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Jüdische Volksstimme · 1913-06-05 · Heft 23 (5.6.1913) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 23 (5.6.1913)
Date
1913-06-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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i i L i׳\ i‘■ V. 15: L i׳ 1p: Ü לגיי•/ •.->//'!־ .■>״י > ׳׳־?:.;*׳4 < Seite 6. ״Jüdische Volksstimme." Nr. 23. jtund|<ftau. Der Erzbischof von Wolhynien über den Ritualmord. Von den Anstiftern des Pogroms in Nußland wird das Märchen vom Ritualmord als ein Haupt,nittcl benutzt, namentlich den Mnschik gegen die jüdische Bevölkerung aufzureizen. Tie gewöhnliche russische Geistlichkeit, die sich überhaupt nicht zur Aufklärung der Massen berufen fühlt, greift um so seltener ein, als sie bei den Pogromen oft im Trüben fischen kann, während die höhere Geistlichkeit wiederholt dem Aberglauben cntgegengetreten ist. So hat auch der katholische Erzbischof von Wolhynien jüngst bei einer Turchrcise durch Wilna einer Teputation erklärt: ״Eigentlich wollte ich kein Wort darüber sprechen, denn cs ist mir schon völlig zuwider... Was soll man mit unserin stumpfen Volk ^machen? Sie lassen sich ja nichts gesagt fein. So war cs und wird cs auch ewig bleiben, immer dasselbe. Das Volk vergißt seinen eigenen Heiland und geht in seinem Hasse so weit, die Huden eines so ungeheuerlichen Verbrechens wie des Ritualmordes anznklagen. Tie Unwissenheit der Leute ist geradezu entsetzlich. Sie bilden sich ein, in der Bibel sei gesagt, die Jsraeliten müßten sich des Blutes bedienen, um ihre Passahspeisen zuzubereiten! Das ist ein Märchen, ein Märchen, wie man immer wiederholen muß. Und die, die da glauben, die Heil. Schrift gebiete den Huden, Blut zu vergießen, haben die Bibel nicht gelesen oder nicht verstanden. Hch behaupte, daß das Gerücht, das man immer wieder verbreitet, es gäbe eine Sekte unter den Huden, die Ehrislenblnt gebraucht, eine furchterliche Lüge ist. Solche Sekten hat cs sicher unter einigen heidnischen Stäinmen gegeben, unter deit Huden aber niemals ...." Verweigerung eines Eides. Petersburg. Ein jüdischer Advokat, der als Zeuge vor Gericht geladen war und beeidigt werden sollte, weigerte sich, den Eid abzulegen, weil der Hnhalt der Eidesformel ihm ehrenbeleidigend für seine menschlichen Gefühle erschien. Ter Gerichtshof befreite den Advokaten vom Schwur, welchen er ntit dem Ehrenworte ersetzen mußte, daß er auch ohne Eid die Wahrheit aussageu wird. Rcdaktcnr H. Suwalski. Moum von einer Amcrikareise zurückgekehrt, siarb in London der Rcdakeutr der einzigen hebräischen Zeitschrift Englands, I. Suwalski. Seit IG»! gab er die im gesctzcstreuen Sinne redigierte Zeitschrift ״Hajehudi" heraus. Hnfolge seiner hervorragenden Begabung und seines großen jüdischen Wissens gehörte Suwalski zu den angesehensten jüdischen Persönlichkeiten Englands. Er hinterläßt eine unversorgte Haiitilie. Indische Aviatiker. Dem Jahrbuch des Deutschen Luftschifferverbaudes ist zu entnehmen, daß 12־ Huden bebördlich diplomierte Luftschiff-Führer sind. Eine Liga Theaterbesuchcr. Ehicagv. Hier organisierte sich eine Liga von Theaterbesuchern, die jedes Theater, welches tendenziös gehaltene Stücke gegen Huden ausführen, zu boykottieren. Indische Kolonien in Kanada. Zufolge der erfolgten starken Regengüsse werden die Kolonisten Heuer Schaden habe», weshalb sic sich auch nunmehr der Viehzucht zuwenden werden. In der Kolonie Montefiore trifft man die nötigen Vorbereitungen, um iin Hahre 1012 neue 1>>0 Kolonisten aufnehmen zu können. Hn der Kolonie des Baron Hirsch tommen noch :',0.000 Hektar Boden an NEue Mo־ lonisten zur Verteilung. Zur russischen Paßfragc. Ter gewesene Ministerpräsident von Mauada, Wilfried Lirjor, leitet jetzt eine Agitation in der russischen Paßfrage ein. Tie Regierung wird gegen das Vorgehen Rußlands gegenüber drei kanadischer Staatsbürger jüdischen Glaubens, indem sie ihre Pässe nicht anerkennen wollte und sie zur Verschickung nach Sibirien verurteilte, energisch protestieren. Anerkennung des Ehcdcr. Petersburg. Ter Bildnngsverein Mefizc Haskalah hat mit Rücksicht auf die segensreichen Erfolge auf dem Gebiete jüdischer Erziehung beschlossen, den Chcder (althebräische Schule) neben der nwdernen Schule auszugestalten und zu verbessern und nicht abzuschaffcn. Gesellschaft für jüdische Geschichte. Rom. In Italien hat sich ein Komitee für. jüdische Geschichte gegründet. Dem Komitee gehören die bedeutendsten jüdischen Gelehrten an. Die jüdische Sprache anerkannt. Tie südafrikanische Regierung hat ein neues Eiitwanderungsgcsetz ausgcarbeitet. Die Emigration nach Südafrika soll durch Erleichtcrungen geregelt werden. Dieses Gesetzesprojekt erkennt auch die jüdische Sprache als eine den europäischen Sprachen gleichwertige an. Emigration nach Palästina. Odessa. Tas Palästinakomitee meldet: Hm Jahre 1012 sind ans Rußland via Odessa 2200 jüdische Emigranten nach Palästina ausgewaudert. Der älteste Jude der Welt. Pabianitz bei Lodz. Hier starb vor kurzem Herr Moses Mvif im Alter von 120 Jahren. Sein Geburtsjahr war 17!»:!. Er lebte also in drei Hahrhunderten. Die Juden in Chile, Südamerika. Santiago. Hn der südamerikanischen Republik Chile leben gegenwärtig .">00 jüdische Familicn, die ans Argentinien hierher cingcwandert sind. Tie Hälfte lebt hier in Santiago, der Hauptstadt. Tie hiesigen Juden haben ein Sefer- Thora angekauft und halten an hohen Feiertagen einen Gottesdienst ab. Weder Schächter noch Mohel befand sich hier. Viele Minder blieben daher uubcschniticn. Nun haben wir schon einen Mnltnsbeamten, der alles kann und auch einen Tempel und Friedhof wird man demnächst erwerben; nur jüdische Lehrer fehlen hier. Ter Iudrnboykott in Polen. Petersburg, lieber die bisherigen Ergebnisse des polnischen Indenboykolls, der jcyt etwa ein halbes Jahr dauert, gibt das jndisch-progrcssislischc Warschauer Blatt ״Przcglond Eodzienny" folgende Darstellung, deren Znverläsjigkoit durch die Berichte der russischen Presse aller Parteien iin einzelnen bestätigt wird. Einige Dutzend jüdischer Geschästsladc», deren Inhaber froh waren, sür teures Geld wenig einträgliche Betriebe loszuwerden, sind in polnische Hände nbergegangen: die »,eist iin Handel unersahrencn Käufer, die auf den polnischen Nationalismus spekulierten, haben z. T. jetzt schon schlechte Erfahrungen gemacht, Ande polnische Unternebmer gründeten Geiwssenschafte» , die in Wirklichkeit Einzeluntcrnchme» darslcllten, aber die Möglichliel boten, dem Publikum unter der Zarin von?lnleilscheine» Geld ans Ver Tasche zu ziehen; von diesen Unternehmungen sind schon mehrere bankrott geworden. Die Inden beantworteten den Boykott mit ähnliche» Matznahmen» was selbst einige der grössten polnischen Unternehmer zu beunrnlngenden Erllärungcn an ihre bisherigen jüdischen Avnehmer veranlagte. Eine lvciterc Schädigung erlitt der polnische Handel dadurch, dag die russischen Konsumenten und die russischen Einkäufer syjieinalisch die Inden zu begünstige» anfingcn, was ,ich tciltvcisc aus dem auch gegen die :llujscn gerichteten Ebarakter der polnischen Bcivcgnng, teils aber auch aus oer Ucbrrzeugung erklärt, das; man bei den durch den Boylotl gcschädigtcn Inden billiger kaufen könne als vei Polen'. Die wirtschaftlich weniger kräftigen polnischeu Kleinkauslcmc und Handwcrler baben fast überall ihre jüdische Knndsckiast verloren, da selbst die von nalionatisiischcn Ideen am wcitesicn entfernten radikalliberalen Juden angesichts des Bovkotts lieber ihre SlammeSgenosscn beschäftigen, die grösst jüdische Masse aber instinktiv auf den Boykott mit derselben M׳ natune antwortet. Die jüdischen Idusiriellen sangen an, mit Vorliebe jüdische Ärbeiter cinzuslellcn. Tie genossenschaftlichc Betvcgung, die vor dem Boykott von der polnischen Bourgeoisie und dem Klerus künstlich gesördcrt wurde, beginnt zu verfallen, da die nämlichen Kreise jetzt ihr Hauptaugenmerk auf die Vermehrung der Zahl polnischer Kleintanslenlc und Krämer richten. Tic polnischen Hausbesitzer, die deit Juden keine Wobnungen und Läden vermieten wollen, sind gezwungen, d!e Mietspreise ibrer polnischen Mieter zu steigern, um den Aussall zu decken. Tic Aoykottbcwcgnug scheint anderen Nachrichten zufolge langsam abzuslaucn, als bleibendes Ergebnis wird sie aber jedenfalls eine schlimme Verbitterung znrücklassen — ein .,idealer' Erfolg, aus den cs den polnischen Anlisemiten vielleicht mehr ankam als auf die praktischen Ergebnisse, deren Kosten die U'iiv.i! Iich Eebioachiten der beiden Nationalitäle» tragen Mi-.sseit- Sympathiekundgebung eines Bischofs für die Juden. Der Bischof Alexander Parvy wurde auf seiner Durchreise in Kesmark auch vonr Präsideuten der jüdischen Kultusgemeinde, Bernhard Graus, Legrüßt. In seiner Antwort auf die Anspräche des Präsidenten hob der Bischof seine Sympathie für die Juden und die Wichtigkeit des konfessionellen Friedens hervor. Bei dem zu Ehren des Bischofs gegebenen Diners brachte der Präsident der Kultusgemeinde einen Tvast aus, auf deu der Bischof in hebräischer Sprache dankte. Anszeichung eines jüdischen Gelehrten. Der Professor für Bakteriologie an der Universität Lissabon Tr. Enrico wurde vom König von Italien zum Kavalier des italienischen Mronenordens ernannt. Tr. Enrico, der erst im Alter von 20 Jahren steht, entstannnt einer alten, vcnetianischcn Familie. Verbleiben Nathans im Bürgermeistcramtc Roms. Auf dringendes Ansuchen des römischen Geincinderatcs hat der Bürgermeister Ernesto Nathan seinen Plan, auf die Bürgcrineisterwürde zu verzichten, aufgegeben. Bekanntlich beabsichtigte Nathan eine Kandidatur für die italienische Kammer. Wohin steuern wir? Bcneschan bei Prag hat in Tr. Kraus einen tschechisch-fortschrittlichen Rabbiner, der alles eher ist, denn Rabbiner. Dah er cs mit den unterschiedlichen Vorschriften der Sabbathruhc usw. nicht so genau nimmt, ist allgemein bekannt. Einen weiteren Beitrag zn seiner Eharakteristik lieferte seine am Sonntag gelegentlich der Bestattung der greisen Iran Julie Tauffig in Bcneschan gehaltenen Grabrede. Er rühmte ihre Toleranz gegenüber dem religiösen Abfall in der Familie und ihre, den Gcistcsadel verratende religiöse Liberalität gegen die Enkel, welche verschicdcncn Konfcffionen angchörcn. Das sei umso höher anzuschlagcn, als die Verstorbene streng religiös erzogen war. — Sonst hielt man Trauer um von der Religion' Abgcfallcnc. Heute billigt ein Rabbiner solche ״Toleranz und Liberalität", weil, nun weil die unterschiedlich jüdisch-christlichen Söhne der Verstorbenen mit dem Dr. Kraus im tschechisch-realistischen Lager stehen. W. K. Wiener Nac^ric^elen «6 Antisemitische Perfidie. Die deutschradikale und christlich-soziale Presse, voran natürlich die ״Ostdeutsche Rundschau", die ״Neichspost" und das ״Deutsche Volksblatt" ist in ein Freudengeheul ausgebrochen. Sie haben es entdeckt, daß der Spion Redl ein Hndenstämmling ist. Sclbstverstündlich ist diese Behauptung aus den schmierigsten Fingern der wackeren Schriftleiter gesogen. Aber das geniert nicht. Vorläufig feieru sie in den Spalten ihrer Blätter Schimpforgicn, in denen dem ganzen Judentum der Verrat Redls aufgepclzt wird. Neugierig sind wir nur, ob dieselbe verlogene Prcßcligue in einigen Tagen, wenn das reinrassige Ariertum Redls sich herausgestellt haben wird, das Verrätertum Redls ebenso skrupellos den gesamten ״christlichen Völkern" Oesterreichs an den Kopf werfen wird. Höchste Zeit wäre es schon, daß die österreichischen Behörden, die sollst gegen die Presse nicht so gar zimperlich sind, endlich auch den antisemitischen Revolvcrjournalisten ihr schmutziges Handwerk lege. Gcneralversammlug des Vereins ״Frauen- Hort". Am 26. Mai fand im Zereomiensaale des Tempels im 9. Bezirk die 20. Generalversammluilg des Vereines ״Frauenhort" statt. Frau Neginc Kopstein als neue Präsidentin des Vereines eröffnete die Sitzung. Tie 2. Vizepräsidentin Frau Regine Bettelheim hielt den verstorbeneu Mitgliedern und Gönnern des Vereines Albert Freiherr» v. Rothschild. David v. Gutmann, Friedrich Fanto, Alfred Glogau, vor allein aber der verdienstvollen Präsidentin Frau Rosa Zifferer einen tiefempfundenen Nachruf und entrollte dann ein anschauliches Bild des eminent segensreichen Wirkens des Vereines. Namens der Kultusgcmcinde hielt Herr Tr. Schreiber eine zündende Ansprache. Prüfung an der Bibclschule des st. Bezirkes. Iin neuerrichtetcn Kaiser-Franz-Josef-Jubiläums-Tempcl, Siebenbrunngasse, fand die erste Prüfung der von einem Jahre ins Leben

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