Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1913)
- Date
- 1913-07-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Srite 10. ״Jüdische Bvlksstimme." Nr. 31. tempcl, der zu großen Streitigkeiten im Judentume Veranlassung gegeben. Einen mächtigen, schwer zu besiegenden Gegner hatte dieser Tempclverein an dem Harnburger Chacham Jsak Bermays, der sich durch ungewöhnlichen Scharfsinn wie durch eminente Gelehrsamkeit auf dem Gebiete der jüdischen Literatur sowohl als auch auf dem der profanen Wisienfchaften vorteil- Haft auszcichrretc. Obwohl die Reformen des Hamburger Tempels von den hervorragendsten talmudischen Autoritäten des In- und Auslandcs als unzulässig erklärt worden, wurden sic später dennoch in vielen großen Gemeinden, wie Wien. Prag. Pest, Berlin. Breslau usw. wenn auch etwas modifiziert, eingeführt. Reben Klei^virkte auch Gotthold Salomon nn Hamburger Tempcl als Prediger, der durch seine^ausgczcichnete Rednergabe zur Prosperität des Tempels wesentlich bcigetragen hatte. Während das Judentuin durch die Zerklüftungcn, die die Kreierung des Neformtempels in Hainburg hervorgerufen hat, in seinem Innein gewaltig erschüttert wurde, begann der äußerc Feind sich aufs neue zu regen und ihm recht derbe Wunden bcizubringcn. Nachdem die Franzosen besiegt und die Kraft des großen heldenmütigen iRapoleon lahmgelegt war. kannte der Uebermut der Deutschen keine Grenzen mehr. Vor allem waren sie bemüht, ihr Mütchen an den schwachen wehrlosen Juden, die ihre errungene Freiheit den Franzosen und der französischen Revolution zu verdanken hatten, zu kühlen. Obwohl eine stattliche Anzahl von jüdischen Jünglingen sich an dem Befreiungskriege (1818—1815) recht lebhaft bcteiligte, obwohl die Inden Deutschlands sich ihr Heimatsrecht mit den Tränen der Mütter und mit dem Blute ihrer Söhne, die auf dem Felde der Ehre für Thron und Vaterland gefallen sind, erkauft und ihren Patriotismus durch die großen, unerschwinglichen Opfer, die sie auf dem Altar des Vaterlandes gebracht, bekundet hatrcn, dachtcn^die wieder zur Macht und Herrschaft gelangten Fürsten denn doch nicht daran, ihr Versprechen, das sic den für jac in den stampf gezogenen Juden gegeben, zu halten und deren gerechten Wünschen zu entsprechen. Judenfeindliche Schriftsteller, wie Nühs, Fries, Hundt- Nadovsky und wie sie sonst noch geheißen haben mögen, benützten die reaktionäre Strömung, von der die meisten Fürsten Deutschlands ergriffen waren, um ihre gefährlichen Geschosse, die sie aus den mittelalterlichen Arsenalen hervorsuchteil, gegen das aus mittelalterlichem Drucke kaum frei gewordene Israel zu richten, es in Wort und Schrift zu verdächtigen, zu verunglimpfen und an den Pranger zu stellen. Auf dem Kongresse zu Wien haben allerdings die Vertreter Preußens und Oesterreichs, nämlich die von dem wackeren M. A. v. Rothschild und der Baronin Fanny Arnstein günstig für die Juden gestimmten Minister Metternich und Hardenberg für die Rechte der Juden plaidiert, allein ihre Anstrengungen blieben fruchtlos, denn die Vertreter Bayerns und Sachsens traten ihnen entschieden entgegen. In Hannover, Vraunschwcig, Hessen wurden die Juden ihrer bereits erworbenen Freiheit aufs neue bcraubt und aus Lübeck und Bremen schonungslos ausgewicscn. In den bedeutendsten Städten, wie Frankfurt a. M., Darmstadt. Karlsruhe, Heidelberg, Hamburg usw. rottete sich der süße Pöbel unter dem von Studenten ersonnenen Rufe ״Hcp, Hep" (Hierosolyma est perdita. Jerusalcm ist untcrgcgangcn) gegen die Juden zusammcn und echt mittelalterliche Judcnhetzcn waren allcrwärts an der Tagesordnung. Gebildete Juden sowohl als auch vorurteilsfreie Christen sahen sich genötigt, das Treiben der Judenfeinde zu geißeln. Ja, selbst Renegaten — die doch sonst die größten Feinde ihrer früheren Glaubensgenossen zu sein pflegen -— wie Börne und Heine kämpften wacker für die Emanzipation der Juden und geißelten schonungslos das schmähliche Vorgehen und den schnöden Undank der Deutschen. ״Der Judenhaß," sagt Börne, ״ist einer der pontinischcn Sümpfe, welche das schöne Frühlingsland unserer Freiheit vcrgiften. Man sieht die hoffnungsvollen Freunde des Vaterlandes mit bleichen Gesichtern hoffnungslos nmhcrwandcln. Der deutsche Geist wohnt auf Alpcnhöhcn, aber das deutsche Gemüt keucht in feuchten Marschländern." Holst will die Juden totschlagen, und wenn sie sich zur Wehr setzen, wendet er sich zum Kreise seiner Zuschauer und spricht: ״Da sehen Sie. wie recht ich habe, wenn ich die Juden beispiellos frech nenne; sie wollen nicht dulden, daß man ihnen noch so wenig den Kopf abschlage, und muksen." — Sind dick Juden schlechte Väter, verdorbene Söhne, verbuhlte Mütter, verräterische Freunde? Morden, raubcn, stehlen sie? Kennen sie den Ehebruch, die Trunkenheit, die Schwelgerei, die Spielsucht, vertaumeln sie ihr Leben in Sinnenlust? Wenn sie das wären uird täten, dann hätte es der Verfasscr sicher gesagt. Aber nein, sie berühren das Wasser kaum mit den Fingerspitzen, sie nehmen 20 Prozent, sie gewinnen aus 10 Ellen Ware ein Achtel Elle, welches bei einem jährlichen Absätze von 10 Millionen Ellen einen betrügerischen Gewinn von 100.000 Ellen machen würde! Ihr haßt die Juden nicht, weil sie es verdienen, sondern weil sie verdienen. (Heute nach 90 Jahren haßt man sic, wenn sie auch nichts verdienen. Selbst die blutarmen jüdischen Hausierer werden jetzt verfolgt und den größten Gefahren preisgegeben.) — Was ihr Menschenrechte nennt (die ihr den Juden allenfalls einräumt), das sind nur Tierrechte usw. — Ihr Herren von Frankfurt, Hamburg, Lübeck und Bremen, antwortet mir! Ihr klagt, die Juden ergeben sich alle dem Schacher! Ich lasse mich nicht abweifen, ich will Antwort haben. Ihr Herren von Frankfurt, sagt mir: Warum sollen nur vier jüdische Aerztc, warum sollen gar keine Juden Advokaten werden? Noch vor zwanzig Jahren habt ihr in einer freien Stadt ebenso gegen Katholiken gewütet, als ihr jetzt gegen die Juden wütet.... glaubt ihr nicht, daß ein Tag kommen wird, der euch befiehlt, auch die Juden als eure Gleichberechtigten anzusehen? Aber ihr wollt gezwungen sein! Der Deutsche ist taub. Freiwillig wollt ihr nicht, das Verhängnis muß euch bei der Brust packen und euch hier und dort- > hin schleppen. Schämt euch!" Zum Schluffe bemerkt Börne: ״Ich liebe nicht den Juden, nicht den Christen, ich liebe sie nur, weil sie Menschen sind und zur Freiheit geboren. Freiheit ist die Seele meiner Feder, bis sic stumpf gelvorden oder meine Hand gelähmt. Die neue Verfolgung, welche die Juden im ungelehrigen Deutschland erduldet, ist frisch aufgelebt, sic hat sich nur aufgerafft im letzten Kampf des Todes. Die Flamme des Hasses lodcrt noch einmal hell auf, um rosig zu erlöschen. Das tröste die Leidenden."*) (Schluß folgt.) Literatur. Neue Lieder. Verlag Mor. Schauenburg, Lahr, Baden. 2 Mark. Die von! Verlage des ״Allgemeinen Deutschen Kommersbuches״ für die kämmende 100. Auflage des Kommersbuches durch ein Preisausschreiben gewönneneu neuen Lieder liegen nun in einem soeben erschicncncn Sammclheftc vor. Dieses enthält zunächst die drei Prciskompostlioncn von Philipp Gletscher, sodann 13 weitere vom Preisgericht zur Veröffentlichung besonders empfohlene Kompositionen, zu den von den Herausgebern des Kommersbuches ausgewähltcn Liedcrtcxtcn. Die neue Liedcrsammlung bildet eine Ergänzung der großen vielbändigen Klavicrausgabe zum Kommcrsbuchc, weshalb die Lieder auch für eine, mitt- Icrc Singstimmc mit Klavierbegleitung gesetzt sind. Dem elegant ausgeslaticten Hefte, sind die Bildnisse des- Preisträgers und der Preisrichter beigegeben. Angenehme Reise. Herausgegebcn von der Wochenschrift ״Muskete". Verlag M. Pcrlcs, Wien. Unsere besten Humoristen haben sich in diesem Büchlein zusammengctan, uns die Zeit zu kürzen, wenn im Eoupcc;ich die Langctvcilc niederträchtig an uns hcranmacht oder wir verdrossen im Zimmer sitzen, indes drausscn die Wasser vom Himmel stürzen und nicht besser hätte cs ihnen gelingen können. Bald ein lustiger Witz, bald eine humorvolle Erzählung, ein ulkiges Bild, *) Der gute Mann hat sich aber sehr getäuscht, denn selbst im gelehrigen Deutschland ist der alte Judenhass vor ungefähr vier Dezennien, nachdem zahlreiche Juden auf den französischen Schlachtfeldern für das deutsche Vaterland gekämpft und geblutet, neu erwacht und hat dem Judentumc Wunden beigcbracht, die noch lange nicht vernarben wollen. Und dennoch schwärmen so viele Assimilantcn — die in nichtjüdischcn Kreisen Ehrcnstcllcn sich so gern ergattern möchten — in polnischen Gegenden für die Polen, in böhmischen für die Tschechen und in deutschen Landen für die Deutscheu, opfern ihnen bereitwilligst ihre heiligsten Güter, ihre konfessionellen Schulen. Und welchen Dank ernten sic dafür?? mitunter auch ein bissiges Satirchen, so rücken sie, ein Heer frohgemuter Gesellen,-der Langeweile zu Leibe und — sie muss sich ergeben. De sh. A. Schnitzler: Frau Beate und ihr Sohn. Verlckg S. Fischer, Berlin. Brosch. Eine Novelle nennt Schnitzler sein letzterschienencs Werk, ״Frau Beate und ihr Sohn", das, falls in gebundener Sprache geschrieben, nach Fug und Recht, eine Tragödie heissen müsste. Hervorzukehren ist in dieser Schöpfung Schnitzlers ausser der feinen Charakteristik des bürgerilchen Milieus, die wir an Schnitzler stets bewundern müssen, die zwingende Notwendigkeit, die den tragischen Abschluss der Novelle herbeiführt. Es ist eine grausame, harte Lösung, aber die natürlichste und edelste. Wohl ist der Tod eine schwere Strafe für das sündige Genießen in einem kurzen Sinnentaumel, aber könnten wir uns vorstellen, dass Frau Beate, beschmutzt und von der Moral heuchelnden Umgebung gemieden, das Leben einer Verfehmten weiterführt? Dies könnte nur einem unbeugsamen Charakter eines trotzigen Mannes zugemutet werden, doch nicht dieser weichen Frau. Von den Nebengestalten der Novelle hebt sich Frau Fortunata ab, deren geistreiche, der öffentlichen Meinung widersprechende Ansichten in gewisser Hinsicht an Lord Henrys gedankenvolle Paradoxe im Dorian Grcy erinnern. , Zum Schluss erwähnen wir noch, dass dem Dichtcr hier die Erfahrung und das Verstehen des Arztes zugute kontmt, der wohl weiß, dass die Leidenschaft wie eine Sturzwelle den Menschen überflutet — ״ob eS nicht in der Luft liegen mag in diesem Jahr" — alle Dämme der Moral wcgschwemmt und die Leidenschaft nach jahrelangem Schlafe zur schrankenlosen Herrschaft bringt. Desensy. Marie Dicrs: Feind und Erbe. (Verlag Felix Lehmann, Berlin.) Dr. Hans Ludwig ist ein schlechter Arzt, welcher trotzdem von den Patienten überlaufen wird. Umso schrecklicher ist dann der jähe Zusammenbruch, der nur durch die kollegiale Hilfe des anderen Stadtarztes gemildert wird. Die Tragik seines Lebensschicksals liegt in dem Widerstreit zwischen Neigung und Beruf. Trotz seiucr Vorliebe für Musik ergreift er der Tradition seines Hauses entsprechend, den ärztlichen Beruf. In seinem Sohne konimen scheinbar wieder die Anlagen seiner Ahnen zum Vorschein und er wird ein Arzt mit Leib und Seele. H. Viktor: Der Lebenssicger. Verlag'der Organisation, Th. Hoffman, Charlottenburg. Wenn für die und jene Wissenschaft Lehrbücher existieren, in denen die bis nun erzielten Resultate und Erfahrungen niedcrgelcgt sind und so dem Anfänger cs ersparen, aus eigener Kraft zu diesen Kenntnissen zu gelangen und ihm dadurch die weitere Bervollkommnung erleichtern, um wieviel mehr Berechtigung verdient ein Buch, das die im Lebenskämpfe erworbenen Erfahrungen in geistvollen Reflexionen bietet? Und ein solches Buch ist das Hugo Viktors. Es zeigt nicht nur dem Starken den richtigen Weg zur Betätigung seiner Kräfte, es weist auch dem Schwachen die Mittel zur Erstarkung und eine Welle neuen, frohen Glaubens und starken Mutes geht von diesem Buche aus. Und manchem kehrt bei seiner Lektüre der Glaube an jenen schönen alten Satz zurück: Wenn eines ist gewaltiger als das Schicksal, so ist's der Mensch, der's unerschüttert trägt. A. Halbcrt: Die rote Kugel. (Hans Sachs-Verlag, München, brosch. 1 Mk. 50 Pf.) Die Grundidee erinnert an Kleists Prinzen von Homburg. Drei Obersten, die das höchste Gebot des Soldaten, den Gehorsam verletzt haben, sollen erschossen werden, wiewohl nur durch ihre Disziplinlosigkeit der Sieg errungen worden ist. Cromwcll begnadigt zwei der Obersten. Ein Kind, das von der Gasse hcrgeholt wird, soll das Schicksal entscheiden. Nun folgt die schwächste Stelle der Komödie, das herbcigeholtc Kind ist — zufällig die Tochter des einen Obersten und steckt ihrem Vater die verderbenbringende ״rote Kugel" selbst in die Hand. Die Personen des Stückes ebenso wie der Konflikt zwischen Pflicht und Menschlichkeit der Richter sind trefflich geschildert. Nicht zu entschuldigen ist, dass dem Zufall eine so grosse Rolle eingcräumt wird, so dass daS Stück zu einer ״Schicksalskomödie" wird. vr Rudolf RaMcky S«v. ttHtr der I.cblrg. JTOteiling 4 er £an4c*fcrankenantf«It wobnt: €cke Xerdlnandeeasse und 3obanne$0a$$e <»»«,«, «><»••) ordiniert 11-lled von 2 »is 4 Ubr n»cd>. Femrpreedef 01• 803. ר 81 Soeben erschienen: ״Hickls Jüd. Volkskalender". 4-