Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 43 (30.10.1913)
- Date
- 1913-10-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2621806-2621846-2621889--2479-2623583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 43. XIV./II Jahrg. Beilage zur,Wiener Jnd. VoUsstimme/ 3V. Oktober 1S13 Seite S. Ein Ritualmordprozeß im zwanzigsten Jahrhundert. Es kann allerdings nicht in Abrede gestellt werden, da.ß seit hundert Jahren auf allen Gebieten des kulturellen Lebens Großes geleistet, riesige, nie geahnte Fortschritte gemacht wurden. Allein trotz des fortschreitenden Zeitgeistes, trotz Kultur und Bildung, trotz Eisenbahn und Elektrizität, Telephon und Luftschiffahrt, konnte sich bis jetzt in vielen Weltgegenden die Humanität, die echte und rechte Humanität, nicht Bahn brechen. Es gibt heute noch, selbst in dem weitvorgeschrittenen Europa gar viele sogenannte ״Kulturmenschen, die an das tausendmal gründlich widerlegte alte blutrünstige Märchen vom . . Ritualmord fest glauben und zuweilen verwilderter erscheinen als ihre Urahnen in früheren ' Zeiten, da noch Jnquisitionstribuuale, Scheiterhaufen und Autodafes zu den beliebtesten Vergnügungsstablissements zählten, Äulturmenschen, die heute noch sich am Anblicke brennender Ketzer ergötzen würden. Tas Trauerspiel, ״Nitulamordprozeß" geuannt, das jetzt in Kiew zum Gaudium der Pogroinfreunde und zum Entsetzen aller human denkenden und human fühlenden Mentern und sogar grausamen Tod erleiden und sie, Außerdem werden neue Anschauungen entstehen, bewiesen Lurch Dekrete aus Privilegien Unserer die a» Spinoza, besonders aber an >u1nt erinnern. Borfahren, wie ungerecht und unverdient diese Leiden sind. Sie flehten naher inständigst Uns durch einige Unserer Senatoren an und beschworeu Uns, diesem Einhalt zu tun und ein Ende zu machen, auf daß sie fürderhin nicht mehr wegen dieser Sache jene Schmähungen, Versalgungen und andere Unbilden erleiden. Durch diese Bitten gerührt und willens, derartigen Verleuntdungen den Weg zu verschließen lind die Ursache der Tumulte und Quälereien, welche die Juden oft deshalb erfahren, zu entfernen: beschließen wir auf Grund Unserer eigene» festen Ueberzeugung und nach dem Rate Unserer Senatoren, daß niemand von nun an den in Un- und in Unsern Ländern wohnhaften Juden den ungerechten Borwurf der Entwendung und Ermordung christlicher Kinder oder Ankaufes des allerheiligsten Sakramcntes — da sie in beiden Beziehungen unschuldig sind zu machen, noch sie dieser Tat zu verleumden, noch vor einem Richter oder ir-! Hilfsmittel. denn gendeinem Amte deshalb Anklage z» erheben,,und nichtig.״ Es ivlrd daher einerseits der sub ip1\־ie aetemi- Blick, anderseits aber auch der :,tigorisuilis ,ja, t׳-־»u׳rfbar mache». Ter Mensch soll ״jenseits von Wut und Boie" stehe». ״Tas Gute und das Bose sind!eine Gegeniage." > oose! Bloch .,Alles soll dem Menschen gleich sein, ob man;im lobt oder tadelt, ob er geliebt oder gebäht wird." Ter Chassidismus will überhaupt beweise», das; kein schlechtes existiert, es sei den» als Negation des Guten. Tas schlechte erfreue sich also keiner Zundereristeuz, es sei viclincbr eine Begleiterscheinung des Guten, wen» dasselbe die unterste Zinse erreicht bat. Wie wir früher gesagt haben, vertritt der Cbassidismus die Ansicht, daß sich alles in :liealitionen abspielt und daß grafte lstegeniäve erfordern. Tadurch könne sich auch die Willensfreiheit äußern und doknmenticren. ״Ein Ting und dessen Gegenteil lit iniinnier ein sonst tviire die Willene-sreibei: :!ult wagen sollte, denn es hat sich in der Tat ermiesen, daß alle derartigen Borwürfe der Wahrheit nicht entsprechen, und daß sie weder Blut . Vvoiwooen, Liaroiien, ttu1er)1at0)te1t, luxTiimipi jn Gottes öuabeu, ׳Honig' allen Beamten, Bürgermeistern und Räten, bevon Litthauen, Preußen,' kannt st in sott, und befehlen Wir. daß sie strenge ieu. Kiew. Wolhynien/ Unfern Willen befolgen, ihn Anveru zu Wissen Mounts scheu aufgeführt wirb, hätte vor dreihundert ^brauchten, noch um das allerhetltgste «akrament Jahren dort nicht in Szene gesetzt werden kön- ^^..^Euhten. Wer immer daher auch besten >1ch neu, weil sich sonst sowohl die Ankläger, als der, crtuhneu sollte, den wollen Wir ohne Rücksicht Sachverständige, der Priester P. mit seinem seinen Ltand, weil das rnyache groyer Lter- Gewährsmann, den, N c o p h i t e!1, der Gefahr/״rungen ist, strenge be,traft ,ehe». Wer dennoch ausgesetzt haben würden, schwer bestraft zu 0IC 0׳iubc11 jener Tinge be,chuld1gen wurde, soll werden/ i als Berleumder bestraft werden, wer aber des- Zur Begründung dieser Behauptung gestalte ^lb vor einem Richter klagbar auftreten und ich mir hier ein Edikt, das der damalige Polendieser Ursache eine -vauptklage gegen einen könig Stephanus (1570) erlassen hatte ■— das! -^uden Vorbringen wurde, der ,oll >!ut der poeebenfalls in meiner, in voriger Rümmer vor! natalwuts, das ist am.׳pal, c!bestraft werden. ״Volksstimme" erwähnten Schrift ״Zur Ge- T1c,en Unsern Be,chiu,; bringen wir allen schichte der Blutbeschuldigung gegen die Juden und jedem, der es zu wißen brauchen sollte, zur uslv." erschienen ist — zu reproduzieren: Tas- Keuutuis, besonders aber wollen Wir, da,׳, den selbe lautet: . Woiwodeu, Ltarosten, Unter,taro,ren, uberliaupt ״Wir Stephan von Gnkko« lK1>ab!>>1 aön!>1 allen Beamten, Bürgermeistern und Räten, bevon Polen, Großfürst Marsovicn, Homogipien, ... .. , ..... Potachien, Lieffland, Siebenbürgen usw. tun! Ü^ben und bei ,oustiger Ungnade nicht anders kund allen insgesamt und jedem, der es wissen n״r stach Unserem willen tun ,ollen, hat und braucht: Zur Sicherheit und Bestätigung denen un- Rachdem zu Uns und zu Unseren Ohren. terschreiben Wir diese Schrift eigenhändig und wunder und fürwahr von Uns bisher nicht ge-j lassen darauf das Krousiegel drücken, hörte Dinge gelangt sind, in Betreff der Ermor- Gegeben zu Warschau allste», d. d düng christlicher Kinder durch die Juden, und^uli des Wahres des Herru^l.,!«» im zweiten nainentlich in Betreff der Einführung und 20־ j ״^ ^ו1דץ.י'clcl' Regierung. Stephanus Electiis tung des Kindes eines wohlgeborenen Studscen- . ^.. . sky im Gostinischen Bezirke, welcher Tat man ( Wurde ein t'stirst oder eine Regieruiig in die Juden nicht nur verdächtigte, sondern auchI War,chau oder in Petersburg auch im zwanzlgderentwegen verklagte, so erachten Wir diese j st-n Jahrhundert so gerecht und tolerant vor- Sache für wert, die Wahrheit derselben aufs! geheii< Und doch wird noch^iiuiner von Kultur, sorgfältigste zu untersuchen und zu erforschen,! Bildung, Humanität und Fortschritt der Reu- und dies unisomehr. als nicht seht erst und nicht; >c’t gstaselt. , zuiii ersteniiial, wie Wir es aus zahlreichen Zeug- Wien, Ist. Oktober 1!M:!._!vrnissen erfahren, gegen die Juden Klagen erhoben! gj* « . werden, daß sie Kinder gestohlen und getötet und! ff/ |4/|ff 31 4L» auch das allerheiligste Sakrament gekauft haben, i sondern vielmehr seit langem schon diese sstimjmmmbb ine gehört wird, und aus diesem Anlasse viele traurige Szenen sich ereigneten. Als liuii jene Herren Edelleute lStudscensky) öffentlich vor Uns eine gleiche Klage gegen die Juden vorbrachten und Uns ein totes Kind vorzeigten, befahlen Wir, diese Sache am Strengsten zu untersuchen. Demzufolge wendeten Unsere Beamten den größten Eifer an und nach Vorladung der Juden wurde die Angelegenheit von beiden Seiten durch Zeugen und Beweismittel aufgeklärt, es stellte sich nun heraus, daß nicht nur keinerlei Schuld, sondern sogar kein Verdacht wegen dieser Tat auf den Inden lasten könne. Ja, die besagten Herren Edellcute traten, als sie erfahren, daß nur eine irrige Meinung sie geleitet habe und keine Schuld der Juden gefunden worden sei, von ihrer 5tlagc zurück, ohne erst Unser abzuwarten. Als dies ge- TuS Wesen der Willeusireiheit im Menschen outsielu durch seine zivei Triebe. den guten und boten Trieb, ivodurch veide notwendig tickt dus Gleicbgewiclti halten.דשד־ זדתל״ד, לעמי- העבידד,) ״ Wie mir bereits wissen.;nur ein geiviisee doi! rationalistisch angeltanchi, desonders der :>ial׳d!. der die Ethik nach der Bollkoinmeulteil des Menschen in t׳e;ug auf die Vernunft verschiedene Pltasen lasst. Zelbitverstündlich ivird derjenige Mensch, der die ltoütite Zulie der zntelligiltilität erreicht ltat. eo ipko aiit :neiiten ethisch Handel» iniissen. Cr vertritt die Ansicht des 20krates, das; ein Biensch, ivdald er sich der st!e׳:er;on dedient, stets von der Zünde lassen könne. ״Te in das Gehirn iit in des Menschen Macht und jederinann;st uustaitde. tuen» er Betrachtungen iiver die unendliche Große lstotes an,teilen ivird. eo :via die Liede zu istott, seiner Lehre und Ctdik zu eino'inden und lichterloh anflodern zu lassen." Ter Rabbi tvird besonders ׳ tute übrigens andere Chassidinti die Gotlesidee in den sjentralpunkt seiner ganzen Weltanschauung sehen ttnd das sich Berbaitea der Menschen Gott gegenüber tvird ittm den Maßüab der ethischen Begabung und Kultursiufc des Menschen abgeben. Wir sinden bei ihm. ivie bei Zpinoza die Liede zu istott sehr ansgeprägl und vervollkommnet. Toch iverden ivir den ülabbi irovdem ui d!e stapfen der ,z-ruhereu ivandeln und den adaguaten Affekt der Liede von dem inadaguaten der ,z-ursttt eegleitet sehen. Ties ntüssen wu ,ins den Znal!s1nns der;!m j scheu seiner eigenen Anschaunng und derjenigen per . Thora, des Zodar uitv. kontrastiert, undedingt zuri-.sführen. Gerade wie ein Vogel mit einem ,elnget n!>dt fliegen kann, io kann der Mensch iveder mit der L׳et׳<׳. noch mit der feurcht allein!statt dienen.' er nun;;0׳׳: mehr diese beiden Anei!ätts׳,eru11ge» zt'igininennettmen In reichhaltigster Auswähl zu beziehen durch den Jüdischer Buch- und 00 Kunstverlag 00 Brünn, Adlergasse Nr. 9. *SH Der Chassidismus. Von Wilhelm Menkes, Ztanislan.!Vogelperspektive.) i-l. Fortsetzung.) der Cthik haben sich seit jeher zwei -troschal), klagten Die Juden, welche ihre Unschuld in * mutigen geltend gemacht, Ke, weil sie^ entgcgengesehte dieser Angelegenheit aufs Unzweifelhafteste ' 1 ..־־.״•״•''' nachgewiesen, vor Uns bitterlich, daß sie ans Anlaß jenes Volksglaubens, als ob sie christliches Blut brauchen und deshalb christliche Kinder allerheiligste Sakrament gebrauchen, es von Christen kauften und menschliches Blut aus demselben auspreßten — nicht nur zahlreiche Verfolgungen erdulden, sondern oft in Lebensgesahr geraten, zahlreiche Oualen uitd und Mar- Crtrcme waren, sich fortwährend befehdet haben. Tiefe waren: der Eudämonismus und der KigoniSmus. Wenn wir über die Cthik des Chassidismus sprechcn, können wir nicht umhin zu bemerken, daß in demselben sich eine Cthik heranSgebildct hat, die die cudämonistischen und cpikuräischcn Anschauungen über Bord wirst. Sie wird die Mitte zwischen der ethischen Anschauung des Mittelalters und der der Neuzeit sein. und sie in eine varinonie zu dringen veriuüteit." Ader trovdrm werden!vir!du docd der Ln Gott vor der ,viirohi den Vorzug eturäume» >eb ׳ gm Chassidismus sehen tvir dewusit oder ttudetvnsst den kategorischen zmveraliv vertreten, der die Ansdruckssormel der kamisch-rigorinischen Levens und Weltanschauung ist, >vo insolgedessen das stttriicksitliren der ethischen Taten mit die Lnitempsincmng »irftt natt f inbet. .,Wer bei seiner Arbeit sich bestrebt, die Ztitie eines großen Mauues zit erreitden. dem tvird;0 wstu gelingen, denn der sttveck der Arbeit ist die Arbeit >eU>; und nicht irgendeine hohe Zlute zu erreichen." Vw « , i *f ״ittm.» war Clisah Heu Abtjah >Achcr genannt!, der sofort keine Buße gelnu hat, als er eine himmlische ZliiUiiie vrriiotitnieu Hai: ...nehret zuriick, iltr tviderspenstigeu Zähne, außer Achcr. War doch damals der günstigste Augenblick und die beite Gelegeitbett bot sich dar, Gott mit vollem verzen zu dienen, ohne jed- Ivede .eossilUilg aus irgendeine Belohnung, nachdeiu er von der Gottheit sortgestoßen worden tvar und dadnist! hatte er eben eine große Vollkommenheit erreictn." ״Liebe deinen Nächsten tvie dich selbst und n!cbt. weil der Verstand es befiehlt und nicht, tveil das s>er; aus freien Ztücken sich dazu neigt, aber nttr deshalb, weil es ein Gebot unter anderen Goitesgeboien in. Wie Kant vertritt auch der Nabbi die Auto»ou!!e