Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1913)
- Date
- 1913-05-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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SWPWMWM Nr. 21. XIV /II 2ahrg. Beilage zur ,Wiener JüÄ. S 22. Mai 1913 Seite 9 Zur Gründung einer jüdischen Berlagsgesellschast *). Der leider allzufrüh verstorbene Dichter Karl Emil Franzos verfiel vor Jahren aus eine glänzende Idee. Er richtete an die zeitgenössischen Dichter und Schriftstellcr das Ersuchen, die Geschichte ihres Erstlingswerkes nicdcrzuschreiben. Diese Idee fiel aus fruchtbaren Boden und fand den ungeteilten Beifall der beteiligten Kreise. Alle namhaften deutschen Schriftsteller ließen es sich nicht ziveimal sagen und schilderten genau und ausführlich, wie und auf welche Weise ihr Erstlings- Werk entstanden ist. Diese Schilderungen hat nun Iranzos als Sammelwerk herausgegeben, dessen Lektüre jedermann zu empfehlen ist. Man lernt da den Werdegang und den Leidensweg manch deutschen Schriftstellers kennen, seine verzweifelten und meist vergehlichen Versuche, für das erste Kind seiner Muse einen Paten in Form eines Verlegers zu suchen, seine Hoffnung und seine Enttäuschung, seine Freude und seinen Schmerz und endlich seinen Jubel, einen Verleger gefunden zu haben. Mir ist das Sammelwerk Franzos' nicht zur Hand: doch erinnere ich mich, des verswrbenen Dichters Worte in der Einleitung. Franzos bemerkt da sehr richtig, daß sehr oft das Erstlingswerk die Zukunst eines Schriftstellers zu begründen vermag. Ist das Erstlingswerk gelungen und findet es Beifall, dann ist der Autor ein gemachter Mann. Doch die Vcröffentlichung eines Erstlingswerkes stößt häufig auf Schwierigkciten und Hindcrniffe, von denen das große Lese- und Laienpublikum sich kaum eine Vorstellung machen kann. Einen Verleger zu finden, ist für den Anfänger nicht so leicht, wie man sich vielleicht vorstellt. Ter Dichtcr ist Idealist und meist ein jugendlicher Schwärmer, der Verleger ist aber in der Regel ein gewiegter, Welterfahrener Kaufmann und ein trockener Zahlenmensch. Seine Devise ist: Verdienen! Und nicht wenig. Wer einen klangvollen Namen hat, mit dem läßt sich schon ein Geschäft machen, wehe aber dem Neuling, der sich erst einen Namen zu begründen sucht! Er ist seinem Verleger, falls er überhaupt einen solchen findet, mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele ausgelicfert. Gelingt das Unternehmen und schlägt das Erstlingswerk ein, dann streicht der Verleger schmunzelnd sein Profitchcn ein, und der arme Autor muß sich mit dem moralischen Erfolg und dem Ruhme der Nachwelt begnügcn. Gelingt es nicbt, dann ist der Autor von allen Verlegern geächtet und cs bleibt ihm in den meisten Fällen nichts übrig, als zum Selbst—Verlag zu greifen. Tie Leidensgeschichte des deutschen Schriftstellers ist demnach geschrieben, wenigstens ist durch Franzos der Anfang dazu gemacht. Wer aber beschreibt die Käinpfc und Qualen, die Demütigungen und Enttäuschungcn des jüdischen Autors, wenn er für sein Erstlingswerk einen jüdischen Verleger zu suchen genötigt ist. Ter Verleger jüdischer Bücher ist womöglich noch zurückhaltender und berechnender als seine christlichen Kollegen. Er muß cs auch sein, da, wie mir ei» bekannter jüdischer Verleger einmal mit Recht bemerkte, das Publikum, welches jüdische Bücher liest und — kaust, äußerst gering ist und man daher bei Verlagsabschlüssc» nicht genug vorsichtig sein kann. Tie Folge davon ist, daß cs in Oesterreich keinen einzigen nennenslvcrten jüdischen Verlag gibt. Der österreichische Jude kauft eben keine jüdischen Bücher und Schriften; ihm genügt das Gebetbuch, das er von seinem seligen Vater geerbt hat, und allenfalls ein Kalender, den er bei einem hcrumziehcndcn jüdischen Hausierer für ein paar Sechserl ersteht. Damit ist schon seine jüdische Bibliothek komplett. Anders in Deutschland. Tort pulsiert noch jüdischcs Leben und dort gibt cs noch Käufer für jüdische Werke. Daher kommt cs auch, daß die relativ größten jüdischen Verleger nur in Deutschland zu finden find. Oesterreich ist in dieser Beziehung vollständig auf Deutschland angciviesen, das lesende :kaufende) Publikum, wie das Autorenpublikum. Sehr ruhmvoll ist diese Tatsache für das österreichische Judentum nicht, trauriger jedoch ist es für den Autor, der seine Schritte nach dem Auslände lenken mutz, um seine Werke an einen Verleger zu bringen. Dem Verleger in Deutschland sind die traurigen österreichischen Verhältnisse und Zustände nicht unbekannt, er weiß, daß er konkurrenzlos dastcht und nützt die Gelegenheit und — den Autor gründlich aus. Eine weitere Folge des Mangels an einem nenncnswcrten jüdischen Verlag in Oesterreich ist die Tatfache, daß viele, die in der Lage wären, auf dem jüdischeu Gebiete zu arbeiten, meistens cingcschüchtert wer- *) In Angelegenheit der Jüdischen Verlagsgesellschaft wolle man sich an Herrn Redakteur Mar H i ck l. Brünn, Adlergasic 9, wenden. den und die Feder lieber verrosten lagen, bevor sie sich mühen und plagen, um sich nachher von einem ausivärtigen Verleger demütigen zu laffe». Tenn es gehört in der Tat ein großer Mut dazu, jüdische Werke zu schreiden und sie zu edieren, da ein Erfolg von vornherein gänzlich ausgeschlossen ist. Daher kommt es auch, daß wir in Oesterreich beispielSiveise so wenig brauchbare und halbwegs gute jüdische Schulbücher haben. In Deutschland, Ivo der jüdische Religionsunterricht nicht obligat ist, erscheinen jährlich neue Lehrbücher und Lehrmethoden auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes, und in Oesterreich, wo der Religionsunterricht in allen Schulen obligat ist, fehlt cs an dem Nötigsten. Hier muß man sich mit alten und veralteten Methoden und Lehrbüchern begnügen, weil sich niemand entschließt, sich mit Neuerscheinungen zu befassen. Diesem Übelstande abzuhelfcn, wäre die Gründung einer jüdischen Verlagsgesellschaft aus genosscnschast licher Basis in erster Reihe berufen. Tcr jüdische Autor in Lesterreich-Ungarn soll nicht mehr genötigt sein, sich nach dem Auslande zu wenden. Wer in der Lage ist, auf jüdischem Gebiete zu arbeiten, soll der Sorge des Suchens und Findens eines Verlegers enthoben sein. Wer auf pädagogischem Gebiete sich betätigen kann, dem soll die Arbeitsgelegenheit geboten werden. Aber auch die großen jüdischen Massen solle» zum Bitcherkaust erzogen werde». In erster Reihe sind die Rabbiner dazu berufen, dieses Unternehmen zu unterstützen und zu fördern. Der Betrag von 30 K als Anteilschein ist nicht so unerschwinglich und jeder könnte, sollte daher Mitglied dieser Genossenschaft werden, die geeignet ijr, eine fühlbare Lücke auszufüllen. Tr. S. 2. Oberrabbiner Dr. Feilchenfeld- Posen, gestorben. Oberrabiner Dr. Feilchenfeld-Posen, einer der würdigsten Vertreter des deutschen Rabbinerstandes, ist — 87 Jahre alt — verschieden. Er war eine Persönlichkeit, ein Idealist: das gesetztreue Judentum darf ihn zu seinen besten Söhnen rechnen. Wie sehr er von seiner Gemeinde geliebt wurde, wie weit aber auch über das Weichbild Posens hinaus sein Name gedrungen ist, zeigte die Beisetzung, die sich zu einer gewaltigen Kundgebung gestaltete. Am Vormittage versammelten sich die Vertreter der Gemeindebehörden, sowie die verschiedene» Vereine und ein Teil der bereits eingerroffenen Rabbiner von auswärts im Trauechause, wo die Sühne des Verelvigten, Schuldirigcnt Dr. Joseph Feilchenfeld-Posen und Realschuldirektor Tr. Feilchenseld-Fürth, herzliche Nachrufe ihrem treuen Vater widmeten. Hieran schloß sich die Rede des Hausarztes und ehemaligen Schüler Tr. Mar Ealvary nud auch die des Verwandte» Rabbiners Tr. M. Lewin-Wreschen. Zum Schlüsse sprach »och Kaufmann Pincus Plessncr für den Verein Lcschaun- Limudim. Darauf erfolgte die llebersührung der Leiche nach Synagoge A, an der eine beträchtliche Anzahl Trauernde teilnahin. Die Straßenlaternen strahlten in ihrem Lichte. Um 3 Uhr nachmittags begann die Totenfeier in der Synagoge, die schon lange vorher in dem Männerabteil und im Frauenchor bis auf den letzten Platz besetzt war. Hier hatten sich außer den Leidtragenden auch die Behörde» der Stadt mit dem Oberbürgermeister und Stadiverordnetenvorsleher, sowie der Stadtkom- Mandant und Abordnungen der hiesigen einzelnen Truppengattungen cingcsunden. Für diese waren bcsondere Ehrenplätze vor dem Allerheiligsten reserviert. Auch die Kinder der Religionsschulc hatten hier Ausstellung genommen. Die Säulen und Kandelaber waren umflort. Es hielten hier Trauerreden: Prediger Dr. H. Hildesheimer-Berlin, Rabb. Blum-Posen und Rabb. Tr. Silberberg- Schrimen. Tie Redner gaben in tiefempfundenen Worten den großen Schmerz über de» Heimgang des unübertrefflichen Herrn fürs Gesamtjudentum Ausdruck. Abwechselnd folgten auch hier die Trauergesängc des Oberkantors Leibowitz. Nach Beendigung dieser Feier bewegte sich der unübersehbare Zug nach dein Friedhofe. Tort angelangt, wurden Trauerreden gehalten von: :Itabb. Dr. Munk-Berlin, Bankier Goldschmidt >m Aufträge der Gemeindebehörde und des Verbandes der Synagogengemeinden des Regierungsbezirkes Posen, Kaufmann Manasse Werner. — als ältestes Mitglied der Gemeinde- Verwaltung, Dr. Hofsmann-Berlin, Rektor des Rabbinerseminars, Rabb. Tr. Wreschncr-Samter, Vorsitzender der Rabbiner des gefetzestreuen Judentums der Povinz Posen, Rabb. D. Rosenthal-Breslau, beauftragt von der dortigen Synagogengemeinde für die Interessen des orthodoren Judentums, Rabb. Dr. Anton Nobel- Frankfurt a. M.. Seminardireklor Dr. I. Earlebach- Köln, delegiert vom dortigen Seminar, ivelches der Verstorbene gegründet und lange Zeit geleitet Hane, Rabb. Dr. Jacobsohii-Gnese», Rabb. Tr. Loewenihal- Hamburg, ehemaliger Sckniler, Rabb. Tr. KönigSberger-Berlin, früher Pieschen und zum Schlüsse sprach Rabb. Blum-Posen ein rührendes Gebet siir den Da- Hingeschiedenen. Wegen der großen Zahl von :itednern konnte der Vertreter der .Kantoren, die ehemals den Unterricht an der kiesigen .Kaiitorenschule genossen babcn, nicht mehr zum Worte ztigelassen iverden. Organisation für hebräische Sprache und Kultur. In Berlin fand die konstituierende Versammlung der deutschen Abteilung der Histadruth stall, an der etwa 100 Personen teilnahmen. Leo Motzkin erössnete in» Namen des Zentralkomjtees die Vcrsaminluitg und gab einen lieberblick über den Stand der hebräischen Organisation im allgemeinen. Er hob die Schivierigkciten hervor, mit denen die Zentrale der Histadrulh z»1 kämpfen Halle, und ichilderte die Aktionen, die die Histadrulh organisatorisch und durch den Einfluß aus verschiedene Jnititutione» unternommen hat. Vor allem aber bob Herr Motzkin die beiden lvieyligsle» Punkte im Arbeitsprogramm der Histadrulh hervor: die Gründnng der hebräische» Verlagsgesellschaft ״Techijah" und die bevorstehende Tagung der bebräischeu Organisation. Die ׳Arbeit der .,Techisab", für die bereits vor drei Jahren auf Initiative einer Reihe voii .Koinitec- Mitgliedern der Hiiiadruth Anteile in der Höhe von llö.ooo Mark gezeichnet tvaren. sei nachher ins Stocken geraten. Weder seien die gezeichneten Summen gezahlt 1:och neue Gesellschaften gewonnen ivorden. Da habe die Zentrale der Hiiiadruth vor einigen Monaten dies Gebiet der Tätigkeit mit übernommen. Nach eifrigen Bemühungen sei es ihr nlliiinekr gelungen, einen Teil der Zeichnungen in der Höhe von 80.000 Mark zu realisieren, so daß »ach Erledigungeiniger Forinalitälen in den nächsten Tagen ai» die Gründung der ..Tech, sah" berangegangen iverden könne. Es iverde nun eine der wichtigsten 'Aufgaben der Zentrale der Histadruth sein, das Stammkapital der Gesellschaft wesentlich zn vergrößer», sotvohl durch Einlösung der gezeichneten Beitrüge, als auch durch Werbung neuer Gesellschafter. Die hebräische Tagung solle Ende August, eine Woche vor dem Zioiiistenkvngreß. in Wien slattfindeii. Von der Einberufung eines hebräische» Kongresses babe die Zentrale vorläufig abseheu müssen infolge vielfacher Hindernisse, die sich in letzter Zeit eingeilellt babe». Es soll 111111 eine hebräische Konferenz ans Grund von Wahlen einberiifen iverden. die soivokl für die praktischen Aufgaben der kebräischen Bcivegung als auch für die theoretische Beleuchtung der hebräischen Probleme von grundlegender Bedcutniig iverden soll. Insbesondere iverde das hebräische Erziehungsprobleiii in feinem ganzen Umfange anfgerollt iverden innssen. Außerdem sollten Berichte seitens der hebriäfchen Sonderorganisationen »iid Institute in Palästina und in der Tiospora auf dieser Tagung erstattet werden. Diese Hauptaufgaben nun, insbesondere die Einberufung der Konferenz, erfordern eine intensive Arbeit seitens der Zentrale, so daß sie mit Arbeiten, die den Landesableilungen zustehen, ivoinöglich nicht belastet iverden sollte. Demgegenüber sei es zil bedauern, daß das deutsche Landeskomitee in den letzten Monaten inaktiv geworden ist. Die Zentrale, die an dessen Stelle die Arbeit in Deutschland provisorisch geleitet Halle, könne alls erwähnten Gründen der wachsenden hebräischen Bcivegung in Deutschland und den sich daraus ergebenden vielfachen Spczialaufgabcn nicht gerecht iverden. Es müsse hier eine Reorganisation der deutschen Abteilung der Histadruth vorgcnommen iverden. Es müsse auch über die Möglichkeiten der hebräischen Arbeit in Deutschland eingehend verhandelt iverden, Möglichkciten, die erfreulicherweise vorhanden sind, die aber Opfer an Zeit und Arbeit bedürfen, »1» ins Leben gerufen zu iverden. Rechtsanwalt T. Gronemaun begrüßte die Versammlung im Namen der Zionistischen Vereinigung fnr Deutschland. Nachdem Tr. Perlmanii für die frühere Tätigkeit in Deutschland skizziert halte, entwickelte sich eine lebhafte mehrstündige Debatte. Es wurde über verschiedene Einzelaufgaben der hebräischen Arbeit verhandelt, darunter über die Frage der hebräischen Kindergärten, die von Tr. Zimmermann des näheren erörtert wurde. Die Ausführungen von Frau Lina Wagner galten insbesondere der Einrichtung von Kinder-