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Jüdische Volksstimme · 1913-10-01 · Heft 40 (1.10.1913) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 40. sind ganz und gar frei von unserer Zweifcclcn-Psychologic, und von ihnen dürfen wir zuversichtlich erwarten, daß sic unserem Volke Ehre machen und unserer Fahne Treue halten werden. Möglich, datz diese jungen Leute hie und da durch Ucbcreifcr Matz und Grenze ei» wenig üverschrciten. Das wird sich im Laufe der Zeit so natürlich ändern, wie dieser Ucbcrciscr eine natürliche und nottvcndigc Reaktion ist, gegen Indifferenz und Feindfcligkcit. Wird unsere Position immer ruhiger׳ und fester sich entwickeln, so wird alles Ucbcrmah und aller Ucbereiscr ganz von selbst verschwinden. Die Zionistische Organisation hat also die ernste Pflicht, alles zu tun, um auf die kulturelle Entwicklung des neuen Jischud Einflutz zu gewinnen. Recht naiv hat man in der letzten Zeit da und dort die alte Frage wieder aufgeworfen: was ist denn eigentlich jüdische Kultur? Sind denn nicht alleKulturmenschen? Wollen ivir denn die Räder der kulturellen Enttvickluug rückivärts drehe»? Auf diese naive Hagada-Frage brauchen wir nur eine kurze Antwort zu geben. Auch die anderen Organisationen, die mit der jüdischen Renaissance nichts gemein haben, ja sogar die Schulen der Missionäre vcrkünden bekanntlich mit Stolz, daß sie durch ihr Erzichungswcrk im Orient Kultur verbreiten. Nun also: cs gibt doch offenbar Kultur und Kultur. Wer jene Frage immer stellt, mag sich dies eine endlich merken und er wird ein für allemal den Unterschied begreifen. Aber doch aus einem anderen Grunde erwächst der Zionistischen Organisation die unbedingte Verpflichtung, die gesamte Kulturarbeit in Palästina in ihren Hände» zu konzentrieren. Wir müssen die Regierung des Landes zu der Uebcrzcugung bringen, datz wir keine abseits unserer jüdischen Bestrebungen liegenden Tendcnzen verfolgen, und datz unsere Arbeit nur unsere» Ztvcckcn dient. Denn es könnte für unsere Tätigkeit vcrhängnisvoll werden, wenn wir — und sei cs noch so unbeabsichtigt — uns in den Konkurrcnzstrcit der verschicdencn fremden Gruppen cinmischten. Wir dürfen unter gar keinen Umständen für andere die Kastanien aus dem Feuer holen, denn ivir untergraben damit den jüdischen Iischub. Die Zionistische Organisation hat weiterhin die Pflicht, dem Problem des jüdischen Arbeiters in Paläsiina besonderes Interesse zu widmen, um durch ihre Institutionen möglichst für eine Bcsicrung der Lage des jüdischen Arbeiters zu sorgen, soivic dafür, datz der jüdischc Arbeiter im Lande und in der Gesellschaft die Stellung cinnehmc, die ihm zukommt. Ich tvill damit nicht sagen, daß nun die Zionistische Organisation sich etwa in die Differenzen einzumischen hätte, die in Palästina, wie in allen anderen Ländern, zulvcilcn zivischcn Arbeitgebern und Arbeitnehmern Vorkommen. Der jüdische Arbeiter in Palästina ist aber ganz allein aus sich gestellt, und während in allen Kulturstaatcn die Regierungen oder die gesellschaftlicher Initiative entsprungenen Organe durch Gesetze oder durch soziale Hilfsarbcit für eine Bcsicrung der Lage des Arbeiters Ivirkcn, existiert in Palästina noch keine soziale Instanz. Nun glauben manche und viele behaupten cs, datz die Forderungen der jüdischen Arbeiter zu hoch geschraubt sind und sie deswegen im Lande nicht festen Futz fasien tonnten. Diese Ansicht ist indessen durchaus obcrflächlich, und die Wirklichkeit rechtfertigt sic keinesfalls. Geivitz, cs ist wahr, datz der jüdische Arbeiter meist in einem gcwiffcn Minimum, das dem Fellachen genügt, nicht existieren kann. Aber das ist ja gerade sein grotzcr Vorzug, denn dieser jüdische Arbeiter, zu einer ganz anderen Steigerung seiner Leistungen fähig, als der bedürfnislose Fellache. Tic Ouautität des höheren Loh- »es lvird durch die Qualität der Arbeit mehr wie wettgemacht, und ich werde gcivih Gelegenheit haben, währcnd der Debatte die Richtigkeit dieser Behauptung durch Mitteilung von Zahlen und Tatsachen zu belociscn. Mcnschcnlvürdigc Wohnräumc, Lcihkasicn, nicht für den einzelnen Arbeiter, sonder» für die Arbeiterorganisationcn, Volkshäuser und Bibliotheken, kurz alles, was man unter dem Sammelnamen ״soziale Einrichtungen" zusammcnfatzt; an allen derartigen Unlernchmungcn mutz die zionistische Organisation durch ihre Repräsentanten und ihre Institutionen beteiligt sein. Die jüdischen Arbeiter setzen i»1 allgemeinen ihre Gesundheit sehr vielen Gefahre» aus. Infolge des Mangels a» hvgicuischcn Wohnungen, an gesundem Wasicr, geben sie einen Boden ab für allerlei Krankhcitc», und-zwar in viel höherem Matze als die Kolonisten. Aber lvir haben in Palästina noch eine» ganz neuen Vorkämpfer und Pionier, der sich dauernd in Lebensgefahr im elementarsten Sinne befindet. Denn das Ziel, das diese Pioniere sich gestellt haben, fordert cs unter Umstände», das; sic geradezu ihr Leben aufs Spiel setze». Das sind unsere ncucn Wächter, die Schomcrim, die das jüdische Hab und Gut verteidigen und unter Umständen Lebe» und Gesundheit dafür einscvcn. tLebhafter Beifall.» Ein ganz neuer Typ ist nntcr ihnen entstanden, der Jude ohne Furcht und Schrecken, ivo cs den Iischub und seine Ehre gilt. Nicht viele kennen ihn aus eigener Anschauung, diesen ncucn Iudcntyp, und manche, zu denen die Kunde von ihm gekommen ist, empfinden das Gerücht als eine phantasicvollc Legende des glühenden Orients. Aber nein, cs ist keine Dichtung, cs ist eine Tatsache, die uns als Dichtung erscheinen mag, w.il ihre ungewohnte Erhabcnhrit uns staunen macht. Tie O rganisatiou der Schomcrim ist noch jung und verlangt noch viele Kräfte, um ihre Existenz und. ihre Entwicklung zu sichern. Geld, Boden und Menschen brauchen wir zu unscrer Arbeit. Aber für unser Ziel brauchen lvir sic in umgekehrter Reihenfolge: Vor allem haben wir Menscheu nötig, für die Mensche» Boden und zur Erivcrbung des Bodens brauchen lvir Geld. Das sind die drei Pfeiler, die den jüdischen Iischub stützen müssen. Seine Krönung aber lvird die jüdische Kultur sein, die lebendig, vielseitig und fruchtbar aus diescin Boden crivachsei! lvird. Wenn wir uns jetzt alles vergegenwärtigen, was im Laufe der letzten drcihig Jahre im Lande unserer Zukunft geschaffen worden ist, so cmpsindctt wir jene große seelische Befriedigung, die nur aus einer gewissen Vollendung einer grossen Arbeit kommt. Wir fühlen jene Genugtuung über unser Werk, weil wir nun wissen, dass wir aus dem Stadium des Anfanges heraus sind und uns mitten im Aufbau eines neuen Lebens befinden. lToscnder, anhaltender Beifall.) Der Chassidismus. Von Wilhelm Menkes, Ttanislau. (Vogelperspektive.) U. Fortsetzung.) Eine sehr grosse Aehnlichkcit hat der Gründer der חבד (Salman Elia von Ladi*) mit Spinoza aufzuweisen, obwohl sic sich auch, besonders in der Erkenntnisthcorie oft trennen. Bei Spinoza existieren sowohl die natura naturans, wie auch die natura naturata ewig, sic ändern sich nicht, lvährcnd der Rabbi der Ansicht ist, nur Gott sei unvcrändcrlich, während sich die Welt fortwährend ändere. Hier sehen wir den Rabbi bcivuht oder unbewußt in die Futzstapfcn Platos treten, indem wie Plato die Idee, er die Gottheit ewig lvaltcn lässt, während er der Materie nur eine relative Existenz zuschrcibt. Das Seiende lvird daher dem Nichtscicndcn entgegengesetzt. Aber trotzdem ihre Ausgangspunkte mitunter sehr verschieden sind, ist cs doch schwierig, die Verschiedenheit aufzudcckcn, obivohl der Rabbi mehr von der Kabbolah und Mystik bccinflutzt lvar, während Spinoza von Descartcs und den Naturwissenschaften seinen Ausgang genommen hat. Wir werden dann sehen, datz sich auch in der Psychologic und Ethik Differenzen zwischen Spinoza und dem Rabbi ergeben werden. Alle Dinge sind also Erscheinungen, während die Gottheit das ״Ding an sich" ist, das fortlvährend cxistiert, aber an und für sich nicht erkannt wird, obivohl stets auf die Gottheit, als die einzige Erkcnntnisqucllc hingcwicsen lvird. Auf diese Weise lverdcn die Dinge außer uns als im forllvährcndcn Wechsel sich befindend betrachtet und ihre Existenz nur dem Einflüsse der einigen Substanz zugcschricbcn. Ter Kausalnexus beherrscht alles und nichts vcrmag sich demselben zu entziehen. Der Ursachcnzusammenhang existiert nicht nur zwischen Körperlichem und Körperlichem, Geistigem und Gcisiig'em, sondern auch Heterogenem: zwischen Körperlichem lind Geistigem und umgekehrt. Wir iverdcn hier also (mit sehr wenigen Ausnähme»! Spinozas ParaUclismuS gelten lassen, obivohl mitunter das Gleichgewicht durch die Heruntcrsctzung der Materie gestört lvird, infolgedessen ein Dualismus zwischen der geistigen und körperlichen Welt entsteht. Trotzdem sehen wir auch die Liebe zum All durchschlagen und cs heißt sogar an einer Stelle, datz mau statt ctivas Schönes oder Gutes zu lieben, man direkt auf die Gottheit als auf dessen Quelle zurückgchcn soll. ״Ein von der ״Schechinah" (heiligem Geis!» durchgcisligter Mensch soll sich dessen bewußt sein, daß ihn die Gottheit, die in ihm ist, erhält, ohne die er ins Nichts verfallen lvürdc.כתר שם טוב ״ ״Die ״Scheck!ina" enthält alle Kreaturen und alles Gute, wie auch alles Schlechte ist in ihr enthalten. «Josef Bloch גנזי יוסף). Es gebe daher keinen Zufall, Gott leite vielmehr alles. ״Wer da sagt, daß die Welt zufällig gelenkt lvird. *1 Ebabad — Anfangsbuchstaben von Ehochmak, Binna, Daath!Weisheit, Einsicht, Verstand». Ter Gründer dieser Stelle ivar Salman Elia von Ladi, und lvo wir ״Rabbi" schreiben, lvird c r gemeint. der hat unlautere Gedanken und befindet sich auf Abwegen." (Bon den Schülern Bcscht's». Spinoza verwirft die Zweckmäßigkeit und erkennt die Notwendigkeit an, während der Rabbi, wie alle Ehassidim. trotz dem Auskcnncn der Kausalität nichts von der Notivendigkcit wissen wollte. * * * In der Psychologie spielen in erster Reihe die Gefühle, Empfindungen und Affekte eine Rolle, aber auch der Wille hat sehr vieles zu sagen, denn um denselben dreht sich die ganze Psychologie, was auch ins Psychiairische übergeht. Außerdem mutz man in Rücksicht ziehen, daß die Willcnsthcoric ins Erkenntnisthcorctischc cinschlägt, um so mehr, da. wenn man die Willensfreiheit geltend machen ivill, man auf den Kausalucxus zurückgchcn muß. Es ist klar, datz die meisten Philosophen, die die Notwendigkeit verfechten, co ipso ein leichtes Spiel gehabt habe», dem Menschen die Willensfreiheit abzusprechen. Derselbe sei also nicht imstande, sich zu bchcrrscheu, mit Notwendigkeit müsse er dies tun, lvas er tut und kein bisschen Freiheit sei ihm eigen. Tic Idcalisicn dagegen haben den Determinismus bekämpft und die Willensfreiheit proklamiert. Jene haben den Willen, als eine' psychologische Kraft, die blind ist, betrachtet, lvährcnd diese ihn dem Verstände genähert haben und lvie Sokrates der Ansicht waren, datz solange der Verstand richtig sei, auch der Wille, der mit demselben kongurcnt ist, notlvcndig übcrcinstiminen müsse. Die Deterministen verfechten die Notlvcndigkeir der Tat und die Blindheit des Willens, lvährcnd die Verteidiger der Willensfreiheit auf den Verstand des Menschen, der ihn vor Jrrtümcrn zu schützen vermag, sich berufen. (Fortsetzung folgt.) Nterakur אברהם צבי אידלזון: ספר השירים. Liederbuch, hcrausgcgcbcn vom Hilfsvcrein der deutschen Juden in Berlin. Zu beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunst- Verlag, Brünir. Tie Frage: Wie lernen und lehren wir Hebräisch? beschäftigt uns heute alle, besonders seit der Kongress wieder gezeigt hat, daß die hebräische Sprache sehr bald die Tribüne des Kongresses völlig beherrschen wird. Zur Beantwortung dieser Frage sei hier ein Vorschlag vorgcbracht im Zusammenhänge mit dem Hinweis aus dieses ausgezeichnete Liederbuch Idclsohns, in welchem der Leser neben deutschen Liedern — Text und Noten zu 100 hebräischen Liedern findet. Wie wäre cs, wenn wir in Schule und Haus unsere Kinder hebräische Licder singen lehrten? Wir finden in diescin Buche Lieder aller Arten, Lieder aus dem Kindcrlcbcn, Marschlicdcr, Naturlieder, Volkslieder, religiöse Lieder. Manche sind ganz leicht, manche schwerer. Die hebräische llcbcrsetzung von ״Ajs dem pripctschik", des bekannten Volksliedes z. B. isl ganz leicht. Wie leicht könnten Kinder, die auch nur im Besitze ganz weniger Vokabeln sind, kleine Liedchen aus diesem Bliche singen lernen. ZivcisclloS lvürdc dies den Kindern viel Freude und Spaß bereiten, es lvürdc sie bclohucn dafür, daß sic ein paar Vokabeln gclernl haben und lvürdc sie anspornen, mehr zu lerneu. Vokabeln, die in solchen Liedern Vorkommen, vergcsscn sich nie. Und zudem lvürdc das Kind das Gefühl bekoinmeu, daß das Hebräische nicht nur die strenge Sprache des Gottesdienstes, sondern ctivas Lustig- Lebendiges ist. Das vorliegende Buch, prachtvoll gedruckt und ausgcstattet, sei jedem Pädagogen empfohlen. In der deutschen Abteilung entdeckten wir zu unserer Freude das lvuudcrvollc Sicgeslicd aus Händcls ״Indas Makkabäus". Unverständlich ist, warum die deutsche Ableitung des Buches biographische Daten über Dichter und Komponisten bringt, die hebräische nicht. S. Müller: Ein Luch für unsere Kinder. Biblische und nackibiblischc Geschichten in methodischer Bcarbcitung zum Unterricht der israelitischen Jugend. Mit einer Karte von Palästina. Sechste Auflage. Stuttgart »Ealwerstraßc Id! I. B. Mchlerschc Buchhandlung, l Mk. 75 Ps. Zu beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunst- Verlag, Brünn. Dieses Buch ist eigentlich eine Geschichte des IndcntuinS von der Wcltschöpfuug bis zur Zerstörung des zweiten Tempels. Es ist eine Geschichte für Kinder und bemüht sich deslvegen mit Recht, in der Wahl der Sprache, der Bilder usw. die jugendliche Phantasie zu beschäftigeir. Dies ist im ersten Teil, in der Vorgeschichte des Volkes recht gut gelungen. Nicht so in Sem zweiten

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