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Jüdische Volksstimme · 1913-08-07 · Heft 32 (7.8.1913) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 32 (7.8.1913)
Date
1913-08-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Ml Seite 10. »Jüdische BolkSstname." Nr. 32. mcntliche Leben pedantisch nachäfft — aber die Karikatur wird nicht schwinden, das Echte, Unvergängliche und Wahre, nämlich die Sittlichseit des alten Judentums, wird in seinen Ländein ebenso gottcrfreulich blühen, wie einst am Jordan und auf den Höhen des Libanon. Man hat keine Palmen nötig, um gut zu sein, und Gutscin ist besser denn Schönheit. — Judäa erschien mir immer wie ein Stück Okzident, das sich mitten in den Orient verloren. In der Tat mit seinem spiritualistischcn Glauben, seinen strengen, keuschen, sogar asketischen Sitten, kurz mit seiner abstrakten Innerlichkeit bildete diefcs Land u. sein Volk immer den sonderbarsten Gegensatz zu den Nachbarländern und Nachbar- Völkern, die, den üppig buntesten und bcrüchtigsten Naturkultcn huldigend, in bacchantischen Sinnenjubel ihr Dasein verschleuderten. Israel sas; sromm unter scinenr Feigenbäume und sang des unsichtbaren Gottes und übte Tugend und Gerechtigkeit, während in den Tempeln von Babel, Ninive, Sidon und Tyrus jene blutigen und unzüchtigen Orgien gefeiert wurden, ob dereit Beschreibung sich uns noch jetzt das Haar sträubt. Bedenkt inan die Untgebung, so kann man diese frühe Größe Israels nicht genug bewundern. Von der Frciheitslicbe Israels, währcnd nicht bloß in seiner Umgebung, sondern bei allen Völkern des Ältertums, sogar bei den philosophischcn die Sklaverei justisiziert war und in Blüte stand, will ich nicht gern reden, um die Bibel nicht zu kompromittieren bei den jetztgen Machthabern. — Ja, statt mit der Unmöglichkeit zu ringen, statt die Abschaffung des Eigcntuius tollköpfig zu dekretieren, erstrebte Moses nur die Moralisation (Versittlichung) desselben; er suchte das Eigentum in Einklang zu bringen mit der Sittlichkeit, mit dem wahren Vernunstrccht, und solches bewirkte er durch die Einführung des Jubeljahres, wo jedes alienierte (entfremdete) Erbgut, welches bei einem ackerbauenden Volke immer Grundbesitz, an den ursprünglichen Eigentümer zurückfiel, gleichviel in welcher Weise dasselbe veräußert worden. — Diese Institution bildet den entschiedensten Gegensatz zu der Verjährung bei den Römern. — Moses wollte nicht das Eigentum abschaffen, er wollte viel inehr, daß jeder dessen besäße, damit niemand durch Armut ein Unecht mit knechtischer Gesinnung sei; Freiheit war immer des großen Emanzipators letzter Gedanke, und dieser atmet in allen seinen Gesetzen, die den Pauperismus betreffen. Die Sklaven haßt er über alle Maßen schier ingrimmig. Wollte aber ein Sklave, den das Gesetz endlich befreite, durchaus nicht das Haus des Herrn verlassen, so befahl Moses, daß der unverbesserliche Lump mit dem Ohr an den Türpfosten des herrschaftlichen Hauses angenagelt würde. — O Moses, unser Lehrer, Dtosche Nabbenu, hoher Bckämpfer der Lnechtfchaft, reiche mit Hammer und Nägel, damit ich unsere gemütlichen Sklaven in schwarz-rot-goldcncr Livree mir ihren langen Ohren festnagle an das Brandenburger Tor." lind weil eben Heine sich für das Judentum — obwohl er demselben aus materiellen Gründen abtrünnig geworden — so warm eingesetzt, dessen Ncligion verherrlicht und das Vorgehen der damaligen Deutschen schonungslos gegeißelt batte, wird er heute noch von den Antiscmilen so grimmig gehaßt und verfolgt. Das zweite Quartal der ״Jüdischeu Welt". Unsere Leser sind bcreils wiederholt auf die ausgezeichnete, im Wilnacr Verlage von B. A. Klctzkin erscheinende jiddische Monatsschrift bingcwicsen worden. iAbonncmcnr ö Rudel jährlich.! Wir wollen diesmal resümierend einen Ncderdlick über das geben, was die Nummern -l—(i dieser Zeitschrift gebracht habe». Es können tialiirlich nicht alle Beiträge genannt werden, nur die wichtigeren seien bcrvorgebobcn. Von den belletrisiischcn Beiträgen scheint uns an erster Stelle die Legende: ״Ma'assc Ger Zcdck" von Eisik Mcir Dick erwähnt, dein 1893 verstorbenen Schriftsteller, der einer der Bahnbrecher der jiddischen Literatur gclvcscn ist, obzivar man heute kaum noch seinen Namen kennt. Die Veltscrzählung. welche hier abgcdruckt ist, ivar bisher nie veröffentlicht, wohl wegen einiger starker Ausfälle gegen das Cbrisienlum. Aber sic verdient cs, gelesen zu werden. ^!, einem meisterhaften, dabei ganz schlichten Ton erzählt Tick die Geschichte des Wilnacr Ger, des zum Judentum übcrgctrctencn Grasen P o t o c k i. Der altertiimlichc Stil, die hebräischen Anfangsworte jedes Absatzes, die innige Stimmung — alles ist hier zu einem großen Kunstwerk geworden. Für diese eine Erzählung Dicks könnte man Bände der modernen Jiddischlitcratur hingcben. Daneben verschwinden die anderen belletristischen Beiträge. Perezs Lebenserinnerungen enthaltcii recht unbedeutende Details, wie sie wohl ähnlich jedes andere Kind erlebt. Zu nennen wäre noch Aschs Erzählung ,.Das neue Leben". Sie spielt in Amerika und zeigt, wie die jüdischen Arbeiter dort, die dem alten Judcntume entfremdet sind, rettungslos dem Abgrund verfallen (besonders die Mädchen!), wenn sie nicht ein neues Ideal finden, wie cs der Sozialismus z. B. ihnen bietet. Von den Gedichten scheint uns nur Schncicrs starker ״Frühlingsgruß" erwähnenswert, obzlvar auch sonst bekannte Autoren vertreten sind, nur eben nicht mit besonders starken Versen. — Der Vorzug dieser jiddischen Zeitschrift liegt aber vor allem auf publizistischem Gebiete. In Nr. 4 setzt Baal Machaschowoth seine Artikel über das jiddische Theater fort und verlangt die Gründung einer jiddischeu ״Freien Bühne". Sehr interessant ■ ist ein Artikel von Sch. Roscnscld ״Ohne Idee", der in erschreckender Weise die destruktiven Tendenzen des heutigen jüdischen Volkslebens im Osten und in Amerika aufzeigt. Früher war das jüdische Leben von einer leitenden Idee bcherrscht: erst von der HaSkalah, dann vom Zionismus, dann — denn die zionistische Epoche behandelt der Autor als eine vergangene! — von dem Gedanken der Schaffung einer Volkslitcratur in jiddischer Sprache; heute gibt es keinen Leitstern mehr, Verwirrung und Ideenlosigkcit beherrschen das Feld. Fm fünften Hefte finden loir einen Aufruf an die jüdischen Lehrer, Schulen in jiddischer Sprache zu eröffnen und intercffante Mittcilungcn über die Kindcrlitcratur in dieser Sprache. Im sechsten Hefte gibt S. Niger eine feinsinnige Analyse des Problems der Romanproduktion in jiddischer Sprache. Er zeigt, wie die verheißungsvollen Anfänge dieser Litcraturgattung bei Mendelc Mochcr Sforim und Scholcm Alcchcm nicht entwickelt werden konnten, weil mit der Auflösung der alten jüdischen religiösen Werte die jüdische Gesellschaft gesprengt wurde und der Einzelne auf sich allein angewiesen war. Hierin sicht er die vornchmlichc Ursache dafür, daß in der Literatur die Skizze übcrhandnahm, deren Held eben der einzeln dastehende Eigenbrödlcr ist. In den letzten Jahren bemerk! nian eine Erneuerung des jüdischen Gemeinschaftslcbcns und Niger erwartet, daß von da auch dem jüdischen Roman neue Möglichkeiten erwachsen werden. In derselben Nummer ivird der vierte Band von Achad Haams ״Am Scheidewege" kritisiert und Achad Haam heftig und ungerecht angegriffen. Es ist lächerlich, zu behaupten, daß Achad Haam nur hebräisch eine Bcdcutung habe und seine deutsche Uebersetzung keine Leser finden werde. Die Tatsachen sagen das Gegenteil! Der erste Band Achad Haam in deutscher Sprache ist jetzt beim ״Jüdischen Verlag" in zweiter Auflage crschiencn, ein Schicksal, das sonst jüdische Bücher nicht zu haben pflegen; und schon wird auch das Erscheinen eines zweiten Bandes angckündigt. Daß Achad Haams philosophische Bedeutung nicht überschätzt werden darf, zumal seine Abhängigkeit von den flachen Engländern gegen feine Philosophie spricht, ist richtig; ist aber in der hebräischen Literatur durchaus nicht verschwiegen worden. Für Achad Haams wundervolle aristokratische Vornehmheit hat der Kritiker nicht einen Funken Versländnis. Die Redaktion entschuldigt sich in einer Fußnotc selbst, daß sie diesen Artikel bringt.Sehr intcrcssant ist im selben Heft eine Zusammenstellling der jiddischen und hebräischen Bücher des Jahres 1912. Die Zeitschrift ist sehr schön gedruckt und ausgcstattet. hb. *T». '.Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhof er Bitterwasser“ Mild, doch zuverläßlich. Stemhof, Post Sokolnitz bei Brünn. Literatur. Nchlrnbüchcr. Verlag Julius Zcitler, Leipzig. 1. Robert R chlcn: Berühmte Aussprüche und Worte Napoleons von Eorsika bis St. Helena. Mit einer Originalradicrung von Bruno Hcroux nach dem Napoleonporträt Dclarochcs. 320 S. — 2. Goethe: Aussprüche und Gedanken. Mit einem Porträt Goethes nach Georg Oswald May. 310 S. Wir hatten schon Gelegenheit, an dieser Stelle zwciinal die Rehlcnschc Sammlung von Worten großer Männer zu empfehlen: die Worte Schopenhauers und die Gedanken Schillers. Nun liegen uns wieder zwei dieser schön ausgesrattcten und musterhaft zusammcngcjiclltcn Büchlein vor. Die Worte Napoleons vor allem lverden heute vielen willkommen sein. Denn durch die Jahrhundertfeiern der deutschen Befreiungskriege ist seine Gestalt wieder — wie man so schön sagt — ״in den Vordergrund des Interesses" getreten und der Streit um das Festspiel Gexhart Hauptmanns hat gezeigt, wie seltsam die Meinungen über diesen Mann geteilt sind. Daß cs, um Napoleon zu verstehen, vor allem wichtig wäre, ihn s e l b st und nicht die Berichterstatter über ihn zu hören, ist Wohl selbstverständlich. Aber cs ist wenig bekannt, daß Napoleon einem solchen Bemühen in ausreichendem Maße entgegenkommen ist. ״Napoleon ist ein großer Beherrscher des Wortes ge- Wesen. Er hat mit seinem ganzen Leben eine tiefe literarische Furche gezogen. Das trifft auch zu, wenn er nicht in poetischem oder philosophischem Sinne Literatur erzeugt hat. Doch sind nicht bloß seine Jugendwerke, seine Geschichte Korsikas, seine Abhandlung über die menschliche Glückseligkeit als direkte literarische Erzeugnisse zu rechnen, sondern auch seine Briefe, achtzigtausend an der Zahl, seine Ansprachen und Prokla-!Nationen, seine Reden im Staatsrat, seine Bulletins und Diktate, sein Memorial von St. Helena zusamt den Fcldzugsberichtcn, militärischen und kriegswiffenschaftlichen Abhandlungen, ja sogar seine Gespräche auf St. Helena. Dies alles sind indirekte literarische Erzeugnisse, mit denen er nicht bloß aus die Phantasie Frankreichs, sondern auch der übrigen Erde mächtig eingewirkt hat." Es ist ein großes Verdienst Nehlens, dieses fast zu reichhaltige Material durchgearbeitet und so durchgesiebt zu haben, daß dieses kleine Büchlein dem Leser zum Führer werden kann, wenn er die Personlichkeit Napoleons verstehen will. Das zweite ״Rchlenbuch" ist Goethe gewidmet. Goethe so zu lesen, daß man ״Aussprüche, Worte liest, ist glücklicherweise schon längst eingebürgert. Eine solche Lektüre verlangt vom Leser gcspannnte Aufmerksamfeit und Konzentration. Und ebendeswegen möchten wir auch diese neue Sammlung Goethcschcr Worte, die nach ganz eigenartigen Grundsätzen vorgenommen wurde, hcrzlichst empfehlen (auch als gutes Geschenkwerk): denn man soll die heute übliche flüchtige Art des Lesens auf jede Weise bekämpfen, nicht zumindest dadurch, daß man solche Bücher von konzentrierter Geistigkeit verbreitet. N. H. Bartsch: Der letzte Student. Ullstein, Berlin. Das Erstlingswerk des Meisters, das nun — früher anonym — unter seinem Namen erscheint. Ein Werk, voll jugendlicher Schivärmerci, voll Sturm und Drang, behandelt cs die Oktoberrevolution von 48. Inmitten der sich überstürzenden Ereignisse, von so mancher falfchcn Kreatur umgeben, der Held des Romans die Seele der Verschwörung in Döbling, Hans Gottschalk, der letzte Student, ein reiner Schwärmer, ideal, weltfremd und unerfahren, aber mutig und treu bis in den Tod. Und wie recht hat er, da er, zum Tode geführt, aus die Frage,!ver denn noch reinen Herzens auf dieser Welt bliebe, da man solche, wie er cs sei, erschieße, mit Bittcrkcit antwortet: ״Wenige, aber viel, viel Klügere." Russische Grausamkeiten einst und jetzt. Bernhard Stern. Verlag Hermann Bahrsdorf. Der Verfasser inacht uns mit einer anderen Welt bekannt. Diese fürchterliche Welt des Ostens, für uns in allem citvas Gräßlich-Neues. Jede Seite trieft von Blut; jedes Wort schreit wie von der Knute gepeitscht. Aus den Zeilen Hort man das Jammern und Stöhnen der von Hunderten von Jahren Gemarterten und Gemordeten. Ter Herr mordet den Knecht, den Sohn, sein Weib; alles opfert er seinen sadistischen Gefühlen. Eltern-, Kindesmord ist überall an der Tagesordnung. Des Zaren Vertrauteste sind die Henker. Seine Verrraucnsmänncr Mörder. Ein schauerliches Sittenbild aus der schwärzesten Zeit Rußlands rollt sich vor unfern Augen ab. Diese traurigen Zustände haben sich wohl im russischen Reiche gebessert, aber eins ist zurückgcblieben und cs charakterisiert das heutige Regime. Pogrom hat in jenen grauen Zeiten Mord und Verwüstung bedeutet, heute beinhaltet cs Judenmassaker, denn für Rußlands Juden herrscht noch heute Mittelalter. —r—. AuS dem Leben und der Werkstätte eines Werdendcn. Von AlfonS Petzold. Anzengruber-Verlag, Brüder Suschitzky. Durch dieses in fesselndem Stil geschriebene Werkchcn erhält der Leser Einblick in ein Milieu, unter dessen Einfluß sich ein junges Talent entwickelt hat. Kümmcrlichc Verhältnisse und ein harter Kampf ums Dasein haben ein Genie hcrauskristallisiert von eminent lhrischer Begabung und hervorragendem Erzählertalent. Dem Werdenden ist eine schöne Zukunft zu profczcien. Desy. Ella Lyman-Eabot: Alltagsethik. Verlag I. Engclhorns Nachs., Stuttgart. ״Tugend ist Treue gegen erwählte Zwecke." Aus diesem Satze ersehen wir Tendenz und Bearbeitung dieses lehrreichen Erziehungsbuchcs. Gesunde, reale An- Soeben erschienen: ״Hickls Jüd. Volkskalenver". nr

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