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Jüdische Volksstimme · 1913-10-01 · Heft 40 (1.10.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 40. XIV./II Jahrg Beilage zur ,Wiener Jüd. Volksstimme'. 1. Oktober 1913 Seite S Die Reichen und Ihr*). Auf dem Geldsack hackt der Reiche. Hat er noch im Leib ein Herz, Dringt zu ihm, daß crs erweiche. Seiner Brüder alter Schmerz. Drum die Streitaxt sei begraben! Würdig weist auf Euer Wert, Und verscheucht die letzten Raben. Die umschwirr'n den Zionsberg. Euer Ruf dringt doch zu jenen — Allzulange schliefen sie — Euer crntereiches Sehnen Weckt sie aus der Lethargie. Weckt sie aus der satten, kühlen. Gähnenden Gleichgültigkeit, Daß sie stolz und liebend fühlen Volkswohlarbeitsseligkeit! W i e 11. Marek 2 cherlag.!Taschlich in der Steppe. Von Martha Baer-Jssachar. Es war in der Woche vor den großen Festen. In dem Dörfchen, das fast ganz von Juden beivohnt war, summt und brummt es in diesen Tagen immer, als stehe man vor einem Bienenkörbe, dessen Insassen noch die letzten freundlich-warmen Tage zu emsigem Honigtragen benutzen wollen, lieber dem Schmutze unserer Stadt lag ein Glanz, der alles verklärte. Eine Act milder Brüderlichkeit. Zwar gab es auch jetzt noch zahlreiche Gegner und Feinde, aber auch die standen sich jetzt anders gegenüber, denn während man sonst Gelegenhcit sucht, um sich auszuzankcn, wichen sich nun auch die Unversöhnlichsten scheu aus, keiner wollte in den ersten Tagen schmähen oder verletzen und den versöhnenden Ernst der Zeit stören. Man kann wohl sagen, daß es überall im Osten so ist, aber in unserer Stadt ivar cs bestimmt so, da nahm man cs sehr ernst mit diesen Dingen. Mich hatte ein Zufall in dieses Städtchen geführt, und ich wurde dann, als ich die Synagoge sah, von dem Interesse scstgehalten, das mir der alte Bau einflößte. So konnte ich während dieser Zeit sehen und sammeln. Die eigene Ruhe, die dem bevorstehenden ernsten Tag vorausging, gab mir Muße, die Leute und ihre Art kennen zu lernen. Tic eigene Art des Landes dringt tief in das Leben der Steppenbewohner ein, die wilden, unabsehbaren Steppen Oslgaliziens weiten mit ihrer wilden .straft und Schönheit Herz und Seele. Es ist auch kein zufälliges Ungefähr, daß unter den Juden des Ostens mehr große Männer als im Westen aufsrehen. Die große heilige Ruhe der Steppe bringt sie hervor. Tie Ruhe. Denn wer da sagt, die Steppe sei nicht ruhig, sondern öde, oder sie entbehre der Poesie, der hat sic nie gesehen, wie ich sie schaute. Die Schönheit dieser Steppen ist großartig und wundervoll. Ter Sonnenbrand des Tages und nachts der Mond tauchen sie in weißes, Helles Licht, so hell, daß cs selbst an trüben Rebeltagen, noch über die weite Fläche hinzuzittern scheint. Wie ein Traumland unkörpcrlich und unbegrenzt, liegt das weite Heideland vor dem Wanderer, seinem Sehnen und Tinneu leine Grenzen setzend. Es ist ein milder Trost für müde Herzen, an heißen Sommertagen in der Steppe zu träumen. Darum sie in ihrem Schoße Menschen groß werden, die weltentrückt und weltverloren in ihrer Seele, selber Welten bauen können, die farbenfrohe Traumwelt, die ihnen das Leben, dessen Kampf mit erbarmungsloser Schwere auf ihnen lastet, tragen hilft. Also cs war am Tage vor dem hohen Feste. Was ich mir schon lange gewünscht hatte, konnte ich hier haben: ein jüdisches Fest in echter Ursprünglichkeit. Am :Rande der Ukraina war cs, hart an der ruffischen Grenze. Ein Schlagbaum auf der Landstraße deutete sie an, und als ich mit einem schnell gewordenen Bekannten, dem Arzte des Städtchens, dort in der Nähe spazieren ging, meinte er, während er scherzend feine Hand über den Schlagbaum weg in russisches Gebiet streckte: ״Na fühlen sie doch auch einmal, wie kalt es in Rußland ist." Am Weg floß ein Bach vorüber, ein siiller Bach, nicht lustig wie ein Gebirgsbach oder wie im Tal zur Frühlingszeit, sondern gemessen und ruhig, mit kaum hörbarem Geplätscher, als stehe auch er unter der heiligen Mutter Steppe. Aus Galizien kam er, von fernem Rande der Karpathen, der sich wie ein leiser Hauch kaum merklich vom Horizonte abhob. Er durch- *) Aus dem von mir am Vorabend des elften Zionistenkongresses vorgetragenen Begrüßungsgedicht. floß die fruchtbare schwarze Erde Polens und floß nun gleichmäßig seinem Ziele zu, der Grenze, an der ihn Rußland aufnahin. Am Ufer auf russischer Seite war ein kleines Fichtenwäldchen, das tiefdunkle Schatten über stillen Wellen warf. Wir sahen ihnen nach und der Doktor unterbrach meinen Gcdankengang: ״Wir wollen auch morgen hierher gehen, dann können sie sehen, wie unsere Juden Taschlich machen." Dann gingen wir heim. Der Tag ging schon dem Ende zu. Auf der Straße brauste der Lärm der Arbeit, gemehrt und gesteigert durch die Hast, mit der man noch die letzten Augenblicke ausnützen mußte. Ich ging langsam durch die Gassen, sah dem bunten Treiben zu, und wartete, bis cs zur Ruhe kam. Ich brauchte auch nicht allzu lange zu warten. Hier und dort brachte ein einzelner Händler die Ware ins Haus, die er vorher auf einer Kiste ausgelegt hatte, damit sie Kauflustige anzieben sollten. Tie Türen wurden geschlossen, und an den vorgeschobenen Riegeln diese unwahrscheinlich großen Anhängeschlösser befestigt, welche mit Schlüsseln verschlossen werden, die einem ungeschlachten Mordinjirumenke gleichen. Immer leerer wurden die Straßen, zuletzt waren nur einige Barchcsverkäufer beschäftigt, und nun gehen auch diese. Heilige Feiertagsruhe senkt sich über die kleine jüdische Stadt am Rande der unendlichen Sleppe. Abends. Eine übervolle Synagoge. Zahllose Leuchter, Geschenke Frommer und letzte Vermächtnisse hängen über den Betenden. Jeder hat sich selbst die Kerzen mitgevrachr. Die nun der SchammeS, und in Nr Frauensynagoge dessen Frau aufsieckt. Tenn die Gemeinde ist zu arm, um für alle die Kerzen zu liefern, deshalb bringt jeder so viel Licht mit, als er kann, und die Reichcn tragen dadurch für die Armen die Last mit. So schwimmt die Synagoge in Licht und Glanz. Es ist ein merkwürdiger Bau, wie eine Festung, drohend und finster. Er stammt aus dem 17. Jahrhunderr, aus den Tagen des ritterlichen Johannes d. Tr. SobieSki, zu dessen Zeit die Juden die Erlaubnis zum Tynagogenbau nur dann erhielten, wenn sie ein solches festes Haus zur Verteidigung gegen die Einfälle räubcrischer Tartarenhorden bauten. Drei Stufen geht der Eingang in die Erde, denn: aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr! Anders, ganz anders isr die Andacht der Beter in meiner kleinen Stadt, als sie bei uns im Westen ist. Ter Westen hat eben keine so jüdische Vergangenheit, ausgenommen die wenigen Gemeinden am Rhein: aber der Esten hat sie. In einer Synagoge in Lemberg wird ein Gebetbuch aufbewahrt, das ganz mit rotem, nachgedunkeltem Blute bedeckt ist. Bei einer Judenmetzelei, die Jesuiten hervorgeruscn hatten, drang eine Bande auch in diese Synagoge ein, und der Führer der Horde durchbohrte den Vorsänger von rückwärts, das Schwert durchdrang den Mann und spießte das Buch mit auf die Klinge. Das ist nichts Vereinzeltes, llnd angesichts solcher Zeugen läßt sich gut beten. Der Abend ging vorüber, Nacht und Morgen. Stilles Leben in der kleinen Stadt. Mcndclc ist mein Führer, der neunjährige Sohn des Dorfwirtcs. Ich hatte meine Helle Freude an dem kleinen Ingen. Durch seine Talmudkenninis suchte er mir zu imponieren, und er imponiert auch durch seine offenen Augen, die einen Blick haben für alle Schönheitcn der herbstlichen Gegend, und durch den flinken kleinen Mund, der von den heimlichen Wundern der Steppen erzählt. Alles vergeht, auch die Feiertage in einer kleinen Stadt. Tie Zeit des Taschlich kam. Ein Zug bewegte sich durch die Gassen der Kleinstadt. Die Juden zogen zum Bache. Ich ging mit dem Arzte dem Zuge nach. Und das, was nun kam, das werde ich nie vergessen... Als die ersten am Bache standen, das Gesicht der Mündung, dem heiligen Rußland zugewandt, stürzte aus dem Fichtendickicht eine Schar halbwüchsiger russischer Dorfjungen, die Steine in den Händen trugen. Ein Hagel von Feldsteinen fiel auf unserer Seite nieder, dann verschwand die Bande heulend und jubelnd im Wäldchen. Schon glaubten wir, niemand sei verletzt, als auf einmal Mendele mit einem wehen Schrei die Hände in die Luft warf und dann stöhnend niedersank. Der Arzt eilte herbei, aber als wir den Jungen aufrichleten, strömte das Blut wie ein roter Bach aus der tiefen Kopfwunde: ein Stein hatte die Schläfe zertrümmert. Jammernd drängten sich die Leute um den Knaben, ihn an sich pressend, als ob die wilden Liebkosungen ihn toieder ins Leben zurückrufen sollten. Der Jammer des Mannes war unbeschreiblich. Er schrie nicht. Er weinte nicht. Nur einmal stöhnte er auf: mein Kaddisch! Langsam hörte das Blut auf, zu fließen. Mit geschlossenen Augen träumte Mendele sich hinüber. Ta schrie der Vater auf, als er das sah. Aber dann, wie erschrocken vor seiner eigenen Stimme, die weit durch die schweigende Stille der Steppe hallte, beugte er sich aocki einmal über die kleine Leiche und murmelte den frommen Spruch von Gott, dem gerechten Richter. Den Tag werde ich nie vergessen. Das ist nun schon drei Jahre her. Aber seit dem brennt jedes Jahr am Ncujahrstage in der Synagoge ein kleines Jahrzeilslicht, MendeleS Licht. Und es ist die Pflicht jedes Jungen, der in dem Jahre ein Barmizwah wurde, vor MendeleS Licht einen Kaddisch zu sprechen. Und mit heißen sehnsüchtigen Augen sehen dann die .Kinder auf MendeleS Licht. Schwarze, glänzende Kinderaugen. Mir aber fällt alljährlich beim Taschlich Mendele ein, die kleine Stadt und das kleine Licht. llnd glänzende, schwarze Kindcraugen, die mit heißen Blicken in das Licht starre». Das war mein Taschlich in der Steppe. Das neue Judentum in Palästina. Rede Dr. Schemarja Levins. (Schluß.! Ts wird aber noch eine weitere Forderung vom neuen Jischub an uns gestellt, ein großes, aber durchaus begründetes Verlangen, das durch die Tatsachen des Lebens gerechtfertigt ist. Natürlich ist es unser Ideal, daß alle Unteriiekmungen in Palästina, sowohl ökono- Mischer, wie kultureller Art von der Organisation, begründet werden sollen, die auf ihr Banner die Wiedergebürt des jüdischen Volkes geschrieben haben. Wenn es nun bisweilen zu lässig sein mag, in wirtschaftlichen Dingen von diesem Ideal abzugehen, obwohl dann gewöhnlich infolge des Fehlens nationaler Bestrebungen die Zweckmäßigkeit des GeschaWenen stark beeimrächtigl wird, so muß dieses Ideal unter allen Umständen und mit aller Energie da vertreten werden, wo es sich um die Erziehung des in Palästina Heranwachsenden Geschlechts handelt. Die dürfen wir keinesfalls den anderen Organisationen überlassen, eben weil ihnen jenes Banner fehlt. Das muh auch dann absolut gelten, wenn an der Spitze der anderen Organisationen Manner neben, die sich mit den Forderungen des neuen Lebens eiiiverslanden erklären und dem jüdischen Geiste Konzessionen machen. Woher aber!vollen wir denn die Garantie nehmen, daß diese Männer nicht anderen, ihre Stimmungen nicht anderen Stimmungen Platz machen! Daun würden >vir gezwungen sein, von neuem einen inneren Kampf zu beginnen, der ein gut Teil von der Schaffenskraft des jungen Jischub in Anspruch nehmen würde. Und leider fehlt es ja nicht an Anzeichen, daß jene Stimmungen tatsächlich ivandelbar sind. Wir dürfcn nie vergessen, daß zwar der Ostwind, der von Zeit zu Zeit unser Land durchstreift, die Ernte unserer Arbeit manchmal ernstlich bedroht, daß für uns aber der schlimmere Feind jener Wind vom Westen ist, der über das Meer herüberkommt. Er verdirbt uns unsere Menscheu und übt einen schädlichen Einfluß auf unser heramvachsendeö Geschlecht. Wir erkennen es dankbar an, daß andere Organisationen uns mit ihrer kulturellen Tätigkeit im Lande unserer Väter zuvorgekommen sind, aber wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, daß es andere sind, die das tun oder gar uns darüber freuen, daß gerade andere diese unsere Arbeit verrichten! Das Heranwachsende Geschlecht — das ist ja der strahlende Stern unseres neuen Jischub und unsere Sorge muß es sein, daß es im Geiste der nationalen Renaissance erzogen wird. Wir dürfen auch ganz ruhig, auf Grund von beweisbaren Tatsachen, die Behauptung aufstellen, daß alle diejenigen Schulen und Lehranstalten, die von Zionisten geschaffen und geleitet oder durch den Zionismus beeinflußt sind, alle anderen jüdischen Schulen Palästinas an Vollkommenheit und Zweckmäßigkeit weit überragen. Und zwar durchaus nicht nur vom jüdisch-nationalen Standpunkte aus, sondern auch unter dem Gesichts- Winkel allgemein menschlicher Erziehung betrachtet. Im Golus hat unsere ״Toppelgestalt" unsere besten Tugenden nicht zur Geltung kommen lassen und im günstigsren Falle haben wir Menschen großgezogen, die halb Knechte und halb Freie wurden. Da erstand uns die neue Schule in Palästina und zeigte uns, wie man die Janusmaske abwerfen kann. Gerade jetzt hat das hebräische Gymnasium in Jaffa ein Erstlingsfest gefeiert, und zum ersten Male in unserem Leben haben wir junge Abiturienten vor uns gesehen, die nur Juden sind und nichts als das. Diese jungen Menschen

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