Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite lö. ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 42. Alle guten Taten, unsere Liebe zu Gott soll an dieser Tugend tcitnchuicn und sie begleiten. Ta >vir srühcr vom Chassidismus als derjenigen Strömung, die mit der Nomantik eine gewisse Verivandtschaft aufwcist (wenn er sich auch mit derselben nicht ganz deckt) gesprochen haben, werden wir uns gar nicht wundern, ivenn wir den Repräsentanten der Nomantit Friedrich Schlegel stets sehr gerne Ivic einen Chassid von der ״Kultur des Enthusiasmus" sprechen hören werden. Hat doch die vierte These, die er vor der Jenenser Universität vertrat, ״Enthusiasmus esl principium artis et seicntiae" gelautet. )Zitiert bei Walzcl.) Außerdem ist zu beachten, daß die Ekstase bei den Chassidim etwas Großes bedeutet hat, wo der Mensch der Sinne beraubt, sich mit Gott eins fühlte und sich mit demselben verschmolzen hat, lvodurch eine Harmonie und ein Jncinanderausgehcn sich bemerkbar gemacht hat. Ten Zustand der Ekstase können lvir nach seinem Werdegang folgendermaßen erklären: Anschauung, Symbolismus, Mystik, die letzte Station: Ekstase. Zuerst sichl man den Gegenstand, man findet, ivenn inan tiefer gehen will, einen inneren Zusainmcnhang, Symbole entstehen, dann entwickelt sich die Mystik, die auf übernatürliche Weise die Symbole erllärcn will und dann erst lrill als Kulminationspunkt die Ekstase ein. Dies geschieht erst dann, wenn sich dem Menschen eine Menge Gegenstände in ihren verschiedenen Per- Wicklungen und Vcrknotungen darbictcn und er sie nicht gehörig deuten kann, oder er das Gefühlte, Gesehene, Gedachte nicht in eine Form zu bringen vermag. Es ist die Unzulänglichkeit des sprachlichen Ausdrucksmittcls, wo sich Gefühle an Gefühle reihen und die Sprachform zu sprengen drohen. Bei dem Propheten Ezechiel stellt sich dieser Znstand ein, sobald er vom Geschencil und Gehörten so hingerissen wird, daß er über keine Sprachmittcl verfügt, das Gesehene, Gehörte und Empfundene in eine adäquate Ausdrucksform zu kleiden. Raum und Zeit lvcrden außcracht gesetzt, die Verschiedenheiten schwinden, cs tritt eine Verschwommcnheit ein und eine Absteckung der Grenzen ist unmöglich. Damals ist von einer klaren Erkenntnis keine Nedc, weil sic in der Ekstase alles Irdische abstreisend, eo ipso sich eines hohen Vollkommenhcitszustandcs erfreuen. So ist bei PlotinoS die Ekstase die Gottcsgcwißheit und Philo behauptet, datz in solcher Ekstase der göttliche Geist im Menschen wohne. Dasselbe finden wir auch bei den Chassidim, die die höchste Stufe in der Vollkommenheit, in dem Ausgehen in Gott, in dem Abstreiscn des Körperlichen, Sinnlichen sehen. Dieser Zustand התפשטות הגשמיות ist seit dem Kabbalisten Isak Lurja bis auf die chassidischcn Systeme der Neuzeit als der vollkommenste Geistes- und Seelenzustand hingestcllt worden. Der M.ensch liebt alles, was in der Natur sich bcfindet, aber diese Wesen am meisten, die ihm am ähnlichsten sind, da das Aehnliche eine gegenseitige Attraktionskraft ausübc. ״Die Liebe entspricht dem Achnlichkeitsgradc. Deshalb liebt der Mensch die Pflanzen mehr als die Mincralien, indem die crjlcrcn mit dem Menschen auch m bezug auf das Wachstum eine Äehnlichkcit aufwciscn, die Tiere liebt er noch mehr, da sie einen noch größcren Achnlichkcitsgrad haben, den Menschen aber am meisten.אור החבמד) ״) Aber auch in dieser Hinsicht ist eine Äehnlichkcit zwischen dem Chasiidismus und der Romantik, da beide den Menschen mit der Natur vergleichen, ihn als Stück Natur betrachten, während sic die Natur als eine dem lebenden Wesen ähnlichen Organismus ansehcn. Zwar wird von Zeit zu Zeit die Natur im Chajsidismus in den Hintergrund gerückt und als etwas SticdrigcS betrachtet, besonders, wo wir im Chassidismus eine Anlehnung an die Kabbala, ihre Emanationslchre und was drum und dran hängt finden. Aber sonst sehen wir von Zeit zu Zeit Anwandlungen, die an die Gcsühlsromantikcr, wie: Rousseau, Chateaubriand und Amicl erinnern. Gcsühlc werden der Natur zugcschricbcn, dieselbe in Kontakt mit dem Menschen gebracht, wo beide zu einer Synthese gelangen. Der Romantiker Görrcs stellt die antike und modcrnc Welt wie Urgcbirgc und Flözgebirge einander gegenüber und deutet den Gegensatz bis ins kleinste Detail aus. Bei Görrcs vollzieht sich eine Parallclisicrung geistiger und physischer Vorgänge, was für seine naturwissenschaftliche Weltanschauung charakteristisch ist. Er bedient sich der Symbole, wodurch der Sinn tiefer, wenn auch oft dunkel wird . Aber auch der Rabbi erklärt die geheimsten gcistigen Zusammenhänge durch Zusammenhänge mit dem Naturlcbcn. ..Die göttliche Beleuchtung" durch: ״die Natur der Lufi ringsum das Licht"; die ״Offenbarung und Phänomenologie der göttlichen Kraft" durch ״Licht und Funke", die vom Felsen durch das Schlage» hervorgeben." «Fortsetzung folgt.) Gedankensplitter. aus Moses Hcs!' ״Nom und Jerusalem". (Zu beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunst- Verlag, Brünn, tz li LU 11.) * Was wir heute für die Wiederherstellung der jüdisihcn Nationalität zu tun haben, besteht zunächst darin, die Hoffnung aus unsere politische Wicdcrgcburt lebendig zu erhalten und sic da, wo sie schlummcrt, wieder zu erwecken. Erlauben sodann die Weltercigniise, welche sich in! Orient vorbcrcitcn, einen praktistbe» Anfang zur Wiederherstellung des jüdischen Staates, so wird dieser Anfang zunächst wohl iu der Gründung jüdischer Kolonien im Lande der Väter bcstehen. * * * Tie Einwürsc der aufgeklärten Inden gegen die Wiederherstellung des jüdischen Reiches haben ihren lebten Grund in einer moralischen und intellektuellen Borniertheit, welche unfähig ist, sich ans einen hohen humanen Standpunkt zu erheben, von ivelchem aus erst die ganze Größe des Unglücks, dem abgeholfen werde» soll, sowie die Mittel der definitiven Abhilfe überschau! werde» können. * * * Wie wird der Orient erbeben am Tage eurer ,der Juden! Anlnnfl! Wie schnell wird unter dem Gesetze der Arbeit die Entnervnng der Nassen dort schtvinden, tvo Wollnsi und Müßiggang und Raub ihre tausendjährige Herrschaft hauen' «,Idem.« * * * Ter Gedanke, von nnserm Vaterlande wieder Besitz zu ergreifen, tonnte erst zu einer Zeit in Betracht kommen, in. welcher die unbeugsame jüdische Lrthodoxie und das starre christliche Dogma, vom lebendige» Strome der Ge«chichte berührt, gebrochen sind. Literatur. Wilhelm Ostwald, Monistische Sonntagsprrdigten. Atademi!che Vcrlagsgesellschaft. Zli beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunst- Verlag, Brünn. Das vorliegende Werk gibt uns ein deutliches Bild seines Verfassers. Vielseitig und doch wieder einheitlich, geradeso wie Ostwald, der über so viele Themen redet, weil er darüber reden kann. Wahrlich der Vorwurf seiner Gegner, er menge sich in alle Fragen, während er doch bei seinem eigenen Wissensgebiete vcwcilcn müßte, prallt wirkungslos von ihm ab, denn alle seine Gcdanlen, mag er nun schreiben, worüber er will, sind wohldurchdacht und äußerst vernünftig. Darum halten wir Ostwald für das Ideal des Forschers, der sich nicht in sein kleines Wissensgebiet vergräbt, sondern allen großcn Fragen, die die Welt bewegen, sei» regstes Interesse cntgcgcnbringt. Aus der Fülle des zum Denken anregenden dieses Bandes wollen wir die Predigten über das- Duell und den Krieg hervorhcben. Das Duell erkennen ivir, sagt Ostwald, als ein rudimentäres Organ, welches gcgeiuvärtig schon außerordentlich schädlich wirkt. Er beweist, daß das Duell sowohl vom Standpunkt der Sondcrgcrichtsbarkcit des Adclslandcs, als auch des Gottesgerichtes völlig sinnlos ist. Daß cS unnötig ist, beweist England, Amcrila und Schweden. Der Krieg des Balkanbundcs dient Ostwald zum Beweis, ivic sinnlos und vom ethischen und kulturellen Standpunkt verwerflich diese allgemein anerkannte Barbarei ist. Wir müssen Ostwald vollkommen bcipslichtcn, wenn er den Angreifer mit eine», Näubcr vergleichend, ausführt: «Wenn etwa ein Räuber unter Gefahr seines Lebens und unter Empfang von Wunden durch den Eigentü»icr, der das Seine mit Gewalt gegen Gewalt vertcidigtc, einen Schab an sich gerissen hat, so sollte ihm dieser auch von Rechts wegen verbleiben, weil ihn der nciic ׳Besitzer ja gleichfalls mit seinem Blute bezahlt hat. Und so glauben wir, daß die monistischen Sonntagsprcdigten ״allen denen, die sich unter den Aussprächen und Zerstreuungen des Tages ein inneres Bcdürfnis nach .Klarheit in den großen und allgemeinen Fragen des Menschenlebens bewahrt haben", einen wahrcn Schatz und eine Quelle des Denkens bilden wird. Franz Alfons Helmer, AnlonicS Erlebnisse. Verlag W. Kästner, Berlin, W. 57. Der Verfasser, einer der eisrigsten Vorsechter der Nacktkultur, macht in allen seinen Schriften für diese so hcißumstrittene Körperpflege energisch Propaganda. Man muß gestehen, daß man beim Lesen dieses Romaus die Empfindung hegt, das; die Nacktkultur berufen ist, der heutigen Unmoral den Garaus'zu machen. Die Gestalten, welche Helmer als Gegner der Bewcguiig charakterisiert, kommen freilich schlecht iveg, doch sollte er sich doch nicht dazu verleiten lassen, bei Schildcrung der Gcbärklinil Mißsländc aufzudcckcn, ivelche gar nicht bestehen und so das sowieso bestehende Vorurteil der nichtaufgcklärtcn Volksmasscn »och zu verschürfen. Ter Roman ist trotz seiner stark tendenziösen Färbung gut und ivird der Bcivegung viele Anhänger zuführen. Ernste Menschen lvcrden das Buch mit Vergnügen lesen und gezivungen fein, in irgendeiner Weise dazu Stellung zu nehmen. Gcza v. Hoffman«, Die Nassciilniqiciie in den Vereinigleii Staaten von Nordamerika. I. F. Lehmanns Verlag, München. Brosch. 5 Mk., geb. «> Mk. Wir Europäer sind getvöhnt, in Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu erblicken und darum wundert es uns auch nicht mehr, ivenn Europa in allem und jede», Amcrila nachüinkt und daß ״aus Amcrila" auf allen Gebieten eine so gute Empfehlung bedeutet, wie das ״Made in Germany" ans einzelnen Industrieprodutlcn in England. Tie Rasschygieniter haben schon seit langem die Forderung ausgestellt, daß die, nach dem heutigen Stand der Wissenschaft, der Fortpftanziliig der Rasse am mei sicn schädigenden Einflüsse, soivcit es eben in nnserer Macht liegt, beseitigt werden. Daß die Deutschen, das Volk der großen Theoretiker, auch in dieser Frage an der Spitze marschieren, ivir brauchen wohl das lheorelisch nicht lnnznsngen, ist selbstverständlich. Die Amerikaner aber haben sich die in der Pflanzen und Tierivclt schon lange venvendeten Prinzipien zu eigen gemacht und wenden die Lehren der Eugenik praktisch an. Das vorliegende Buch gibt uns nun neben einen, klaren Ueberblick über die Lehren der Rassenhygiene die in den einzelnen Staaten Nordamerikas auf diesem Gebiete bestehenden Gesetze wieder lind erwirbt sich da init ein wirklich großes Verdienst um dieses Wissensgebiet. Tenn während mau heute »ach einem so kurzen Bestände dieser Verordnung noch keinen Schluß über deren Einfluß ziehen kann, wird dies in nicht allzu ferner Zeit möglich sein und mau wird dann zwischen den Staaten, die dergleichen in die Gesetzgebung ausgenommcn baden, und deir andern Parallelen ziehen können, die einen cvcntncllcn Fortschritt in der Bevoller»»;; vewcisen müßten. Tie Behauptung, Amerika könne durch die Auslese seiner Einivandercr besonders veredelt werden, ist durchaus zu unterschreiben; sie ivird auch durch die große» Erfolge, die Amerikaner, ein Volt von Jungkultur, auf allen Gebieten, speziell körpcrlich, aber auch geistig, in dem letzten Jahrzehnt errungeli baden. Tie praktisch betriebene Eugenik und die genannte Auslese der Einivandercr sichern dem Amerikaner die dominierende Stellung der Zukunft. Das fesselnd geschriebene Buch sei jedermann wärmstcns empfohlen. Der Tod der Götter, Roman von Richard Huld schincr. Verlag Albert Lange», München. In etwas ungewohnter Form eine Religion des Menschentums. Ter Dialog hebt zwar das Dramatische der Handlung und ermöglicht tiefere, philosophische Betrachtungcn, verleiht aber dem romanhaften Stoff ein unzusammenhängcndes, zerissencs Kleid. Tie römischen Götter, wie sie zur Zeit der Anslösung des römischen Reiches dem hochkultivierten Roinanen die Träger seiner realistischen Weltanschauung waren, sterben und an ihre Stelle tritt der Rcligionsgotl der Ehristc». Tic nach Erkenntnis ringende Seele sucht die Klärung nicht mehr in sich, im crfahrungsvollen Leben, sie glaubt in der Vermehrung der Leiden und im blinden Glauben an Gott ihren Halt zu finden. Der Christ überschreit die mit religiöser Ekstase feinen Drang nach der Wahrheit; die geklärte Ruhe des phi, losophicrenden Römers findet er nicht. Rusus, der letzte Römer, hat seine Jugend im Ucbcrfluß verbracht. Ein Einsall der Heruler in Rätien treibt ihn aus seinem Gute Cornelianum und er wandert ins Gebirge, um Ruhe für seinen gequälten Geist zu finden. Ihm kann der Christenglaube mit seiner Verherrlichung des Leidens nicht die Erkenntnis der Wahrheit bringen. Die Demut und die unnatürliche. Selbstverleugnung sind seiner Meinung nach nur die Früchte eines Gcsühlsrauschcs. Aber auch die Mysterien der Isis und des Mithra wirken mit ihrem rätselvollen Aenßcrn nur vorübergehend. Es bleibt der Römer, der sich seine Götter in seiner Brust bildet. Bei den Rätern im Gebirge findet er seine Ruhe wieder. Das sind Menschen, die vor allem auf sich glauben und sich mit sich freuen. Hier wohnt die Kraft. Die große Natur, das Leben bringen ihm die Klärung. Er verbündet sich mit Susa — eine Verkörperung der fühlenden Natur — und sicht seine Ausgabe darin, in Einfachheit und Arbeit sein Leben zu beenden und in seinem Sohne dessen Wiederholung vorzubcrciten. Zweimal begegnet ihm der