Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1913)
- Date
- 1913-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIV|2. Zahrg. Nummer 28 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. Mfche W--—--A Bezugspreise: I Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— | Rußland, ganzjährig.Rubel 5.— | Balkan, Frankreich.Franks 12.— | Einzelne Nummer 20 h. \ Herausgeber: Max Hickl Inserate: die öspaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerischc Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle. Wien:!., Rotenturmstraße Nr. 31. Telephon 3009/VIII• Sprechstunden von 10—12 Uhr Pojtsparkassakonto Nr. 312.842. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. -Sä Brünn—Budapest. Ilftitft. 10. Juli 1913. 5. Tamus 5673. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: 2:1110 die Juden eine kriegerische Rasse? — Misrachi. — Wie verhalten sich die mährischen Schulbehörden uud die jüdischen Bezirksschulräte den öffentlichen jüdischen Schulen gegenüber? — L. Grünhnt: Gedanken über Judentum. — Tr. Günzig: Geschichte der Inden in Stadt und Land Salzburg. — Jüdische Verlagsgesellschaft. — Tr. Kanter, Zwittan: Tas Symbol des Magen- Tavid. — Brief ans Eger. — Zur Würdigung der Pro Falascha-Bewegnng. — Ans der Agudas- Iisroel-Bewegnng. — Literatur. — Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Indentums. Rnndschan. Der Misrachi. Von A h a r o n. Wieder trennen uns nur noch wenige Wochen von einem Kongresse und noch ist es'fast völlig in Dunkel gehüllt, welches die großen Fragen sein werden, die dieses Mal die Parteien des Kongresses gegeneinander auf den Plan rufen werden. Und schauen wir auf den letzten Kongreß zurück, so sehen wir, daß die scharfen Gegensätze der ״Praktischen" und ״Politischen" in der letzten Session immer mehr sich einander genähert haben. Wird auch der Misrachi, der auf den letzten Kongressen so häufig Kampfesstürme entfesselte, diesmal Friedensschalmeien blasen? Und so fragen wir gleich weiter, hat diese Föderation überhaupt noch eine innere Eristenzberechtignng oder wäre es nicht für die Bewegnng das Beste, sie löste sich auf und vcrschwände als Sonderorganisation? Ter Misrachi, so kann man häufig hören, Feuilleton. Gedanken eines Uhrmachers im jüdischen Ghetto. Ans dem Jüdischen frei übersetzt von CH. L. An einem kalten Winterabend sitzt der alte Uhrmacher Rabbi Schmnle in seiner traurigen, spärlich beleuchteten Werksrälte und arbeitet. Sinnend und träumend hält er die vom Gemeinde- Vorsteher Rabbi Mansche Rachnm ihm zur Reparatnr anvertrante goldene Taschenuhr in Händen. Ab und zu setzt er die Lupe auf das Auge, reiyigt das Werk vom Staube und putzt das Gehänsc blank. Vertieft in feine Gedankenwelt hört er weder das harmonische Pendeln noch das Geläute der Glocken der an den Wänden hängenden Uhren. Auch kümmert ihn nicht der draußen heftig sausende und tobende Stnrmwind, welcher mit Wucht große Schneeflocken an die Fensterlüden seiner kalten Werkstatt schlägt. Unser alte Meister hungert nicht und friert nicht. Und wenn seine gute Lebensgefährtin Ehaje Beile ihn nicht beim Acrmel zupfen und schütteln und ihn an das Essen ermahnen, oder wenn diese gute Frau nicht ab und zu nach dem Ofen sehen würde, ob er seine Pflicht erfüllt und genug Wärme spendet, so wäre unser Uhrmacher überaus glücklich, ganz ungestört hier ״philosophieren" zu dürfen. ist der ״Maschgiach: der zionistischen Organisation. Er habe sich ans eigener Machtvollkoinmenheit zun! religiösen Aufseher über die Jnstitntionen und Arbeiten der Bewegung anfgeschwnngen und erschöpfte sein Tasein darin, zu krakehlen, sobald er irgendwo Ketzerriecherei treiben könne. Gewiß, da der Misrachi seinem Progranime nach alle diejenigen Zionisten umfaßt, die die Erreichung des Baseler Programms auf der Grundlage und im Sinne des Religionsgesetzes erstreben, so ist nichts natürlicher, als daß seine Organe jeden Verstoß gegen das Religionsgesetz, der ihnen zu Ohren konnnt. rügen und für Abhilfe sorgen. Ties muß der zionistischen Organisation auch durchaus erwünscht sein. Oft und oft hat sie erklärt, daß sie nichts unternehmen will, was gegen das Religionsgesetz verstößt. Was kann ihr lieber sein, als wenn sie hier ein authentisches Organ hat, an das sie sich wenden kann und durch das sie erfährt, wenn irgendwo eine Instanz dieser Zusage zuwider gehandelt' hat. Und sollte selbst die Leitung, wie es ja auch schon vorgekommen ist, die Berechtigung solcher Forderungen nicht anerkennen, so ist es für die Organisation selbst von umso größerer Bedeutung, daß sie nicht die tausendfältigen Wünsche der Einzelnen, denen das Religionsgesetz am Herzen liegt, zu prüfen nötig hat, sondern daß hier eine Instanz vorhanden ist, die — von allen Gesetzestrenen der Bewegung anerkannt — die berechtigten Forderungen mit d e m Nachdruck vertritt, den ihr das Bewußtsein, Massen hinter sich zu haben, verleiht. Und fraglos erhöht es die Autorität des Religionsgesetzes, daß mit diesem Nachdruck ihm Geltung verschafft werden kann und daß nicht der Einzelne darauf angewiesen ist, allein für sich, Widersprnch zu erheben, wo er eine Verletzung sieht. Ist aber wirklich dieses rein negative Ziel das einzige Bindeglied der Föderation? Wäre Tas Liebste wäre ihm, wenn er seine irdische Hülle an den Werkstnhl für ewig seftnageln, seineu Geist aber in den höheren Regionen umherschweben lassen könnte. ״Endlich habe ich meinen ״Nürnberger" wieder hergestellt," murmelt Rabbi Schmnle vor sich hin, indem er die Lupe beiseite legt und mit dem roten Taschentuch sich den Schweiß von der Stirne wischt. ״Ach, wie herrlich," fährt er weiter fort, währetzd er seine Blicke an dem Kunstwerke heften lä|i, ״ist dieser Ban znsammengefügt! Tank einer Opposition im Herzen, der Hemmnng eines regulierenden Organs, bringen diese Räderverbindnngen eine bewundernswerte Gleichmäßigkeit hervor. Wie die himmlischen Sphären tanzen die Räder ihre Reigen. Tie Spiralfeder pulstert, und wie ein geschulter .napellmeister schlägt der Anker den harmonischen Takt. Wahrlich das Uhrwerk ist das Lymboi 1111־ serer jüdischen Gemeinde, an deren Spitze der Besitzer dieser goldenen Uhr, unser Parnes Rabbi Mansche Nachnm steht. Jedes Glied dieses Werkes tut seine Pflicht, verrichtet seine Arbeit in schönster Ordnung. Tieses Meisterwerk ist das Bild einer schönen jüdischen Organisktion, einer jüdischen Kehilloh, die in Eintracht und Frieden die Fahne des Indentums hochhält, die Fahne, an der kein anderes Blut klebt, als das unserer frommen Väter und Mütter, die es für den jüdischen Glauben vergossen haben." es nicht ein trauriges Zeichen für die zionistische Bewegung, wenn eine Föderation vorhanden wäre, die nur die Verhinderung von Gesetzes- Übertretungen ans ihre Fahne geschrieben hätte? Nein! Wahrlich, dies ist nicht das einzige Ziel des Misrachi. Schon allein der Znsaninienschlnß der Gesetzestrenen als Selbstzweck wäre wohl Grund genug zur Bildung einer engeren (40י meinschaft. Gewiß wird gerade der Misrachi nicht den nngehenren Segen verkennen, der darin liegt, daß im Zionismus seit langer Zeit endlich wieder ein Zusammenschluß aller Inden, ohne Unterschied ihrer religiösen Gesinnung und Betätigung geschaffen wurde. Gewiß wird er nicht neue Spaltungen in diese Einheit bringen wollen. Aber ist nicht gerade innerbalb einer solchen Bewegung ein engerer Znsammenschlnß der Gleichgesinnten von höchstem Werte? Haben wir Gesetzestrenen nicht tansendfältige Interessengemeinschaften, die einen solchen Znsammenschlnß notwendig machen? Wenn früher die Jugenderzieher vielfach den Einfluß der Andersgesinnten ans die in den Zionismus tretende Jugend fürchteten, hat das noch eine Berechtigung, wenn die Gleichgefinnten einen festen Zusammenschluß im Misrachi finden? Und wenn wir die Hoffnung haben, daß schon allein durch die Bewegung, durch die neue Gemeinschaft der Inden, wieder neue jüdische Knl tnrwerte geschaffen werden, bedürfen wir da nicht erst recht eines Zusammenschlnsses derjenigen, die eine neue, nur im engsten Anschlnsse an die alte jüdische Kultur kennen? Und wenn wir die Organisation nur als Vorstufe für das der einstige jüdische Gemeinwesen in Palästina ansehen, ist es da nicht gewiß erforderlich, daß heute und hier schon sich eng ׳,nsa111mensin0et. was einst im Indenlande den religiösen Aufbau vorznnehinen hat? Wenn unter den Gegenwartsansgaben die Förderung des jüdischen Selbstbe ״Ach nein," lispelt unser Meister weiter vor üch hin, indem er das Uhrwerk nochmals unter die Luge nimmt, ״das ist keine jüdische Kehillob. In diesem Ban sind alle Glieder fest und harmonisch miteinander verbunden. Keines rührt sich olme das andere. Lauter Tavios und Jonathans sehen wir hier brüderlich zu einer Orgaiiisation vereinigt. Ist das eine jüdische Kenilloh? O nein. N'icht nur ״soviel Köpfe, soviel Ansichten" müßte das Sprichwort bei uns [unten, sondern ״soviel Haare auf dem Kopfe, soviel Ansichten". Kanin ׳,wei Minuten sind verflossen und Rabbi Schmnle wechselt seine Ansicht. ״Toch," ruft er energisch ans. dieses Uhr werk ist das wahre Bild einer echt jüdischen Genieinde: denn keines von den zwei benachbarten Rädern schlagen den gleichen Weg ein. Während das eine Rad üch nach rechts dreht, wendet sich sein benachbarter ״Trovkopf" just nach links. Ter am Steigrade eingreifende Anker fährt überhaupt nicht im Kreise mit, wahrscheinlich in ihn! die Gesellschaft nicht fronnn genug - , so» der mit der -״Gabel" in Händen schüttelt er sich wie ein echt sronimer Ehassio hin und her und verursacht hiedurch den größten Lärm in der Genieinde. -- Ja, das ist eine jüdische Kebilloli!" Rabbi Schmnle legt wieoerum die Lupe bei