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Jüdische Volksstimme · 1913-08-07 · Heft 32 (7.8.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 32 (7.8.1913)
Date
1913-08-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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r<s«»f1(^1fr>-v5»׳u7|־-^;j..^•^,; SK. 32. XIV./II Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jiw. Boitsstlmme'. 7. August 1913 seite 9. Die hebräische Universität in Jerusalem. Der elfte Zionistenkongreß wird über eine Universitätsfrage zu entscheiden haben, ob es zu den Ausgaben des Zionismus gehört, daß man sich bestrebe um die Existenz einer hebräischen Universität in Jerusalem. Es ist ganz überflüssig, jetzt die Frage aufzuwersen, ob das zweite Zehent der Zionistenkongreffe den Weg der früheren zehn Kongresse weiter verfolgt oder ob es neue Bahnen einzuschlagen beginnt; denn ein^ Universität ist doch eine sogenannte, geistige Angelegenheit und keine praktische oder politische Angelegenheit des jüdischen Gesamtvolkes, und die Kongreffe von 1—10 pflegten in dieser Beziehung sehr rigoros zu sein. Wenn jenland von geistigen Sachen aus dem Kongreffe zu reden anfing, dann wurde er genau geprüft, ob er nicht etwa ein verkappter Chowew-Zionist sei oder ob er nur ganz normalerweise gegen die stillschweigend anerkannte Zionistenregel verstoßen will. Nun soll es anders werden. Eine solche geistige Frage wird ganz offen zur Diskuffion gestellt, mit Zustimmung des großen und kleinen Aktionskomitees und der Antragsteller ist der ungewählte Präsident aller Zionisten, der einzige Zionist mit dein unbeugsamen Charakter und der nie erlahmenden Willenskraft Uffischkin. Die Annahme des Antrages ist zweifelsohne sicher. Denn was die ungekrönten Könige beabsichtigen, das geschieht immer und überall viel eher als das, was die in Titel und Würden ergrauten Häupter wünschen. Die Debatten des ״Für" und ״Wider" intereffieren uns keineswegs; denn das Resultat ist im vorhinein gar nicht zweifellos; die Frage ist nur: die praktische Möglichteit und Durchführbarkeit. Wenn es nur Menschenmöglich ist, wird es schon Uffischkin durchsetzen; wenn es aber nicht möglich sein sollte, dann, dann freilich ist die Frage aufzuwerfen, ob schon der Versuch allein die große Mühe und Arbeit lohnt; oder besser ausgedrückt: ob die Vernachläffigung der anderen Aufgaben des Zionismus damit gerechtfertigt werden kann, daß man eine so große Aufgabe, loie eine hebräische Universität, in Angriff nimmt. Auch hier zeigt sich wieder einmal, daß vom Resultate der Anfang und der Beginn einer Sache abhängt; wenn etwas Mögliches in Angriff genommen wird, dann soll es eben begonnen werden. Unmögliches aber soll man nicht beginnen. Die Zeit und die Mühe der Kongreffe, der Zionistenführer und Delegaten und in erster Reihe die Energie eines Uffischkin darf nicht zwecklos und nur aus purem Trotze vernichtet und vergeudet werden. Unmöglich ist cs aber, eine volle Universität mit vier Fakultäten in Jerusalem zu errichten: dazu fehlt alles; es fehlt das paffive und das aktive Material, und es fehlen die Mittel, das Geld. Die Universität in Hamburg, jene in Frankfurt a. M., erforderten ein Gründungskapital von acht Millionen Mark zur Sicherung des Betriebes, außer den zahlreichen Kapitalien für die Anlagen der verschiedenen Gebäude und Jnstitute, die zuniindest nochmals denselben Betrag kosten würden. Das Teuerste und Kostspieligste ist eben die medizinische Fakultät. Außerdem erfordert sie ein passives Material, das nach Ansicht der Aerzte in Palästina dort nicht aufzutreiben ist. Denn Leichnahme in der entsprechenden Anzahl sind weder von der jüdischen, noch von der mohammedanischen Bevölkerung gutwillig zu haben. Zur großen Frage des Ausbringens des Kapitals kommt dann erst die nochmalige Frage nach dem passiven Materiale. Eine dritte Frage ist es; wird die nötige Zahl von Studenten vorhanden sein, wenn die europäischen Staaten eine Nostrifizierung der Diplome ablehnen werden, was mit Bestimmtheit von Rußland vorausgesetzt werden kann. Denn gerechnet wird doch auf die Hörer in Rußland, denen zu Hause die Universitäten beschränkt sind. Alles in allem genommen, muß einfach gesagt werden: die Errichtung einer medizinischen Fakultät in Jerusalem ist, abstrahiert von den unabsehbaren Schwierigkeiten des Unterrichtes in hebräischer Sprache, direkt unmöglich. Schade die Mühe und die Zeiwergeudung, zu einem Ziele wird dieses nicht führen. Schließlich ist noch die Frage aufzuwerfen, was für nationale Zwecke mit einer medizinischen Fakultät erreicht werden können. Der nackte Körper des Menschen hat an sich kaum nationale Merkmale; und wenn es eine Aufgabe des Zionismus ist, ״die Erreichung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte der Juden in Palästina" dann haben wohl jene Begründer dieses zionistischen Dogmas nur nur an allerletzter Stelle an die medizinische Fakultät gedacht, bei der als das Jüdische höchstens das Gespräch der Aerzte und der Wärterinnen in hebräischer Sprache sein müßte. Für ein solches Phantom ist der Einsatz zu groß, viel zu groß. Dagegen ist die Gründung einer aus drei Fakultäten bestehenden Universität a la der Universität in Czernowitz, ganz entsprechend und würde auch dem rein zionistischen Prinzips entsprechen, da dadurch für die Bildung der neuen Generation der angesiedelten Juden in Palästina Vorsorge getroffen wäre. Die Kosten find nicht allzu groß, denn für die theologische, die juridische oder philosophische Fakultät, ist mit dem Vorhandensein einer nicht allzu großen Anzahl von Sälen für die Vortragssäte und die Seminare zum großen Teile schon die Vorbereitungen getroffen. Ter Rest ist Sache der Professoren und der Bibliotheken. Tie Nostrifizierung der Zeugnisse wird von diesen Studenten als eine conditio sine qua non kaum betrachtet werden, denn bei all diesen Studien kommt es in erster Reihe auf das Moralische des Effekts an, und nicht auf den praktischen Nutzen der Zeugnisse. Und dieses soll eigentlich auch bei der ganzen Universitätsgründung der Fall sein. Nicht der praktische Erfolg soll ersrrebt werden, sondern der moralische Erfolg für das Judentum. Deshalb sind auch die Vorwürfe, die Dr. Thon im ״Wschod" gegen die einzelnen Fakultäten einer hebräischen Universität ansührt, nicht gerechtfertigt; denn alle gehen vom rein materiellen Gesichtspunkte aus und ein solcher kann und darf hier nicht erstrebt werden. Die theologische Fakultät soll uns einen Kreis von modern geschulten, aber im übrigen auch orchodox erzogcnen Rabbinen erziehen. Tie jüdisch-theologische Universitätsfakultät soll den katholisch-theologischen Fakultäten gleichen, wo Geistliche. Vorsteher der Kirche, Bekenner sogar der antimodcrnistischen Dogmen als Profefforen tätig sind und dennoch in bester Eintracht mit den Professoren der anderen Fakultäten leben. Ein Verlangen, das gerade wir Juden in den theologischen Seminaren die letzten modernen Erfolge der Wissenschaft verteidigen müffen, ist nicht. gerechtfertigt. Nicht der Arme und Schwache, sondern der Reiche und Starke hat Muße und Zeit für Proben und Versuche. Wir aber wollen auf alter Bahn weiter schreiten und nicht durch eine solche Universitätsfrage ein zweites Jaffa- Gymnasium-Problem für den Zionismus und dessen Parteien heraufbeschwören. Wenn man den Frommen die theologische Fakultät läßt, werden auch diese so gute Bürger sein im Zionismus, wie die Katholiken in allen Ländern, und werden auch gegen die freieste Forschung auf der philosophischen Fakultät nichts einwenden. Und eben diese hebräische Universität loird dann das Bercinigungssymbol für alle Juden im Zeichen des Zionismus sein. Auch die juridische Fakultät ist leicht konstruierbar und von großem Nutzen. Herr Dr. Thon soll doch die österreichischen Verhältnisse kennen, wo die Zöglinge einer slawischen Universität an deutschen Gerichte» und umgekehrt ordnungsmäßig amtieren und ihre Parteien zu deren Zufriedenheit vertreten. Schließlich haben wir Juden doch auch ein eigenes Recht, dessen Kenntnis. Erforschung und Studium von großem Nutzen, gerade für uns Juden ist und dann ebenfalls gelehrt werden könnte. Und gar die national-ökonomischen Probleme, das Studium der alten Rechtsbücher, das von den normalen Rcchtsfakultäten verlangt wird, solches ist doch sicher auch in hebräischer Sprache leicht durchführbar: nicht ini mindesten schwerer als die philosophische Fakultät, deren Konstruktionsmöglichkcit von jedermann zugegeben wird. Eines freilich muß als oberster Grundsatz gellen, daß Universität und Kolonisation zweierlei sind, zwei auch dem Wesen nach ganz verschiedene Tinge, mit welchen ganz verschiedene Ideale erstrebt werden. Lo bechail we'lo bekoach. ki im beruchi: die Universität kann höchstens als eine geistige Basis eines geistig zu erstrebenden Erfolges betrachtet werden; während die Kolonisation als die materielle Basis eines materiell zu erreichenden Erfolges betrachtet wird. Dieser Gegensatz der Ziele, deS Geistigen gegen dem Materiellen, das ist der Gegensatz, der seit Gründüng der Kongresse als Gespenst auf allen Kongressen herumspuckt. Er kommt jedesmal in einer anderen Form zum Ausdruck und entfacht jedesmal einen anderen Sturm. Denn das Geistige, das ist das Ideal Achad-Haams, im Gegensätze zum politisch-materiellen» das das Ideal Herzls war. Wenn heute Herzls Nachfolger eine Universitätsfrage aufrollen und dieser ein Gewand des materiell-praktischen geben wollen, dann müffen diese Hüllen entfernt werden und das Kind beim eigenen richtigen Namen genannt werden. Eine Universität, das ist und bleibt die erste, die größte Bafis eines geistigen Zieles, eines Zieles, das bis heute die Zionisten auf den Kongressen nicht anzustreben pflegten. Wenn aber heute Uffischkin diese Fahne aufrollt, daun isl dieses das deutlichste Zeichen, daß jetzt alle Zionisten in der Meinung einig sind, daß das Endziel des Zionismus vor allem im Geistigen liegt. A. Sch. Cers Beer und seine Zeitgenoffen. (Schluß.» Von Tr. Dt. H. F r i c 5 1 ii n 0 0 r. Nicht minder begeistert stand auch H. Heine, der heute noch von den Teutschen verfolgt und gehaßt wird, für seine StammeSgenossen ein. ״Ich sehe jetzt," sagte er, ״die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloß ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung lind des Elends. Ich habe sie seitdem besser kennen und würdigen gelernt, und wenn nicht jeder Geburtsstolz ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte ich stolz sein, daß meine Ahnen dem edlen Hause Israels angehörten, daß ich ein Abkömmling jener Märtyrer bin, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und aus allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben." Mit wahrer Begeisterung verherrlicht er die heilige Schrift, die Bibel: ״Tie Inden sollten sich trösten," schrieb er, ״daß sie Jerusalem und die Bundeslade eingebüßt haben; solcher Verlust ist nur geringfügig im Vergleiche mit der Bibel, dem unzerstörbaren schätze, den sie gerettet. — Tie Wiedererweckung meines religiösen Gefühls verdanke ich jenem heiligen Buche und dasselbe ward für mich ebenso sehr die Quelle des Heils, als ein Gegenstand der feurigsten Bewunderung! Ich glaube, mir schmeicheln zn dürfen, daß mir der Charakter des Moses in der ersten Abteilang des heiligen Buches (des Alten Testaments) einleuchtend ausgegangen ist. Tiefe große Jigur hat mir nicht wenig iinponiert. Welche Riesengestalt! Wie klein erscheint der Sinai, wenn der Moses darauf steht! Tiefer Berg ist nur das Postament, woraus die Jüße des Mannes stehen, dessen Haupt in den Himmel hineinragt, wo er mit Gott spricht. — Ich hatte Moses früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich, weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war und ich dem Gesetzgeber die Juden seinen Haß gegen alle Bildlichkeiten, gegen die Plastik, nicht verzieh. Ich sah nicht, daß Moses trotz seiner Befeindung der Kunst, dennoch selber ein großer Künstler war und den wahren Künstlergeisr desaß. Nur war dieser Künstlergeist bei ihm, wie bei seinen ägyptischen Landsleuten, nur auf das >U)lossale und Unverwüstliche gerichtet. Er baute Meuschenpyramiden, meißelte Menscheuobelisken, er nahm einen armen Hirtenstamin und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahr- Hunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte: er schuf Israel. — Wie über den Werkmeister, habe ich auch über das Werk, die Juden, nicht immer mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen. Tie Geschichte des Mittelalters und selbst der anderen Zeiten hat selten in ihres Tagesberichte die Nainen solcher Ritter des heiligen Geistes eingezeichnet, denn sie fochten gewöhnlich mit verschlossenein Visir. Ebensowenig die Taten der Juden, wie ihr eigentümliches Wesen sind der Welt bekant. Mau glaubt, sie zu kennen, weil man ihre Bärte gesehen, aber mehr kam nie von ihnen zum Vorschein, und wie im Mittelalter, sind sie auch in der modernen Zeit ein wandelndes Geheimnis. Es mag enthüllt werden an dein Tage, wovon der Prophet geweissagt." ״Ja, den Juden, denen die Welt ihren Gott verdankt, verdankt sie auch dessen Wort, die Bibei; sie haben sie gerettet aus dem Bankrott des römischen Reiches, und in der tollen Raufzeit der Völkerwanderung bewahrten sie das teure Buch, bis es der Protestantismus bei ihnen aufsuchte und das gefundene Buch in die Landesspräche übersetzte und in alle Welt verbreitete. Im Norden von Europa und Amerika hat sich das Palästinatum so geltend gemacht, daß man sich dort unter Juden versetzt glaubt. — Ich will nicht reden von den meisten neuen Genieinden der Vereinigten Staaten, wo man das alttesta- Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer Bolkskalender"׳

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