Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1913-09-05 · Heft 36 (5.9.1913) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2621806-2621846-2621882--2374-2623471
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 36. XIV./II Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jiw. Bollsstimme' 5. Septem. 1913 Seite 9. Der Jude. Nach einem russisch-jüdischen Volkslied. Der Jude! Ter Jude! Ein wunderbar Ding — Betracht' ihn mit Ehrfurcht, nicht acht' ihn gering! Dem winzigsten Volke gehört er ja an. Doch hüben und drüben man treffen ihn kann: Ziehst hin du nach Westen, so steht er vor dir. Und fliehst du nach Osten, du siehst ihn auch hier. Der Jude! Der Jude! Ein wunderbar Ding! Betracht' ihn mit Ehrfurcht, Nicht halt' ihn gering. Tu strebest nach Süden — er ist schon am Ort, Du eilest nach Norden — er wandelt auch dort Und wählst du das Meer dir, du weichst ihm nicht aus. Und suchst du die Wüste — er ist da zu Haus. Der Jude! Der Jude! Ein wunderbar Ding! ' Betracht' ihn -mit Ehrfurcht, Nicht halt' ihn gering. Steig' immer zur Höhe, du stotzest auf ihn, — Sink' nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn. Schließ ein dich in Burgen, er bleibt dir doch nah. Verkreuch dich in Hütten, du findest ihn da. Der Jude! Der Jude! Ein wunderbar Ding! Betracht' ihn mit Ehrfurcht, Nicht halt' ihn gering. Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut, Beharrt er im Glauben, verliert nicht den Mut. Du glaubst ihn bezwungen, zu Boden gestreckt. Er richtet empor sich — er ward nur erschreckt. Der Jude! Ter Jude! Ein wunderbar Ding! Betracht' ihn mit Ehrfurcht, Nicht halt' ihn gering. Ter Ehren beraubet, bewahrt er die Ehr', Verzichtend auf Rechte, ist Recht sein Begehr. Er pocht nicht, er tobt nicht, er kommt nicht mit Hast, Er schmiegt sich und fügt sich und gönnet sich Rast. Ter Jude! Der Jude! Ein wunderbar Ding! Betracht' ihn mit Ehrfurcht, Nicht halt' ihn gering. Herzinnige Red' nur, gemütlich und mild, Vertrauen auf Wahrheit ist Waff' ihm und Schild, Er schauet nach oben, da wohnt ja sein Ahn — Ter wird ihn schon leiten aus ebene Bahn. Der Jude! Ddr Jude! Ein wunderbar Ding! Betracht' ihn mit Ehrfurcht, Nicht hall' ihn gering. Treu lebt er dem Glauben: ״Einst zeigt es sich klar, was schlecht und was recht ist. Was falsch und was wahr!" Trum kann ihn nichts irren, eins sagt ihm sein Herz: ,.Was immer du leidest — Gott lohnet den Schmerz!" Der Jude! Der Jude! Ein wunderbar Ding! Betracht' ihn mit Ehrfurcht, Nicht Hali' ihn gering. Zehn Tage in Gräfenberg. Zum sechsten Male bin ich in Gräfenberg, dem ältesten, im Jahre 1826 von Vinzenz Prietznitz gcgründcten Wafferkurortc und wieder laste ich alles auf mich wirken als wäre ich das erste Mal hier in diesem rcizcndcn Orte. Unter allen Kurorten des Sudeten- und Altvatcrgebirges liegt meinem Herzen Gräfenberg am nächsten; dieses Gräfenberg mit seinen 44 gefaßten Quellen, denen ein Wasser von reichster Fülle und unvergleichlichster Frische entspringt, mit seinen herrlichschönen Promenaden, die in unermeßliche, quellendurchrauschtc Nadelwälder führen, und mit seiner berühmten ״Koppe", bon der aus ein unvergleichlich und doch immer gleich schönes Panorama über weite Täler und die jenseits gelegene wunderschöne und abwcchslungsreichc Gebirgskette der Sudeten sich entfaltet, ist stets einzig in seiner Art gewesen und wird es immer bleiben. Es gibt Wohl kein Land auf dem Kontinent, das nicht eine stattliche Zahl von Kurgästen nach Gräsenbcrg entsendet hätte. Die überwiegende Mehrheit der Gäste besteht aber — wie immer — auch in diesem Jahre aus Juden, die aus dem Osten hierher eilten. um hier Heilung und Kräftigung ihrer schwachen Nerven und Ruhe und Erholung von ihrem aufreibenden Berufe und den Mühen des Tages zu finden. Tie Juden haben hier stets auch seitens der Direktion und Kurverwaltung das grüßte Entgegenkommen und die liebevollste Behandlung gefunden. Alljährlich führt mir hier der Zufall während des kurzen Aufenthaltes eine ergötzliche Galerie von Menschen zu. Es sind dies Sommerbekanntschaften, die sich meist — als wären sie sich ihrer kurzen Lebensdauer ahnungsvoll bewußt — mit erstaunlicher Raschheit ent- Wickeln, einen schnellen Ausstieg der Freundschaft und Intimität nehmen, um dann zu vergehen, mit denselben Umständen, die sie geboren. Denn was die Menscheu hier zusammenführt, ist doch nicht mehr als der Zufall, die Gelegenheit, vielleicht auch der Umstand, daß man ein wenig aufeinander angewiesen ist, daß man auf der engen Scholle, einander näher gerückt, Freuden und Leiden, und wären es nur die der Witterung, den beliebten Ausgangspunkt einer ersten Konversation miteinander teilen muß, was ja die Brücke zwischen Menschen weit rascher schlägt, als cs minen drin im großen Leben, mit all seinen Hemmnissen und Widerständen möglich ist. Und noch eins mag da wesentlich mitspielen, der Umstand, daß man ja mitten in der Natur, während der wenigen Tage der Erholung eigentlich ein ganz anderer Mensch wird. Man gehört mehr sich selbst, als den Dingen und Verhältnissen, man gibt sich leichter hin, wird gutmütiger und nachsichtiger. Das Leben in der Großstadt zwingt uns zur Abwehr, hunderterlei Sorgen und Mühseligkeiten beruflicher und gesellschastlicher Natur nehmen uns gefangen, drängen uns — bewußt oder unbewußt — in bestimmte Geleise. In der Sommerfrische aber ist man freier, unbeladener, dem Geiste ist ein wenig Rast und Verweile», der Seele das tiefe, wunderbare Atemholen gegönnt, das uns heiterer und gesunder, unsere Nerven Widerstandsfähiger und unempfindlicher macht.׳ Und das schafft nun völlig geänderte Bedingungen für unser Verhältnis zu den Dingen und Menschen. Darum schließen wir uns leichter an, geben uns williger und unbedachter den Anregungcn des Augenblicks gefangen. Von den vielen Bekanntschaften, die ich i» diesem Jahre hier gemacht, wird mir die Bekanntschaft mit dem ״Stolnarer Rebben" R. Israel Perlow unvergejsen bleiben. Ter ״Stolnacr Rabbi" ist ein Schwager des gegenwärtigen ״Ezortkower ütabbi" und zählt mehr als 20.000 Ehassidim, die zu seiner Fahne schwören und alljährlich zu den hohen Feiertagen zu ihm wallfahren. Er wurde auch hier von den Ehassidim formlich umlagert. Nichtsdestoweniger ist der ״Stolnaer Rabbi" ein moderner Mensch im wahrsten Sinne des Wortes, trügt kurze Kleidung, spricht vornehm Deutsch 11. besitzt überaus angenehme weltliche Umgangsformen. Ich lernte ihn in der Restauration Grünbaums, dem Sammelplatz der konservativen, meist poln. Inden, kennen und seit der Zeit waren wir täglich beisammen und unterhielten uns über alle inöglichen jüdisttien Fragen und Probleme. Außer dem ״Stolnaer :!!ebben" weilten auch einige moderne Rabbiner hier, so die Herreu Tr. Thon aus Krakau, Tr. Friedman» aus Troppau und Tr. Günzig aus Loschitz. Es ivar interessant zu hören. 1oie sich diese geistlichen Herren zumeist nur in der hebräischen Sprache unterhielten, die sie meiner- Haft beherrschten. Das Hauptthcma ihrer Gespräche bildcte der Zionismus, der in Wien demnächst tagende Kongreß und die hebräische Konferenz. Im großen und ganzen herrschte hier die paar Tage, die ich hier verlebte, ei» sehr reges und animiertes Leben und bin ich sehr ungern von hier geschieden, wohl mit dem Wunsche in! Herzen: ״Auf ein frohes Wiedersehen im nächsten Sommer!" I. G. Literatur H. Eourths-Mahler: Las Halsband. Verlag Hskar Meister, Werdau. Tic Geschichte eines Halsbandes, das für das Schicksal zweier Familien bedeutungsvoll wird, benützt der Verfasser, uns im Rahmen interessanter Handlung eine Reihe trefflich gezeichneter Gestalten vorzuführen, vor allem die der Gräfin Susanne und ihres Sohnes Lothar. Zwei Personen, bei denen die Verschiedenheit der Erziehung und Weltauffasiung, vergrößert durch grundverschiedene Gemütsanlagcn, notwendigerweise zum Konflikt führen mutz. Das Ringen dieser individuellen Naturen, die harte Wahl zwischen Herzensneigung und Ehrfurcht vor der eigenen Mutter zeigt uns den Grafen als Vertreter einer modernen gesunden Weltauffassung, der sich aus eigener Kraft von alten Vorurteilen seines Standes zu befreien weiß und der bei seiner Lebensgefährtin Adel des Herzens und nicht den der Geburt sucht und findet. Mit dem fesselnd ge- ״Hickls Jüdischer schriebenen Buch hat der Verfasser, die lebenSgerreue Milcuschilderung mit seiner psychologischen Beovachtung vereint, dem Leser mehr als bloße belletristische Lektüre geboten. D e s y. Oskar Muser: Tie Stellung der Frau zum Staate und im Staate. Brauscher Verlag, Karlsruhe. Ein richtiges Wort zur Frauenbelvcgung. Tie ,Frau als solche soll tvohl nicht umergche», sie soll aber nicht mehr wie früher in der Kleinarbeit des Alltags sich aufrcibcn, sondern nach harmonischer Vollendung ihrer Persönlichkeit, »ach der Ei»st׳vu»g i» de» vollen Genuß der Persünlichkeilürcchte durch den Staat streven. bei alledem aber die Frau bleiben, die Frau im vollsten und edelsten Sinne. Karl Joel: Seele und Welt. Verlag Tiederich, Leipzig. In unserem Zeitalter eine Lehre, die den Materialismus verwirft und die Seele auf den Thron erhebt. Aber cs ist nicht die Seele des Parallelisren oder Vitalislen, sondern eine Seele, tvelche mit dem Körper aufs innigste nicht Vertvachsen — denn dies würde ein Nebeneinander bedeuten — sondern so verflochten erscheint, daß man beide voneinander nicht zu trennen vermag. Um in kurzen Worten den Leitgedanken des Blichcs, soivcit es eben möglich ist, wiederzngeben: Es gibt eine llreinhcit von Leib und Seele, aber diese kann nie erlebt und uns nie bewußt werden, gerade weil sie die VorailSsetzling alles Erlebens und Bewußtseins ist. Leben und Bewußtsein bedingen die Auf- Hebung in der Indifferenz zivischen Leib und Seele, Iveil das Leben selbst schon in eine Trennung und Gegenseitigkeit von Seele und Körper spielt, das Bewußtsein ,schon auf der Spaltung in Subjekt und Objekt beruht. Wir müssen also trotz der Ureinheit, die ivic nicht erleben können, Seele und Körper annehmen. Tie Brücke zwischen de» beiden liegt darin, daß die Funktion das Organ baut. ״Tie Seele, die reine Funktion, die durch Wiederholting Tispositione» schafft, die sich schließlich zu körperlichen Organen verdichten; unser Leiv, gleichsam ein Kapital, aufgespeicherle Arbeit, die wir oder unsere Ahne» geleistet haben." In unseren Gliedern sind unsere weitere» Handlungen gewissermaße» schon halb getan. Tie Wiederholung einer auch erst geistige» Funktion bringt es mit sich, daß dieselbe immer weniger des Bewußtseins bedarf. Ter Vertaner selbst sagt, er habe seine vielleicht parador aninnlende Erkenntnis über das Verhältnis von Leib und Seele in Ureinheit, Gegensatz und llebergnng siir sich als Turchbrnch, als Erlösung von quälenden Problemen empsuiiden. Wenn wlr uns auch nicht ans seinen Stand- Punkt stellen, wen» wir auch meinen, daß ein Paralleliit diese gewissermaßen fleistligelvordene Funktion wohl auch scharf zurückiveiseil ivürde, sowie Joel die paralleliit iiche Allbesecluitg mit beißender Ironie geißelt, io miiiien lvir doch aiierkeimeii, dag d!e Lehre des Verfassers als etwas Großes und Gebietendes dajtrht. als die Lebre eines Mannes, der licb noch einem höheren Geruht verantivortlich fühlt als den Mensche» der Zeit. Del». Alwin Römer: Tie Ainati der Nestelhofss. Verlag Oskar Meister, Werdau. Eine zu Herzen gebende Handlung, tvie »>ir sie so einfach und gefühlvoll nur in de» alte» :!!onianeii vo» Halllälidcr tindeii, sehe» wir den modernen Nusprüchen angepaßi. Die beiden Hanvigeitalte» Leitner nnd Marlene niineii uns durch ikre Laiilerteil nebe>> den anderen Personen, alis de!>e,1 der Stampf ums Tasein oder Veranlagung mehr od. weniger rücksichtsloie und selbslsüchtige Nainren gemacht hat. geradezu hiltsbedürftig a» und ihre endliche Vereinigung iit uns erwünscht. .Hervorgehobe» zu werden verdient der Te:l, in dein der Gras :»iotenbühl dem adeligen - feigen Etikettesklaven - Arno gegenüber sich süe die Gleichlvertigkeit des jüdischen Fabrikanten Reisvorn einsevt. Wenn auch seine :>!ede etwas Erzwungenes, Ileberlegenes nicht verleugnen kann, beweiil sie nns doch, daß sich auch dieser starre .greis der Anerkeiiiinug der boben geistigen Onaliläten der Juden nicht mehr erwehren kann. Tein. Johannes Tauler: Predigte». Uebenragen und eingeleitel von Walter Lehmann. Jena, Eugen Diederichs 101:5. 2 Bände. Preis brosch 10 Mk. Etwa vor Jakresirist haben wir an dieser Stelle den damals in zweiter Auslage erschienenen erneu Band der Schriften Meister Eckharls angezeigl; imn legt uns wiederum der Verlag Tiederichs die Werke eines grotzen deutschen Mystikers, des um l:!00 gevoreneu Dominikanermönches Johannes Tank e r vor. Ein Buch wie dieses ist mehr als alles geeignet, uns zu zeigen, tvie tiesiles Me»iche»>vesen allüberall vo» derselben Sehnsucht durchflutet, demselben Ziele emgegeiigelrageii tvird: Gott. Spricht da ein Mönch vor Nonnen -- denn die Predigten sind meist vor Frauen gehalten — über seine Religion, die äußerlich angesehen, die christliche Bolkskalender"- Soeben erschienen:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.