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Jüdische Volksstimme · 1913-08-14 · Heft 33 (14.8.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 33 (14.8.1913)
Date
1913-08-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 33. XIV./ll Jahrg. Beilage zur,Wiener Jiw. Bolksstimme'. 14. August 19t 3 Leite 9. Max Nordau über die Tätigkeit des zionstischen Aktionskomitees. Anläßlich der in Paris stattgefundenen Herzlfeier sprachen Dr. Max Nordau und Dr. Marmore! über die gegenwärtige Lage des Zionismus. Ohne uns mit den Ausführungen in allen Punkten zu identifizieren, glauben wir im Jntereffe unserer Leser zu handeln, wenn wir einen Auszug aus der Rede Nordaus reproduzieren. Dr. Nordau führte folgendes aus: Ich will mich auf die Tatsachen beschränken, wie ich sic sehe. Ich will nicht das Beispiel des Aktionskomitces nachahmen, das sich das Vergnügen nicht dersagen kann — ein Vergnügen, das mir mit der Eigenschaft eines Präsidiums unvereinbar scheint — uns zu kritisieren. In dem offiziellen Organ der Bewegung hat man durch den Mund von Vortragsreisenden, die von dem Aktionskomitee in die verschiedenen Gegenden gesankt worden sind, in ziemlich offizieller Weise, ich möchte sogar sagen, geradezu offiziell, die unschuldigsten und natürlichsten Dinge kritisiert, die wir einfach im Glauben aus unser Recht als Zionisten getan haben. Letzten Herbst wurde eine Versammlung in Paris vereinbart, zu der ich bereitwilligst meine Zustimmung gegeben habe, obgleich die Initiative nicht von mir ausgegangen ist. Ohne jede Geheimtuerei kamen wir zu sammen, um die Lage des Zionismus besonders vom politischen Standpunkt zu besprechen, und um zu sehen und zu beraten, ob wir nicht nützliche Ideen finden. Zu dieser Konferenz war das Aktionskomitee in privater Eigenschaft eingeladen worden. Es war auch so freundlich, einige Herren des Aktionskomitees zu delegieren, um an den Beratungen teilzunehmen. Darauf wurde gesagt und mutzten wir lesen, dah wir eine ungesetzliche Handlung begangen haben. Ungesetzlich? Freie Bürger, freie Mitglieder einer öffentlichen Bewegung, die so- Zusagen öffentlich Zusammentreffen, oder wenigstens vor den Augen aller derer, die die Sache angcht, und die sich offen über die Dinge des Tages aussprechen! Ungesetzlich ist Wohl ohne Zweifel diese Konferenz, zu der Sie eingeladen wurden, um Reden zu hören, die den verstorbenen Führer des Zionismus betreffen, Reden über die gegenwärtige und zukünftige Lage? Nun, wenn man schon einmal von Ungesetzlichkeit sprechen will, so hätte man diese Bezeichnung vielleicht mit viel größerem Rechte anwenden können in bezug auf die Ungesetzlichfeit einer gewissen Konferenz in Charkow, die nicht öffentlich war, zu der Herzl nicht eingeladen war, und bei welcher die Einrufer gewisse Beschlüsse faßten. Wir aber, wir kainen vor aller Welt zusammen, ohne Oppositionsgedanken, in der natürlichen Absicht, uns zu besprechen, uno ohne den geringsten Wunsch, zu Beschlüssen zu gelangen, die gegen die Personen und die Partei, die gerade die Macht hat, feindselig gewesen wären. Nein, nein, das war nicht ungesetzlich. Das war ganz gesetzlich, und das offizielle Organ war im Unrecht, dies zu tadein. Etwas später wandten sich einige Freunde, gute englische Zionisten zur Zeit der Botschafterkonferenz in London an mich, und sagten mir im Glauben, daß es nützlich sei, daß auch wir unsere Stimme erheben, wenn auch nur zu dem einzigen Zwecke, die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken: ״Die Stunde ist da, zum europäischen Publikum zu reden, dem Publikum, das wir noch nicht erreicht haben, das vom Zionismus von weitem gehört hat, das vielleicht den Namen kennt, die Sache aber nicht versteht." Ich antwortete sofort: ״Tie Idee ist! gut. Es ist durchaus unnötig, daß wir einen ׳Aufruf erlassen, wie Sie es wünschen, jedoch ich glaube, wir können ruhig unserem Werke eine größere Oefsentlichkeit verschaffen." Darauf setzte ich mich in meiner Eigenschaft als Publizist allein hin, als ein Mann, der die Gewohnheit hat, von der öffentlichen Tribüne der Preise aus zu sprechen und schrieb einfach, klar, ich möchte fast sagen trocken, und tat meinem Temperament Gewalt an und erklärte in der ״Times", was Zionismus ist, was er will, was er erhofft. Sie können mir glauben, daß ich jedes Wort abwog, daß ich acht gab, nicht ein Wort auszusprechen, das bei der Partei Anstoß hätte erregen können, daß ich mich hütete, von Europa etwas zu verlangen, was es uns nach meiner Ueberzeugung nicht geben konnte, auch wenn es wollte. Nun ich hatte das Vergnügen, daraufhin in dem offiziellen Organ unserer Bewegung, einen Artikel zu lesen, der, ohne meinen Namen zu nennen, ihn jedoch durch eine Andeutung von großartiger Durchsichtigkeit erraten ließ, von einem. Manne sprach, der sich wichtig macht, der keine Ahnung von Politik hat, der überall redselig ist, ein Artikel, der uns beschuldigt, das größte Unrecht begangen zu haben. Da haben Sie, was ich sage. Das ist die unerhörte Kritik, die ich meine, die Kritik eines unabhängigen Mannes, der keine offizielle Stelle inne hat, der keine Veranlaffung hat, irgendjemand über seine Handlungen Rechenschast zu geben außer seinem Gewissen und der öffentlichen Meinung seines Volkes. Ich will nicht in die gleiche Manie verfallen, ich will keine Vorwürfe machen. Ich konstatiere nur und — konstatiere Tinge, die mir Vergnügen bereiten. Diese Verwaltung, die daraus ausging, den politischen Zionismus zu bekämpfen, die die offizielle Leugnung des offiziellen Zionismus war, die eingesetzt wurde mit der Begründung, daß der Zionismus nicht politisch, sondern praktisch sein solle, offenbart sich jetzt selbst als eine Organisation dessen, was politischer Zionismus ist. Bravo! Das ist ja großartig! Aber, wenn diese neue Verwaltung politisch ist, im Namen welcher Grundsätze kämpft sie mit Feuer und Schwert um die Niederwerfung des Herrn Wolffsohn und seiner Verwaltung. Welche Berechtigung hat sie denn noch, ihm einen Vorwurf zu machen, wenn sie selbst gezwungen ist, uns zu sagen: ״Im Grunde, wozu von politischem und praktischem Zionismus sprechen? Das gibt's ja nicht. Wir sind so gut politisch als Sie und der beste Beweis dafür sind unsere Taten auf politischem Gebiete." Das ist wirklich fein und was will ich mehr? Wahr ist, daß die politische Arbeit der jetzigen Verwaltung nicht erfolgreich gewesen ist. Jedoch ich tadle sie nicht deshalb, und ich sage dies ohne die geringste Spur von Ironie, sondern im vollen Ernste. Ich, der ich ein Unfähiger bin, ich, der ich kein Talent für Politik habe, ich habe doch genug politische Erfahrung, um zu wissen, daß nichts zu machen war. Wir sind schwach, wir können unseren Forderungen, unseren Beschwerden, unseren Vorschlägen keinen Nachdruck verleihen, und unter diesen Bedingungen können wir in Wahrheit nichts machen. Ich bin der Letzte, der den Waffenlosen tadelt, daß er keine Heldentat vollführt. Mein Ahn, der Köttig David, war imstande, mit einem kleinen Stein den Philister niederzuwerfen. Ter semitische Held, auf den wir stolz sind, konnte mit einem Eselskinnbacken ein ganzes Volk besiegen. Es könnte scheinen, daß unsere Verwaltung nicht einmal Esel oder Kinnbacken zur Verfügung hat, da sie nicht in der Lage ist, einen cinßigen Philister niederzustrccken. Sie hat jedenfalls gute 'Absichten. Sie dachte daran — oder vielmehr Herr Wolffsohn dachte daran vor ihr —, Beruhrungspunkte mit der aus der Revolution von 1008 hervorgcgangencn Türkei herzustellen. Vielleicht ermangelte am Anfang unser ״Botschafter" noch der Erfahrung. Es liegt mir fern, ihn deshalb zu tadeln. Tie wahren Diplomaten, von denen ich keine hohe Meinung habe, müssen eine lange Lehrzeit durch machen׳, müssen Prüfungen ablegen, müssen Attaches, dann Sekretäre werden und unter Vorgesetzten dienen. Tann nach einigen 20 Jahren können sie Ehefs von politischen Missionen werden. Unser ״Botschafter" hat diesen Erziehungsgang nicht durchgemacht. Er hatte nicht das Glück, einen Chef zu finden, der ihn hätte erziehen können. Er hat ausgezeichnete Absichten, und die natürliche den Inden eigentümliche Geschicklichkeit, die es zuwege bringt, daß selbst einsichtige Juden glauben, sie hätten ihre Laufbahn verfehlt, wenn sie nicht Diplomaten werden. Ist dies nicht so? Aber ujlser ״Botschafter" ging am Beginn etwas zu weit. Nie. weder unter Wolfssohn noch unter der neuen Verwaltung haben wir irgendetwas von der Türkei erreicht, nicht einmal die Lappalien, deren wir uns beklagen. Noch müssen wir uns den roten Zettel verschaffen. Das hat allerdings nicht viel auf sich, denn der rote Zettel hat noch nie einen Juden von Palästina zurückgehalten, der dorthin wollte. Nichtsdestoweniger ist dies eine Demütigung und trotz der Revolution und der neuen Verbindungen, die mit der Türkei angeknüpft werden können, besteht er immer noch. Ernster ist noch folgendes. Ein fremder Jude — hier müssen wir von der Einwanderung sprechen —, nachdem unsere traurige Geschichte es gewollt hat, daß Juden Zionisten oder Nicht-zionisten, Fremde in Palästina sind, und das Streben des Zionismus geht doch dahin, uns dort aus Fremden zu Einheimischen zu machen — ein fremder Jude kann heutzutage ebensowenig wie vor 15 Jahren den geringsten Bodenerwerb in Palästina auf seinen Namen vornehmen. Er muß die Hilfe eines Strohmannes in Anspruch nehmen. Nehmen wir an, daß dieser Strohmann immer ehrlich ist. In Wirklichkeit aber ist es so, daß der, der den Boden bezahlt, nicht der eigentliche Besitzer ist. Dennoch träumen wir — ich meine die praktischen Leute, nicht uns — träumen wir von einer Agrarbank, von einem Credit Foncier in Palästina. Eine solche Anstalt ist selbirverständlich sehr notwendig. Das sagten wir immer. Aber wie können wir denn so etwas machen in einem Lande, wo es keine Kataster gibt oder wo das Gesetz uns kein Hypothekenrecht verleiht? Wie ist es möglich, Hypvthekenschnlden zu machen, wo keine Hypotheken zu nehmen sind. Nichtsdejtoweniger sind praktische Aiisrre»- gnagen zemncht worden, Land zu vermessen, loeiin nicht eine Agrarbank zu gründen. Eine solche Bank hat doch keine gesetzliche Berechtigung. Solange wir vom politischeu Gesichtspunkte aus die Abschaffung des roten Zettels nicht erlangt haben und wir auch nicht das Recht haben, Boden offen und gesetzlich auf unser» eigenen Namen zu criverben, finden wir es unmöglich. Hypotheken auf Bode» aufzunehinen. Dies für die Politiker. In anderen Gegenden sind Versuche gemacht worden, ich habe aber nicht gehör!, daß sie Erfolg gehabt hätten. 0'ür alt dies mache ich der Verwaltung keinen Vorwurf. Was ich ihr aber vorwerfen muß, ist, daß sie stets unter der Flagge der Feindschaft gegen den politischen Zionis- »ins kämpfte, und daß sie von dem Tage an. wo sie die Zügel der Regierung in die Hand bekam, sie poiitische Zionisten geworden sind. Ich iviederhole: Auf Grund ivelcher Grundsätze haben die Mitglieder dieser Verwaltung den Politische» Zionismus bekämpft? Das ist einfach die Auivendung des Grundsatzes: Ute-Uli qua je m'y matte. Gur, sie sind keine Politiker, sie sind praktische Männer, die die Macht erlangt habe». Sie sind praktische Mün- »er. die wir am Werk sehe». Ich wiederhole, erwarten Sie von mir keine Kritik, die ich nicht machen kann. Ich kenne die Schwierigkeit der Lage, ich kenne die Schwierigkeit der Verwaltung, fast hätte ich gesagt, der Regierung. Sie sind groß und der Männer, die zur Verfügung stehen sind leider wenige. Ihr Fehler is» das nicht. Aber schließlich ein praktischer Mann mit wenig Mitteln sollte nur wenig untcrnehmen. Er sollte nicht sagen: ״Ich unternehme die größten Tinge. Es ist wahr, mir fehlen die ersten Vorbedingungen, uni große Dinge anSzuführeu, aber das tut nichts. Wir werden schon weiter kominen." Ich tveiß nicht, ob dies sehr praktisch ist. Ich gelte nicht als praktischer Zionist, also kann ich darüber nichts sagen. Ich kann überhaupt nicht die Ausführbarkeit dieser Methode verstehen. Ich bin nicht gekoinmen, um die Verwaltung dafür zu tadeln, daß sie die Geschäfte schlecht verwaltet hat. Das wäre eine Verleumdung. Sie hat überhaupt keine Geschäfte zu machen. Sie bat das Recht zu Geldverlust. Es givt inanche Tinge, die, wie mein Freund Marinorek bereits gesagt hat, ein Privatinann machen kann, die aber eine Körperschaft nie machen darf. Für unseren Zionismus ist Palästina ein neues, ein unbekanntes Land. Man mußte das Land sich ansehe», Erperimenle machen, verschiedene lniidivirtschaftliche Methoden versuche», verschiedene Arten, den Boden zu bebauen. Ein Einzelner allein kan» daS alles inachen, ivenn er reich ist. Ein Einzelner, der eine Million hat. kann sagen: ״Das interessiert mich, ich gehe hin, ich zahle was notwendig ist, bis ich schließlich tveiß. wie mit dem Lande zu verfabren ist." Es!vor berechtigt, die Mittel des ZionismuS zu Erperimenlen zu benutzen. Wenn dann nnsere Musierfarm Geld verloren hätte, hätte ich mich über den Geldverlust gercöslet. Wenn die Eooperatif- Gesellschaften nicht mit Getvinn arbeiten, batte das mich nicht beängstigt. Wenn der Herzltvald, den tvir lieben, dem!vir die größtmögliche Ausdehnung geben!vollen, uns für den Augenblick Enttäuschungen gebracht hatte, so ist dies einer von den Fällen,!vo trotz des besten Willens und der besten 'Absicht ein Volk Mißgriife begehen tan». Ich lonnne nun zu einem Punkte, den ich nicht besonders Hervorheven möchte, den ich aber nicht stillschweigend übergehen darf. Wenn!vir das Recht haben, uns zu irren, frage ich, ob wir das blecht haben, unseren Irrtum zu verstecken. Wenn sie ganz offen gesagt hätten: Ja, nur haben .">00.000 Franken aufgewandt, diese .!00.000 Franken haben keinen Gewinn ergeben, aber sie haben den Erfolg gezeitigt, ne haben uns gezeigt, >vaS wir zu vermeiden haben, sie haben uns Fingerzeige gegeben für das, lvas!vir in Zukunft zu run haben — ein Manu, der fo redet, ist der Verehrung und Bewunderung sicher, sowohl von seilen derer, deren Geschäfte er verwaltet, als von seiten des Volkes iin allgemeinen. ׳Aber eine geriebene Verwaltung, die dies verschweigt, die, ivenn sic Rechenschaft zu geben hat, diese in zweideutiger und unvollständiger Weile gibt, und die Kredit verlangt für Tinge, die nicht feststehen, eine sochc Verwaltung begeht einen Kapitalirrtum. Gerade denjenigen, die sie unterstützen, die ihr wohl wollten, kommt die Pflicht zu. ihr zuzurufen: ״Cassc-con!" Ich bin nicht fest in Zahlen. Ich sagte ja bereits, ich sei kein Praktiker: darum!vill ich es nicht auf mich nehmen, herauSzubringcn,!voran der Irrtum liegt. Aber unter uns gibt es doch Männer, die beruflich täglich mit Zahlen umgehen, die sind doch imstande zu sagen, was wir machen. Eine Kleinigkeit, die ich zu sagen habe, ist die — ich habe sie von direkter

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