Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1913)
- Date
- 1913-07-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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?1?'./ -ff"?*4 י?”V Nr. 31. X1V./II Jahrg. Beilage zur ,Wiener Ins. Bolksftimme'. 31. Juli 1913 Seite 9. herauszulesen glaubt. Der Mann ist nicht zu Hause, und ist aber auch hier selten anzutreffen. Das blasse Gesicht der armen Frau mit den eingefallenen Wangen verrät cs zu deutlich, daß während ihr Mann außerhalb des Hauses in der Politik gegen die Gegner en Masse für das Ideal kämpft, sie indessen einen Kampf im Haushalte für ihre Kinder führen muß. Sie ist schon vom Einzelgefechte mit der Armut, vom Geplänkel mit den Gläubigern ganz abgehärmt und er- Politiker. Von B. Nippel, Czernowitz. In der großen Welt, bei allen Nationen, unter allen Volksschichten gibt es opferwillige Menschen, die, nachdem sie sich gesicherte Lebensexistenzen begründet, sich dann auch in den Dienst ihrer Mitmenschen, ihrer Nation stellen. Ihr Wirken besteht nun in der Regel darin, daß sie an den Vorgängen sim öffentlichen Leben teil- Die Kinder verkümmern, und die Fanehmen und m selbstloser Weise den Mümenm1t£ zuweilen mit.dem Hunger manche schen auf verschiedenerler Art Beistand leisten׳, J^^probe bestehen. Denn der klingende Nanie sie werden P o l 111 k e r. . , ״ ' ihres Erhalters ist noch keine bare Münze und Be! den Volksmassen aber sind olche Leute 8 e Gläubiger sind schon am Rande ihrer Ver- Politiker, die wenn auch unaufrichtig, allerlei trauensieliakeit Redensarten von ״Kampf fürs Volk" ״Opfer Ist «per nun in der Tat die Armut der Bostrr d,e Bruder , Streit für die Genos en mb' b bag Edle reift, und wenn aus ihrer dergleichen mehr gebrauchen, Leute die sich überschule der Stolz der Welt hervorgeht, wie manall als VolEfreunde ausgeben. Sie sind ent-Dichter behaupten, so steht diesem Helden??7 rl"6 Erwerb oder vernachlassi- ^oßes bevor. Denn an ihm ist das Edelste der gen l.^chen; sie üben über alles Kritik. Wo man unb feinc Äinber icrbJn dereinst ihren sie Nicht zu finden wünscht, da sind sie anzutref-: gtol fen. Beijeder Gelegenheit bieten sie ihren Schutz, Gasthause sitzt der Handwerksmann in an, machen Zusagen, die sie nicht eiuh^ten. Über ^hlicher Gesellschaft, im Kreise der Auserwählalle Vorkommnisse wissen sie angeblich Bescheid seiner Partei. Es werden die neuesten Er- und ha,chen nach allen Neuigkeiten Ueber alle! ,- I-, in der Politik besprochen. Ta kommt Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sie *Jic sjtebe a1|f die Teuerung des Alkohols, nur beim Famillennamen (ohne Titel) nennen,b,/j•. Politiker schlägt mit der Faust auf WNienste etwas zu erzählen und der größte ^n Tisch, daß alle Gläser zusanimenklirren, in' ZW'Nalt besteht bei ihnen zwischen Reden und b ausruft: ..Schnapsteuerung! Ten, kön- Handeln. Auch gibt es noch eme Kategorie von m ^stimmen Das werden wir liicht Politikern, die sich besonders in Wahlzelten durch kn Njcht um die Burg. Freilich, große .«5er- Agitatwn, Reden und andere Betätigung hertrinken Kaffee, essen viel Fleischt genießen vorrun. Champagner — sie brauchen keinen Schnaps. I 5t a^e 1 i brauche aber diese Dummheiten nicht. Mir wenn irgendein Entgelt für ihre Leistungen; bei den f m ^׳Schluck, Hab ich den ganzen Tag Vornehmen und Uneigennützigen ergibt sich dies feh" q^petit — zur Arbeit." Der Redner wird von einem Tischgenossen zu seinem Erfolge in der Politik beglückwünscht. ״Au — weh", antwortet dieser mit wegm 1 re• cm , ■u. werfender Miene. ״Von heute an bin ich Politi- Auch a Kunst? Nur viel schimpfen, kritiin Ehren, Würden, Auszeichnungen, oder auch nur in — Undank. Die übrigen aber suchen anderswo ihren Vorteil. Es erglänzt plötzlich ein Stern am Himmel vermittelt auf, und stellt sich gleich einem Helden mütigen Freiwilligen in den Kriegsdienst, in den Kampf seiner Partei. Seine scharf geschliffene Waffe ist die Zunge und im Tadeln und Mäkeln sind die wuchtigen Hiebe, die er in den Ausfällen seiner Rede den Gegnern versetzt. sieren und das weitere kommt schon von selbst." ״Wie haben Sie aber solche Reden erlernt?" fragt der Genosse mit verstellter Neugierde. ״Das braucht man auch lernen? Fragen Sie nur meine Frau — — ich meine keinen mce-i w t.! a&. Man spricht über alles — soviel man «u p־cnn.,mJ*״ diesen Meister des geflügelten fflJtn Und in dem Ganzen findet jeder etwas WoAe^ mit den Newiern des Altertums verunter uns gesprochen," fügte er noch r£ז”' 1>^ז? e en i^1e^״n 1m ^nn im Flüstertöne hinzu, ״was hätte ich sollen an- Ile aff-rs1 v -an§?r^r 2^lt zu lhrer Ortzeit Hab ich keine. Die Zeiten sind ,s" chlecht. So Hab ich schon Beziehungen - ein Zeit schlecht veL auch ohne Bildung Reden an die F^'b^t. Einer tut mir etwas. Siahon h^^-.^'hnde daß der Mann mch früher er ןת^ (jrauc^t, der andere weil er mein Um Vorscheine kam. Aber noch kann er der fl1״rAU frtnn mir ,״״*־ belren. Es Menschheit dienen, seinem Volke, seiner Partei eine mächtige Stütze werden. Reden fürchtet. Ich kann mir schon Helsen. Es gibt ja so viel Leute, die ihre Profession ausgeben und von Stuczkis leben. — Und ich Hab ja keine Arbeit! Hab ich recht? — Was?" Leute, die, mittellos, mit Brotsorgen rin chen, die selbst nichts zu verlieren, sich freiwillig zum Kriegsdienste melden. Hier finden sie gleich Unterkunft. Im eigenen Lager werden sie ihrer Opserwilligkeit halber geschätzt und auch der Man wird über diese jüngste Himmelserscheinung neugierig, und der menschliche Geist, der-vor keinem Geheimnisse Halt macht, der & ld) { ben Dienst der Politik stellen, sind WMensdrang^versucht auch dieses Lchopsung-- Angehörigen des Mobs ^u. verglei- Aber wie die meisten plötzlichen Erscheinungen dem menschlichen Auge von der Ferne in glänzeicherer Hülle auftauchen, als sich ihre ^p^1:wUl1grett yaioer gescyapr uno aucy oer?׳ahre gestalt bei näherer Betrachtung entpuppt, Gegner beachtet ihre Zugehörigkeit zum Krieso ist e. auch hier der ^all. Nicht. ist tn1ger1]cher, rt(>rVtnnhp 7 *«!,ןrndp»ü>n sie unter dem als der äußere schein ... Der heilsverkundende Märtyrer seiner Partei ist ein gewöhnlich Sterblicher. Ein Handwerksmann, den sein Tages mühen nicht genug lohnt und noch auf Nebenbe schäftigung bedacht ihm die Politik als lich betrieb er sie aus Langweile in Vereinen, in der Folge betätigte er sich schon politisch aus purer Nächstenliebe, und zuletzt kämpft er schon gar als opferwilliger Sohn seines großen Volkes. Merkwürdigerweise stehen aber seine beiden Beschäftigungen im unausgleichbaren Gegensätze zueinander. Tenn je mehr politische Anhänger i0inr»v fmlSimm hoftr» Vnirh 1י1דווק Hm"111*״• gerstande des Feindes. Indessen sie unter den, Scheine der Pflicherfüllung, unter dem Deckmantel der Dienslbeslissenheit aus Beute losgehen Diese erlangen sie aber nur spärlich, weil w‘nrf>!ז(״* unbedeutende Dienstesverwendung sie zu- V'.u "lug- Und da hat sich bie Umgebung armer, kleiner Leute ,!ÄaZifü; V,K5' führt, und ihr Verfügungsrecht nur sehr beschrankt ist. Zuweilen erhaschen sie etwas, wenn ihre Kanieraden fallen. Während die Unterhaltung im Ga>ll1ause in anregendem Gespräche vor sich geht, tritt ein Mann herein, ein Kaufmann, der nach aUieiti־ ger Begrüßung sich dem politischen .üreise zuseiner Lehre huldigen, desto kleiner wird seine Kundenzahl. Zu eng ist der Weltenraum, wo sich dieser glänzende Komet bewegt und gar zu blaß sind die Gestirne, die mit ihm eine Bahn umkreisen. Ten Ermahnungen Franklins folgend, tritt man gebückt in einen engen Wohnraum, welcher nur sehr primitiv eingerichtet i׳t. ״Wie kommt es, daß Sie hier sind? Sie gelten doch als Gegner," wurde er von einem Beamten angesprochen. ״Ich bin kein Gegner mehr," erwiderte der Kaufmann und fhur dann fort: ״Bei Politikern gibt es weder treue Anhängerschaft, noch Hier wird man von einer inageren. blassen Frau scharfe Gegnerschaft.^ Ta hangt man den Man- und fünf Kindern mit bleichen Gesichtern em-! tel nach dem Wind. ״ pfangen. Die verwunderten Blicke und fragenden י״^, la׳ über - Mienen treffen von allen Seiten den Fremden,! ״Was kann mir das schaden? Man zeigt sich welcher in ihnen ein Begehren, ein Mahnen hier, man kommt auch zum Gegner — man hört sie beide. Manchmal brauch ich den Einen, später kann mir auch der?lndere nützen. Ich!nutz schon sagen zu diesen Rivalen, wie der Wallenskeiu: ״Was geht euer Neid mich an und mein G eschüft? Liebt oder haßt einander, wie ihr wollt; ich lasse jedem seinen Sinn und Neigung, weiß doch, was ein jeder von euch gilt." Nicht wahr, das ist das Richtige?" ״Nicht so ganz," entgegnete der Beamte. ״Tenn der ehrliche Mensch soll immer und überall Farbe bekennen. Nicht immer darf der Eigennutz das treibende Element bilden. Auch der Ueberzeugung soll man zuweilen Opfer bringen." ״D e n möchte ich gerne sehen." siel ihm der Kaufmanii^ ins Wort, ״lleberfkugung? Opter! Kommen <-ie ihrer eigenen Frau nicht in allem nach und sie werden sehen, wie es um ihre Ueberzeugung und Opfer stehen wird. Eigennutz ist bei den Politikern, wie im Leben der sestgewurzelte Stamm, um den sich in der Welt Liebe und Freundschaft ebenso wie List und Verstellung schliitgen und schmiegen. Wer anders denkt, wird verhöhnt, zurnckgedrängt uitd kommt überall zu kurz. Das sehen Sie täglich in der Politik tansendmal." ״Alles, was Sie da sagen," versetzte der Beamte unwillig, ״dürfte doch nicht überall zutreffen. Sie dürfen nicht einzelne Fälle herausnehmen, und sie als Beispiele für alle Vorgänge in Anwendung bringen. Nicht jene, welche aus Mangel an Erziehung oder aus Eharakterschwäche Fehler begehen oder ihrem Vorteile nachjagen, auch nicht solche, die moralisch und intellektuell tief unter uns stehen, sollen uns Beispiele geben. Solche, die vermöge ihrer Herknnft, ihrer Tugend und Sitte, die infolge ihrer Bildung. Klugheit und anderen Geistesgaben über uns hervorragen, diese sollen unsere Leuchte sein, nach solchen Politikern sollte man ׳ich richten."- Cers Beer und seine Zeitgenossen. Von Tr. M. H. F r i e d l ä n d e r III. Außer seinem Wechselgeschäfte betrieb Breidenbach besonders einen Handel mit Jutvelen und Schmuckgegenständen, wodurch er sich den Zutritt an den Hofen kleiner Fürsten bahnte. Durch Empfehlungen und durch seine strenge Rechtlichkeit wurden ihnr auch die Pforten grüßerer Höfe geöffnet und ihm verschiedene Ehrentitel gespendet, insbesondere von dem Laudgrasen zu Kassel, vom Fürsten;11 Fsenburg-Bierstein und von dem späteren Großherzog Ludwig des Ersten zu Darmstadt, dessen Bruder Prinz Emil, Breidenbachs Hausfreund war. Durch die Konnerion wurde es ihm möglich, ieineu Einfluß zugunsten der Juden bei Abschafsung des Leibzolles geltend zu machen. Nebenbei sei bemerkt, daß der bekannte Hebraist Wolf Heidenheim zu den intimsten Freunden Breidenbachs gehörte, von dem er kräftigst unterstützt wurde. Jakobssohns Schwager, Jsnk Herz Samson, gründete 1807 in Wolsenbüttei nach dem Mniler der Seesener Schule eine Lehranstalt, aus der hervorragende Männer tvie Zunz und Ion hervorgingen. Auch in Kassel, wo das westfälische Konsistorium seinen Sitz hatte, gründete Jakob- ]01)11 1800 eine Schule mit der auch eine jüdische Lehrerbildungsanstalt verbunden wurde. Wie in Kassel und Seesen war Jakobsohn auch in Berlin, wohin er 1817» nach dem Sturze des westsalischen Königreiches übersiedelte, bemüht, in dem von ihm errichteten Bethause den geregelten Gottesdienst mit Ehoralgesang und deutscher Predigt einzuführen. Dieses Betbaus bildete gleichsam die erste Pflanzstätte für angehende jüd. Prediger. I. Anerbach. Klei 11. E. H. Günsbürg haben sich in deinselben praktisch als;Ited- »er ansgebiidet. Als jedoch die streng Konservaliven gegen die Jakobsohnschen Reformen Beschwerden erhoben, wurde auf Anordnung des damaligen Königs von Preußen, Friedrich Wil- Helm dem Dritten, das Jakobsohnsche gesperrt. Eduard Klei wurde bald darauf nach Hambürg als Direktor der dort neu kreierten Freischule berufen. In Hamburg benützte Klei die Gelegenheit, um dorr für die Jakobsohnschen Reformen Propaganda zu machen. Ungefähr fünfzig Familien waren für die Sache gewonnen, und so entstand 1818 in Hamburg der Reform- Soeben erschienen: ״Hirkls Jüdischer Volkskalender"׳