Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1913)
- Date
- 1913-05-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. XIV.II/ Jahrg, Beilage zur,Wiener Jüd. Bolksftinune. 29. Mai 1913 Seite 9 Das Preßburger Ghetto. Im ״Pester Llohd" veröffentlicht Dr. Strasser einen ״In meinoriam" betitelten Artikel, dem wir folgendes entnehmen. Die Redaktion. Sie hieß eigentlich nicht Schlotzgrundgasse, sie hieß auch nicht Judengasfe, sie hieß schlechthin ״die Gaffe", denn nie nannte sie der Ghettobewohner an- Lers. Von dem zierlichen Bifflifchen Häuschen, einem wundersamen Gemisch deutscher Renaissance und späten Rokokos, schauen heute die zwei mit Blumenreliess zart umwobenen Giebclsenster wie trauernd auf die Sandflächen des Fischplatzes hinunter. ״Die Gass'" ist über- Haupt keine Gaffe mehr. Die Gätzchen und Gaffen, die an ihrer Seite den Berg hinanlausen, streuen, wie Hände des Verzweifelten, Asche aus ihr betrübtes Haupt und ihre Bewohner, ärmste, ringende Juden, rufen es, jeder ein Jeremias, klagend: ״Siehe, die Stadt!" ״Sagen Sie meinem Bruder, alles ist verbrannt," hallt es aus einem Fenster. Ein junges, abgehärmtes Mädchen ist die Nuferin. ״Ich kann bei die Berger bleiben," ruft, mühevoll das Weinen erstickend, ein anderes Mädchen. ״Geben Sie acht aus den Diwan. Ihr zerreißt mir den Diwan," kreischt eine Greisin, die wandelnde Berzweislung, den Trainsoldaten entgegen, die die Habe der Unglücklichen in Sicherheit bringen. In der Einfahrt einer Mietskaserne ist c§.n Maffenquartier aufgeschlagen. Slovakische Infanteristen verhindern, zum Schutze der aufgestapeüen Habe, den Ein- und Ausgang. Ein blonder Junge mit den obligaten Löckchen lugt furchtsam spähend hinten den Bajonetten hervor. Plötzlich dringt er flüchtend aus die Straße. Er wird von den Soldaten Mit Strange zurückgebracht und er erklärt ihnen vergebens, daß er die schweren Lederbände, heilige Folianten, die er unter den Armen halt, an einen sicheren Ort dringen müsse. Eine neue Diaspora der Familien und des -armseligen -Gutes, -ein ״bitterer Sabbat" ist über dsse Unglücklichen gekommen. Die Frauen in der ״Gasse" tragen immer die Züge der Traurigkeit, einer ängstlichen, -zagenden Leibhaftigkeit, die ohne 'besonderen?lnlaß stets kommenden Usbeln crrtgegenbebt. DieseAengstbichkeit der Vielgeprüsten offenbart auch das Bausystem des Ghettos, in dem sich wie Lämmer im Sturm Haus an Haus drängt, Gäßchen über und durch Gäßchen windet. Dabei Lars mau -nicht an das Einfamilienhaus der alten deutschen Stadt denken. Dem Ghetto war die schwierige Aufgabe gestellt, eine stets wachsende Bevölkerung aus einem Gebiete zu -beherbergen, dessen Grenzen nur um hohen Preis oder auch überhaupt nicht ausgedehnt werden konnten. Hochragende, vier, fünf Stock hohe Bauten, die,!in drei vier Höfe zerfallend, beträchtlich in die Tiefe greisen und mit zahllosen, regellosen Anbauten und -Erkern, mit Arkaden und Terrassen auch den Lustraum und die Straße okkupierten, mußten ersetzen, was bie mangelnde Möglichkeit einer Gebietsausdehnung versagte. Mit der Oeffnung der inneren Stadt . für das Judentum verlaffen die besser situierten .Kaufkeutc das Ghetto. Im!Ghetto bleibt, was religiöser Beruf, konservative Gesinnung und Gefühl, vor allem aber die Armut-in der enggedrängten Umgebung zurückhält. Die Zeit, in der im Innern der Stadt das Schieferdach das Schindeldach ersetzt, die Eisentraverse die -Rohrdecke, Stein und Zement den Holzgang verdrängen, fand im Ghetto eine baulichen Neuerungen nicht mehr zugängliche Bewohnerschaft vor. Und so .könnte der-Rückfichtslose sagen, daß hier ein furchtbar^ Geschick eine dringende kommunal-polrtsche -Aufgabe schrecklich radikal gelöst habe. Mer in diesem gefahrvollen Feuernest -lebten Menschen in Freud und Leid. Diese Möbel, die in Trümmern und Fetzen in de» Höfen und aus der Straße liegen, waren das ganze Gut, ein Hafen dcS Friedens der Aermsten, die hier nach dem sauren Ringen der Woche am Freitagabend der Sabbatbraut entgegensan^n. Wer sie sah, diese Gasse, in der ungebrochenen, hohen Stille eines Sabbattages, wer durch sie wandelte, wenn sie van Fähnlein tragenden ,festlich gekleideten Kinderchen bevölkert, fteundljcher Lichterschein eines Thorafestcs erleuchtete, oder wenn sie der lachende Jubel und Trubel einer maskenreichen Purimnacht durchjauchzte, der wird heute ״an der eingefallenen Wand" mit ihren armen Bewohnern bewegt mitsprcchen: ״Siehe, die Stadt." Denn sie wird in ihrer alten Form nicht wieder erstehen. Es gilt Abschied nehmen von Menschen und Stätten, Kahl ragen die Schornsteine aus dem Gebälk des riesenhaften Nesterhauses empor, eines Massenquartiers, das Hunderte Familien, die doch wieder eine traute Familie bildeten, beherbergte. Hier oben, auf dem' gekbgetünchten Gange des sechs Stock hohen Hofes, wo jetzt-Schutt und Asche lagert, lebte im Dunkel der Einsamkeit der niysteriöse Gottesmann, dem in stillen Nächten der Herr der Heerscharen sein Ohr neigte. In Fällen tödlicher Gefahr führte der letzte Weg zu dem geheimnisvollen Manne, damit er dem Sterbenden noch Genesung erbetc. ׳Aus diesem Hof zog auch der alte Wolf Freitag morgens aus den Fischmarkt, von wo er im roten Schnupftuch den Siechen fette Karpfen in das Versorgungshaus trug, das er den -Armen seiner Gemeinde mit reichen Opfern gestiftet hatte. Von dem Gang, dessen Gitter jetzt bodenlos in die Tiefe hängen, lachten die Hellen -Augen der drei schönsten Mädchen des Ghettos, ein ״jüdischer Frühling", in die Welt. Sie mußten den Gatten im äußersten Nordojien des Landes wählen, denn das Gketto hatte keinen Mann, der den hohen Frömmigkeitsansprüchen des glauben»- starken Vaters genügt hätte. Und hier, an diesem vergitterten Fenster aus der breiten Stiege, vor dem jetzt ein Militärkordon ausgestellt ist, saß achtzehn Jahre lang im Lehnstuhl ein in Redlichkeit ergrauter Hüter der Lehre, ohne mit seinem Weibe ein Wort zu wechseln, weil dieses ihn bewegen wollte, weltlichem Reichtum die Lehre zu beugen. Er starb wie Leo Toisroi mit dem lauten Bekenntnis zur selbstlosen Hingebung für das Wort Gottes auf den Lippen. -Andenken, deren Heim in Schutt und Asche liegt. In der Toreinfahrt der ״Jeschiwa" liegen die alten Mcssingleuchter und Luster aus dem Boden. Ter Rauch hat die Blender geschwärzt. Tie Eisenstäbe vor dem Stammheim der Rabbinerdynastie hängen lose von den Gängen in den Dos. Tie Treppenreihen des großen Hörsaales sind über und über mit Schutt bedeckt. Tie weitgeössnete heilige Lade ist leer. Tie Talniudistcii haben die Thorarollen gerettet. Ter Geist, der hier in lauten Kämpfen und in stillen Palastrevolten das Banner der Orthodoxie im Streite gegen die Neuerung unentwegt hochgehalten hat. ließ die heilige» Schriften nicht untcrgehen. Steinmassen, Eisenstücke, Kleidersehen. Mobeltrümmer bedecken den weitgcsireckren Hof des fürchterlich leergebranntcn Zsigrayhauses. völlig ausgcbrannt wankt das große Sonncnfeldsche Haus zur f schlammigen Erde. 'Wo ist ״das starke Männlein", das hier mir einer hohen weiße» Halsbinde, wie sie auf dem Goctheportärt Stielers zu sehen ist, im schwarzen Lcibrvck, eine antiquiert-groteske Karikatur verflossener Salonlöwcnschast, dem uneleganten Geschäft des Verkaufes alter Flaschen oblag? Aus dem Höhepunkt der -Gasse beginnen Pioniere mir der -Abtragmng eines zusammen breche!!den SpeiscbanseS. Es ist das Heim je nes einäugigen Frommen, der sich, ein Muster seiner Jünger, täglich eine Stunde betend und büßend rm Vergessen übt, weil ihn eitle Neugierde einst bewogen hatte, den ״Don Carlos" Friedrich Schillers zu lesen. Und wo sind die Kinder, die im weiten Edelhof unter den Akazien mit Nüssen spielten? Der Hof ist zerstört, die -Akazien sind zerhackt und verbrannt, llrö auf den ״Stiegen" des Schulhofes, wo einst ein jauchzendes -Kinderregiment in die Gaffe hinabjagle, liegt ein rauchendes Gebälk, -steigt der dünne, weiße Lauch zum hellblauen Abendhimmel. Vom Palsiy-Garten, dem einstigen Luitgarte» heilerer Pfänderspiele, freundlicher Idyllen. Iveht ein lauer Wind Herauf. Eine wundervolle, ,warme, mond- Helle Maiennacht hat sich herabgesenkt. Bon den Höhen der Schloßruine schweift der Blick über die glattgebrannten Häuser, über Trümmer und verödete Ruinen. Skutari. Ter Mond spiegelt sich in den stillen Fluten der alten, treuen Donau, die fanft an dem Erdreich des alten Judenfriedhofes vorbeizieht, an altem verwitterten Grabgestein. Maeterkinck erzählt in seinem Märchenspiel ״Der blaue Vogel", daß die Toten drüben solare weiterlwen, als sich ein irdisch Ding, ein irdisches Wesen auf dieser Erde ihrer erinnert. Tie Stätte, wo die wundersamen Legenden und Sagen über die stillen -Besitzer der ״schmalen Bettlein" am Donaustrande weitergesagt und weitergesungen wurden, hat ein Tag des Unglücks in Elend und Asche verwandelt. Tie Schatten sind heimatlos. Dr. I. Straffer. Moderne Weltanschauung und Sittlichkeit. Von Rabbiner Dr. Klein, Eiscnstadt. (Fortsetzung.) Das gleiche gilt oon der sittlichen Entwicklung der Menschheit. Wer den gegenwärtigen Zustand der Sitten als das mechanische Ergebnis rein mechanischer Anpaffungsvorgänge ausfaßt, der kann allenfalls, obwohl auch das noch ohne innere Begründung das historische Recht dieses einmal gewordenen und nunmehr tatsächlich bestehenden Zustandes anerkennen und die gleiche Anerkennung von anderen verlangen, aber nimmermehr kann er diesem Sein ein Sollen, dem Gegebencn ein erst zu Erstrebendes, der Wirklichkeit ein Ideal mit dem Anspruch aus höhrere Berechtigung gegenüberstellen. Alle Geltendmachung von Idealen selbst noltoendig auch den Glauben an ihre objektive Wahrheit ui’.b -Allgemeingültigleit Voraus. Ü bjekliv wahr und allgemein gültig aber kann ein Ideal nur dann beigen, wenn es :!ich! aus dem individuell beschränktc-n Geiste irgendeines Menscqen, wndcr» ans dem abfohlten Gcnnd alles Einzeldaseins jnimmt, wenn es nicht nur die zufällige Richtung irgendivelcher snbjeklive» Ncigungen und Wnntche, sonder» das allgewein zu erreichende Ziel des alleinigen göttlichen Willens darste'lt, der die objcltive» Zwecke der von ihm ge-!vollten und geleiteten EnNvicklnng eben als Ideale den Menschen ossenbar! und sich in der sittlichen Freiheil des Menschen oas C rgcin zn ihrer Verwirklichung geschaffen hak. Wenn der religiös Fühlende, der die Welk von einer höheren Warte ans vetrachtet, die Wirklichkcit an dein Maßnab seiner Ideale mißt, ivenn er fragt, nicht wie die Tinge sind, sondern ivie sie fein sollten, so wäre, das ein sinnloses Unterfangen, ivenn er »ich: von dem Bcivußtsei» geiragen wäre, daß die sc-ineui Geiste vorschtvebenden Ideale in Wahrheit Sie Zivecte Gotte» seien und daß die Welt z!l ihrer Perwirtlichung eingerichtet sein müsse... Deshalb steht nnd fällt der sittliche Idealismus mit dem Glauben an einen objektiven göttlichen Zweck alles weltlichen Geschehens; alle Hoffnung aus die Verwirklichung sittlicher Ideale mit dem Vertrauen ans die iveltordnende nnd weltübeuviiidende Macht der von Gott gewollten Ztvecke lind der geoffenbarreil Ziele der Menschheit. So!ist ohne den Glauben an objektive Ztvecke in Natur und Geschichte die Förderung einer nneigennüvigen Hingabe an das Gemeimvohl oder gar die einer selbstlosen -Milarbeit am Fortschritt der Menschbeil ebensowenig zu begründen, tute die innere Verbindlichkeit der sittlichen Pflichten und Ideale überhaupt, ilnd der Egoismtls -erscheint als das lebte Wort der praktischen Philosophie des theoretische» Mechanismus. Und wer weist» ob nicht die praktische Philosophie die Mutter der theoretische» war» ob nicht der Wunsch von aller sittlichen Verpflichtung ans schöne Aer losznkommen der Vater des Gedankens der reiil mechanischen Welterkläenng war und ist! Daß eine solche egoistische Pseudomorat mit ibrer Bewertung aller Handlungen nach dem Nuben für das eigene Ich einem tieferen sittlicheil Bewußtsein nicht Genüge tut und den Begriff der Ethik im Grunde ansbebt, kümmert diese Vertreter de» Utilitarismus ebensowenig wie die Tatsache, daß das eigene Wohl und das fremde oder allgemeine Wohl oft genug im Widerspruch stehen. Sie leugnen oder vertuschen einfach diesen Gegensatz nnd erklären jede andere als eine egoistische Moral schlankweg nie eine Illusion, für das leere Hirngespimt eines wohlmeinende» aber überspanuteil JdeaiiSMils. Aber ist denn Ivirklicy der Endäinouiömns die letzte praktische Konsequenz der mechanistischen Weltanschanung? Steht nicht schon die -Annahine. das-, auch nur subjektive und individuelle Zwecke möglich und erreichbar seien, in offenem Widerspruch mit den »lechanislischen Voraussetzungen? Und ,veii» dem so ist, wie und in welchem Sinne kann dann überhaupt noch von einer Ethik, wenn auch nur von einer eudämoniistischen die Rede sein? Das sind Fragen, die von den Mechanisten gerne beiseite geschoben iverde». die sich aber ״jedem unbefangenen Denker nur umso stärker ansdrängen müssen und unabweisbar eine klare Antivork heischen. Wenn alles Geschehene in der Welt nichts als Ausflutz einer äußeren Notwendigkeit ist lind alle scheinbare Zweckmäßigkeit des Menschen nur leere Illusionen und seine vermeintlichen Willeiishaiidliiiigen ohne Rest durch tliiabäiiderliche mechanische Gesetze der Materie bestimmt sind, so kan» von irgendwelcher Veranwortung für diese vermeintlichen Willenhandlunge» offenbar nicht mehr die Rede sein; auch nicht von einer psendomoralischeii Vcranwortung lvegen Wahrung oder Verletzung der eigenen Interessen. Wenn der Geist, angenommen, daß es überhaupt eine» gibt, doch ohnmachtig der Materie gegenübersteht, wenn die Seele, mag sie }ein, was sie will, aus jeden Fall doch keine Herrschuft über ihren Leib hat, so ist es widersinnig, ihr, dieser armen machtlosen Seele, die automatischen Bewegungen ihres Leibes anzurechnen, widersinnig, zu verlangen, daß sie selbst sich »oegcn der Schädigung anderer Menschen, die doch in keiner Weise, von ihr abhängt, Gewissensbisse machen und in künftige» Fällen ihren Pflichten besser »achkommen solle. Will der Anbänger der mechanistischen Weltanschauung die als zweifcllose Wahrheit hingcstcllte Wcltansicht nicht in jedem Augenblick außer -Acht lassen, so kann er als vernünftiger Mensch nur noch eins tun: aus alles doch nur illusorische Wollen und Bezwecken ein für allemal verzichten und fürderhin in teilnahmsloser Ruhe oder 1atenloscr Neugier dem unabäiiderlichen Laus der Tinge zu schauen. Das heißt, die letzte folgerichtige und linab- Iveisbare Konsequenz der mechaiiisiische» Wrltanschauung ist der fatalistische Q u i 11 t i S m u s. (Schluß folgt. >