Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1913-07-24 · Heft 30 (24.7.1913) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 30 (24.7.1913)
Date
1913-07-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2621846-2621876--2296-2623387
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 30. XIV./Il Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jüd. Bolksftimme. 24- Juli 1913 Seite 9. Haeschkol. Hebräisches Sammelbuch für Wissenschaft und Literatur. Herausgegeben von Dr. I. G ü n z i g, Rabbiner in Loschitz. Band 7, Krakau 1018. Dieses hebräische Sammelbuch unter dem Namen Haeschkol hat sich sehr schnell in der jüdischen und namentlich in der neuhebräischcn Literatur eingebürgert und sich viele Freunde und Verehrer erworben. Bei dem immensen Fleiß und profunder Gelehrsamkeit des in der neuhebräischen Literatur wohl akkreditierten Herausgebers und bei der auserlesenen Schar seiner tüchtigen Mitarbeiter ist auch nichts anderes zu erwarten. Der vorliegende siebente Band des Haeschkol reiht sich würdig den vorhergehenden Bänden an. Hier kommen nur erstklassige Schriftsteller und Dichter zu Wort, wie z. B. Dr. S. Bernfeld, I. Lcwit, Tr. Berdiczcwsky, David Kahane, Jakob Rabbinowitz. I. Fernhof. S. L. Gordo». Dr. Felix Kanter, Prof. Weiß. Pros. M. Bloch, Eisenstadt. Pros. Bacher, Abraham Epstein und der Amerikaner N. S. Lebowitsch zu Wort. Männer also, deren Namen allein für die Gediegenheit ihrer Arbeiten bürgt. Und in der Tat enthält der vorliegende siebente Band vom Besten das Beste. Ties gilt — da wir uns vorläufig nur auf eine kurze Anzeige und nicht auf eine eingehendere Besprechung, die Referent sich für einen späteren Zeitpunkt vorbehält, beschränken —■ namentlich von der überaus gediegenen Abhandlung Dr. S. Bernfelds über die Entstehung der Chanukahfeier. Die toiffcnschaftliche Qualität dieses gelehrten Autors ist viel zu bekannt und — anerkannt, als daß sic hier besonders hervorgchoben werden müßte. Dasselbe gilt auch von dem Artikel des gelehrten Herausgebers Dr. I. Günzig über Rabbi Moses Kurdovcro. sein Leben, seine Werke und sein kabbalistisches System. Günzig. der sich durch seine Publikationen einen klangvollen Namen erworben hat. hat es meisterhaft verstanden, das Leben und Wirken dieses großen Kabbalisten plastisch darzustellcn und sein kabbalistisches System anschaulich zu schildern. Sehr originell und äußerst geistreich ist die Arbeit David Kahanes über die Ueberschristen einiger Psalmen. Kahane ist kein Anfänger der modernen Bibelkritik; er ist auch kein Freund der Hypothesen eines Wellhausen, Staade und Konsorten. Er kennt nur einen Versager der Psalmen: den alten König David. Die Ueberschristen zu vielen Psalmen, die vielen mod. Bibelkritikern so viel Kopfzerbrechen verursachten, Kahane erklärt sie aus einfachste, natürlichste u. ungezwungenste Art, so originell n. geistreich, daß man sich wundert, überhaupt an eine ״Schwierigkeit" gedacht zu haben. Freilich wird sich die Kritik, namcnllich die christliche Theologie mit den Ausführungen Kahanes noch näher beschäftigen. Ebenso wird sich die jüdische Theologic mit der Abhandlung Dr. Kanters noch näher zu beschäftigen haben. Wir lernen Kanter, dessen journalistischc und literarische Tätigkeit zur Genüge bekannt ist, auch als einen überaus tüchtigen hebräischen Stilisten und gründlichen Kenner der rabbinischen und namentlich der gaonistischcn Literatur kennen und schätzen. Was er aber über die Entstehung resp. Einführung des Eheringes als Symbol des Abschlusses des Eheaktcs sagt, kann nicht ohne weiteres Hingenommen werden, wenn auch zugegeben werden muß, daß dieser überaus fleißige und gelehrte Verfasser die einschlägige Literatur gründlich benützt hat. Viel bester ist daher seine zweite Abhandlung über eingeschlichene Druckfehler im Schulchan-Aruch. Hier zeigt sich Kanter, in seiner alten gewohnten Gestalt: klar, deutlich, örigincll und geistreich. Herrlich sind die Gedichte Lewits, besten persönliche Note auch hier zur vollsten Geltung kommt. Rührend und ergreifend zugleich wirkt namentlich das Gedicht von N. Samueli ״An meine Mutter". Dieses Gedicht verdient es. in jede moderne Sprache übertragen zu werden. Von den weiteren Gedichten seien die von I. Libuschitzky, Jakob Kaplan, S. S. Gordon, Alexander Friedmann usw. besonders rühmend hcrvorgehoben. Dies gilt sowohl in bezug auf die Form als auch auf den Inhalt derselben. Sehr intcrcffant ist die religiöse Entscheidung des Rabbi I. Moskato, aus dem schriftlichen Nachlasse des unvergeßlichen Prof. David Kaufmann s. A.. hcrausgegcben von dessen Schüler Prof. M. Weiß in Budapest. Referent behält sich vor, auf die Ausführung Prof. Weiß' in einem besonderen Artikel noch zurückzukommen. Die Novellen Samuelys (״Ter Verrückte"), Rummlers (״An der Schwelle des Gemeinen"), Fernhoss (״Ter Jauchzer"), Sablozkys (״Rachmones") usw. können geradezu als Perlen der ncuhcbräischen Literatur bezeichnet werden. Von den Rezensionen seien die besprochenen Werke erwähnt: Ozar Israel, die gesammelten Gedichte Lewits, die Wirtschaftsgeschichte Karos, Antoninus und Rabbi von Krau, The Jews in Babhlonia von Daiches, eine englische Abhandlung Buchlers Einsames Land von Münz, ״Tka Schaufor" von Dr. Freimann, Gleichniste für Reden über jüdische Angelegenheiten von Tr. Kanier-Zwittau, die Geistcsreligion von Tr. I. Ziegler, das Wasseropser von Dr. Feuchlwang, das Gebetbuch von Prof. Tr. Berliner usw. Alles in allem: der siebente Band des Haeschkol entspricht vollständig seinem Namen. Es enthält vieles, viel des Guten. Dieses Werk gereicht zum Lobe dem tüchtigen und überaus fleißigen Herausgeber Tr. Günzig als auch dem wackere» Stab seiner treue» Mitarbeite!. Tr. L. M. Q. Der Brand in Preßburg. Ein fürchterliches Feuer hat gewütet. In Schutt und Asche liegt die alte Zeit, Und alles, was sic slill und treu behütet. Versinkt in klagende Vergangenheit. Der frommen Armut enge, dunkle Gaste, Die ihre Kinder fest und treu umschlang. Der Nesterbau der ungezählten Maste, Aus deren Mitte Leid und Jubel klang, Er ist die grause Beute wilder Flammen, Und eines ungeheuren Feuers Glut, Stürzt Pretzburgs Ghettomaucrn wüst zusammen. Und Trümmerhaufen decken Hab und Gut. Zerstört das Lehrhaus und der treuesten Diener Des Höchsten vielbesuchtes Heiligtum, Zerstört das alte Stammhaus der Rabbiner Und all die alten Gaffen ringsherum. Und nichts gerettet, als das nackte Leben Und was an Gütern man zusammentrug. Als, Tausende dem Elend preiszugcben. Die fürchterliche Schicksalstunde schlug. Und sollte nur ein blindes Schicksal walten. Und wär es nur des Zufalls töricht Spiel, Wenn einem kräftig frischen Neugestalten Des Mittelalters morsche Mauer fiel? Wenn aus der Enge kahlgebrannter Wände, In denen treugeborgen sie geruht, Tie Thorarollen und die heil'gen Bände Gerettet vor des Feuers wilder Wut? Muß Ueberlebtes nicht in Asche sinke». Damit sich Neugebornes Stätten schafft. Und sehen wir nicht Zukunstshoffen winken In frischer, notbelebter Arbeitskraft? And ward das Wort des Höchsten nicht erhalten In heil'gen Schriften und lcbend'gem Geist, Der, eh' die Aschenreste noch erkalten. Des Mitleids Stimme mächtig tönen heißt? Wird nicht ein Phönix aus der Asche steigen, Ter langsam wachsend seine Schwingen regt Und in der Jahre wechselvollem Reigen Erstehen läßt, was man ins Grab gelegt? Allüberall ist tätig Neubeginnen, Und immer neu erschafft das Leben sich. Um Luft und Raum und Kräfte zu gewinnen. Und Gottes Worr zu künden ewiglich. Gertrud M a r x. Cers Beer und seine Zeitgenossen. Bon Tr. M. .y>. Jv r i e b l ii 11 D c r II. Tie noch heute!11 Frankreich bestehende Konsistorialverfassting itt ein Werk jenes Synhedrions. Wie Cerf Beer in Frankreich, haben sich Jakobsohn und Breidenbach in Tenrschland uni die Förderung der Emanzipation der Juden Verdienste erworben. Infolge ihrer Bemühungen wurde auch in Teutschland der Leibzoll abgeschasst. Israel I a k o b s o h n, 170* in Halberstadt geboren, erhielt von seinen reichbegüterten Eltern eine treffliche Erziehung. Als jedoch sein Vater durch Nnglücksfälle seines Vermögens verlustig wurde, widmete der noch im .Knabenalter stehende Sohn seine jugendlichen Kräfte der Unterstützung des VaterS. Gleich beim ersten Versuch wurde er daS Opfer eines elenden BetrügerS. Er hatte sich nämlich ,erzählt Jolowitz, zehn Taler erspart und wollte damit sein Heil versuchen; da geschah es, daß ihn in Westendorf ein Student aus dem Wirtshause anries und fragte, ob er nicht eine Uhr zu verkaufen habe? ״Jawohl," erwiderte der Gefragte, ״ich will sie gleich herholen," und lief in der Stadt umher, eine zu erhandeln. Das gelang ihm auch, und eilends begab er sich zu dem Käufer, um mit ihm den Handel abzuschließen. Die Uhr gefiel dem Studenten, und der geforderte Preis schien ihm nicht zu hoch. Doch wollte er sie zuerst einem Sachverständigen zur Prüfung vorlegen und dersprach, in einigen Stunden sich wieder im Wirts- Hause einzusiellen. Ter noch unerfahrene junge Handelsmann, nichts Arges und Falsches ahnend, vertraute!ein einziges Hab und Gut dem unbekannten Fremden. Wie schmerzlich niußte es ihm aber sein, sich bald davon überführt zu sehen, daß er von einem Schurken geprellt worden sei. Deum wer sich zur verabredeten;',eit im Gasthause nicht einfand״ das war der angebliche Student, der nach Habhaftwerden der Ubr eilends dem Wirlshauje den Aücken kehrte ans A'immerwiedersehen. Tieser Verlust war umso herber für Israel, als er ihm zum Teil iu kleine Schulden gestürzt hatte; er schreckte ihn jedoch nicht von weiteren Versuchen eines günsligeren Erfolges ab, und um ähnlichen Prellereien, wie der erlittenen, zu entgehen, trat er in Handelsgemeinschaft mit einem Glaubensgenossen, seines Alters. Das erste Geschäft, das ihnen winkte und welches kein geringeres war. als der Ankauf eines angevoteneu .Klumpen Goldes, brachte ihnen eine tüchtige Tracht Prügel ein, womit sie der Bauer regulierte, als sie das von ihm angebotene Stück Metall als Tombak erkannten. — tr*5 war ein heißer Sommertag und ermatte! von dem znrückgelegten Wege, niedergeschlagen über die vereitelte Hoffnung des Gewinstes und mißmutig über oie erlittene pöbelhafte Behandlung traten sie gebeugt die Rükehr nach Halberstadt an. Tie Kräfte von Israels Gefährten waren bald erschöpft, er konnte den Weg nicht fortsetzen, mußte im Grase liegen bleiben und der Hilfe harren, die ihin^ sein Freund zu verschaffen iub anfchlckte^ denn Israels eigene Kraft reichte nicht aus, den Ermatteten weiter zu befördern. In der Nähe des Weges lag das Kloster Hepberg. Torthin lenkte Israel seine schwankenden Schritte, klopfte zagend an das Tor und bat den Pförtner um Beistand oder wenigstens um einen ^abetrunk für seinen ohnmächtigen Gefährten. Weder die eine noch die andere Bitte ward gewährt, soudern mit boshaften Schimpfworten schloß ihm der Pförtner die Tür vor der Aase. Schon wanderte er, das Herz gebeugt, traurig zurück, da ließ sich eine Stimme vernehmen, die ihn dringend zurückrief. Es war der Prälat des Klosters, der den Vorgang erfahreil hatte und zu Israel sprach: ״Wenn du ein Stück Schweinefleisch eisen willst, so werde ich deinen Gefährten gleich herholeil lassen und eurer beiden?Kräfte wieder zu erfrischen suchen." Ties Anerbieten wies Fs rael unter Hinweis auf die mosaischen Speise verböte ab und entfernte sich mit den Worten: ״So gehe es denn, wie Gott will." Er mochte zweihundert Schritte gegangen sein, als der Prälat ihn zurückrief, ihm auf die Schulter klopfte, seine Glaubeustreue lobte und sprach: ״Ich habe dich nur auf die Probe stellen wollen und freue mich, daß du sie gut bestanden hast." Ter Abt ließ nun den ermüdeten Gefährten Israels holen, erquickte sie beide und gewann jo viel Zutrauen zu letzterem, daß er itnn mehrere kleine Lieferungen für das -Kloster anvertraute, die, weil sie immer zur;',nfriedeiiheil des Austraggebers anssielen, den Grund zu dem nachherigen Wohlstände Israels legten. (Hilb. Monatsheite, 2.. S. 2<>.!.) Wahrlich, dieser Abi verdiente zu den Ehajside umaus hoolom, die schon der Tal mud lobte, gezählt zu werden. In seinem neunzehnten Lebensjahre haue sich Israel Jakobsohn mit der Tochter des Iierzoglich braunschweigischen .Kammerageuken A. Herz Samson verehelicht. Aach dem Tode seines Schwiegervaters wurde er von dem Fürsten von Brannschweig zu seinem Hofagenteu lind Finanzrat ernannt. Diese seine neue einflußreiche Stellung hatte Jakobjohn dazu benützt, in» seineu bedrückten Glanbensgenossen die schwere Bürde ihres Lebens so viel als möglich zu erleichtern. Vor allem war er bemüht, den Fürsten von Braunschweig, dessen Gunst er sich in hohem Maße zu erfreuen hatte, dafür zu gewinnen, den Leibzoll in den Braunschweig-Lüneburgischeu Landen auszuheben; ferner gründete er in Seesen, einem Flecken zwischen Brannschweig und Göttingen, eine Schule, wodurch er sich um den Jugendunterricht jener Zeit ein schönes Verdienst erwarb. In dieser Lehranstalt, für deren Erhaltung er ungewöhnlich große Opfer gebracht, wurde armen Juden wie Ebristen unentgeltlicher Unterricht erteilt. Bei der Einweihung der zu dieser Schule erbauten Synagoge fungierte Jakobsohu selber Demnächst erscheint: ״Hickls Jüdischer Volkskalender"׳ % ׳1 I;J

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.