und eine dicke goldene Uhrkette, sowie einen mächtigen Siegelring an der massiven Hand des Fremden nicht übersehen, und ein gutes Geschäft witterud. öffnete sie ihm dienstfertig die Tür zum Kontor, aus der ihr Sohn, die Feder hinterm Ohr, dem Fremden cntgegentrat. ״Mister Bärmann?" fragte dieser mit fremdartigem Akzent. ״Zu dienen," erwiderte Bärmann. ״Und mit wem habe ich die Ehre?" fuhr er fort, indem er den Fremden vor sich ins Kontor ein־ treten lief;. ״Ow! Sie kennen mich nicht mehr, Mister Bärmann? Ich bin James, oder eigentlich Ja־ kob Markus!" Diese Worte, hinter denen sich die Tür schloß, hatte Frau Jochebcdchen noch vernommen. Es war ihr, als führe ihr ein Messer ins Herz! Schein jischmcrcnu!" (Gott unser Schützer) schrie sie auf und mußte sich an dem Treppengeländcr halten, um nicht zusammenzusallcn. Er war da, der Popanz, der leibhaftige Jakob Markus! Werfen wir einen raschen Blick auf den Mann, der plötzlich mit so derben Zügen in den Nahmen unseres kleinen Familienbildcs tritt. Jakob war ein Brudcrsohn des alten Markus, sein Vater ein Händler in einem Provinzstädtchen, der die Woche hindurch ״über Feld" ' ging. Solange Onkel Markus, der aus demselben Städtchen in die Residenz gekommen war, sich mühsam emporarbeitete, sein Brot zu verdienen, unterstützte er den Bruder und teilte redlich feine Ersparnisse mit ihm. Die Ansprüche der Familie wuchsen mit seinem Reichtum, wurden jedoch mit zähem Widerstreben auf das bescheidenste Maß zurückgeführt. Es war einer der eigentümlichen Charaktcrzüge des alten Herrn, für die Seinen nicht mehr Herz zu haben, als für Fernstehende. ״Sie sollen sich nur plagen," sagte er, ״ich Hab' mich auch Plagen müssen, ausziehen laß ich mich nicht!" und dergleichen Sachen alle mehr. Als der Bruder starb, entschloß sich Onkel Markus nur nach larigem Zögern, dessen einzigcn Sohn, den sechzehnjährigen Jakob, zu sich ins Haus zu nehmen. Dieser, ein roher Bursche, ohne Bildung des Geistes und des Herzens, betrachtete sich sofort als den Erben des Hauses und da ihm sein Taschengeld vielleicht allzu karg zugcmessen wurde, so machte er Schulden auf den Namen des Onkels, trieb sich in Kaffeehäusern und auf Tanzböden herum, und reizte den Haushälterischen Sinn des Alten derart, daß es oft zu den lseftigsten Auftritten kam. (,Fortsetzung folgt.)

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