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Jüdische Volksstimme · 1913-09-18 · Heft 38 (18.9.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 38 (18.9.1913)
Date
1913-09-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 38. XIV./1I Jahrg. Bellage zur,Wiener Jüv. Volksstimme'. 18. Septemb. 1913 Seite 9 Moderne Antisemiten in Deutschland. Von Elsa T a u s s i g, Dresden. Vor mehr als einem Jahre erschien in Deutschland ein Flugblatt. Es stammte aus Leipzig, war an die Arbeiter gerichtet und diente dem Zwecke, die deutschen Arbeiter aufzuwiegeln gegen die ״Hebräer", gegen das ״hergelaufene Zigeunervolk aus dem Orient". Es ist nicht meine Absicht, die unwahren Angaben jenes Flugblattes heute zu widerlegen, zumal diese Arbeit bereits damals der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens übernommen hatte. Es wäre auch überflüssige Mühe, im Rahmen dieses Blattes eine Abwehr zu veröffentlichen, eines Blattes, das nur von Juden gelesen wird, die auch ohnehin wissen, was an jenen haßerfüllten Bchauptungen wahr ist. Jenes Flugblatt hatte aber insofern Wert des Lebens selbst zu bilden, der Aberglauben ist verschwunden oder doch sehr zurückgewichen, die Berührung mit den Juden ist intensiver — und infolgedessen wächst die Gleichgültigkeit gegen die antisemitischen Lehren. Da muß eine neue Lehre die alte ersetzen. Es wurde die Lehre vom Rassenkampf, von Rassezucht gebracht, lind, so merkwürdig es auch klingen mag. diese Lehre, solange sie unsere Staatsbürgerrechte nicht berührt, würde sich der Sympathie der meisten Juden erfreuen. Tenn, welche Lehre wäre wohl!»ehr geeignet, das Judcntum zu stärken und zu vermehren als diese? Hier also würde man das Wunder er den Andersgläubigen eben nicht für gleichwertig. Meist ist solchen Leuten schon in der .\linbbeit der Haß gegen die Juden beigebracht worden und sie haben es später nicht der Mühe wert gehalten, sich von diesem Vorurteil zu befreien, zumal oft dann noch persönliche, niedrige Gründe es ihnen leichter machen, ihr Vorurteil bei׳,»- behalten. Zu der dritten und. wie ich hoffe, zahlreichsten Gruppe zähle ich die Mitläufer der Antisemiten. jene, die die Juden hassen, weil sie sie eben gar nicht näher kennen. Diese Leute sind wahrheitsliebend und rechtschaffen, sie haben den Mut, ehrlich einzugestehen. daß ihre Ansicht leben, daß Juden und Antisemiten eins sind in nicht richtig war. sobald sie sich hiervon überfür nlich, als es mich dazu anregte, über die modernen Antisemiten nachzudenken. Obwohl mich während des Lesens jenes der Forderung der Rassenreinheit! Aber die Forderung der Rassenzucht, zu der sich, meiner Meinung nach, die deutschen Antisemiten wohl zu spät bekennen, ist eben nur ein Deckmantel für die antisemitischen Wühlereien. Das deutsche Volk ist doch wohl reichlich mit slavischem und auch gallischem Blute vermischt. nicht zu seinem Schaden, wie ich glaube, lind so gut diese Rasse sich deutsch nennt, weil sie in Deutschland wohnt, so gut haben zeugt haben. Ich selbst habe es oft und oft erlebt, wie Menschen, die früher hartnäckige Antisenliten waren, die alle Unwahrheiten, die gegen uns verbreitet wurden, ehrlich glaubten, sich von diesen Irrlehren frei machten, lvenn sie die Juden näher kannten. Es wird wohl manchem, der diese Zeilen liest, gewiß oft begegnet sein, daß Menschen, die ihm anfangs mißtrauisch und herablassend entgegengetreten sind, ihm bei näwohnt, so gut haben auch, herein Bekanntsein gestanden: ״Ich wußte nicht, Blattes ein tiefer Ekel vor seinen Verfassern. den Juden, die seit Jahrhmiderten in daß man mit einem Juden so freundschaftlich erfüllte und der brennende Wunsch in mir 1'r־j Deutschland leben, die deutsche Sprache ihre verkehren, daß man einen Inden ebenso achten wachte, ihnen, die die ungeheuerlichsten Unwahr-, Muttersprache. das deutsche Land ihre Heimat kann, wie andere Menschen." heiten über uns zu verbreiten suchen, ins Genennen, das Recht, sich als Deutsche zu betrach- Darum sei das Bestreben eines jeden Jusicht zu schlagen, legte sich doch bald mein wilder ten und nicht als ״hergelaufenes Zigeunervolk den. nach Kräften dazu beizutragen, daß die nn- Zorn und ich lächelte stolz: ״Wie hoch muß doch aus dem Orient". Diese Behauptung ist übri-' wahren Verleumdungen gegen uns zerstört werder Jude stehen," dachte ich, ״daß es solch krasser gens von Anhängern der christlichen Lehre ebenden. Durch lauteren Lebenswandel, durch Rein- Unwahrheiten bedarf, um ihn in den Äugen ur-.so taktwie geschmacklos, zumal das ״Zigeuner-'heil der Gesinnung, durch strenge Zucht und vor teilsloser Menschen herab.zusetzen." Volk" danials, als es noch im Orient lebte, ein allem durch treues Festhalten am Judentum Wie aber ist es in unserem vielgepriesenen! Kulturvolk war, während zugleicher Zeit die wollen wir gegen die Antisemiten kämpfen. Zeitalter des Fortschritts möglich, daß denkende Deutschen nicht viel weiter waren in ihrer Knl- D a s sind u n s e r e W affe n. Sie waren Menschen solche Märchen verbreiten und glauben tur als die wilden Völker, die heute die deutschen es. die uns durch Jahrhunderte der -Knechtungen können? Oder sollten alle Antisemiten Lügner Kolonien in Afrika bewohnen. und Verfolgungen vor dem Untergang bewahrsein, um neue Gesinnungsgenossen zu erhaschen? Es ist also auch mit der Forderung der ten und sie sollen uns ferner beisteheu, allen Wie steht es denn aber dann mit den übrigen Rassezucht den Antisemiten nicht ernst, diese Anfeindungen zu widerstehen, für die!vir nichts Parteien, von denen eine jede behauptet, nur Forderung sott vielmehr ihre durchsichtigen Geanderes übrig haben können, als ein stolzes die Interessen des Vaterlandes und des Volkes hässigkeiten gegen die Inden verdecken, denn es Lächeln. zu vertreten? Arbeiten auch jene mit unlauteren ist und bleibt ein blinder Haß, der die alten wie . -- Mitteln? Ist Recht und Wahrheit, ist wahre die neuen Autisemitenlehreu diktiert. Vaterlandsliebe, wahre Liebe zu seinem Räch- Ich habe mich daher bemüht, mir ein mögsten nicht der Grundsatz aller Parteien, die, nach lichst unparteiisches Urteil über uns zu bilden, ihren Behauptungen, die Interessen des Reiches nicht vom jüdischen, sondern vom allgemeinen auf ehrliche Weise zu fördern suchen? Nein, menschlichen Standpunkt ans uns zu betrachten.. . mögen sie alle gegeneinander kämpfen, um ihre Aber ich fand nicht einen Grund, der allen jenen ennigung cand. arch. Ern׳r ,v r e n d. erotniete •' ־ ־ •*••׳• ׳ ׳• ׳ ׳ ־ ׳׳ ־* ׳׳' ׳..׳ •■׳ die Tagung und konstatierte die Anwesenheit z i o n i 1 '׳ i i ck! e r I n g e n d g r n p p e n -dierain brachte Bericht des westösterreichischen Jugendtages. Der Präsident der Wiener zionistischen Ver Ansichten durchzusetzen, keine von ihnen wird Haß rechtfertigt, wie ja schließlich jeder Nicht mit solch schmählichen Mitteln arbeiten, wie die st!de von anständiger Gesinnung zu demselben von l:i Delegierten zwuinnäier J> Antisemiten. Ergebnis kommen muß. Ich mag mich noch io -׳' -täoien Weilmietreich-.׳. H In früheren Zeiten war es leicht, das Volk abquälen, die Daseinsberechtigung der antise- ׳olgendes Begrn!׳.nngsichre!be r. uH־ Nordans zur Verlcning: .Freudigen Herzens begrüße irrezuführen. Wenn irgendwo etwas Schlimmes mitischen Hetzereien zu verstehen, den törichten geschah, dann waren eben die Inden schuld. Es Haß. die ׳Niedrigkeit der Antiseiniten zu begrei. gab gegen die Inden nur Ankläger und Richter, fen, ich komme nur immer wieder zu folgendem ouerreichnchei! >׳ngendlag. denen selten daß ein Weiser die Stimme zu ihrer Verteidigung erhob. Tie Menge, unwissend und abergläubisch, war leicht für den Antisemitismus zu gewinnen. Unter dem Deckmantel der Religiosität kämpfte man damals gegen uns. ״Die Inden haben Jesus verraten und gekreuzigt." Das war das A und Z des Judenhasses.?Ran verweigerte den Inden das Recht, sich in der Land-!aber an Zahl nicht stark genug sind, suche» iie vom ^ndeiunm ans ch den Wen Urogramm Ergebni--׳ j alles i» sich begreift, was geeignet!11, jüdische Die Antisemiten sind in drei Gruppen zu. ׳nigend zu jungen enden zu erziehen, teilen־! Zwei Ursachen eigentlich zwei Anbltcke Erstens in solche, die ans blindem Haß, derselben Ursache sind es. die unsere ,׳ng.nd ans persönlichen, kleinlichen Gründen, etwa ans dein ^udenlnm entfremden: :lue tiefe Unbe . יי ־־ ־ י ־.'• .. Vergangenheit ihres Voiles iie alle ihre W!'׳eni!ba׳t antisemitischen ü-nellen kanntiieii mir der Neid. Mißgunst, Rachsucht uiw. ein Interesse daran haben, die Inden zu bekämpfen. Da sie und der Umnand. da!׳. Wirtschaft zu betätigen, das Hirtenvolk durfte nicht Land erwerben, nicht außerhalb des - Ghettos ein Handwerk ausüben. So waren die Inden ans den Handel beschränkt und brachten es, obwohl sie ursprünglich kein Handelsvolkwaren, dank ihrem regen Fleiß, ihrer Enthaltsamkeit und ihrem Scharfsinn ans diesem Gebiete zu schönen Erfolgen. Gleich aber waren auch die Antiseiniten da: ״Haudeljudeu", Schacherjnde", die nichts als schachern können, wnrden wir. Und man Halle für das ganze Volk kektüre. Umgang nnd Uni-.r , t'id׳ ielbi! nnd ilu durch Lügen Gesinnungsgenossen zn gewinnen, schöpf! nnd durch Sie sind die wahren Antisemiten, die den Inden, baltnng dazu erzogen!vir nicht seines Glaubens wegen «wie ne heute selbst Volt mit antiienutnchen?lugen a'.'.znul-e». c .e .zugeben) und nicht seiner Abstamnmng wegen, empfindet Hille ipez!n׳ch 1i1d!ichen E!ge!1n!1a׳:en nicht seiner angeblichen Reichtümer, nicht seiner annieminich. das >׳eißl als abnoßende. hauen-.׳ icht seiner angeblichen Reichtüme moralischen Oualiräten wegen verfolgen, sondern!vnrdige oder lächerliche unr einzig nnd allein deshalb,!veil er ihnen 1!» bequem ist. Es ist niimöglich, diese Leute davon zu überzeugen, daß die Inden anders iind. als sie sie darznstellen sich bemühen. Denn sie!vollen es gar nicht anders glatiben, sie auch schon ein schönes Beispiel ans der Bibel > Leiter ihrer Partei,, der sie all die Ungeliener zur Hand: Judas, den Verräter, der Jesus verlichkeiteu Vorreden müssen, um ׳Anhänger zu schacherte, und Esau, der die Erstgeburt verkauft! haben. Diese 'Art 'Antisemiten, die uns zu Ans-> halte.?tun hat aber die Gegenwart selbst aus dem 'Nattgel. die man e!ur gisch abznstreisen. unndeuens zn verbergen be firebi sein muß, nnd >ie weiß nicht von den af 1 ־. neu nnd paiiioen Großtaten des jüdischen V.u tes. die diese selbst jedem Fremden, ioierii er es die Führer und lennt. ehrwürdig machen, seinen eigenen SA-!uu aber Begeisterung. Bewunderung und F'.olz flößen mimen. Der Wanderbund, der die j ad! üben Jung linge an den verlranien, liebevollen Umgang n1:׳ iliersgenoise!! gleichen Ftammes ge wird üe lel-ren. sich nnd ilire indischen Ae Tore des Ghettos aber haben sich für uns geöffnet, wir sind nicht mehr an der xleidnng erkenntlich, wir sind also fähig, das Märchen, das über uns verbreitet wurde, zu zer kel. den man verheimlicht, sondern als Werke, die man hochgesinnt hervorkehrt, zn empfinden. Das wird iie zn anirechien Inden machen, die sich geben wie üe ünd. die nichts Gezwungenes. länder stempeln wollen, obwohl gar mancher von ihnen nicht leicht Nachweisen kann, wieviel ihren deutschen Volk ein Handelsvolk geschaffen und in! Tropfen unverfälschten deutschen Blutes in seiwöini! den höchsten Adelskreisen, die früher den AansZ neu 'Adern kreisen, sind sehr schwer ansznrorten. Freunde mit jüdischen Blicken zn betrachten, das mannsstand mit den! Schacher verwechselten und weil sie eben jeder Wahrheit ans dem Wege beißt ilne jüdischen Eigenschaften nicht als >Maverachtet haben, scheut man sich heute nicht, ingehen. dnstrielle Unternehmnngen zu gründen oder sich Die zweite Gruppe ist die gesinnnngseliran ihnen zn beteiligen. lichere. Das sind die 'Antisemiten .die den Inden des Glaubens wegen verfolgten «trotz des Flugblattes, worin dies bestritten wird'. Sie 'Aengsrliches^ ׳Angelerntes an ׳ich haben, und die verfolgen in religiösem Fanatismus den Inden 1}״ "ch -chonbe!t des Natürliche» nnd Unbe zunächst, aber sie verachten auch den 'Anders-. rangenen entwickeln, stören dadurch, daß wir mehr als früher mst i gläubigen überhaupt. Der katholische Fanatiker Der Unterricht in der jüdischen Geschick»-.׳ unseren Mitbürgern in Berührung kommen.! verachtet neben dem Inden den Protestanten,'wird sie zn Vollerben einer unvergleichlichen Ver- Das Volk aber ist gebildeter geworden. Es hat der Protestant den statholik, beide den Mohamgangenbeil von adeliger Gesinnnng. Eliaratter gelernt, sich sein Urteil über die meisten Tinge medancr und den Heiden. Sie halten einen jegrüße. Heldentum und Idealismus machen und Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer Volkskalender"׳

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