Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1913)
- Date
- 1913-08-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ab. — Bert der Bacher. — Probleme des Zionismus. — Salzburgcr Brief. — Tie Eidesformel, welche die Täuflinge vor dem Geistlichen zu leisten haben. — Aus der Jafsaer jüdischen Gemeinde. — Russisch-jüdische Emigranten. — Zionismus u. Patriotismus. — Rundschau. — Korrespondenzcn. — Tie hebräische Universität in Jerusalem. — Eerf Beer und seine Zeitgenossen. — Das zweite Quartal der ״Jüdischen Welt". — Literatur. Zum 9. Ab! Motto: Geht eine Stadt zugrunde, so kommen Josua und Sernbabel und bauen sie wieder auf; geht ein Volk zugrunde, wer soll da helfen? A ch a d H a a in. Mehr als achtzehn Jahrhunderte sind nun verstrichen, da der 9. Ab zu einem Trauertage gestempelt wurde. Fast zwei Jahrtausende sind nun verflossen, da das göttliche Zion ein Raub der Flammen geworden und die Söhne Israels in das Goluth wandern mußten. Mit Trauer und mit Stolz denken wir au jene Tage zurück, an den Untergang Zion, an den Verlust des jüdischcn Staats, mit Stolz an die Heldentaten unserer Väter, die der Weltenmacht der Römer wackeren Widerstand geleistet, mit Stolz an die Helden von Sotapa, Giskala und Massada. In! heißen Freiheitskampfe gegen der mächtigen Feinde Uebermacht, auf dem Schlachtfelde gegen die Legionen des weltbeherrschcnden Rom, war Israel unterlegen. Rom war Siegerin geblieben. Feuilleton. Bert der Bacher.*) (Aus ״Ghetto" von M. S t e i h a r d t. Verlag Gustav Engel.) (Schluß.) Heiße Tränen rannen dem Manne über die Wangen, und mitleidsvoll sahen ihn die Umstehenden an. Tas war die allwöchentliche Erzählnng Berls. So ging er mit Grain und Kummcr im Herzen seiner Wege, doch voll froher Hoffnung, seine Channe im Jenseits, im Gan- Eden (Paradies) einst wiederzusehen. An jedem Rosch-Chaudesch (Monatsfeier) sah man Berl am Grab Channes heiße Gebete verrichten, und gestärkt kehrte er stets in seine Hütte zurück. Roch ein schwerer Kummer war es, der ihn drückte und der auf seiner Seele lastete. Mit bangem Herzen sah er stets dem Schownaufest (Pfingsten) entgegen, und nervöse Unrulfe be-!nächtigte sich seiner. Vor mehreren Jahren war es, am Vorabend des genannten Festes. Die Zworach-Kuchen (Käsekuchen) lagen aus kleinen Judäa sah seine Kinder in die weite Welt hinauswandern. Mehr als achtzehn Jahrhunderte sind nun verstrichen. Rom unterlag dem Ansturm der Völkerwanderung, die heidnische Kultur ward in Stücken geschlagen. Andere Völker kamen, eine neue Kultur wurde geschaffen. Rom mußte das Schicksal Jerusalems teilen. Mit Rom schwanden die Römer zugleich. Ihre Sprache und Namen sind zurückgeblieben. Palästina ging zugründe, seine Festungen zerstört, seine Städte verbrannt, seine Kinder vertrieben. Aber heute nach fast zwei Jahrtausenden, da lebt eine gesundes, kräftiges Judenvolk, das täglich das Gesicht nach Osten zum heiligen Zion wendet. Heute nach mehr als 18 Jahrhunderten, da feiern die Juden den großen, historischen Tag des 9. Ab, an dem ihre Väter ruhmreich gestritten, da werden jene, uralten, herzerschütternden und hochergreifenden Lieder Jeremijahus gelesen. Heute nach so vielen Jahrhunderten, sehen wir die Söhne des alten Judenvolkes, die die Zionsliebe mit der Muttermilch einsaugten, einen Tag in Trauer und Fasten zubringen. Alle großen Völker der Vergangenheit, alle jene, vor deren Waffen die Welt erzitterte, schwanden dahin, Aschur und Babel, die Pole des Ruhmes, Griechenland und Rom die Symbole der Kunst und .Kraft, sind dem Wetterstrahle der Vernichtung unterlegen. Israel, das verachtetste von allen, der Spielball jedes Pöbeljungen, von allen verfolgt, genarrt, gehänselt, hat sich durch alle Fluten der Verfolgungen tapfer durchgerungen. Wir stehen heute vor der ans Wunderbare streifenden Tatsache, daß ein Volk von einem fast erschreckend hohen Alter nach 18 Jahrhunderten der Vaterlandsberaubtheit, der Zerstreuung der unerbittlichen und allgemeinen Verfolgungen, dennoch so kräftig und so lebend ist. Eine so unermüdlich tätige Feindschaft, der allen historischen und Psychol. Gesetzen zufolge die endgültige Zermalmung und Ausrottung des Judenvolkes hätte gelingen müssen, hat es vielmehr gekrästigt, widerstandsfähiger und unbe- und großen Backblechen vielverheißend aus der Erde. Das Feuer im Backofen war in der richtigen Temperatur, und Berl freute sich schon im Innern aus das Lob der Gemeinde. Doch mit des Schicksals Mächten konnte selbst Berl keinen ewigen Bund flechten. Berls Mutter lag krank im Bett und er mußte sich zu ihr in die Stube begeben, um ihr eine Labung zu reichen. Diesen unbewachten Moment benützten einige lose Frevler, indem sie von mehreren Becken dem Teig den süßen Inhalt entnahmen, und die leere Hülle wieder zuklebten. Berl weilte länger als er beabsichtigte, und draußen stand schon eine Menge harrender Kunden. Erregt über diese Verspätung, begann Berl das Versäumte rasch nachzuholen, stieg in die Grube und schob die Becken und Näpfe flugs inden Ofen. Es geriet alles prächtig, Berl war seelenvergnügt. Am andern Morgen ließ ihn der Gemeinde- Vorsteher rufen. Berl konnte sich nicht enträtseln, was diese Vorladung zu bedeuten hätte. Es war noch nie vorgekomnien, daß ihn jemand rufen ließ. Klopfenden Herzens trat er seinen Weg an. Er traute seinen Augen kaum, als ihm die KLchin des Vorstehers die käselosen Kuchen zeigte. Die Erbitterung über diesen Bubenstreich raubte Berl die Stimme, und geknickt sank er in den zwinglicher gemacht. Da begreifen wir erst die tiefe, fast übermenschliche Weisheit unserer Gesetzgeber, die es verstanden haben, ein unfehlbares Mittel zur Erhaltung des Daseins und selbst zur Jugendlichkeit zu finden. Einen Zaubertrank, der bereits 2000 Jahre seine Schutzkraft gegen den Tod bewahrt hat. Das römische Volk beherrschte die Welt. Seine Führer gaben ihm: ״Panem et circenses" (״Brot und Schauspiel"), das heißt unmittelbare, praktische Befriedigung. Daran ist es jämmerlich zugrunde gegangen. Zu gleicher Zeit gab jener große Zionist der Vergangenheit, Jochanan den Sakkai, dem unterjochten, aus allen Wunden blutenden, seines Vaterlandes beraubten Volke Vorderajien ein in die FeMe blickendes Ideal und dieses Volk lebt heute zu dieser Stunde. Dieses Volk mochte man verfolgen, verhöhnen, in Ghetti sperren, ihm Land und Leben, Licht und Luft rauben, seinen Rücken mit schwerem Joche krümmen: es blieb im Geiste stolz und aufrecht. Furchtlos schaute es seinen Henkern ins Gesicht, trotzig hat es den nicht zu überwindenden Gefahren die Stirne geboten. Vor den Schwertern der heiligen Kreuzfahrer, vor dem lichterlohen Scheiterhaufen, stand Juda kühn und bot ihm trotziges ״Nein!", denn in ihm lebte die Hoffnung fort, welche der wirklich in die Zukunft sehende Jechanan ben Sakkai in das jüdische Herz gepflanzt hat. In seiner talmudischen Hochschule zu Jabneh, hat er den Grundstein zum ewigen Fortbepanoe des Judenvolkes gelegt. Tort wurde den jüdischen Jünglingen jene Hoffnung eingeflößt, die unser Volk durch die Jahrhunderte grauenvollster Verfolgungen getragen hat. In jenen düsteren Tagen des Mittelalters und der Neuzeit, hat der Glaube an den Satz: ״leschonoh haboh biruscholajim" den Juden neue Hoffnung und Zuversicht gegeben. ״Leschonoh haboh biruscholajim" muß nun auch unser Leitstern sein. Und wenn wir am Vorabend des 9. Ab mit der Trauerkerze über die Klagelieder jirmajahus gebückt sitzen, so mögen wir nicht dabei an unsere große und heilige Pflicht vergessen. Ter Fasttag Küchenstuhl. Als er wieder aus dem Heimweg war. öffneten sich einige Fenster der Gasse, und aus diesen rief man nach ihm. Wie von Sinnen blieb er stehen, und bei einem Fenster wurde ihm der Käsekuchen hinausgereicht. Er starrte ihn an. Doch was hals es, der Kuchen war da, der Käse fehlte. Wie konnte ihm, dem nahezu Unfehlbaren, so etwas passieren! Das Geschehene war nicht mehr zu ändern, aber Berl wurde seit jenem Tage ein Menschenfeind, und überall glaubte er das Unglück auf ihn lauern zu sehen. Scheu schlich er des Abends in die dunkelnde Gasse, um seinen bescheidenen Bedarf einzuholen, bei Tag fürchtete er gesehen zu werden; er mied die Menschen. — Nur Freitag nachmittag, wenn es an seinem Backofen rege zuging, taute er für kurze Zeit ein wenig auf, versank aber bald wieder in tiefe Wehmut, wenn ihn die Mädchn veranlaßten, ihnen von seiner Channe zu erzählen. Während Berls Mutter noch am Leben war, fühlte er sich wie ein Kind, abhängig von der Leitung und dem Rat Zipperls. Sie nahm ihm alle trüben Gedanken fort und für alles hatte sie Trostworte. Als Zipperl starb, wurde Berl erst die Größe seines Unglücks gewahr und seine Einsamkeit machte ihn noch freudloser. Er vernachlässigte seinen Beruf, kein Feuer wollte recht Soeben erschienen: ״Hickls Jüd. Volkskalenver u