Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1913-07-03 · Heft 27 (3.7.1913) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 27 (3.7.1913)
Date
1913-07-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2621806-2621846-2621873--2257-2623345
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

?י^מ3 Nr. 27. XIV./II Jahrg. Beilage zur ,Wiener JiW. Bolksftimm 3. Juli 19 l 3 Leite 9. Aus den Staatsatten über die Emanzipation der Juden in Preußen. Von Rabbiner Dr. Rosenthal in Slöln. (Schluß.) Hach erfolglosen Reformversuchen durch die Juden unter Friedrich Wilhelm dem Zweiten führte den entscheidenden Wendepunkt, wie in den Geschicken Prcutz:ns überhaupt, so auch in denen der Juden die Katastrophe von 1800—07 herbei. Daß die im Volk selbst gebundene Kraft entfesselt und an Stelle des Kastenstaates ein Einheitsstaat mit Freiheit und Bürgersinn begründet werden mutzte, das war die große Lehre von Jena und Aucrstädt, wie sie insbesondere Freiherr v. Stein mit aller Klarheit ersaßt und durch Aushebung der Bauernhörigkeit, durch Schaffung einer Städteverordnung auf der Grundlage der Selbstverwaltung, durch entscheidende Maßnahmen für die Gewerbesreiheit zu verwirklichen begonnen hat. Für die Judenfrage ergab sich aus der'neuen Gestaltung der Dinge zweierlei: daß die an ihnen zutage getretenen Fehler und Schäden kein Ausfluß ihrer Natur, sondern vielmehr der von der bisherigen Gesetzgebung ihnen aufgczwungenen Stellung sein möchten; und daß für diese Sonderstellung der Juden im Staatsganzen wohl im Kastenstaat der Vergangenheit Platz gewesen sei, nicht aber im Freiheitsstaat der Zukunft mit seiner Zusammenfaffung aller Volksteile zu einem großen, die ״Kräfte frei in moralischer Richtung entwickelnden" Ganzen (Stein). Einer der hervorragendsten Mitarbeiter Steins, der Staatsministcr Freiherr v. Schröttcr, von Hause aus ein ebenso ehrlicher wie leidenschaftlicher Gegner, der ״Haman" der Juden, ist es gewesen, der unter völliger Wandlung seiner früheren Ansichten durch eine Immediatvorlagc vom 20. November 1008 die umfassende Neugestaltung der Verhältnisse der preußischen Juden eingcleitet hat. Der von Schrütter ausgearbeitete Ent- Wurf geht von dem Grundprinzip aus, ״alle gcgenwärtig in Unseren Staaten wohnhaften Juden.... als preußische Staatsbürger zu betrachten". Von den Gutachten zu diesem Entwurf ist das bedeutsamste das von Wilhelm v. Humboldt, damals Geh. Staatsrat im Ministcrium des Innern, der das Problem am tiefsten faßt und nur eine völlige und sofortige Gleichstellung der Juden anerkennt. ״Ter Staat," sagt Humboldt, ״soll nicht gerade die Juden zu achten lehren, aber die inhumane und oorurteilvolle Denkungsart soll er aufheben, die einen Menschen nicht nach seinen eigentümlichcn Eigenschaften, sondern nach seiner Abstammung . und Religion beurteilt und ihn, gegen allen Begriff von Menschenwürde, nicht wie ein Individuum, sondern wie zu einer Raste gehörig, und gewisse Eigenschaften, gleichsam notwendig mit ihr teilend, ansicht. Dies aber kann der Staat nur, indem er laut und deutlich erklärt, daß er keinen Unterschied zwischen Juden und Christen mehr anerkennt.Meiner Ucbcrzeugung nach ivird daher keine Gesetzgebung über die Juden ihren Endzweck erreichen, als nur diejenige, welche das Wort Jude in keiner Beziehung mehr auszusprechcn nötigt als in der religiösen, und ich ivürdc daher allein dafür stimmen, Jude» und Ehristcn vollkommen gleichzustellen. Wollten die ersteren nicht zugleich die Pflichten, die alle Bürger tragen, nbernchmeii, so würde ich. wenn man alle Mittel, sie dazu zu bewege», erschöpft hätte, sie lieber aus dem Lande verbannen." Bevor nun der Schröttersche Entivurs zu weiteren Schritten Veranlassung gab, kam durch die Berufung Hardenbergs an die Spitze der Staatsverwaltung (Juni 1810) die Angelegenheit in ein neues Fahrwasser. Hardenberg sah gleich Stein nur in der Befreiung aller inneren Kräfte und der Beseitigung aller inneren Schranten das Heil des Vaterlandes. In diesem Geist hat er das von Stein begonnene Werk auf sozialem und volkswirtschaftlichem Gebiet fortgesetzt, und die eigentlich selbstverständliche Konsequenz auch für die Verhältnisse der Juden in Preußen gezogen, die von Grund aus umzugcstaltcn waren, um den übrigen für eine Wiedergeburt des Staates als unerläßlich erkannten Forderungen nicht zu widersprechen. Dazu hatte kurz vcr seinem Amtsantritt, Februar 1810, die Berliner Judcnschaft in einer erneuten Eingabe an den König feierlich erklärt: ״Weder in unserer Religion noch in unseren Zcrcmonial- oder Ritualgesetzen gibt es oder soll es ein Hindernis geben, eine noch so schwere Pflicht, tvclche Vaterland oder Staatsgesetze fordern, unerfüllt zu lassen," und ihn angcfleht, ״unseren Mitbrüdern, welche bereit sind, alle Pflichten eines Staatsbürgers unbedingt zu übernehmen, auch alle Rechte derselben zu erteilen." Januar 1811 erhielt der junge Staatsrat v. Raumer von Hardenberg den Auftrag, über ״die Resorni der Juden" das Nötige auszuarbeiten, mit der Anweisung, daß ״die Juden unbedingt den Christen in Sanherib zog eines Tages auf seinem Kriegszuge, als allen ihren Rechten und Verhältnissen gleichzustellen" seien. Der demgemäß ausgearbeitete Entwurf, der u. a. die Juden in gleicher Weise wie die Christen zum Militärdiensi verpflichtete und jüdisch-christliche Ehen ohne er von Lachish heraufkam, nach Beth-Schemesch und vernichtcte die kleine isr. Stadt, >vo der Tod seit dieser Zeit herrschte, bis in der byzantinischen Periode auf kurze Zeit wieder Leben begann. Die größte Entdeckung, die Neligionswechsel für zulässig erklärte, wurde von Juin der letzten Kampagne gemacht worden ist, ivar die stizminister Kircheisen in wichtigen Punkten beanstünj Aufdeckung eines Hochplatzes in der Art des berühmten bet; dieser vertrat den Standpunkt, ״die Juden, so viel, Heiligtums von Gezer. Aber die fünf großen Stellen. eö nach den Umständen möglich ist, in die Rechte der bürgerlichen Gesellschaft einzusühren." Jnsolgedeffcn wurde vom Obertribunalrat Pfeiffer und Oberlandesgerichtspräsidenten v. Bülow ein neuer Entwurf ausgearbeitet( Dezember 1811), der die Grundlage des endgültigen von Friedrich Wilhelm dem Dritten unterzeichneten Edikts bildet. Außer den jüdisch-christlichen Ehen verzichtete dieser Entwurf auch auf die unbedingte Zuwssung der Juden zu den Staatsämter». In der Bülowschcn Umarbeitung erfuhr der Entwurf u. a. noch die Hinzufügung: ״In öffentlichen Verhandlungen und Ausfertigungen ist künftig nicht mehr die Benennung Jude oder Juden, sondern der Name und die Staatsbezeichnung, oder, insofern dieses unvermeidlich s^-yn sollte, die Benennung Mosalsl oder Mosaisien zu gebrauchen." Ter König selber traf folgende Aenderungen: 1. Die letztgenannte Bestimmung über die Benennung Jüde wünschte er gestrichen, dafür aber beim § :!, der di.- Juden binnen sechs Monaten zur Annahme von Familiennamen verpflichtete, den Zusatz: ״Mit diesem die den Charakter des Hochplatzes bedingen, stehen nicht mehr auf ihren Basen, sondern sie liegen in einem getvissen Alignement auf dein Boden. Im allgemeinen gleichen sie de» Mazzebas von ttzezcr: aber ihr oberes Ende hat doch eine gewisse Regelmäßigkeik, durch die sie den Grabjtellen ähnlicher sind. Tie Fundamente, auf denen die Stellen von Ain Shems aufgepslanzl sind, gehen herunter unter die Philislerschichl. Von da aus gelangt man an die Mündung einer doppelten Höhle, die vollständig der in Gezer gefundenen gleicht. Mau nat das Adylum dieser Höhle noch kurz untersuchen können. Tie beiden Hohlen sind voll von noch unberührten Gräbern mit reichem Mobilar, das bis in die ältesten historischen Zeiten dieser Gegend zurückgeht. Die nunmehr beginnende weitere AnSgrabnngSarbeir hat sicher hier noch große Entdeckungen vor sich: Es scheint, daß ist die isr. Ls rlhodorie, ivohl im Beginn des 11. JahrhundertS, der Entivicklung dieses Hochplatzes ein schroffes Ende gesetzt hat, welcher mehr als ein Jahrlaniend lang schon einen »ult vesesse» hatte. Neben ihrer Bedeutung Namen ist er sowohl in össentlichen Verhaiidlungen und!für die Ausstellung der Gesckiichlc׳ von Paläitina haben Ausfertigungen, als im gemeinen Leben, gleich einem!die Ausgrabnngen von ׳Ain Shems noch die allgemeine jeden anderen Staatsbürger, zu benennen." 2. Die Aem- Bedeutung, daß jene Anschallungen über die Natur der tcrfrage (i$ 0) wollte er durchaus der Zukunft vorbe-> Dolnienheiligtüiner iviedernm anläßlich der netleiien halten und folgendermaßen formuliert wissen: ״In-^ Funde in Aleiia mul, von französischen Forschern anerwiefern die Juden zu andern öffentlichen Bediennngen kannt ivorden sind, und Staatsämter»" — als akademische Lehr-, Schul- und Gemeindeämtern — ״zugelassen werden, behalten Wir uns vor, in der Folge der Zeit, gesetzlich zu bestimmen." 8. Die Bestimmung der Militärpflicht, die im Entwurf (§ 10) den Juden ״gleich den übrigen Staats- 1 ntertanen" auserlegt ivar, sollte anstatt dessen dahin erläutert werden: ״Tie Art und Weise der Anwendung dieser Verpflichtung auf sie ivird durch die Verordnung wegen der Militär-Konskription näher bestimmt werden." Solchergestalt verwirklichte sich denn am 11. März 1912 das Edikt, betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem preußischen Staate, daS die Juden als ihre Wiedergeburt erflehten (Schreiben der Aelreslen zu Berlin vom 2-1. Oktober 18111, nach dem sie sich sehnten wie nach dem Messias ,Brief Räumers an Pfeiffer vom 11. Januar 1811). Nach seiner Eingangs- und Hauptbcstiminung: ״Tie in unfern Staaten jetzt tvohnhafte», mit Generalprivilegien, NaturalisationSpatenten, Schutzbriefen lind Konzession versehenen Inden und deren Familien sind für Einländer und preußische Staatsbürger zu achten" hat e-S zivar in den weitcrei Ausführungen, wie dargetan, die Hoffnungen der Juden nicht restlos erfüllt. 'Aber es hat die schmachvolle AnSnahmcstellung beseitigt, die die Juden, als Fremdlinge im Staate, bis dahin hinsichtlich deS Wohnrechtes und der Geiverbefrciheit, der Faniilicngründung und Steuerpflicht. des Grnnderwerbs und des GerichtSitan-! des, des Militärdienstes und der Fähigkeit zu irgend-! einem Amt eingenommen hatten, und eS hat ihnen I grundsätzlich gleiche bürgerliche Rechte und Freiheiten > mit den Christen eingerüumt. Daß sie der großen Er- I rurpenschaft würdig nnd für ihre innere Befreiung reü gewesen, haben die Juden Preußens 1818—11 bei! dem Werke der Befreiung ihres neugewonnenen Vater- 1 landcs, an der Seite der übrigen Landessöluie rühm- »ich erwiesen. Englische Ausgrabungen in Palästina. Die 'Ausgrabungen, die der Paläitina Erploration- Fund in Ain Shems ausgesührt hat, haben im Jahre 1912 zu solchen Erfolgen geführt, daß man in dieser Ausgrabungsstätte, wie ein Bericht der Kunsichronik bemerkt, ein zweites ״Gezer" sehen darf. Die Ausgrabungen, haben sich hauptsächlich auf jenen Teil bezogen, wo das israelitische Beth-Schemesch stand. Tie Funde ergaben drei große Perioden, die eingeboren-kananitische eine philistinische und eine israelitische. Die erste erstreckt sich von dem entfernten Anfang des Bewohntseins der Stätte im 3. Jahrtausend bis zum Ende des 15. Jahr- Hunderts vor unserer Zeitrechnung. Ein furchtbares Ereignis begrub damals die ganze Stadt unter Asche. Vom 14. bis zum Ende des 12. Jahrhunderts herrschte die Philistcrkultur. Dann pflanzte die isr. Eroberung der Stadt, deren Befestigungen für immer zerstört wurden, eine zwar andere, aber doch nicht neue Kultur auf. die ganz aus den Traditionen der Vergangenheit bestand. Die Judenfrage vor dem Forum der vierten Duma. 'Ans Petersburg ivird gemeldet: Eine sehr euer gische und wirkungsvolle Rede gegen die jetzige Politik der russischen Regierung in der Judenfrage hielt der angesehene Fortschrittler »oiwivalow in der letzten Sitzung der Duma. Zunächst ging er von der allgemeineu Situation aus niid lvieS darastf hi», wie sehr die Taktik des Ministeriums des Innern die Entivicklung der Produktivkräfte des LaiideS hemiiie und den Handel untergrabe. Unter dem herrschenden Polizeiregimenl sei dein Hnnüelsininislerinin jedwede Möglichkeit genommen, eine gesunde Realpolitik dnrchznfükren. Irin krasses Beispiel der Abhängigkeit des HandelsuiinijleriniiiS bie׳e die «Oeschiclste des veralteten russischen Rechtes über die Aktiengefellschaften sowie jenes schädliche Prinzip,!velches alles sür einzelne Bevölkerungskreisc bestehenden Beschränkungen auch ans die juristischen Personen überträgt. Von da ab wandte sich Konoivaloi» den Jndenverio! gungeii zu, durch die der Handel aufs stärkste 1» Mitleidenschnft gezogen werde. Ter .Kampf gegen die vogelfreie jüdische Bevölkerung, die im Handel et ne solche Rolle spiele, sei eine .gelte von Willkürorgicu und Ge ivaltniaßregelu. Im Anblick des Schadens, welchen die unzähligen Auslveisuuge» anrichlen,!verde allerseits gegen die administrativen Repressalien Protest erhoben. In seinen Händen befänden sich zahlreiche Petitionen | verschicdener Handelsorganisationen, die den Schaden (dieser Politik auihelle». Dadurch iverden die Interessen großer christlicher »reise, deren Beziehiingen zur jiidlscheu Handeisivelt nnlöstich jiiid, aufs schiverite gctroffen. Erreiche doch allein der jährlich llinfatz der den jüngsten Veriolgunge» ansgesctzten .»ieiver nnd Moskaner jüdischen »ansteilte die Höhe von über täli Millionen Rubel. Die Zernörung der jüdischen llnterneliiiiungeii schaffe eine Verwirrung auf dein Handelsmarkt, untergrabe den .Kredit und mache eine geinnde Entwicklung des Handelslebens uninöglich, das ja auf eine iliigehemmle Initiative nnd vollständige Freizügigfeit sowie Gewerbesreiheit angewiesen sei. In schärfstem Widerspruch zu den ivirtschaftlichen Interessen des Laudes stehe die nationalistische Politik der Regierung, die nicht davor ztirückschrecke, sür die jüdischen Kauslrnte den Aufenthalt beschränkende Regtstrierbüchlein einzusühren. Tie Aufstachelung der nationalen Leidenschaften diene der Regirrung nur dazu, dir Ansmerksaiiikeit deS Volkes von de» ivahrhafte» Nöten des Landes abznle»- ke» und durch die Hetze gegen die Inden das Volksbewußtsein zu verdunkeln. So iverden in der letzten Zeit Hiiiiderktauseiide von Menschen aus dem Handelsleben herausgeivorse». Ter noch in der dritten Tnnia eingebrachte Antrag auf Anfhebung der Judenbeschränkungen sei noch immer nicht zur Perhandlnng gelangt. Möge nunmehr die vierte Duma de» Gebote» des Ge- Wissens Folge leisten! Soll Rußland in die Kultur- Demnächst erscheint: ״Hickls Jüdischer Volkskalender"׳

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.