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Jüdische Volksstimme · 1913-09-25 · Heft 39 (25.9.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 39 (25.9.1913)
Date
1913-09-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Rr. 39. XIV./II Jahrg. Beilage zur ,Wiener IW. Voltsstimme'. 25. Septemb. I9133eite 9 Der Chassidismus. (Vogelperspektive.) Von Wilhelm Menke», Stanislau. Unter allen Strömungen im Judentum!: hat keine einzige so revolutionierend gewirkt, wie der Chassidismus, der geradezu eine ״Umwertung der Werte" herbeigeführt hat. Er hat seinen Eiusluß mit Macht geld,chter.,chen o"tu.t,o>1 gewonnen wurde״ Jankele, der einzige Jude in der Klasse. Ein einsames Stämmchcn am Wege im Wind, So sch ich das schwächliche jüoische Kind. Gebleicht sein Gesichtchen vom Rauhsrost der Not. Vater und Mutter sind lange schon tot. Tic Schule ein feindlich geschlossener Kreis. Er ist so vereinsamt, verlassen, verwaist. Wie Pseilstich verletzt ihn das höhnische Wort: Du Judcnjunge, du mache dich fort! Er bleibt und erfleht einen einzigen Strahl Vom Licht ihrer Freundschaft fürs Grau seiner Lual. . ^inie hätte abweichen müssen, um gewissermaßen auf Schenkt ihnen sein Herz. Sic lachen bloß, Zertreten cs, spielend und ahnungslos. Ta schleicht er von dannen, verweint und zerquält. Qb Gott wohl die Tränen des Armen auch zählt. W i e n. Marek 2 ch e r l a g. unserer Zeit zur Enttvicklung und Entfaltung ge»! langt ist. Ties wird man auf zwei Gründe zurückfübren müssen׳, erstens wissen wir, daß bei Plato und dessen Anhängern vieles im Keime enthalten isl. ivas!ich später entwickelte und daun, daß auch der EhassidiSmus, der sich meistens der Phantasie hingegebe» hat, krail derselben auf Ideen gekommen in, die aus dem Wege Auf diese Weise iverdeu ivir uns die Aehnlichleit mit Spinoza, Schopenhauer, Nietzsche, Quivald usw. erklären. Zuerst iverdeu wir die ErlenmniSlheorie des Elsasjidismus in Betracht ziehen und dann werden wir zur Eihik, Pshchologie, Arsrhetik gelangen können. Es muß allerdings betont iverdeu. daß gerade die erkenntnistheorelische Seite die Achillesferse des Ehe׳- Abwege zu geraten. Man könnte sich absolut nicht an ßdismus ist. eine Strömung gewöhnen, die die bisherigen angenoin- ^‘״ו m״Ö üe erst herausschälen, vom Wune der menen Werte, Anschauungen, Ideen und Meinungen Phantastereien befreien, was sicher nicht leicht fällt, über Bord geworfen hat, um für dieselben neue einzu- Außerdem mu!; in Betracht gezogen iverdeu. daß lauschen. Wir werden infolgedessen umsomehr die Härte verschiedene schulen!ich kreuzen und einander den tcnd machen wollen und hat obendrein mit dem Rationalismus einen Kamps auszusechten gehabt, einen Kamps, dessen Phasen sich fortwährend geändert haben und wo die Schale bald da-, bald dorthin sich geneigt hat. Durch seine Extase und romantischen Sprünge ist es ihm unmöglich gewesen, sich gehörig einzubürgern, um so mehr, da das Judentum von der geraden 'Die ersten Slichoth. Von Kantor Josef Grob (Wien). des Kampfes und die Vervigenheit beider Parteien im Rang ablaufen, so daß es fall unmöglich ictieinr. ein Judentum!: begreifen, da bereits der Kamps ein Irtiöe;111‘* sesiumrisseuen Konturen versehenes Bild zu ver gesunden hat, die Flinten ins Korn gcivorsen ivlirden und der Rauch endlich zerstoben und verflogen iß. Was wir hier schreiben werden,!vird also von der Vogelschau betrachtet werden und kein Interesse, Nicht überall zeichnet sich der jüdisch^ Monat Elul ™*״J™ i״ durch schönes Wetter aus. In unserem L-tädtchcn we nigstcns, gab es in diesem Monat sehr selten schöne Tage. In der' Nacht, in welcher unsere Gemeinde sich an schickte, die ersten Slichoth zu sagen, pflegte es noch immer zu regnen, Alls ivie wenn der Himmel unseres Städtchens eigens dazu da lvärc, das Tränenprüludium zum großen Träncndrama, welches in dem Beth-Hamidrasch, unseres Städtchens in der ersten Slichothnacht sich abzuspielen pflegte, zu intonieren. verunglimpfen, wird vorhanden sein. Wir werden vielmehr bestrebt sein, sein Werden und Entstehen zu verfolgen, ihn von allen Seiten zu erklären und seinen Werdegang zu schildern. In erster Reihe müssen wir bemerken, daß man den EhassidiSmus absolut nicht ins Prokrustesbett der Definitionen spannen kann, denn man würde sofort auf Abwege geraten. Er ist weder romantisch allein, noch enthält er nur Extase, noch ist er ausgesprochen pessi- Die Uhr aus dein einstöckigen Rathaus verkündet misrisch. noch optimistisch. Er wird vielmehr allen einmit dumpfem Schall die Mitternachtsrunde und aus dem nassen, vom Herbstregcn weichen Marktflecken des Städtchens zeigen sich immer mehr Lichtstrahlen, die aus den ausschließlich von Juden bewohnten, niederen Häusern stammen. Ter Gemeindcdiener, im langen, zerseitigen Definitionen entgehen und nach alle» Seilen erklärt werden müssen. Wir er doch dank der Tradition, deren Kelten er doch nicht ganz weggeschleudert hat und baut anderseits seinem RevolutionierungSbestreben sich in keine schlissenen Kaftan, watet bis zu den mit Röhrenstieseln feste Formel pressen lassen, vielmehr eine einzige Seite beschuhten Fußknieen in den frisch aufgcgangenen Leim s zum Vorschein bringen, wenn wir ihn entweder nur und mit einer matten Laterne in der Linken und einem |ז011ט Standpunkte der Vernunft oder nur dem des Gehölzernen Hammer in der Rechten schreitet er von einem fühls betrachten werden. .Haustor zum andern. Ein dumpfer Schlag am Haustor und eine tieftraurige Baßstimme ermahnt die Kinder Israels in das Gotteshaus zu den ersten Slichoth zu wandern. Von Sekunde zu Sekunde niehrcn sich die matten Lichtstrahlen aus den jüdischen Wohnobjekten und erhellen den ausgeweichtcn Boden mit einem gelbschwarzen Glanz. Bald sieht man dunkle Gestalten aus allen Gassen und Gäßchen in der Richtung zum hellerleuchteten Beth-Hamidrasch sich bewegen: Männer, Frauen und Kinder, alles strömt dem Gotteshaus«: zu, die ersten Slichothgebeie zu verrichten. Im Innern des Gotteshauses ist kein Plätzchen leer. Tie Männerabtcilung sowohl wie auch die Weiberschul ist ganz besetzt und jeder zieht seine alte, vergilbte Tlicho hervor. Reb Schlaumc, ein alter ehrwürdiger Greis, der Baal- Tsiloh unserer Gemeinde, im großen Tallis cingehüllt, sängt mit einer tiesiraurigcn Stimme das Aschre an und ein inniges Schluchzen ist in den alten Räumen des Bcthauses zu vernehmen. Hancschomoh loch, ivebaguf schcloch, stöhnt Reb Schlaumc und mit ihm die ganze andächtige Gemeinde. Immer lauter, immer stärker ist das Schluchzen der betenden Gemeinde vrenchmbar. Von Tränen sind die Slichosblätter naß, auch die Fensier unseres Beth-Hamidrasch vergießen Tränen. Reb Schlaumc beginnt mit einem hilferufendcn Ton das Schema Kaulcnu und ein herzzerreißender Jammer erschüttert die heilige Llift im alten Beth-Hamidrasch.. Tic ersten Slichoth sind schon lange zu Ende, ein mattes Licht des heranbrcchenden Elultagcs drängt sich durch die verstaubten Fensterscheiben unseres Beih-Hamidrasch. Pom grauen Himmel aber tropft noch immer ein kalter herbstlicher Regen. Nicht imstande ist der kleine Himmelflecken unseres Städtchens, die vielen jüdischen Tränen zu ertragen. Tränen der ersten Slichoth. Es ist gut, daß der Vorbeicr während des Vorbctcns gezwungen ist, der andächtigen Gemeinde den Rücken zu kehren. Wäre ich gczioungen, bei der Funktion der ersten Slichoth nur einmal mich umzuwendcn, um meine große andächtige Gemeinde zu überblicken, die leeren Holzbänke hätten mich noch trauriger gestimmt utid viel mehr Tränen müßte ich — beim Anblick dieses ״zahlreichen" Besuches von Andächtigen — vergießen, als unser alter Reb Schlaumc bei den ersten Slichoth. Wien, im Elul 1913. Wenn wir den EhassidiSmus kurz definieren!vollten, so müßten wir ihn die Projektion der Kabbalah nennen. avreichen. Wir würden iorkivlihrend auf Widersprüche iloßeu. Dock um denselben zu enrgeben, iverdeu ivir uns geiiöligl sehen, den .Kreuzungspunkten nachzuspüren, uni nur die Aehnlichkeit in Betracht zit zieben. Ta sind ivir lvieder auf dem Boden der .Kabbala. Eine vom ״Sohar" herübergenommene ׳Anschauung ist der sogenannte > Selbsibeschränkung׳, wo wir das Gebiet der Gnostiker betrete». Zuerst habe sich nach dieser Lebre Gott -das!111־ endliche Licht, überall gesunde», daun als die Welte» erschaffe!!' iverdeu solltön. habe sich der Eivige in sein eigenes Wesen zurückgezogen, so daß d>e Welle» Raum hätten. Von diesem ״raklle der Eivige Welte» aus und je vollkommener ein Wesen, deito »über sei es der Gottheit. Ten» die Gnostiker habe» in erster Reibe die sögenannte Emanatioiislehre aufgestellt, tvouach der Eivige als die höchste Idee und Potenz unmöglich der unmittelbare Schöpfer der niedere», materiellen 'Welt sein konnte. Aber auch die Neuplaioniker flüchteten sich zu einer Finte, indem sie Gott als unmiltelbareu Schöpfer der Ideen, dieselben dann die Schöpserinnen der immateriellen Welten, dann den Logos als de» Sckiöpier der materielle» Welte» gelten ließe». ׳Auf diese Weise isr der .Kontakt zwischen der 'aut־ heil und unserer Welt durckibrockien und ein Vorurteil gegen die Materie in da»» das Eigentum des Ebaiii- Ten» auch der Chassidismus!und das ist bn» 1 geworden, de! einzig und allein aus idealer Merkwürdige im Judentum) ist wie eine andere Strömung von Büchern beeinflußt worden »ud besonders!1 oa» ן ' wenn nicht gar spi!״.i»alnnscher Basis berulu. war ihni die Kabbala, die sich im Lause der Jahrbunderte im jüdischen Volke ausgehäust und ausgcstapelt Tie Emanation ii! dabec eine ׳Ausi'.rabliing der Gottheit, wo die Ideen sich iveiler in die Materie abzweigen, daß die materielle Welt nicht in »»»,!!ielbare hat, ein Wegweiser, der ihm Bahn zu brechen behils- '״-P-L^unig mii (von gelebt weide. lich war. Das Judentum begann sich allmählich der Tradition zu cutledigen und die Kabbala, die in erster Reihe mystische Elemente enthält, lvar imstande so manches im Judentum zu verlebendigen, aufquellen zu machen und funkelnagelneue Werte zu präge». Ta haben sich neupylhagoräischc und neuplatonische Ectemente angesammelt und wie sie andere Völkcr und Kulturen beeinflußten, so waren sie auch imstände, das Judentum mit idealen Anschauungen zu erfüllen, ivenn cs auch anderseits die Phantasie zu sehr erregt und ein Chaos verursacht hat. Ter Ncuplatonismus hat treu dem großen Plato die Herrschaft der Idee, der Seele proklamiert und mit anderen Elementen verbrämt, während der Neupnthagorismus die Zahl als das Blaß aller Tinge hingestellt hat und ein jedes Ting nur insoserne gelten lassen wollte, als cs ein Korrelat der Zahl war und von ihr abhängig sein Dasein fristen konnte. Außerdem habe» beide Strömungen, die durch andere philosophische und naturwissenschaftliche Systeme und Doktrinen beeinflußt ivordcn sind, zwar Seitenspränge gemacht und so manches ausgenommen, waS dein Plato und Pythagoras lvidersprach, doch kann nicht geleugnet iverdeu, daß sie ihre Meister auch sehr oft konsequent weitcrzusührcn bestrebt gewesen sind. Was sic in dieselben Fremdes hineingclegt haben, ist einzig und allein auf ihren Bildner- und Kuniilrieb zurückzuführen, der sie veranlaßt hat, die Fühler lveitcr auszusrrccken und ihnen die Möglichkeit bot, ein ihnen kongeniales, wenn auch durch ihre subjektive Brille gesehenes Bild zu entwerfen. Infolgedessen werden wir uns nicht wundern, iveun außer diesen zwei Systemen nicht nur andere hinzugekommen sind, sondern daß sie, wie auch der ChassidiSmus gar manches vorausgesehen habe», ivas erst in a sehen wir eine Ablenkung vo» der Welt, ein Beeiuilußiiverden durch die christliche», persisch dnalisiische» Sviieme,!vo die Welt als envas niedriges a»sgefaßt wird. In eriier bleibe mitssen ivir wissen, das; Zen »»d Raum im Ebaisidisinus als Anschauungswrme» betrachtet werde», obwohl sie »och lauge »icbt diese Prägung erhalle» habe», ivie dies bei Kant und andere» Erkeniitnisiheoretikern der Fall war. Tie Schwärmerei, der eriatiiche Z,»i!o»d bar »»- bedingt daraus sichre» »lüsse». daß Ran»! und Zeit nicht etwas Absolutes, sondern bald Seiendes, bald verschwindendes sind, da sie nur u» Mensche», der i»t wache» Zustande sich beiinde:, sich einiiellt. Alles alw, ivas i» Raum »11b;(eit sich abiv!elt und oo» denselben abbängig isl.!vird binsällig sei», da gegen die wabre Snbiianz, die Gottbeit z. B. als außer halb vo» .׳',eit und R»»m gedacht, als ewig danernd betrachtet iverden. ״Ter Einige!vird Ruhe genainil. den» ihm iommt keine Beivegung zu, denn eine Beiuegnug kan» nur da- Mals siatlsinde». wen» etwas i» der Zen und im Raume sich absp!e!t,!vährend Gott »»endlich ist und iveder von der Zeit, »och vom :ikanmc abhängig ist." iTold Beer ans Meserirnh. ׳ ״Wer hinter das Wesen der Tinge gekommen ist. dein werden alle malerielle» Tinge heilig." i Einer der Schüler Beschts. ״Tas Geistige ist die Form, die Quelle und der Ursprung aller Tinge." איין- •-g Hier glauben ivir de» Hegel zu vernehme», so sehr sieht diese Anschauung der Hegelsche» ähnlich. Aber auch eine Anlehnung an Berkeley und C» wald bemerken mir im folgende» Aussprache: ״Es üi eiu Axiom, daß jedes Tiug. das einem Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer Volkskalender"׳

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