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Jüdische Volksstimme · 1913-09-18 · Heft 38 (18.9.1913) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 38 (18.9.1913)
Date
1913-09-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״Jüdische Volksstimme." Ätr. 38. ihnen den Besitz sittlicher Reichtümer sichern, um den die ÄnAehöriqen jeder- Volkes sie beneiden diirsen. Ter Weq, den Tie nach Ihrem Programm ein schlagen, führt unfehlbar zum Zionismus. Äber noch früher führt er zur Selbstachtung und zur inneren Ausrichtung, die Lebensmut und Lebensfreude gibt." Nach einer Begrüßungsansprache des Hrn. Ing. Rudolf Doppel, der als Vertreter des Zioniftischen Zentralkomitees erschienen war und die Verdienste der Wiener zionistischen Vereinsgung hervorhob, folgten die Referate: 1. Ziel, Zweck und Organisation des öfterreichischen Bundes ״Blau-Weiß" für jüdisches Jngendwandern. Referent: MUC. Otto Gersunt, Obmann der ,Führerschaft des jüdischen Wanderbundes ״Blau-Weiß", Wien. '2. Tie Bedeutung der Turnbewegung für die Erziehung unserer Jugend. Referent: Dr. Henry Unna, Redakteur der Jüdischen Monatshefte für Turnen und Tport, Berlin. 3. Wie organisiert man Kurse aus jüdischer (beschichte und hebräischer Tprache. Referent: Med. Isidor blader (W. Z. V.). 4. Tie Jüdischen Monatshefte für Turnen und Tport als Organ der organisierten jüdischnationalen Jugend Westüsterrcichs. Referent: JUC. Heinrich Glanz, Vizepräsident der Wiener zionistischen Vereinigung. Rach mehrstündiger Debatte wurden folgende Beschlüsse gefaßt: Ad 1. Ter am '2. September 1913 in Wien zusammengetretene westöstcrrcichische Jugcndtag erteilt sämtlichen auf ihn vertretenen Organisationcn den strikten Auftrag, unverzüglich an die Gründung von Wanderbnndgrrrppcn in ihren Ttädten zu schreiten (einstimmig angenommen). Ad 2. der wesrösterrcichische Jugcndtag beschließt die Abhaltung von Kursen aus jüdischer Geschichte und hebräischer Sprache. Referent: angenommen-. Er erkennt die Wiener zionistische Vereinigung als kompetente Stelle zur Errichtung der Kurse an. (Mit 2ö Stimmen gegen 13.) Ad. 3. Ter westösterrcichische Jugcndtag erklärt die Jüdischen Monatshefte für Turnen und Sport als offizielles Organ der jüdischnationalen Jugendorganisationen Westöstcrreichs und verpflichtet deshalb die Mitglieder der angcschlosscneu Organisation zum Abonnement der Monatshefte «einstimmig angenommen». Von den Vertrctern der Jugendorganisationen wurde die Mindesianzahl von ISO Abonnements garnntim. | Ter weslöflererichische Jugendtag dankt dem j Präsidium für seine verdienstvolle Arbeit und : spricht ihm das volle Vertrauen aus (einstimmig! angenommen». Mil Absingung der ״Hatikwah" fand der glänzend verlaufene Jugendtag einen erhebungsvollen Abschluß, der durch seine Beschlüsse berufen zu sein scheint, eine neue Epoche in der jüdischnationalen Jugendbewegung Wcstösterreich-:׳ cintreten zu lassen. Durch Anerkennung der Kompetenz der Wiener zionistischen Vereinigung isi ibr die Möglichkeit gegeben, das von ihr geübte planvolle System der Jugenderzichung durch Knrse und Wanderbündc auch in der Provinz zum Durchbruch zu verhelfen. Tchüler in den meisten Fällen das geistig tüchtigere Element bedeutete, verfielen die Machthaber neuerdings aus folgende Bosheit: die zuzulassenden 4 Prozent bestimmt der Würfelbecher. Juden!verden zur juristischen Fakultät zugclassen; ein Erlaß aus den letzten Wochen macht jüdischen Juristen jedoch die Ausübung ihres Fachbrufcs unmöglich. Da diese Infamie rückwirkende Kraft hat, haben Tausende dem Studium umsonst Jugcnd und Vermögen geopfert. Es gibt freilich für sic wie für alle russischen Juden einen Auslveg: die Taufe macht gleichberechtigt. Daß aber, trotz allen Hetzereien, doch nur ein winziger Bruchteil der Juden diese Komödie miünacht, daß die Mehrheit der jüdischen Jugcnd scsi bleibt, das darf als ein wundervolles Beispiel von heldenhaftem Idealismus gepriesen werden. Denn die Taufe bedeutet für die Jude» Rußlands mehr als für deutsche Taufjuden: Frcikommen aus unwürdigcr Sklaverei. Sie bleiben dennoch fest, die russischen Juden. Auch dort, Ivo die neue Generation sich von den orthodorcn Ideen der Väter völlig frei gemacht hat, weist sie das schamlose Ansinnen einer Regierung zurück, die aus tierischer Brutalität und erbärmlicher Feigheit ein ganzcs Volk entrechtet. Ihr aber, deutsche Juden, reiche, machtvolle, königstreuc, freisinnige deutsche Juden, die Ihr aus jedem Traub einen Helden macht, wo seid Ihr? Wo seid Ihr im Augenblick, da Eure russischen Glaubensgcnossen ihrer Glaubcnstrcue wegen stündlich beleidigt und verfolgt werden? Weshalb schweigt Ihr wie feige Hunde? Weshalb duldet Ihr, daß Eure Presse stündlich aus der Lauer liegt, um Märtyrer der evangelischen Kirche zu züchten, während sic die heldenhaften jüdischeu Kämpfer gemein im Stich läßt? Die Zustände, die ich kurz skizzierte, sind der deutschen Presse kein Geheimnis. Doch der Zar ist fern und Mostes Papierkörbe sind groß. Tie deutschen Herrschaften haben Wichtigercs zu tun. Man kämpft um das preußische Wahlrecht, um jüdische Sffizicrspatcnte, man kämpft gegen die ״Unduldsamkeit" der christlichen Kirche, man wird für die Menschenwürde der Marsbewohner lcitartikeln. Für die leidenden russischen Juden, für deren Menschenwürde wird man erst wieder cintreten, wenn ein aktuelles Jntcreste, ein Pogrom Anlaß gibt. Dabei sollte die deutsche Judcnschaft sich schon aus persönlichen Gründen gegen den Zarismus wenden: auch deutsche Juden haben in Rußland jede Entwürdigung zu ertragen: sie haben, als Gäste, kein freies Wohnrecht, sic werden wie Aussätzige behandelt. Würde Rußland deutschen Katholiken so frech begegnen, die ZcntrumSvertretcr hätten die deutsche Negierung längst zum Einschreiten gezwungen. Unsere jüdischen Volks- Vertreter rühren sich nicht. Besäßen sie einen Funken vom jüdischen Stolz ihrer rustischcn Glaubcnsgcnosten, sic würden sich zur Tat ausraffcn, unsere Juden. Sic, die hier mit Konservativen und Rationallibcralcn pakticren, sic, die in ihrer Presse und in ihrem Gclde eine Macht besitzen, die den Zarismus bezwingen kann, - sie scbweigcn. Deutsche Juden bringen das fertig. Franz Pfemscrt. »» Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. Sternhof er Bitterwasser“ Mild, doch zuverläßlich. Sternhof, Post Sokolnitz bei Brünn. Verglommen. [®[0'1^ין0]ן©)ן@!@)01]ן©1ןסןן@]ן^ן^ן@ו01זן©ז® Deutsche Juden! Wir enlncbme» folgende Ausführungen der Zeitschrist ״Tie Aliion": To schließ ich denn die Augen Und träume still: Glicht alles, was ich will. Wird tommcn. Der Tag ist blau Im Abcndtau Verglommen... Und alle Sehnsucht lvird Zum Lichtlein, das da irrt In dunkeln Rächten — Rur meine Seele rubr. Zur Linken und zur Rechten Zwei Engel, bös und gut, Wic's Mutter einst erzählte. — — Viel liebe Schatten kommen.... Und alles, was mich quälte Ist still im Abcndtau verglommen. Marek S ch c r l a g. In Rußland wohnen etwa U Millionen Juden.! Das unsiltlichiie Stück Erd . der Pogromsiaal, gib! die-! seu Staatsangehörigen lein freies Wohnrecht. Eingc- ן pfercht in den Ansiedlungsravon wie in Käsigen, ist j den Juden jede Erisicnzverbesterung unmöglich gemacht; sie haben leinen Zutritt zu den Börsen; sic dürfen sich nicht an Haudelsgesellschaslen beteiligen; sic ivcrden in ihrer geistigen Entwicklung gewaltsam gehemmt. Rur Prozent der Schüler a» Gymnasien dürfen Juden sein, die Uinversitätcn haben diese Norm sogar aus durchschnittlich -> Prozent festgesetzt. Bisher war es üblich, das; Abiturienten mit besonders guten Zeugnissen ein Vorrecht Hanen. Da sich zeigte, daß der jüdische Literatur Jüdische Weihestundcn. Eine Sammlung ausgeivähktcr Aufsätze von Leon Kellner, mit einem Vorworte von Hermann Mcicrsohn. Hcrausgcgcben vom Jüdischnationalen akademischen Verein .,Emunah", Czcrnotvitz. Zu beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunst- Verlag, Brünn. Mit dieser Sammlung wurde die zionistische Litcralur um eine wertvolle Broschüre bereichert. Haben sich schon die Herausgeber durch die Publikation der ״Heimkehr, Estays jüdischer Denker" ein: großes Verdienst für die wissenschaftliche Propaganda! der zionistischcn Idee erworben, so gewährt uns die vorliegende Sammlung einen tiefen Einblick in die feinsten Verchtcluugcu der jüdischen Weihcstunden. Smoohl für den Ostals auch für den Westjuden hat dieses Büchlein einen besonderen Reiz. Ersterer sieht darin eine Verherrlichung seiner Anschauungen, seiner religiösen Gebräuche, feiner Tradition, seines Volkstums — er liest die Broschüre und ergötzt sich an der prophetischen Sprache, die aus jedem Aufsatze deutlich vernehmbar ist. Letzterer lvird von den gelungenen Stimmungsbildern überrascht; er, der Moderne macht Reverenz vor dem S sijudeutum, er beugt das Haupt vor den ״verknöchertcn" Brüdern, die zu gewissen Zeiten so erbaulich gestimmt sind, die manchmal ihre Tiergestalt, wie Heine sagt, ablegcn und Prinzen werden. Aber auch der Nicht!- jude gewinnt Einblick in die jüdische Volkspsychologie und Ethik. Jeder Aufsatz klingt in eine prophetische Zutunstsmusik aus, jeder entspricht ganz dem Denken und Fühlen des Volkes. Hier wird auf die Schwächen, auf die Schattenseiten des modernen Judentums hingcwiesen. dort auf die Vorzüge, auf die Kraft der Bergangcnheit, die uns zusammenhält. Bald rügt der Versastcr gleich dem großen Propheten des alten Bundes die Indolenz der Juden, bald erhebt sich fein Schmerz zu einer gewaltigen Klage, bald zu einer Anklage, bald wird sein Antlitz milde wie das Sonnenlicht und seine Stiiitinc verklingt in eine schöne Prophezeiung. Endlich gelangen wir nach einer kurzen angenehmen Reise durch das schöne Büchlein in das Reich des Sarkasmus — zu den Aphorismen. In zehn Sentenzen lvird das ganze Judentum von einst und jetzt mit beißendem Spott charakterisiert, wobei das ״einst" verhimmelt, ״jetzt" verdammt wird. Die zehnte Sentenz verheißt — wie alle Aufsätze — zum Schlüsse Trost. Das Büchlein beschließt ein Psalm. Welch herrliche Sprache! Wie mächtig der Ausdruck! Wie herzergreifend die Weise! (Komponiert von Ignaz Brüll.) — Ein Hauch weht durch die Lande und weckt die schlummernden Kräfte, er weckt Graß und Klein, Jung und alt und mahnt zur Rückkehr, er mahnt, ״die öde Wüstenei (Palästina» zum Paradiese zu machen." Wer dieses Büchlein in Muße liest, der wird erbaulich gestimmt, der hört, wenn ich mit Heine sprechen soll, das Rauschen eines Adlers über seinem Haupte, der schwebt in höheren Regionen. Max Reifer. Ghetto-Tragedies, by Israel Zangwill, Bernhard Tauchnitz, Leipzig. Zu beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunst- Verlag, Brünn. In der £riginalsprache ein schon allgemein be- . kcnntes Buch. Allgemein bekannt schon ihres Verfassers wegen. Zanwill, der Begründer der Jto-Bcwegung, der geistreiche Erzähler, der gewandte Zeichner jüdischer Verhältnisse, vereinigt hier sein ganzes Können mit dem dankbarsten Stoffe. Die Verhältnisse in den Bezirkcn der nach England cingewandcrten russischen und polnischen Juden entrollen sich mit ihrer pietätvollen Frömmigkeit und ihren veralteten Gelvohnheiten vor uns. Die llnbehölfcnhcit der englisch-jüdischen Auf-, kömmlinge, die Konflikte, die sich bei ihnen zwischen: Religion und gesellschaftlichen Erfordernissen ergeben״ finden ihre kritische Beleuchtung. Dabei mangelt es nicht an tragischen künstlerischen Verwicklungen. Mit leb-, haften Farben schildert er die Vorgänge bei der lieberfahrt ins ״gelobte Land, Amerika". Wie hoffnungsvoll ziehen die strebsamen Jünglinge in das Land, wo ״Milch und Hoffnung" fließt, wie enttäuscht sind sie gleich beim Empfang? Nur wenigen gelingt es mit eisernem Fleiß sich eine Stellung zu erwerben und dann — dann vergessen sie an ihre Heimat, an . ihre Brüder. Judcnleidcn, Judcnfrcuden! Jüdisches Gemeindejahrbuch 5674. Herausgcgcbcn von der zionistischen Vereinigung für Deutschland. Berlin W. kö. Rur wenige Jahrbücher werden ihrem Charakter, im jüdischen Heim sich unentbehrlich zu machen, so gerecht, wie das uns vorliegende. Eingelcitct wird das Buch durch einen bedeutsamen Artikel von Dr. Witkoivsly, Berlin ״Ein Gcmciiidcprogramm", dessen Fordcrung darin gipfelt, die jüdische Gemeinde möge nicht nur eine Verwaltungsmaschine sein, sondern sich die Erhaltung und Förderung des Judentums zum Ziel setzen. Seine Ausführungen über die Wichtigkeit der hebräischen Sprache und Geschichte, sein Verlangen nach Schnfsung jüdischer Volksschulen, nach der Autorität des Rabbiners in religiösen Fragen und materieller Sichet stellung des Lehrers unterschreiben wir vollkommen. Ganz unverständlich ist cs uns, daß einzelne liberalc Judcngcmcindcn Deutschlands soweit sinken kanntcn, daß sie den — glücklicherweise mißglückten — Versuch unternommen haben, den ausländischen Juden das Wahlrecht in der Kultusgemcindc zu rauben; ein Arrikcl von Rechtsanwalt Dr. Viktor-Wandsbek weist das llngesctzliche eines solchen Strebens nach. Aus dem Tretet der Jüdischen Verlagsgesellschast bei.

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