Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1913)
- Date
- 1913-06-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWMW WW Nr. 23. XIV-11/ Jahrg. Bellage zur,Wiener Jüd. BolLsstimme'. 5. Juni 1913 Seite 9. Zur sogenannten Ausländerfrage an den deutschen Hochschulen. Von einem russischen Hochschulprofessor erhalten Ivir folgende Zuschrift: Als russischer Professor, der ich ans meiner heimailichen Erfahrung wohl weiß, welche Verwüstungen jedes Ausnahmegesetz anrichtet, habe ich während meincs mehrmonatlichen Aufenthaltes in Deutschland mit großem Erstaunen wahrgcnommcii. daß auch hier ahnliche Tendenzen eine Stätte u. leidenschaftliche Verfechter zu finden beginnen. Ich spreche von den Beschränkungen, ivclchc an den deutschen Hochschulen gegen die Ansnähme russischer Studierender gefordert und teilweise durchgesnhrt oder in Aussicht gestellt sind. Am schmerzlichstcn hat es mich jedoch berührt, daß diese Beschränkungen selbst in fortschrittlichen ,Kreisen keineswegs auf einmütigen Widerspruch flößen. Wodurch erklärt sich aber die seltsame Erscheinung? Ich glaube, daß die Frage trotz der langen Tiskujjion nicht geklärt, sondern mit der Anhäufung des Zündstoffes immer mehr verdunkelt ivordcn ist. Während der oft fanatischen Kämpfe sind Schreckgespenster gemalt worden, die den größten Teil der deutschen Studentenschaft irrcgcführt und unter den Fcrnstehen- Len über die Art und den Einfluß der Studierenden aus Rußland die falschesten Vorstellungen erweckt haden. So ist immerwährend von einer Ucberflutung der deutschen Universitäten׳ durch die Russen die Rede, und im preußischen Landtag hat ein Abgeordneter sogar die Behauptung ausgestellt, daß in Königsberg und Leipzig 41—45 Prozent der Studierenden Ausländer sind. Daß die Zahlen eine unglaubliche Uebertreibung darslcllcn, braucht kaum gesagt zu werden. Was aber die Russen anbctrisst. gegen die sich die Maßnahmen richten sollen^so beläuft sich ihr Prozentsatz in Leipzig auf 7,0 Prozent, und selbst in der ivegen der nahen Grenze von Russen am meisten frequentierten Universilät Königsberg erst auf 18,0 Prozent. Nur noch in lvenigcn Universitäten übersteigt das Verhältnis der Russen zur Gesamtheit den Prozentsatz 5 Prozent. Hingegen gibt cs eine große Anzahl von Universitäten, in denen die russischen Studierenden einen minimalen Bruchteil bilden, wie Tübingen mit 17 Russen unter 1898 Studierenden, wie Gießen init 81 unter 1888, wie Kiel mit 12 unter 1870. Wären nämlich die Russen über alle deutschen Universitäten gleichinäßig verteilt, so würden sic durch ihre Anzahl überhaupt nicht mehr so auffallen. Frappiert hat mich aber die Bestimmung der Leipziger Universität durch die Forderung, daß jeder russischc Staatsangehörige als Vorbedingung zu seiner Aufnahme den Nachweis eines vorangegangenen ziveisemeslrigcn Universitätssludiums in Rußland zu erbringen hat. Warum biete» diese zwei Semester eine Gewähr für eine bessere Vorbereitung? Auf den ersten Blick fällt den Deutschen garnicht ein, welche Härte in der Leipziger Bestimmung enthalten ist. Tenn gerade für alle jene russischen Studierenden, die am meisten auf die deutsche Gastfreundschaft angewiesen sind, für alle diejenigen, die Ivegen ihrer jüdischen Abstammung auf Grund einer brutalen Prozentnorm in die russischen Hochschulen nicht ausgenommen werden, bedeutet eine Forderung wie diejenige des .,Heimstudiums" eine völlige Ausschließung von der Immatrikulation. Bei vorurteilsloser Beurteilung der Sachlage kann man es nicht begreife», daß cs ivirklich positive Gründe dafür geben könnte, daß Deutschland diesen Elementen die zeitweilige Gastfreundschaft verweigern und damit den antisemitischen Intentionen der russischen Rcgiernng recht geben sollte. Seltsam ist aber auch folgender Umstand: Wir haben während der Kampagne.gegen die russischen Studierenden gehört, daß die deutschen Klinikcrschaftcn sich durch die übermäßige Zahl russischer Studierender bedrängt fühlen. Wie kommt es nun, daß die Leipziger Universität ihnen die Aufnahme in samtliche Fakultäten versagen will? Man ivärc fast geneigt, ganz andere Schlußfolgerungen aus dieser Tatsache zu ziehen. Noch ein anderer Punkt bedarf der Klärung und vermag nach fachgemäßer Prüfung als Vorurteil init Leichtigkeit zurückgewiesen zu werden. Das ist die Behauptung, daß jeder russische Studierende dem preußischcn oder anderen Staate eine beträchtliche Summe Geldes kostet, wie versichert lvird, gar 700 bis 800 Mk. jährlich. Gerade das Gegenteil ist wahr. Tenn naturgemäß verringern sich unter normalen Verhältnissen die Durchschnittskostcn mit dem Wachstum der Zahl der Studierenden, falls nicht, wie in manche» Großslädten der Fall isl, aus anderen Rücksichten besonders kostspicligc Institute errichtet werden. Sicher ist es aber, daß die große Zahl der Russen nirgends zu solchen Ausgaben Anlaß gegeben hat. Was sie an Kollegien, Laboratoricngeldern usw. an die Universitäten entrichten, ist zum allergrößten Teil ein direkter Zuschuß zu den Kosten der betreffenden Hochschulen׳, es ist doch eine Tatsache, daß außerhalb Deutschlands die Existenz einer Reihe von Hochschulen gerade durch die große Frequenz der Russen gesichert ist. Wenn dies jedoch von irgendwelcher Seite bestritten werden sollte, so unterliegt es jedenfalls für niemand einem Zweifel, daß der Zustrom russischer Studierender »ach Deutschland diesem Lande unberechenbare wirtschaftlicke Vorteile bringt. Vielleicht würden alle Stimmen gegen die russischen Studielenden in Deutschland verstummen, wenn man es erführe, welche Propaganda für deutsche Wissenschaft — insbesondere für die deutsche Heilkunde — und delitschc Industrie durch das Studium der Russen an den deutschen Hochschulen beivirkt wird, lind wer möchte auch jenen idealen Faktor außer Acht lassen, der durch die ständigen Beziehungen zwischen der deutschen und der russischen Kulturwelt gegeben ist? Wir ,russische Prosessoren haben insbesondere in den letzten Iahrzehnten mit den deutschen Trägern des Wissens in engstem Könner gestanden, ivir haben in Rußland an ihrem geibigrn Idealismus uns erfreut und tausendfältig ihre schöpferischen Leistungen der russischen Allgemeinii’clt übermittel!. Diese Fäden, die nicht nur durch das abstrakte Lchrifttlini, sondern in noch größerem Maße dank dem lebendigen Wort geknüpft waren, tverden zu , einem wesentlichen Teil zerrissen, iveiin Deutschland i:11 Ernste den russischen Studierende» die Gaslsreund- ‘ schalt verweigern sollte, lind nicht zum wenigsten dnrsl ten aber diese Vorgänge in ihrer Gesamtheit auch auf die allgemeinen Beziehungen zwifchen den beiden Län- 1 der» einen unheilvollen Einfluß ausüben, einen Einslnß, der auch im politischen Leben schon nach kurzer seil zur Geltung kommen würde. Gerade die letzten nationalistischen Tendenzen in :Ilußland habe» es gezeigt, daß deutsche Knltnr und deutsche Wesen nur in den fortschrittlichen russischen Kreisen auf Verständnis und selbst auf freundschaftliche Beziehungen ilößt. Soll nun auch in diesen Kreisen durch solche Maßregeln, wie Versagung der Gastfreundschaft, eine unfreundliche Stimmung gezüchtet tverden? Wir würden es noch versichen, wenn ivirklich der Nachweis geführt werden könnte, daß Deutschland durch das Studium der vielen Russen einen wesentlichen Schaden erleidet. Wir aber, die ivir genau wissen, welchen Nlitzcn, Nutzen in jedem Sinne, Deutschland von dieser Situation hat, wir müßten eine Entwicklung der Dinge, die aus Beschränknngen der russischen Studierenden hinausläuft, mit außcrordcntlichem Bedauern betrachte». Hoffentlich lvird es aber noch gelingen, der Vernunft zum Siege zu ver- Helsen und überall die Erkenntnis zli verbreiten, daß hier nur verkappter Haß besiimmler Elemente die Beschräntungstendenzen diktiert und machtlos werden muß, sowie man den inneren Kern der ganzen Propaganda erkennt. > . Moderne Weltanschauung und Sittlichkeit. Von Rabbiner Dr. Klein, Eisensradt. l Schluß.» Was soll nun der Mensch gegenüber dieser Sachläge tun? Soll er sich etiva um den Widerspruch zivischcn seinen >vi>senschastlichcn Glaubenssätzen und den Forderungen des wirklichen Lebens nicht bekümmern, sondern nach dem Vorschläge verschiedener berüchtigter Denker beide sein säuberlich auseinanderhaltcn und!ich gewissermaßen ein doppeltes Gewissen anschassen? Das hieße all unser Streben nach theoretischer Erkenntnis zu einem praktisch wertlosen Spiel hcrabivürdigen und ans der anoern Seite all unsere praktischen Beziehnngen, mit Einschluß der Religio» und Sittlichkeit, dieier hochücn Güter der Menschheit, ans theoretisch durchschaute Illusionen, auf bewußte Selbsttäuschungen stützen. Eder soll der Mensch unterer Tage annehmen, daß sich die wisscuichaftlichc Erkenntnis nun einmal nicht mit dem Leben in Einklang bringen lasse? Wir müssen uns also unbedingt sür das eine oder das ailderc entscheiden, entiveder auf jedes Wollen und Bezwecken, das egoistische nicht minder ivie das echt silklicke, verzichten, oder die inechcininiicken VoranSsetzungen aufgeben. Und die Wahl kann nicht schwer fallen, iie kann cs um so wcuiger. als die mechanistische Welranschauung sogar nach dem Zngenändnis ihrer cinsichtigcrc» Anhänger eines strengen Beivcises nicht fähig ist und in Wahrheit nur ein unbegründetes naturivisscnschastlichcs Vorurteil dcirnelll. Ursprünglich aus der Beobachtung der anorganischen Natur geschöpft iil der Gedanke der lückenlosen, rein mechanischen Kauinlität ohne Berechtigung zunächir auf die organische Natur und schließlich auf das seelische und geschichtliche Leben der Menschheit übertragen worden. Es erheben sich schon in den Kreisen der Naturforscher Stimmen, die von einer UrVerschätzuiig der naturwiisenichaftlichen Theorien warnen und es ist zu hoffen, daß niir der Zeit alle Naturforscher ans den Boden der teleologischen Weltanschauung hinnberireken und die ans jeden Fall nnznreichende eudämonislische Begründung der Moral mit einer wahren and ccluen, d. k. eben teleologischen Ethik vertauschen. Denn »nr daü Vertrauen auf einen göttlichen Endzioeck alles irdischen Geschehens kann den Menschen bestimnien. ans seine egoistische» Wünsche zu verzichlen. Nur der Gedanke, das; Gott unser aller Vater iii. kann uns veranlassen, in dem Nevenmenschen nicht den Nebenbuhler, sondern den Bruder zu sehen. Einer nnserer Weisen meint, iveoliaioto lereaais lomanchoh zeb klal godaul vetanroh. dag die Näctinenliebe ein wichtiger Grundsatz nnierer Thora sei. da belehrt ihn ein anderer, zeh szefer tauldoth klai godanl heinenob. daß dies ist das Buch der Abiiainmnng des Menschen ein ungleich wichtigerer Grundsatz sei. denn da heißt es bejom dran elokim odam, daß (Voll den Menschen erschassen und nur derjenige, der in Gatt den Vater aller Menschen verehrt, ivird sich zur Liede des Nächsten verstehe». Dline den letzteren Grundsatz würde der erfit■ vc kaum Beachtung finden. Wir Häven diesen Gedanken in einer besonderen Schrift: .,Die ctluidwii Strömungen der Gegenwart und das Indenluni". Mainz 1904 ausführlich behandelt und nach de»! ei!׳ flimmigc» Urteil bedeutender Fachgelehrter logisch betvieien. Icl» bereitete eben die ztveiie Auflage dieser Schritt vor und ick erlaube mir, die Aufmerkiainke-t der geschätzten Leser hierfür zu erbitten. Die Ersahrung zeigt, ivohin unsere Mirmeusche» gclangt find, die sich von (Volt emanzipieren ivollten. Unsere Innglinge gehen als Greise durchs Lrven, entnervt, ohne Kraft und ohne Mark, hanaar den ineov iclionov jo inulh, klagt der Praphet, die Jünglinge gleiche» den hundertjährigen Greise» und mifcrc Greise und fm diflu, ohne Ernst und ohne Würde, Vielleicht nnrd das Elend unseres inneren Lebens uns doch aufrüneln niid ivir iverde» (volles Hand erkeiinen. die ans zu Galt zurückruft und unser Leben lvird einr» Zweck er halten und unsere Tage iverden ausgefüllt iverde» mit der Arbeit, diese Zivecke ihrer Venvirklichung nahec zu bringen und ivir tverden in dieser Arbeit das Wim( finden, das ivir auf anderen Wegen vergebens gesucht hnbe». R. Samuel b. Schelalh. Ein Schullehrer der talinudifchen Zeit.'- Die der Foedeenng iind Verbreiknug der .Kenntnis der Thora gewidmcle Stätte, die Schule. 1 > 1 ebenso all wie das Judentum. Ein Voll, das berufen ivnrde. .,eiii :!ieich von Priester», ein heiliges Volk zu sein." als Träger einer große», ja See größte» Idee i» der Ge stbichte eine hervorragende Atolle zu spielen, »inßie kelbn veriiändlich frühzeitig schon darauf Bedacht »ehmeii. dag vor allein m der Familie, wie in der (vemcinde iür die Verhreilung niid Forderniig der religiösen Wik fenichaft Sorge getragen iverde, und dieies geicliah da durch, daß ursprünglich, iiänilich >n der biblischen;',at, jeder Vater als solcher verpflichtet uw, keinen Mniiu-ni selb» den Religionsnnlerricht zu erteilen niid die Er ziehung derselbe» zu leite». ..Versammle das Volk. d!e Männer, die Frauen und die Kinder, damit iie hören" nsw. .,Und die Kinder nichts veriiehen. solle» hören Niid lernen" -5. B. ■M. >l, 191. Und da nun jeder Vater es als seine erste und heiligste Pflicht erachten mm;, ieine Minder kelver m der Lehre (Voiles zu niiierrichten. io uord »um es auch leicht vegreislich finden, warum es ivavrend des ersten Slaatslevens!eine öfsemliche Mu1ix׳ndn(tn1 gegcven halte. Hochschulen zur Heranhildniig von Volks levrern, Volksrednern iind Propheten eriiiierlen aiich daiiials schon.!1. Sam. 10. «I. ׳ Ern wahrcnd des ziveiien Slaalslevens ivnrde all gemein reckt levhast das Bedürfnis fnhldar. öffentliche .Kiiiderschnleii ins Leven zu rufen. Simon v. Sclietcuv^' ei» Smihedrialprästdeiit. der zu ׳Anfang des Iahrkn» ücrls von den ge>v. Zeitr. geivirlt, war es, der sich um die Gründung öfkeiitlicher ,Kiiiderschnleii niwerwüiiliclie Verdienne crioorve». Im Iernschalmi!»einbol!,! irnrd erzähl!, daß, Simon b. Scketach, nachdeiii er die lieber zengung gewonnen, daß der Ingendnn'.creicht, den die Eitern ihre» Minbcru c rteillen. eiii kehr mangeih-ckler tvar, und verwaiste .Kinde!׳ überhaupt nah! miterrichiel wurden, die Beilinunnng getroifcn have, daß die ichnl fähigen Kinder genteinstun in ökkentl. Schulen Unter richl genieße» sollen. Man dark datier mil vollem Airckte ׳'■ Bericht des Talmud-Thora-Vereines stie die >uei!l1c»en Bezirke Wiens. Mi! einer nnikenichanlichen Beilage von L. Wiesner: Samnei v. Dclielatv. ei»!Schullehrer der lulinudischen Zeit. w •fi. ',■n :1 t