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Jüdische Volksstimme · 1913-05-22 · Heft 21 (22.5.1913) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 21 (22.5.1913)
Date
1913-05-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 21. klubs und Llinderzirkcln. Tic Frage der hebräischen Schulen wurde von Herrn Leser angeschnitten und durch P. Cohen und Schulmann aus Palästina ergünzt. David Cohen sprach üvcr Unterrichtsmethoden. Tic brennende Frage der hebräischen Lchrbehclsc sür Deutschland ivurde von Tr. :stosenblüh, Rabbiner Dr. Cmil Levn, Alex Adler-Lübeck und Josef Lin ausführlich besprochen. Nach einer längeren Tcballe über die eigentliche Konsiitnierung des LandeStomitccs, an der sich Tr. Heinrich Loewe, Tr. I. Mcisl, Tr. Rosenblüh, Alex Adler, Tr. Iardeni, KrauS, Icdidja, Ganzer u. n. beteiligten, ivurde der Beschluß gefaßt, ein Landeskomitee zu wählen. Zu Mitgliedern des gcsckäftsfiihrcnden Ausschusses lvurdcn gewählt: R.-A. 2. Groncmanu, Tr. Perlmann, Frau Lina Wagner, Josef Lin, Tr. I. Mcisl, Tr. S. Bernstein, Tr. Alfred Wolfs, Dozent Dr. I. Bancth, M. löoitzcr, Dr. Georg Gcrson und PinckaS Cahcn. Tie 'Adresse des Deutschen Landeskomilees der Hisiadrulh ist vorläufig: Ls rganisalion für hebräische Sprache und Kultur, Berlin-Charlotlenburg, Kanlfiraße 9Ü. «Tel.: 'Amt Wilhelm 1113.) Zur Lage der Juden in Saloniki. Wir cninehmen der ״Frankfurter Zeitung" folgcnde Zeilen: Mil anderen französischen Zeitungen Halle der ״Tempo" jüngst die Juden von Saloniki schändlicher Undankbarkeit gegen die Türken beschuldigt, unter dereu Herrschaft sie seil Jahrhunderten in Frieden gelebt ballen und die sie jetzt im Unglück vcrlcugnetcn, indem sie sich servil an die siegreichen Griechen hcrandrängtcn. Darauf gibt nun Pierre Loli, der unermüdliche Rerleidiger der Ottomanen, aus Grund eines ihm zugegangenen Schreibens, das von zablreichcn Juden von Saloniki gezeichnet ist. eine scharf gehaltene Bericht!- gnug. In dem an ihn gerichteten Briese heißt es u. a.: ״Ter Brief, auf den sich der ״Temps" stüvt, und in dem erllärl lvird, die Juden seien außer sich vor Entzücken, unter die griechische Herrschaft zu komme», ist das Wert eines Griechen, eines Beamten des Preßbureaus von Saloniki, der sich für die Gelegenheit als Israelit ausgegeben bat. Das Schreiben ivurde in einem kleinen griechischen RegierungSblaitc in französischer Sprache lvicdergcgeben, das gegründet worden ist, um die Juden, die sämtlich französischer Kultur sind, an den Helenismus anzulocken. Cs ist ganz falsch, zu bcstäupten, daß die Juden in Saloniki die Türken vcrleugnet staben. Sic staben nicht vergessen, das; in der Zeit, da die ganze Cstriilenheit in einem gemeinsamen Haßgedanten ihre Vorväter von allen Seiten verfolgte, wästrcnd diese durch die Meere irrten, um einen Ort zu finden, ivo sie istr Haupt niederlegen könnten, der Türke istnen gastfreundlich die Tore öffnete. Nein, der kleine griechische Beamte bat gelogen. Tic Haltung der Juden von Saloniki beiin Cinzug der griechischen Armee in die Stadl war steroisch. Obgleich sie die schlimmsien :steprcfsalicn seitens der siegeslrnntenen Soldaten erivarien lonnten, tveigerlen sich die Faden trotz direk- 1er Aufforderung energisch, mit den griechischen Fastneu zu flaggen. Sic ivastrlen eine so ivürdigc und so anfiickiig traurige Zurückstallung, das; sie sich mestrere Tage hindurch den Haß und den Zorn des MobS und der Soldateska zuzogen. Man schändete istre Frauen, man plünderte istre Häuser, man mißstandeile sie, man sperrte sic ein und ließ ans istnen eine ganze Woche stindnrch die Tröstung einer Massenmetzelei lasten. Und auch steine nach drei Monalcn der Besenung staben eS die Grieche» trotz aller Proteste ihrer Tvmpatstie, trotz alten dringenden Cntgegenkomntens noch nicht durchzuscl'-en vermochi. das; die Inden die Türken ver leugnen." Eine interessante Reminiszenz. Das englische Volk erwartete im Iabre 1341 mit Ungeduld die Geburt eines Prinzen. Königin Viktoria >var jedoch schlver erkrankt und weilte zur Crstolung in Italien. — Auf Anraten der Aerzie sollte die Könsgin über die Zeit istrer Cntbindung in Italien bleibcn, lvozu auch die tönigliche Familie istre Zusiimmnng gegeben stalle. Tie Zeitungsnachricht stierüber halte auch der damalige Rabbiner von Hannover, Rabbi Natstan Adler, gelesen. Cr erbat sich eine Audienz beim Minisier des Auswärtigen Amtes und machte denselben darauf aufmertsan!, daß nach der englische» Verfassung nur derjenige königliche Prinz den Tstron erben könne, der auf englischem Boden das Licht der Welt erblickt stal. Sollte nun die Königin von Cngland in Italien einem Prinzen das Leben schenken, so wäre er nach der englischen Verfassung von der Thronfolge ausgescklosfen. Ter Minister verständigte hiervon den Hof, wo diese Mitteilung große Uebcrraschung hcrvoricf. Mai hatte au diese Cvcntualität einfach vergessen. Ohne :stücksicht aus den schwachen Zustand wurde Königin Viktoria nach Cngland übcrgcführt, woselbst sic am 9. November eines Prinzen, des nachmaligen Königs Cduard, genas. Tie königliche Familie hat diesen Dienst des Rabbis von Hannover niemals vcrgeffen, und als der Rabbinerpostcn frei wurde, erhielt Rabbi Nathan Adler aus Hannover die Berufung nach London, woselbst er dann zum Chief-Rabbi von ganz England ernannt ivurde. Eiterolur Neue Bücher, Von Dr. M. S ch c r l a g. Wilhelm Schäfer. •i'i Anektdoten (Georg Müller, München). Man mutz ein großer Erzähler sein, um eine nicht alltägliche Begebenheit knapp und interessant erzählen zu können. Solche kurze, gleichsam kondensierte Gefauchten machen den Eindruck leichter Anekdoten, siüd aber oft reicher au Inhalt und bieten niestr Anregung als meterlange Novellen. Tic harmlose Anekdote pflegtcn diebcsicn Volksschriftsteller ivic Hebbel, Auerbach und Rosegger, deren vcrfchiedentlichcn Schatzkästlein, Kalcndergcschicktcn und Erzählungen keineswegs vcralten. Tragischer, grandioser ist die Anekdote bei dem genialen Kleist, doch geradezu kunstvoll erscheint sie in der vorliegenden Sammlung, an der stellenweise der ivostltueudc Einfluß der altilalienischen Novellisten nicht zu verkennen ist. Dem deutschen Dichter sagt man gewöhnlich nach, das; er langiveilig sei, daß er in seinen Romanen und Novellen wohl an Stimmungsbildern und Gedanken Verschivendung treibe, dagegen nicht ivissc, was Spannung sei. Ebne mich auf eine Widerlegung dieses VoriinirsS einzulafsen, ivill ich mich nur mit dem HiniveiS aus Kleist, Hosfmanu, Mchcr, Hcysc, Anzengruber begnügen und von den Modernen, außer Sudermann und Bühlau nur Wassermann und Schäfer erwähnen. Ties.׳ leiden Schriftsteller streben gleichsam programmatisch nach einer neuen epischen Form. Beim Lesen des Goldenen Spiegels und der ZU Anekdoten hat man :eine Zeit, ästhetische Untersuchungen anzustcllcn, so überraschend und packend wirken die einzelnen Spicke. Man liest, gebt iiu Inhalt auf und ahnt gar nicht, ivieviel Kunst dazu gehört, so restlos knapp zu crzähleu und ivieviel zurückgedrängtc Poesie sich hinter den abgelvogeneu Worten und gemeißelten Sätzen, nur inanckinal etwas zu langatmigen, birgt. Aber nachher beim Besinnen kommi man schon darauf und schämt sich nicht des Interesses am Stofflichen, im Gegenteil, man freut sich, ein Kunstwerk genossen zu haben. Und liesi die Sachen nochmals wobei man Gelegenheit hat, die Prägnanz der Sprache und die Feinheiten der Erfindüng zu bemerken. Einzelne Geschichten in Schäfers Buche hervorheben, stieße alle Uebcrschriftcn hierher setzen. Nur iveuigcn fehlt die Pointe. Philippe Monnirr Vlnise: Ter Gstninasiast. lA. Langen, München.) Wer kramt »ich! gern in alte» Briefen, Aufzcich- »ungen und Erinnerungen? Wer läßt nicht zuweilen seine Iugendjahre aufcrstehcn und vor seinem geistigen 'Auge vorbciziesten? In rosiges Licht sind sic meist getaucht, »sie sie auch einstmals geivesen sein inochtcu. Man süstli sich verjüngt, gedenkt man der seligen Tage der Jugend, als ginge ein eigener Zauber von ihnen aus. Und dieser Stimmung dürfte das vorliegende Buch erblüht fein, und darmif verübt zum großen Teil seine Wirkung. In die goldene Zeit!vähnt man sich versetzt, da inan noch selbst Gvmnäsiasl geivesen ist. War sie aber ivirklich auch die goldene Zeit? Unwillkürlich entsinnt :nun sich der schweren Stunden, ivo man, von der Welt abgeschieden, das Gehirn mit überflüssigen Kenntnissen!!verlud und zermarterte, oder der zitternden Angst vorbiuierhältigcn Fragen und Prüfungen oder der schrecklichen Träume von schlechten Noten undb öscn Professoren. Und dennoch seufzt man und sagt: Es war doch eine schöne Zeit. Man war eben jung. Hatte noch die Fähigkeit, Glück zu empfinden, lieber das Geringste vermochte man fick zu freuen. Und lebte eigentlich doch sorglos dabin. Tenn man ging nicht zugrunde, ivenn man nur ein ivcnig Geduld und Fleiß und kein Pech hatte. Wobl bäumic man sich manchesmal gegen den äußeren Zwang auf und brannte vor Begierde, frei zu werden und das Gymnasium mit seiner veralteten Unterrichtsmethode zu reformieren, aber im ganzen war man heiter lvie eine Frühlingslandschaft. So wenigstens schildert Monnier das Pcuälcrdascin des Genfer Blaisc, der sein Leben lang der verträumte Gymnasiast bleibt, und kommt damit der Wahrheit vielleicht naher, als die deutschen Autoren der tragischen Iugendroinanc: Unterm Rad, Freund Hei», Professor Unrat. Tenn man mutz sich fragen, Wo haben nur die Dichter Hernrann Hesse, Emil Strauß und Heinrich Mann die Modelle zu ihren traurigen kleinen Helden genommen. Da ist ja Philipp Monnier ein ganz anderer, er kennt fast lauter sonnige Kerle, gutmütige Professoren, launige Kameraden, spielende Spitzbuben. (Nur einmal streift er ein Tragödie, indem er von Verton und dessen Flamme, der kleinen Lahmen berichtet). Diese schlichten Notizen, diese kunstlosen Stimmungsbilder aus der Gymnasiastcnzcit wirken daher erfrischend und erheiternd. Karl Bicnstrin: Der Einzige auf der weiten Welt. (Adolf Bong u. Co., Stuttgart.) So anmutig beginnt der Dichter, anscheinend aus eigenem Erleben die in Wehmut getauchte Geschichte zu erzählen, daß man an Storm gemahnt wird. Nach einer Weile ahnt man, daß hinter den verklärten Erinnerungen eine große fremdartige Tragik lauert und erst gegen Schluß klärt uns der Dichter aus, daß er uns die Aufzeichnungen des Kohlenbrenners Heinrich Binder lesen ließ. Von diesem ein ivcnig veralteten Kunstgriff abgesehen, haben wir cs hier mit einem Werke zu tun, das mit :stecht die Bezeichnung ״Ein Menschenleben" führt. Fast jedes Kapitel wird von einer bestrickenden Landschaftsschilderung cingelcitet, die den gegenwärtigen Scelcnzusland des riickblickeude» Helden trefflich ividcrspiegelt und mit der knappen Erzählung aus seiner Vergangenheit, kunstvoll verwoben ist. Man fühlt hier förmlich, wie der Pulsschlag der Natur mitten durchs menschliche Schicksal geht. Ein Mensch, in dem Liebe und Haß stärker und tiefer ivaren als in andern, der durch Kampf und Irrtum, Leid und Unglück gehen mußte und Schuld und Sünde auf sich lud, ringt sich endlich zur Erkenntnis durch, daß alles, was er crtragen hat, Notwendigkeit war. Daraus schöpft er seine blühe und Zufriedenheit. In der Waldeinsamkeit, mit Pflanze und Tier befreundet, vollendet Heinrich Binder, dkffen Leben an den Menschen Schiffbruch gelittcn. als Ilebcrwinder, als Einziger auf der weiten Welt seine Tage. Ob es aber ivirklich so erhaben ist, über Mcnschenlcid und Lust zu stehen, der einsame Einzige zu bleiben? Das Leben, das noch einmal zu Heinrich Binder kommt, gibt auf diese Frage die Antivort: Größer und schöner ist es, sich durch eine Tat heiliger Liebe aus der Einsamkeit zu lösen. Heinrich Binders Herz, das von irdischen Schlacke» befreit war, flammte noch einmal aus und sand in der Aufopferung für andere ewigen Frieden. Dies ist der Gcdankcngaug des inhaltsreichen Buches, an dem außer dem prctcntiösen Titel auSzusetzcn ivärc, daß zuviel Unglück sich auf das Haupt des Helden häuft, daß dieser sich stets für einen AnSnahmsmensche» hälk und sich an lyrischen Ergüssen nicht genug tun kann. Voranzeige! Im Jüdischen Kunst- und Bnchvcrlag erscheint in einigen Tagen: דבר בעתו Zeitgemäße Betrachtungen zu allen Wochenabschnitten des Jahres. Zweite, stark vermehrte und verbesserte Auflage. Von Dr. Felix Kanter, Rabbiner in Zwittau. Preis 3 K. — Dr. Kanter hat sich auf homiletifchem Gebiete einen klangvollen Namen gemacht, und fei» neuestes Werk, dessen erste Auflage in kurzer Zeit vollständig vergriffen wurde, enthält eine Fundgrübe von Belehrungen und Anregungen, die Fachgenossen und Laien in gleicher Weise interessieren werden. Aristoteles' Politik. Neu übersetzt und mit einer Einleitung und erklärenden Aumcrkungcn versehen von Tr. thcol. Eugen RolfcS. Leipzig, 1912, Verlag von Felix Meiner. (Bd. 7 der ״Philosophischen Bibliothek".) Diese neue Ausgabe der Staatslehre des ״Meisters derer, die da ivisscn" — wie Dante bekanntlich den Aristoteles genannt hat — ist gekennzeichnet durch den Namen ihres Herausgebers und dlirch die Stelle, an der sie erscheint. Eugen R o l f c s ist, wie wir schon bei Gelegenheit der Besprechung seines Werkes ״Die Wahrheit des Glaubens" bervorheben konnten, einer der besten Köpfe des heutige» katholischen Deutschland und als Kenner des griechischen Schrifttums genießt er einen vorzüglichen Ruf. Daß sich derjenige, der die Politik des Aristoteles studieren will, einem so bewährten Führer wie Rolfcs ruhig anvertrauen kann, ist selbstverständlich. Die Ucbcrsetzuug ist mit einer großen Anzahl erläuternder Anmerkungen versehen und ein sehr dankenswertes Namen- und Sachregister erlcichtert den Gebrauch, der Ausgabe sehr. Auf den Inhalt des Buches ciuzugehcn, erübrigt sich. Es ist ein klassischcs Buch und niemand, der sich über die Aufgaben des Staates ein mehr als oberflächliches Urteil bilden will, kann cs ungelesen lassen. (Ter Preis beträgt 4 Mark 49 Pfennig.)

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