Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1913)
- Date
- 1913-07-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. XIV./II Jahrg.. Beilage zur,Wiener Jüd. Volksstimme. 17. Juli 1913 Seite 9. Marionetten. Von Friedrich Porges (1910). Wie jie lachen und hellauf frohlocken Die Kleinen und Beifall schrei'»! Der Kaspar will stolz auf der Brüstung hocken lind schlägt auf den Juden ein. Wie er niederkniet', um Erbarmen bat. Das will den Kleinen behagen. Jetzt jubeln sie alle, denn Kaspar hat Den dummen Juden erschlagen! Der Hanswurst wackelt mit seinem Kops, Schlägt muntere Kapriolen, Dann läßt er die Büchse herab am Zopf, Um sich den Tribut zu holen. Und lachend eilen die Kleinen hin, Tie sonnigen Kinderlcin, - Und werfen mit dankbarem, frohem Sinn Die blinkenden Kreuzer hinein. Erwartungsvoll sitzen sie wieder da. Das kindliche Herz ist entzündet, Tenn gar zu begierig sind sie ja. Was Kaspar nun Neues erfindet.... Nur von der Ecke dort aus der Bank, Wo die letzten!lieihcn steh'n. Wimmert ein Weinen leise und bang. Fliegen Tränen ungcseh'n. Schwarzlockig ein Knabe, mit Augen voll Glut, Ter hatte ausgestöhnt. Die Lippen schäumten, sie schäumten vor Wut, Ta man den Juden verhöhnt. Doch sie schwiegen. So hat es das Schicksal gelert, Sic mutzte es! Und der Schmerz Er hat nur mit lohenden Flammen verzehrt Das kleine Judcnherz. War die blutige Wahrheit nicht ihnen genug? Scheint der Hohn ihnen nicht nach Gebühr? Ihr Tchivert, ihr Kampfmittel ist der Betrug, Tenn die Brüder zahlen dafür. Sic werfen das Geld ihrem Feinde zum Fraß, Damit er sic höhnt und belacht Und sie ernten Undank und Abscheu und Hatz Und graben zum Tod sich den Schacht. Und sic selgcn dem Draht, den der Todfeind führt. Sie tanzen nach seinem Spiel, Zum Lachen, zur Lust wird ihr Herz geschürt. So ivie es der Henker will. Und sie zahlen! Ihr Auge ist blind und matt — Mir will cs übcrgeb'n — C Brüder, das eure, das blicklose, hat?licht jüdisches Herzblut gesch'n .... Vor meinem Kindesblick aber brach Des Vaters Auge voll Leid Sie rissen vom Herzen die Mutter mir, ach. Meines Lebens Herrlichkeit.... Der .Knabe schluchzt und daS Auge >0 treu Verhüllt er in wildem Schmerz Und cs ist so, als bräche mitten cntzivei Auch das blutjunge Judcnherz.... Kings tönt ivieder Lachen! Und Nimmersatt Sind die .Kleinen und klatschen ohn' Zagen, Sie jubeln, sroblocken — d e n n K a s p a r h a t D e 1! I 11 b c 11 w iede r erschlagen!.... Cers Beer und seine Zeitgenossen. Von Tr. Dc'. .s>. Jy r i 0 b I ä n b c r Mendelssohns Streben, seine Stammesgenassen von den Fesseln der tausendjährigen Knechtschaft zil befreien, fand noch und nach in den höheren Kreisen Anerkennung und Würdigung. Ter erste Schritt zur Emanzipation der Inden wurde in Frankreich gemacht. Cers Beer, ein intimer Freund Mendelssohns, Abraham Furtado, Gradis n. a. setzten alle Hebel in Bewegung, um die finsteren Wolken des Fanatismus und der Vorurteile, die den Horizont ihrer Glaubensgenossen verdnnketten, durch Wort und Tal zu verscheuchen, und die schmachvollen Ansnahmsgesetze, die sie tief zu Boden drückten, zu verdrängen. Ihren Bemühungcn war es zu verdanken, das׳, Ludwig der Sechzehnte das Leibzollgesetz anfhob. In einem Erlasse vom 2 t. Jänner 1781 erklärte der König: Wir haben wahrgenommen, daß besonders im Elsas; und beim Eingang der Stadt Straßburg die Juden einer Leibtare unierworfen sind, die sie mit dem Vieh vergleicht. Ta es nun den Gesinnungen, die wir gegen alle unsere Untertanen hegen, zuwider ist, eine die Menschheit zu erniedrigen geeignete Steuer fortdauern zu lassen, befehlen wir, das; fortan in dem ganzen Umfange unseres Königreiches die Juden befreit sein sollen von Leibzoll-, Ueberfahrts-, Herkommensteuer und allen anderen Abgaben dieser Art, es mögen nun solche Gebühren der königlichen Kammer oder den Städten, Gemeinden, weltlichen und geistlichen Herrschaften zugehören." (Schlepper, Aufhebung des Leibzolls, S. 154.) Freudig bewegt, teilte Cerf Beer seinem Berliner Freunde die frohe Nachricht von der Aufhebung des Leibzolls mit, und Hartwig Wesseli konnte nicht umhin, den freudigen Gefühlen seines dankerfüllten Herzens ob dieser Errungenschaft in trefflichen Versen Ausdruck zu verleihen. Tie Gesellschaft der Wissenschaften! in Metz schrieb einen Preis aus für eine die! Verbesserung der bürgerlichen Stellung der In-! den behandelnde Schrift. Trei dieses Thema be-! leuchtende Schriften, die des Abbe Gregor,, des * Advokaten Thierrh und des polnischen Inden Salkins Hnrvitz wurden preisgekrönt. Gregor, schloß seine Abhandlung mit den Worten: ״£, Ihr Nationen! Seit achtzehn Jahrhunderten tratet Ihr Israel mit Füßen. Tie Nache Gattes entfaltet über sie ihre Strenge; aber hat sie Euch beauftragt, ihre Werkzeuge zu sein'? me Wut Eurer Vorfahren hat ihre Schlachtopfer unter dieser unglücklichen Horde gewählt. Welche Be- Handlung spart Ihr Euch für die iibüchternen Bäumchen auf, die dem Blutbad entronnen, in Euern Armen eine Zuflucht suchend Ist es denn' genug, ihnen das Leben zu lassen, wenn Ihr! ihnen alles raubt, was dasselbe erträglich machen kann? Werdet Ihr Euern Haß Euren Kindern als Teil der Erbschaft hinterlassen? - Ein neues Jahrhundert bricht an: mögen die Psalinen der Menschlichkeit seine Pforte nmkränzeu und möge die Nachwelt im voraus der Vereinst gung Eurer Herzen Beifall zujauchzen. Tie Inden sind Glieder derselben ausgebreiteteu Familie, welche die Brüderschaft unter den Völkern befestigen soll und über sie wie über Euch breitet die Offenbarung ihren majestätische» Schleier aus. Kinder desselben Vaters, entziehet jeden Vorwand zur Verachtung bei Euren Brüdern, die eines Tages in de,״selben Gotteshanse vereinigt sein werden. Oeffnet ihnen Freistätten, wo sie in Sicherheit ihre Häupter ״iederlegen und ihre Tränen trocknen könne», und möge endlich der Jude, indem er dem Elirisien bewilligt, in mir seinen Mitbürger und ,'einen Freund umarmen." N'ach Ansbruch der französischen Nevoln tiuii appellierten die französischen Inden, deren Zahl damals nicht sehr groß war, an die Nativnalversammlnng, die auch tatsächlich die vollständioe Emanzipation der Juden beschloß, obivolü es auch an fanatischen Gegnern nicht fehlte. Mir glühender Wärme und edler Begeisterung stauden die Freiheitshelden Mirabea״.*» Nvbespierre, der Herzog von Montniorencn. Talleprand, Tweot für die Inden eiii. und ilire edlen Bestrebungen blieben nicht erfolglos, denn am 27. September l7!»l entschied sich die National Versammlung für die Emanzipation der Inden, die wenige Tage später vom König Ludwig dem Sechzehnten bestätigt wurde. Tie Inden ,raren ihrerseits bestrebt und bemüht, sich der erränge neu Freiheit würdig zu zeigen, indem sie um Gut und Blut für das Heil und Wohl Frank Mirnbeun rief in seiner Sckirin ׳5111״ '.Neude!-, svhn" aus: ..Wollt sthr, dntz die Inden ,!eifere Vienscheu, nützliche Bürger werden? Verbannt ans der Ge sellschast jede erniedrigende Scheidung, eröffnet ihnen alle Wege des Erwerbes und der Subsistenz: weit entfcrnt, ihnen Ackerbau, Handwerke, mechanifche Küniie zu verbieten, ermutigt sie, sich daraus zu verlegen. Wachet, daß die Juden ohne die geheiligte Lehre ihrer Vliter zu vernachlässigen, die 'Natur und ihren Urheber, die Prinzipien der Lrdnung. die Interessen des?Neuschengeschlcchtcs der großen Gesellschaft besser kennen lernen, von denen sie einen Teil bilden. Setzer die jü dische Schule aus gleichen Fuß mit der chriitlickien in allem, was nicht Religion betrifft. Möge diese '.1uition, wie jede andere, die freie Hebung ihres .Kulms haben, möge sic aus ihre Kosten so viele Tunagogen und Nabbiner unterhalten, als es ihr beliebt.?Nil einem Worte, möge sie in den Best,.; aller Bürgerrechte gesetzt werden, und bald wird sic diese billige Verbesserung zum :!lange der nützlichen Staatsbürgern erheben. Die Verfassung wird zugleich den liebeln, die man ihnen angeian, und deren Fehlern abheden, deren sie sich gezwungenerweise schuldig gemacht haben." reichs, das sie nunmehr ihr Vaterland nennen durften, einstandeil und auf dem Felde der Ehre gleich ihren christlichen Mitbürgern für Thron und Vaterland wacker kämpften. Als jedoch Napoleon den Kaiserlhron bestieg, wurden, besonders aus dem nördlichen Teile Frankreichs Beschwerden beim Kaiser gegen die Juden eingebracht. Man konnte sich nicht in allen christlichen Kreisen mir der Emanzipation der Juden befreunden, denn es war eben nicht allen leicht, sich von den »1ir der Muttermilch eingesogenen Vorurteilen zu emanzipieren. Ter Kaiser wurde daher bestürmt, die :siechte der Juden wieder zu beschränken. Allein Napoleon war zu freisinnig, als daß er stch hätte bestimmen lassen, solchen Einslüsterungen lKehör zu geben und Bürgern um ihres Glaubens willen lliechre zu entziehen, durch die ihnen gestattet ,vor. ein menschenwürdiges Tasein fristen zu können. Er entwarf vielmehr einen anderen Plan, um die Mißstände über die so bitter geklagt wurde, beseitigen zu können. Er berief ׳,äiiilich eine jüdische 'Notabelnvertammlnng, die ans 110 Mirgliedern bestand und am 2!,. Juli 1*1,1, ihren feierlichen Einzug in den vom Kaiser im Hotel de Ville in Paris ihr eingeräninten Sitzungssaal hielt. Tie hervorragendsten dieser aus allen leilen des Neiches gewählten Teputierten waren: Beer Jsak Ber, dessen Sohn Michael Beer. Tavid Sinzheim, Nabbiner von Straßbnrg. dessen 'Neffe Bornch, Taniel und Theodor Eeri Beer und Abraham Furtado. Letzterer hatte eine eigene Geschichte: Seine Eltern waren Marannen in Portugal, und trotz zweihnnderjähriger Anschmiegung an die Kirche halte seine Mutter ihren Ursprung und ihre 'Anhänglichkeit an das Judentum nicht vergessen. Als ein fürchterliches Erdbeben Lissabon in einen Triiminerhan'eu verwandelte, wurden Furtados Eltern 111״ ver schüttet, der Vater erschlagen und die '.Nulter in gesegneten Umständen in ei» «Krad eingeschlvisei,. Sie hatte gelobt, wenn üe (׳am ans dieser Gefahr befreien sollte, würde ste. keine «Ke!abr scheuend, zum Judentum zurückkehren. Ein neuer Erdstoß öffnete ihr das Trüiilmergrab. So konnte sie de» Ort der Schauer verlassen, nach London enlkomme» und sich zum Juden tum hekenuen. Hier gebar sie ihren Solu! Abra liani, den sie jüdisch erzog. 'Abralnn Furtado!verstand die hebräische Literatur: er sammelte!Material zu einer jüdischen «beschichte und luiiie!sich in das Buch Hiob verlies!: aber sein stid! : iches Wissen war diletkantenmäßig. olme >׳׳rü!ld , lichkeit. Sein Lieblingssach war ׳N'aliirivisseii «schall. Vor der Nevdlution gebürte Furtado im ’Miimuniu'.i׳ an. welche Vorschläge :nr Verbeiie j ruiig der Lage der ,'rgnzöstscheii Inden!:;!!,ivu sollte. Während der Sckneckensberricha>t and als Anliäiiger der st>iro1!diste1lvarlei. nun׳ »Via Leben gefährdet und ulk sein Vermöge» ko»f!s::er! worden. Sein Fleiß balle es inoeiien daiiin ge bracht, daß er!nieder «׳׳r!!!!dt!e!itz in Vordem!:׳ ankanfei! tonnte.!Arcküv. israel. l>ll.> 'Nebst Beer, dem Aelteren und dem Jü».!e reu.!vor Furtado eine;',!erde der Ver׳amml.i1v1. Er beiaß große Beredkiamleil nnd r:tl,::>vn ' Takt für öffentliche 'A»ge!ege»l1eite». I Nachdem die Ndlabelnverianiniinng ׳iit! : n! ftitnicvt und Abraham Furladv zu Zu׳.,!! ßra!identen geioäiilt :!*דlie,!!׳!irden ihr uni! drei!•.,! ,'erlichen .K0ni1n1i׳üren feierlich zwölf F!u.gr!! ׳!!׳ ' Nainen der :sieglerung oorgelegt. die iie -ieivisiei! Haft beantworten iollte: l. Titrien die Jnd.n ' mehrere Frauen heiraten? 2. £b die Ebestbei! dnng irallliafl und ob iie rein religiös im?!:. st l, j Die Inden!ich mit Elirisien verlieiraten d>!r- Ten? >. Tb die Inden die Franzoien als Fremde oder Brüder betrachten? Wie iiaben ,ich d!e Jliden nach dem jndiichen «besetz gegen die Frau ׳,dien zu vervalten? >!. Betrgchten die ' frauzö'ifchen Inden Frankreich als 1!>r Baker!and? Sind iie de!. Landesgeietzen und! Landrerble •׳k bovin nt ichuldig? 7. Wen! stellt d!e mrnennnng der :siabbiner zu?!>. Bernbt iiivc Gewalt bloß auf Herkommen, oder ist ste im «Ke Kietze begründet? I". «Kibk es «Keiverbe. die den Inden verboten und? 11. Ist der Wucher gegen Glaubensgenossen gesetzlich verbokeii? >2. F'st der Wucher gegen Fremde erlaubt? In fünf Sitzi.ngen wurde über sie׳e Fragen debattiert und folgende Antwort formnlierr: T:e iPolvganiie, obwohl biblisch gestatte, wurde be- Demnächst erscheint: Jüdischer Bolkskalender"׳ ״Hickls